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Prämierter Text

Das Loch im Weinberg

Von Mario Vigl

Die Kanaldeckel. Jeden Tag erinnern sie Bötzingens Bürgermeister an die schwere Last, die seine Gemeinde zu tragen hat. Fährt Fritz Konstanzer durch den Ortsteil Oberschaffhausen, sieht er alle paar Meter die frisch asphaltierten Einfassungen. »Die Schwertransporter beschädigen die Deckel immer wieder«, murrt er. 70 000 Mark hat die Gemeinde am Kaiserstuhl kürzlich für die Reparatur der Kanalöffnungen ausgegeben. Welche Lastwagen die Deckel kaputtmachen, steht für den Bürgermeister fest: die auf dem Weg vom Steinbruch. »Sonst gibt es hier im Weinbaugebiet kaum Schwerverkehr«, sagt er.

Seit der Jahrhundertwende wurde im Bötzinger Steinbruch Schotter abgebaut, seit 1964 betreibt ihn die Familie Hauri. Wer ortsauswärts nach Vogtsburg fährt, sieht von der Straße die 60 Meter hohen Steilwände, das Schotterwerk, die 30 Meter hohe Mahlanlage: rein optisch ein Industriekomplex. Bürgermeister Konstanzer ist ein diplomatischer Mensch, weswegen er den Steinbruch nur »einen objektiven Eingriff in die Landschaft« nennt. Begeistert klingt das nicht. Auch die Gewerbesteuern, die Hauri seit Jahrzehnten bezahlt, stimmen Konstanzer nicht milde: »Im Vergleich zu den Belastungen für die Gemeinde sind die Steuern unerheblich.« Manche sagen, der Bürgermeister leiste seit Beginn seiner Amtszeit vor 20 Jahren Widerstand gegen die Firma Hauri. Der sagt, Hauri sei seit 20 Jahren »ein Thema«.

Seit vergangenem Jahr geht es um viel mehr als Kanaldeckel: Die Firma Hauri möchte einen zweiten Steinbruch eröffnen, und zwar mitten auf einem Hügel in den Reben, im Gewann »Endhalen«. Das Genehmigungsverfahren für eine Probebohrung läuft. Da wird auch der Diplomat Konstanzer deutlicher: »Das wäre ein Hammer von hinten.« Sollen die Touristen in dieser »gesegneten Landschaft« dann zwischen zwei Steinbrüchen marschieren? Von »durchstaubenden Lastern« beim Wandern überholt werden?

Der Bürgermeister hat sich bis auf diese Bemerkungen höchste Sachlichkeit verordnet. Er sei gegen den neuen Steinbruch, weil der Gemeinderat dagegen ist. Aus dessen Beschluss zitiert Konstanzer: über die Landschaftszerstörung, die Auswirkung auf das Mikroklima und die zu engen Wirtschaftswege im Weinberg. Gibt die Sorgen der Winzer wieder, ihr Anbaugebiet könnte an Attraktivität verlieren. 3,3 Millionen Flaschen Wein produzieren die Winzergenossenschaft und einzelne Weingüter auf Bötzinger Gemarkung. Der Abbau am Hügel könnte kalte Nordwinde durchlassen, die dem Wein die Öchsle stehlen, fürchten die Winzer. Dass sie mit den Kunden nicht mehr durch die idyllischen Reben spazieren können - das wäre der Verlust eines Marketingfaktors. Zwar ist das betroffene Gebiet weder Naturschutz- noch Wasserschutzgebiet (und Weinbau eine intensive Anbauform). Aber: »Wir sind alle der Meinung, dass es sich hier um eine schützenswerte Kulturlandschaft handelt«, sagt Konstanzer. »Wenn nicht hier, wo dann, frage ich mich.«

Dass das Herz des Bürgermeisters am Kaiserstuhl hängt, merkt man, wenn Konstanzer beim Ortstermin Besucher auffordert, »mit den Füßen in den Dreck zu stehen, damit Sie ein Gefühl für den Boden bekommen«. Wenn er mit den Händen das Panorama nachzeichnet, den Blick auf Kandel und Belchen, auf die Kaiserstühler Eichelspitze. Wenn er schwärmt, dass hier oben nur die Raben zu hören sind oder das Klicken der Rebscheren. Und in ein paar Jahren an diesem Ort ein zweiter Steinbruch? Nein, sagt der Gemeinderat, nein, sagen die Kaiserstuhlbürgermeister, nein, sagen die Winzer. Eigentlich sagen alle nein in Bötzingen, außer der Firma Hauri.

Nun könnte man die Idee, ausgerechnet im Rebgebiet Stein abzubauen, für ziemlich irrwitzig halten. Doch Hauri baut schon seit mehr als 30 Jahren keinen einfachen Schotter für Bahnstrecken oder Straßen mehr ab. Der Familienbetrieb gewinnt seltene Mineralien, sogenannte Phonolite, die als veredelte Gesteinsmehle vielen Zwecken dienen: als Naturfango (entwickelt mit dem Freiburger Eugen-Keidel-Bad), Füllstoff für Arzneimittel, Dünger, Hilfsmittel bei Trinkwasseraufbereitung. Im Wald wird das Material gestreut, um die Folgen des sauren Regens zu lindern. Bei der Betonproduktion vermindern Phonolite als Ersatz für Zement den Ausstoß von klimaschädlichen CO2, weshalb das Land Baden-Württemberg die Firma mit einer Umweltförderung bedachte.

Seniorchef Hans Hauri (65) hatte Ende der Sechziger Jahre erkannt, was mit dem seltenen Stein alles zu machen ist - und dass die Veredelung die einzige Überlebenschance für den Betrieb war. Also machte er die Firma mit seiner Frau Sonja und den Söhnen Thomas und Frank zu einem High-Tech-Betrieb. Das eigentliche Drama: In Südbaden gibt es nur drei Vorkommen des seltenen, 16 Millionen Jahre alten Gesteins - im jetzigen Steinbruch, in einem Naturschutzgebiet in Niederrotweil und eben im Bötzinger Rebgebiet. Wenn der erste Steinbruch in zwölf Jahren ausgeräumt ist, gibt es zwei Möglichkeiten: den Betrieb schließen oder die Phonolite im Rebberg gewinnen. »Wenn es das Material anderswo gäbe, würden wir es lieber dort holen«, sagt Thomas Hauri, der Werksleiter. Er ist 41 Jahre alt, und natürlich möchte er den Betrieb über das Jahr 2012 hinaus führen. Auch der Senior mag an eine Stilllegung nicht denken - so wie der Bürgermeister an der Landschaft, hängt Hans Hauri an seinem Lebenswerk.

Um Zustimmung im Ort ringt die Familie Hauri kaum noch - zu geschlossen ist der Widerstand. Bei einer Bürgerversammlung in Bötzingen fand sich kein Einwohner, der für den geplanten Steinbruch das Wort ergriff. Auch keiner der 50 Hauri-Mitarbeiter, Schlosser, Elektriker, Maschinisten, Chemiker. Hauris empfahlen ihren Angestellten, nichts zu sagen. »Das müssen wir selbst durchstehen«, sagt Hans Hauri. Einige hat die Familie überzeugen können: mit großzügigen Preisen für die Rebanlagen, unter denen das wertvolle Gestein liegt. 10 bis 16 Mark kostet normalerweise der Quadratmeter Rebland. Hauris bezahlen Baulandpreise, heißt es in Bötzingen.

Die Familie sieht den Streit um den Steinbruch als klassischen Interessenkonflikt, vergleichbar dem Kampf um die B31-Ost. »Als Ebneter sind sie für die neue Straße, weil sie den Verkehr von ihrer Haustür wegnimmt, im Dreisamtal sind sie dagegen«, sagt Thomas Hauri. Der Geschäftsführer der Winzergenossenschaft Bötzingen, Hanspeter Johner, möchte das nicht gelten lassen: »Bei einer Straße stehen zwei öffentliche Interessen gegeneinander, bei dem Steinbruch ein öffentliches und ein privates.«

Hätte die Gemeinde Bötzingen zu entscheiden - das Projekt hätte wohl keine Chance. Doch über den Phonolitabbau im Weinberg bestimmt als Genehmigungsbehörde das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau mit Sitz in Freiburg, Abteilung 5, Landesbergdirektion. Das Verfahren leitet der Landesbergdirektor Volker Dennert (57). Er nimmt eine Position ein, die ihn bei einigen Bötzingern zum Buhmann gemacht hat: »Ich sehe nicht, dass der neue Steinbruch messbare öffentliche Interessen verletzt.« Wichtig ist dabei das Wort »messbar«. Dennert hält die Argumentation der Gemeinde und der Winzer für unbewiesen und vor allem »emotional« - und somit recht wertlos. »Man kann doch nicht sagen, dass 600 Winzer in ihrer Existenz gefährdet sind, weil auf drei Hektar Gestein abgebaut wird. Es gibt schließlich 600 Hektar Rebfläche im Kaiserstuhl. So etwas kann man nicht berücksichtigen.« Dennert spricht von einer Kampagne, die von einigen wenigen gegen die Hauris betrieben werde: »Den meisten Bötzingern ist das Thema egal.« Von Winzerseite wird seither die Neutralität Dennerts bezweifelt.

Formal geht es derzeit nur um einen Probeabbau, bei dem geprüft werden soll, ob das Material wirklich geeignet ist. 30 Meter lang, 10 Meter breit, 20 Meter tief. »Eine bessere Baugrube«, sagt Thomas Hauri. Drei Jahre soll der Testbetrieb dauern und einige Millionen kosten. 300mal würden Laster zwischen dem Rebhügel und dem Werk hin- und herfahren. Die Gegner fürchten, dass der Hauptbetrieb kaum zu verhindern sei, sollte der Testbetrieb genehmigt werden. Das stimme nicht, sagt der Landesbergdirektor. Dennoch sehen viele den Probeabbau als vorentscheidend.

Die Ämter, deren Stellungnahmen das Bergamt einholen musste (etwa das Straßenbauamt und das Landwirtschaftsamt), hatten im Wesentlichen keine Einwände. Es fehlen noch zwei Stellungnahmen von Regierungspräsidium und Landratsamt; dem Vernehmen nach wird auch von dort das Projekt nicht gekippt werden. »Das Berggesetz ist ein Fördergesetz«, sagt Amtsleiter Dennert. »Wenn bestimmte Punkte erfüllt sind, muss ich sogar genehmigen.« Bislang scheinen die Voraussetzungen erfüllt.

Mit einer Entscheidung ist im nächsten halben Jahr zu rechnen. Fällt sie positiv aus, will Bürgermeister Konstanzer rechtlich dagegen vorgehen. Was passiert, wenn sie negativ ist, das mag Seniorchef Hans Hauri sich gar nicht vorstellen. Er schaut zum Himmel. »Was soll ich dazu sagen? Wenn ihr Herz stillsteht, kriegen sie vielleicht ein neues.«

BADISCHE ZEITUNG

Nr. 33 vom 10. Februar 1999

Bewertung der Jury

Mario Vigl erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 2000 in der Kategorie Lokales für seinen Beitrag »Das Loch im Weinberg«, erschienen in der Badischen Zeitung, Freiburg, am 10. Februar 1999.

Ein Thema spaltet den Winzerort Bötzingen: Darf mitten im Weinberg ein Steinbruch entstehen? Der Autor versteht es, den schier nicht lösbaren Interessenkonflikt zwischen den Bewohnern und dem größten Arbeitgeber am Ort darzustellen, ohne sich auf eine Seite zu schlagen. Diese und ähnliche Geschichten werden heute tausendfach durchlebt, aber selten so gut und stilsicher dargestellt wie von Mario Vigl.

Kurzbiographie

Gezeichnet: mav

Geboren am 2. Dezember 1969 in Ludwigshafen.

Nach dem Abitur 1989 und Zivildienst Freier Mitarbeiter in Lokalredaktionen der Badischen Zeitung, Freiburg.

1991 bis 1994 Pauschalist bei der Mecklenburger Morgenpost in Stralsund, anschließend Tennisreporter für die tageszeitung in Australien und Freier Mitarbeiter bei der Badischen Zeitung in Offenburg.

1994-1996 Besuch der Henri-Nannen-Schule in Hamburg. Praktika bei den Magazinen Spiegel und Sports sowie bei der Wochenzeitung Die Zeit, Hamburg.

1996-1999 Redakteur bei der Badischen Zeitung in Freiburg, erst im Magazin, dann für die »Seite 3« und Politik.

1999-2000 »Seite 3«-Reporter der Sächsischen Zeitung in Dresden.

Seit Juli 2000 Redakteur beim Magazin der Süddeutschen Zeitung, München.