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Prämierter Text

Großes, fettes Puddingland

Von Jutta Voigt

Nie wieder Krieg, die ganze Familie in der SED, aber der Taft für das Einsegnungskleid musste aus dem Westen sein. Das sieht nach nichts aus, sagte Frau Eppenheimer, die Schneiderin, die »westlich eingestellt« war, wenn ich das aus Ost-Zellwolle nähe, das fällt mir ja an der Brust zusammen. Ich war busenlos, der Stoff musste an den entsprechenden Stellen gerüscht werden, um Fülle vorzutäuschen. Es musste Taft sein, und den gab es nur im Westen. »Ost-Geld wird in Zahlung genommen!« Der Hinweis fand sich in allen Westberliner Geschäften, der Kurs stand eins zu fünf. Der Westen war immer dabei. Als Petticoat und Adenauer. Als Nietenhose und Globke. Als Kreppschuh und Kiesinger. Wir wollen Frieden auf lange Dauer, nieder mit Strauß, nieder mit Adenauer, sangen wir. Storck-Riesen, die Sahne-Bonbons für 2 Pfennig West, haben wir trotzdem gegessen und Petticoats aus Nylon gekauft zu Wechselstuben-Kursen. Der Westen war zu Fuß erreichbar, ich musste nur eine Straße geradeaus gehen, schon waren da die Billigbuden in der Bernauer Straße, ein Jahrmarkt voll von Mohair-Pullovern, Eloxal-Armbändern und dem Duft nach Navel-Orangen. Die Buden im Westen gehörten zu meinem Ost-Leben wie die »Schlager der Woche«, der Film »Die Halbstarken« und die Nutte Nitribitt. Der Wedding-Westen war handlich und bescheiden. Marlene Mayer, ein Mädchen, das ich in einem Ost-Tanzlokal kennen gelernt hatte, wohnte mit der ganzen Familie in einem einzigen Zimmer am Gesundbrunnen, Parterre. Aber sie verfügte über einen Lippenstift in Weißrosa und einen Dufflecoat mit Knebelknöpfen. Am Kurfürstendamm roch der Westen nach Geld. Einmal habe ich dort in einem feinen leisen Laden ein Paar Ballerinen-Schuhe gekauft. Der Westen war der Lampion über dem Alltag der Ostberliner. Nicht die Ölsardinen-Schnittchen auf dem Nierentisch von Tante Edith in Spandau, nicht die Schmelzkäse-Ecken von Tante Erika in Charlottenburg - die Würstchenbuden waren es. Kaum Schöneres konnte ich mir vorstellen, als an einem windigen Herbstabend an einer von bunten Lämpchen erhellten Bude West-Würstchen zu essen und dabei West-Benzin zu riechen. Im Osten gab es Bockwurst ohne bunte Lampen. Das Bunte war das Erkennungszeichen des Westens; der hatte so viel Lämpchen, dass er Ostberlin gleich mit aufhellte.

Solange der Westen mit eigenen Augen zu sehen war, blieb er irdisch. Dann wurde die Mauer gebaut, und der Westen wurde zum Jenseits, zur Legende, unfassbar, fern und doch so nah. Damit begann seine Heiligsprechung. Der Westen gehörte ganz und gar dem Osten, er war einzig unser Produkt, schwebend über aller Realität. Er verhieß Erlösung von allen Pubertäts-, Ehe- und Midlife-Krisen, letzte Rettung für potenzielle Selbstmörder. Wenn es keinen Ausweg mehr gab, gab es immer noch »drüben«. Der Westen war die Erfindung des Ostens. Unerreichbar und deshalb unzerstörbar war die Illusion einer Welt voller schöner Dinge, die keinen Preis hatten. Als das Berliner Ensemble zu einem Gastspiel nach München aufbrach, gab der Kantinenwirt einem Bühnentechniker seine Acht-Millimeter-Kamera mit: Geh in ein Kaufhaus und filme alles, was es gibt!

Die Bonner Politik interessierte selten. Ich sah die »Tagesschau«, manchmal den »Bericht aus Bonn«, sah den Bundestag mit den vielen leeren Stühlen - doch merkwürdigerweise hatten solche Szenen nur am Rande mit dem zu tun, was wir den Westen nannten, eine Begleiterscheinung, zu real für ein Paradies. Das eine war der Westen, das andere die Bundesrepublik, dazwischen verlief eine Grenze - der Traum vom Genuss ohne Reue. Das Wort BRD war unpopulär, es störte den Traum. Von BRD sprachen Politbüro, »Neues Deutschland« und Karl-Eduard von Schnitzler. Wir sagten Westen. Es gab West-Kaffee, West-Seife und West-Geld. Die Vorsilbe zeigte an, dass es sich um etwas Besonderes handelte: nicht einfach Schokolade, nein: West-Schokolade; nicht einfach Strumpfhose, nein: West-Strumpfhose. Wenn Frau Kunert im 2. Stock die Treppe bohnerte, wusste man, Kunerts kriegen West-Besuch. Der gewienerte Treppenabsatz war der rote Teppich für die Gäste, die Kiwis und Jogurts, Pampers und Tinten-Killer mitbrachten und den andächtig-überschwänglichen Dank mit stolzer Verlegenheit abwehrten. Ist doch nur ein Tinten-Killer, sagten die bunten Wesen, die im Grauen auftauchten wie Schmetterlinge in der Wüste und pünktlich um Mitternacht ängstlich wieder wegflatterten in das Land hinter dem Bahnhof Friedrichstraße. Nur ein Tintenkiller - was wussten die von unseren Phantasien! Ein West-Tintenkiller konnte das Selbstbewusstsein eines Schülers in ungeahnte Höhen katapultieren. Die Besucher behaupten noch heute, dass es im gesamten Osten nach Karbol gerochen habe - das war das Bohnerwachs von Kunerts.

Doppelter Duft, doppeltes Deutschland. Ost-West-Leben, Schicksal und Bekenntnis, mehr Bekenntnis als Schicksal; Sozialismus war Gerechtigkeit, im Westen bekamen alte Nazis hohe Posten. Sozialismus war Verdämmern der Ideale, im Westen gab es 1968. Ich sah Rudi Dutschke im Fernsehen und fühlte mich verstanden. Ulrike Meinhof schrieb, ihre Erregung berührte auch mich. Jugend im Westen machte das, was Jugend im Osten nicht wagte - sie rebellierte gegen die Väter. Sie trugen rote Fahnen und die Bilder von Luxemburg, Liebknecht, Marx und Che Guevara durch die Straßen, in der DDR verkamen sie in den Abstellkammern, eine lästige Erinnerung an die Wurzeln. Poster von Che waren verboten, weil er die Revolution verkörperte, und die war in der DDR ein für alle Male zu den Akten gelegt. Für kurze Zeit wähnte ich mich seelenverwandt mit den 68ern, eine romantische Verbindung ohne Gefahr, wirklich zu werden.

West-Besuch brachte nun Sticker mit, auf denen die sexuelle Befreiung ausgerufen wurde, und Revolutionsplakate an Stelle von Kaffee und Schokolade, Hasch-Plätzchen statt Bahlsen-Kekse. Ein Apo-Fotograf überließ mir seine Bilder von Dutschke und Salvatore, von protestierenden Studenten und wütenden Bürgern am Straßenrand, ohne Honorar zum Abdruck im »Sonntag«, der Zeitung, bei der ich arbeitete. Freunde tauschten nun manchmal ihr West-Geld eins zu eins mit uns, das ging dann für indische Glitzerschals, Stones-Platten und Hippie-Hemden drauf. Was würdest du tun, wenn du Angelika Speitel auf der Straße sehen würdest, fragte ich Freunde in der DDR. Wer die dringend gesuchte Terroristin der Polizei ausgeliefert hätte, schien mir nicht vertrauenswürdig. Selbst die Vorbilder für die Visionen von der eigenen Rebellion bezogen wir aus dem Westen. Wir waren auf der Suche nach Gemeinsamkeiten, nicht nach Abgrenzung. Streitthemen wurden nicht diskutiert, wir feierten harmonische Ost-West-Abende. Für Flair von drüben, hübsch bemalte Schachteln, amerikanische Papiertüten, Seifendöschen aus berühmten Hotels, revanchierten wir uns mit Einladungen in teure Restaurants und waren froh, wenn es dem Besuch manchmal besser schmeckte als im Westen und er anerkennend sagte: »Und so billig!«

Als Erich Honecker Levis-Jeans importierte, die Zahl der Intershops vermehrte, Devisen-Hotels bauen ließ und versprach: Wenn ihr fleißig arbeitet, werdet ihr auch mit so schönen Dingen leben wie die Menschen im Westen, da kam ein Bonmot auf: Der Westen hat keine Ideale mehr. Der Osten hat ein Ideal: den Westen.

1979 durfte ich zum ersten Mal dorthin, nach Oberhausen, zum Kurzfilm-Festival. Ich stieg am Abend ungläubig am Grenzübergang Friedrichstraße in die Bahn und sah morgens aus dem Zugfenster. Da standen in der Aprilkühle in großen metallenen Buchstaben die Namen Thyssen und Mannesmann; im Bahnhofskino lief der Pornofilm »Zeigst du mir deins, zeig ich dir meins«. Das war nicht der Westen, das war die BRD. Die Pizza in Düsseldorf, zu der mich ein Freund einlud, eine himmlische Arabbiata - die Pizza war Westen. Die Menschen mit ihrem Ruhrgebiets-Slang, die in der öden Fußgängerzone bei Tchibo Kaffee tranken und über Arbeitslosigkeit und kaputte Lungen sprachen, das war weder der Westen noch die BRD - das war Deutschland, augenscheinlich, wirklich, fassbar.

Für die, die den Westen niemals sahen, blieb er das Paradies. Ein 20-jähriger Ostberliner wusste die Fahrpläne aller Buslinien, jede Haltestelle in Westberlin auswendig. DDR-Mädchen heirateten schwule West-Männer, um nach drüben zu kommen. Es gab Wohnzimmer, die waren mit den Verpackungen von Omo-Waschpulver und HB-Tüten tapeziert. Pyramiden aus leeren Cola-Büchsen schmückten Schrankwände, Poster aus der »Bravo« wurden unter Grundschülern für bis zu 100 Mark der DDR gehandelt. Müll als Beweis für die Existenz eines Garten Eden jenseits der Mauer, »bunt, süß, satt und hell«, wie es sich meine damals 11-jährige Tochter vorstellte. Nach dem Mauerfall korrigierte sie: »Großes, fettes Puddingland.«

Als die Mauer fiel, war das Paradies verloren. Die Banane vom Baum der Erkenntnis wurde hastig verschlungen, und siehe - der Westen, wie ihn der Osten sich erfunden hatte, existierte nicht. Die Besuchszeit war vorbei, die Besucher kamen trotzdem. Als Besserwisser und Konkurrenten, als Versicherungsagenten und Chefredakteure, Ordensritter und Aufklärer, Sieger und Trauergäste. Leute mit lauten Stimmen, gepolsterten Schultern. Der Westen im Osten traf auf den Osten im Westen. Auf Looser im Anorak, arm und anspruchsvoll. Auf miefige Kleinbürger, Demokratie verachtende Gleichheitsfanatiker, freche Ostalgiker. Jetzt feiern wir zusammen das 50-jährige Bestehen eines Landes, das alle erst seit zehn Jahren kennen, die Bundesrepublik Deutschland. Und als Nebengeräusch der feierlichen Reden ertragen wir das ferne Fallen der Bomben in Europa.

Die Woche

Nr. 21 vom 21. Mai 1999

Bewertung der Jury

Jutta Voigt erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 2000 in der Kategorie Allgemeines für ihren Artikel »Großes, fettes Puddingland«, erschienen in der Hamburger Wochenzeitung Die Woche vom 21. Mai 1999.

Es geht, zehn Jahre nach der Wende, um das doppelte Deutschland, genauer, um den Westen, wie ihn sich der Osten ausgemalt hat: ein Paradies, das nach dem Fall der Mauer schnell sehr irdisch geworden ist. Ein Blick zurück - selbstironisch, hellsichtig und anrührend.

Kurzbiographie

Gezeichnet: Jutta Voigt

Geboren am 5. Juni 1941 in Berlin.

Nach dem Abitur bis 1966 Studium der Philosophie an der Humboldt-Universität in Berlin.

Von 1966 bis 1989 Redakteurin und Filmkritikerin bei der Wochenzeitung Sonntag.

Nach der Wende Redakteurin und Reporterin bei den Berliner Wochenzeitungen Freitag und Wochenpost.

Seit 1997 Reporterin im Berliner Büro der Zeitung Die Woche, Hamburg.

Jutta Voigt hat mehrere Bücher veröffentlicht: »Linker Charme«, 1989, mit Fritz Jochen Kopka; »Der Tiger weint. Echte Stories«, 1997; »Der Spleen von Berlin«, 1999, mit Fotos von Rolf Zöllner.