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Prämierter Text

Europa und Erding

Von Hans Kratzer

Manche sagen, die Bayern seien eines der letzten großen Rätsel der Menschheit. Zumindest steht fest, dass sie im ältesten Staat Europas leben. Auf diesem stolzen Fundament haben sie den Fährnissen der Geschichte von Karl dem Großen bis Lafontaine getrotzt, wodurch in ihrem Herzen ein robustes Selbstverständnis erwachsen ist: »Extra Bavariam nulla vita, et si est, non est ita.« Frei übersetzt: »Außerhalb von Bayern, da gibt's kein Leben. Und wenn doch, dann gewiss kein so schönes.« Oder wie es der alte Hufschmied in Lena Christs Erzählung »Rumplhanni« sagt: »D'Welt muaß boarisch bleib'n, sinst is ja nimmer schee.«

Mittlerweile hat sich ein ganzes Jahrhundert über die beschauliche Welt des Hufschmieds gebreitet, und wo die Weltläufte sich einst auf das Dorfwirtshaus beschränkten, ist heute, in den Tagen der Globalisierung, die ganze Welt ein Dorf geworden. So besteht die Crux einfach darin, dass nun auch der bayerische Volksstamm schwere Verwerfungen erlebt, gegen die das Erdinger Land ebenso nicht gefeit ist. Die daraus resultierenden Irritationen sind dramatisch, weil der Erdinger Betrachter manchmal nicht mehr weiß, wo er hingehört, ja welchen Platz denn seine kleine, enge Heimat in dem globalen Weltdorf Europa beanspruchen wird. Soll sie vielleicht so werden wie Europa, oder soll Europa so werden wie sie?

Letztere Variante wäre gewiss im Sinne jener Staatsmacht, die fast schon zum Synonym für Bayern geworden ist: die CSU. Der europäische Aufbruch in Bayern ist untrennbar mit der CSU verknüpft, vor allem, weil diese die Antipoden Tradition und Fortschritt fest zusammengeschweißt und dies als moderne Variante listenreicher Staatsführung salonfähig gemacht hat.

Auf diese Weise hat die mächtige Partei auch das Erdinger Bauernland in weiten Teilen so sehr internationalisiert, dass die stille Heimat des schollengebundenen Landvolks fast unter die Räder gekommen ist. Ein stolzer Landstrich, das Erdinger Moos, ruht bereits sanft unter Betonmeeren. Und der auf ihm lastende Airport ist als heimatstiftendes Element nicht besonders gut geeignet: Leider ist er auch nicht bayerischer als andere Weltflughäfen. Aber unser Landkreis ist ja mit mehreren Landschaften von europäischer Dimension gesegnet; doch auch diese hat man nicht immer pfleglich behandelt: Die Bahnstrecke von Dorfen nach Velden, eine der schönsten in ganz Deutschland, ist sang- und klanglos stillgelegt worden, der atemberaubende Blick von Landersdorf hinunter ins barock schimmernde Zeilhofen ist leichtsinnigerweise durch eine Hochspannungsleitung verschandelt worden, und schließlich soll eine Autobahn das unvergleichliche Isental vernichten. Vieles also zerbröselt inmitten des fundamentalen Umschwungs aller Werte. Und doch existiert es noch, das alte Erdinger Bauernland, weit draußen an den Rändern des Landkreises, mit seinen Wäldern und Wiesen, überschäumt vom maigrünen Frühling. Mit seinen Dörfern und fetten Äckern: ein unvergleichlicher europäischer Mikrokosmos. Dazu der Menschenschlag, der von unergründlichen Gegensätzen geprägt ist. Mit Benno Hubensteiner könnte man sagen, dass neben Jähzorn stets Bedächtigkeit steht, neben handfester Grobheit innere Weichheit. Wie der Oberländer schlechthin mimt auch der Erdinger einen ungeheuren Respekt vor Staat und Obrigkeit und neigt doch wieder zur Aufsässigkeit und Eigenbrötelei. Gegensätze, an deren innerer Spannung europäischer Zentralismus wirkungslos abprallt.

Blicken wir deshalb auf unsere Herkunft: Schwingen im Wesen unseres Landvolks nicht uralte Blutströme mit, romanische vor allem? »Altbayern ist Antike« hat Wolfgang Johannes Bekh einmal geschrieben und damit ausgedrückt, wie römisch das alte Bayern im Grunde gewesen ist, römisch bis in die Sprache hinein, bis in den Wallfahrtsbrauch. Wo aber ist das alles hingeschwunden, fragen sich nicht nur die Volkskundler. Ist das Leben in der Provinz nicht ärmer geworden, ist die Globalisierung nicht der Todfeind bayerischer Identität?

Wir sehen, dass das Erdinger Land niemals autark von Europa gewesen ist. Ganz im Gegenteil: Zu unseren romanischen Wurzeln gesellen sich noch jede Menge Einflüsse aus dem Osten und natürlich keltische, unsere Sprache speist sich in ihrem Kern aus dem Lateinischen, Griechischen und Französischen. Da sind auch noch jene stolzen Bauernhöfe, die wir Ithakerhöfe nennen, weil sie uns an großartige Handwerker erinnern, die einst aus dem Süden über die Alpen gekommen sind und unsere Landschaft mit italienischer Baumeisterkunst geadelt haben.

Europäer waren auch jene Erdinger, die 1812 mit dem Napoleon nach Russland gezogen sind und dort erbärmlich ihr Leben ließen. Überhaupt der Krieg: Noch vor wenigen Jahren konnte man in den Dörfern draußen alten Bauern zuhören, was sie unter Europa verstanden: »Jeder Stoß ein Franzos, jeder Tritt ein Brit, jeder Schuss ein Russ«, sangen sie sich da in strammen Liedern ihre traumatische Jugendzeit von der Seele, die zeitlebens ihr Bild von Europa geprägt hatte, weshalb sie außerhalb der Grenzen ihrer Heimat auch im Frieden vor allem Feindesland sahen.

Die Nachkriegsgenerationen haben sich von diesem Zwang befreit und begegnen unseren Nachbarländern wieder weitgehend offen und partnerschaftlich. Wenngleich viele Ausländer sich unsere Anerkennung auf gastronomischem Wege über den Bauch erkämpfen mussten. Nirgendwo ist mehr Europa als in unseren Wirtshäusern. Mit internationalen Leckereien allein wird das vereinte Europa freilich nicht gedeihen. Wie europäische Integration funktionieren könnte, ist herrlich in dem Industriedorf Taufkirchen zu spüren, wo griechische Gastarbeiterbuben in breitestem Bayerisch daherpalavern, als wären sie die Retter des sterbenden bayerischen Dialekts.

Das heutige Fest der internationalen Begegnung soll ein weiterer Mosaikstein sein, um Erding im besten Sinne mit Europa zu verbandeln. Dennoch braucht es Geduld. Die Europawahl wird kein Knüller, und das sollte für die Politiker ein Alarmsignal sein. Sie, die die europäische Einigung als höchstes politisches Gut preisen, haben in diesem Wahlkampf das Wichtigste versäumt: Sie haben der Erdinger Jugend nicht erklärt, was Europa für sie bedeutet.

Erdinger Neueste Nachrichten

Nr. 132 vom 12. Juni 1999

Bewertung der Jury

Hans Kratzer erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 2000 in der Kategorie Lokales für seinen Beitrag »Europa und Erding«, erschienen in den Erdinger Neuesten Nachrichten vom 12. Juni 1999.

Hans Kratzer ist etwas gelungen, was man im besten Sinne einen lokalen Essay nennen könnte. Er bricht das abstrakte Thema Europa auf die Provinz herunter - nämlich jene Gegend, in die mit dem Münchner Flughafen eine neue Welt in die alte vorgestoßen ist. Trotzdem, so Kratzers überraschendes Resumee, ist die Globalisierung nicht der Todfeind der bayerischen Identität.

Kurzbiographie

Gezeichnet: hak

Geboren am 30. April 1957 in Velden/Niederbayern.

Nach dem Abitur in Landshut Lehramtsstudium in den Fächern Sport, Theologie, Geschichte und Volkskunde in München. 1984 Erstes Staatsexamen. Von 1985 bis 1987 Referendariat für das gymnasiale Lehramt in Würzburg. 1987 bis 1989 Lehrtätigkeit an den Gymnasien in Wasserburg und Vilsbiburg.

Parallel dazu seit 1988 Volontariat bei der Landshuter / Vilsbiburger Zeitung. Anschließend bis Juni 1992 Redakteur bei der Vilsbiburger Zeitung.

Seitdem Redakteur in der Erdinger Lokalredaktion der Süddeutschen Zeitung mit den Schwerpunkten Seitenproduktion, Betreuung der freien Journalisten und dem Projekt »Zeitung in der Schule«. Nebenher Dozent der Akademie der Bayerischen Presse für die Themen Lokaljournalismus, Kommunaler Haushalt und Bauleitplanung.