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Prämierter Text

Ganz neue Größen

Von Evelyn Roll

Berlin, im Oktober - Provinzarsch. Auch kein schönes Wort. Vorhin erst, auf dem 21.20-Uhr-Flug von Köln-Bonn nach Tegel hat Friedhelm Beucher immerhin mit Nina Hagen geplaudert. Als die das Gemälde in ihrem Gesicht noch einmal nachpinseln wollte, hat er so was gesagt wie: Das ist ja offenbar doch ganz schön viel Arbeit. So sind die beiden ins Gespräch gekommen. »Später, als ich schon im Taxi saß, und sie aus dem Flughafengebäude rauskam, habe ich ihr zugerufen: Na, Mädchen, wo soll es denn hingehen? Wie man das so sagt bei uns im Bergischen.«

Und so kam es also, dass der SPD-Abgeordnete Julius Friedhelm Beucher aus Bergneustadt am Mittwochabend mit Nina Hagen im Taxi von Tegel erst zum Prenzlauer Berg und dann allein nach Mitte gefahren ist. Ganz schön von den Socken sei die gewesen, als er ihr erzählt hat, dass er Bundestagsabgeordneter ist. Das hätte sie nämlich nicht gedacht, auch weil er ja meistens Jeans trägt zum Sakko und so. Und zum Abschied hat er ihr die »Süddeutsche« von morgen geschenkt. So ist das jetzt in Berlin.

Der Abgeordnete Beucher schaut treuherzig triumphierend über sein Kölsch-Glas, als wolle er sagen: Und? Klingt so was etwa nach Provinzarsch? Dann wird er ein wenig aufgeregt: »Wenn die aber erst zehn Mal geschrieben haben, diese Bonner Abgeordneten sind alles Raffkes und Provinzärsche, dann brauchen sie es beim elften Mal gar nicht mehr zu schreiben, dann kommt das von alleine zurück.« Neulich zum Beispiel wollte einer dieser wild gewordenen Berliner Polizisten, die den Reichstag beschützen, Beuchers Fraktionskollegen Karl Hermann Haack einfach nicht durchlassen. Als der dann mit seinem Bundestagsausweis in der Hand vorbei drängelte, hat ein anderer, einer der privaten Wachschützer im Reichstag, gesagt: »Auch so ein Bonner Arschloch.« Haack wurde wütend. Und sofort bauten sich drei oder vier Ordnungskräfte wie Skins vor ihm auf, und einer sagte: »Das ist hier die Hauptstadt Berlin und nicht die Provinz.«

Jetzt haben wir sie also, die Berliner Republik. Und schon wird man hier immerzu gefragt, wie es ist nach den ersten sechs Wochen. Ob man schon was merkt? Ob die Politik sich schon geändert hat? Ob wenigstens in Berlin sich was ändert?

Es ist natürlich viel zu früh für solche Fragen, zu früh für jeden Versuch einer Zwischenbilanz. Aber ein paar interessante Beobachtungen gibt es schon. Zum Beispiel die, wie heftig alle am politischen Betrieb Beteiligten jetzt immerzu beteuern, dass sich gar nichts verändert hat und auch nicht verändern wird im politischen Alltag. Nicht in den eingespielten und vertrauten Ritualen der Sitzungswoche. Nicht beim veränderungsresistenten Zusammenspiel von Kabinetts-, Präsidiums- und Fraktionssitzungen, von Ausschussarbeit, Plenarsitzungen und Pressekonferenzen. Und da ist immer etwas mehr Hoffnung in den Stimmen als Gewissheit oder Bedauern.

Friedhelm Beucher zum Beispiel sagt es so: »Alles funktioniert, wie immer. Aber diese Berliner Zwangseuphorie mache ich nicht mit. Jetzt schon umzuziehen, war einfach Quatsch. Die Bürohäuser für die Abgeordneten sind nicht fertig. Kein Bauherr stellt sich in so einer Situation eine Baracke auf sein Grundstück und wohnt erst einmal da. Und das mit der Zweitwohnungssteuer hätte Berlin mal vor 1991 bekannt geben sollen, dann wären die siebzehn Stimmen Mehrheit für den Umzugsbeschluss nicht zusammen gekommen.« Unbeschreiblich grob seien die Berliner. Und wenn einer dieser Privatsender in der U-Bahn plakatiert: »Berliner, habt keine Angst vor den Bonnern, die haben noch nie etwas bewegt«, dann sei das nicht nur optische Luftverschmutzung. »Das geht doch auf unser aller Kosten, und auf Kosten der Demokratie. Ich bin doch kein öffentliches Pinkulatorium«, sagt er, und: »Ja, bitte, noch zwei Kölsch.«

Er ruft es eigentlich. Es ist voll und heiß und laut in der StäV, der Ständigen Vertretung des Rheinlandes, der berühmten Kölschkneipe am Schiffbauerdamm, die in diesen ersten Tagen und Wochen zu einer Art Schutzhütte vor den Zumutungen unserer großen Stadt geworden ist für alle Berlin-Hasser, Heimwehkranken und Trauerarbeiter. Am Nachbartisch sitzen zwölf junge Leute aus der nordrhein-westfälischen CDU. Sie feiern einen Geburtstag. Es ist der Tisch, an dem sich vor einigen Tagen allen Ernstes eine Selbsthilfegruppe gegen den Berlin-Schock gegründet hat: der Rheinische Exilanten-Club »Berlin tut weh«.

Der Tresen als Klagemauer. Die Gespräche handeln davon, dass Minister Trittin angeblich am Alexanderplatz keinen Taxifahrer gefunden hat, der bereit war, ihn zu transportieren. Sie handeln von rüpelhaften Pförtnern und Verkäufern, von muffigem U-Bahn-Personal und brutalen Autofahrern. Außerdem stinkt es in Berlin überall nach Gully. Und wenn ein Ex-Bonner an der Wohnungstür nebenan klingelt, um zu sagen: »Ich bin Ihr neuer Nachbar« bekomme er zu hören: »Na und?«

Der Korrespondent einer Zeitung erzählt, dass er an einen Blockwart von Vermieter geraten ist. Schnüffelt ständig in der Wohnung herum. Und wenn man ihm vorschlägt, die Miete erst von dem Tag an zu zahlen, an dem die Wohnung auch fertig und bewohnbar ist, sagt er: »Wenn Sie so anfangen wollen, können Sie auch gleich wieder Ihre Koffer packen.«

Am Montag hat die Bundespressekonferenz in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung beinahe beschlossen, jeden Kontakt mit dem Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse so lange einzustellen, bis der rüde Ton des Sicherheitspersonals und die undurchsichtigen Zugangsregelungen für Journalisten im Reichstag abgeschafft sind. Viele Abgeordnete und Journalisten sind da in den letzten Tagen offenbar nur knapp an Leibesvisitationen und ernsthaften Handgreiflichkeiten vorbeigekommen.

Sicherheit, das ist in Berlin natürlich ein etwas anderes Thema als im kleinen Bonn, stimmt schon. Nur glaubt man in Berlin offenbar, diese Sicherheit durch Unsicherheit des Personals herstellen zu können, nicht nur im Reichstag. Den Kulturstaatsminister Michael Naumann haben sie beim Besuch des israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak vorsichtshalber gleich überhaupt nicht reingelassen ins Kanzleramt.

Und dann war da dieser heldenhafte Blaulicht-Großeinsatz von Polizei und Bundesgrenzschutz am Willy-Brandt-Haus, der SPD-Parteizentrale in der Wilhelmstraße. Im Haus gegenüber von Schröders Büro war ein finsterer, vermummter Mann am Fenster mit Gewehr und aufgeschraubtem Scharfschützenvisier entdeckt worden. Es waren aber nur Dreharbeiten für einen Film mit dem SPD-feindlichen Titel Black. Auch das ist Berlin. Auch das klärte sich auf. Es gibt jetzt eine Koordinierungsstelle zwischen Berliner Polizei und Bundesgrenzschutz. Aber es ist nach den ersten Wochen noch nicht erkennbar, was genau dort koordiniert wird.

Wenn man schon einige Jahre in Berlin lebt und sich tagelang solche Erzählungen angehört hat, merkt man plötzlich selber wieder, woran man sich längst gewöhnt und was man auf unerklärliche Weise offenbar sogar lieb gewonnen hat: wie rüde, schlecht gelaunt und übel riechend Berlin sein kann. Und dann hört man sich plötzlich kleine Vorträge halten, die vom Leben in Großstädten handeln und davon, dass die Berliner Schnauze doch auch was Tolles habe, etwas Unerschrockenes, wenig Ehrerbietiges. Keinen Respekt haben die hier vor Obrigkeit und Tabus, dafür sind sie schnell und witzig, sagt man dann zum Beispiel.

Letzte Woche hat einer dem Wolfgang Gerhardt am Brandenburger Tor fröhlich zugerufen: »Ja, dürfen Sie denn einfach so frei hier herumlaufen?« Auch die falsch geparkten Autos von Abgeordneten werden abgeschleppt. Und sogar Wolfgang Thierse hat ja zur Zeit richtigen Zores mit seiner gestrengen Vermieterin, weil die überzeugt ist, dass er heimlich untervermietet.

Ein Abendessen beim Bundespräsidenten im Schloss Bellevue. Da reicht der Diener im Frack mit schneeweißen Handschuhen und nahezu waagerecht abgeklapptem Rücken formvollendet den Silberteller mit der Fischpastete und sagt dabei zum Berliner SPD-Vorsitzenden: »Nehmen Sie eine doppelte Portion, Herr Strieder, Sie können es brauchen.« Oder neulich bei Borchardt am Gendarmenmarkt. Sagt der Kellner doch ganz selbstverständlich zum Kanzler: »Tut mir leid, Herr Schröder, diese Kreditkarte nehmen wir nicht.« So ist Berlin, haben wir uns hier angewöhnt zu sagen. Love it or leave it. Und die Mehrheit der Bonner, es wird höchste Zeit, das hinzuschreiben, hat sich ja auch längst fürs Lieben entschieden. Man trifft sie nicht mehr in der StäV, neugierig laufen sie überall in der Stadt herum. Sie haben festgestellt, dass in der Berliner U-Bahn nicht immerzu vergewaltigt und gemordet wird, dass man sich als Wessi auch in Marzahn auf die Straße trauen kann. Sie kennen längst den Unterschied zwischen Komischer Oper, Deutscher Oper und der Staatsoper Unter den Linden.

Man erkennt sie an ihrer wächsernen Gesichtsfarbe und diesem hektischen Flackern in notorisch unausgeschlafenen Augen. Sie sind nach langen, harten Arbeitstagen jede Nacht unterwegs gewesen im Theater, im Kabarett, in Kneipen und Clubs, auf Vernissagen und Partys.

Sie sind wie Cem Özdemir nach Neukölln gezogen oder ins heimliche In-Viertel Friedrichshain, wie die Staatssekretärin Cornelie Sonntag-Wolgast. Man trifft sie bei Pina Bausch oder auf den großen Partys, wie Rainer Brüderle, Herta Däubler-Gmelin oder Guido Westerwelle. Und der Pressesprecher des Deutschen Bundestages, Hartwig Bierhoff, erzählt, dass viele, die sich fürs Pendeln entschieden hatten, schon an ihrer Entscheidung zweifeln und sich freuen, wenn sie einmal ein freies Wochenende in Berlin bleiben können.

Mit Begeisterung und Faszination sagen diese Neuberliner einem unentwegt: Mensch, das ist ja wirklich toll hier. Toll und groß. Das vor allem. Die allgemeine Überraschung über die Größe und die weiten Wege in Berlin muss daran liegen, dass es den Herstellern von Stadtplänen immer gelingt, so eine Stadt auf Din-A-2-Format zusammenzufalten, hat der Tagesspiegel geschrieben.

Ganz Bonn hat ja bekannterweise nur 300 000 Einwohner. Das sind etwa so viele, wie in Berlin arbeitslos gemeldet sind. In Bonn hat sich der politische Betrieb auf ganz kleinem Raum und unter respektvoller Teilnahme der Bevölkerung abgespielt. In Berlin ist das anders. Die Stadt hat sich alle längst wie eine Krake mit einem großen respektlosen Schmatz einverleibt. Wie sie schon andere Naturkatastrophen einfach verschluckt hat. Die Bonner sind jetzt hier. Aber sie fallen gar nicht auf, nicht mehr als alle anderen Minderheiten, nicht mehr als die Türken, Russen, Autonomen, PDS-Wähler, Künstler, Hundebesitzer, Schwulen und Alternativen. 7000 Bonner sind umgezogen? Na und? In Berlin ziehen jedes Jahr 70 000 Menschen um.

Ein wenig anders ist es nur in Mitte, im eigentlichen Regierungsbezirk, auf der Friedrichstraße, auf der Wilhelmstraße und Unter den Linden. Hier ist Berlin wieder ganz klein. Hier treffen sich alle und freuen sich, dass die anderen auch schon da sind. Und am Gendarmenmarkt sitzen jetzt manchmal an einem Tag in einem Lokal der Kanzler, Klaus Töpfer, Angela Merkel, Wolfgang Schäuble und Claus Peymann.

Aber auch das fanden die Berliner nur in den ersten Wochen wirklich interessant. Der Wirt vom Borchardt erzählt, dass die Boulevardzeitungen am Anfang jeden Abend neue Volontäre an die Tische gesetzt haben, die aufpassen und die Fotografen alarmieren mussten, sobald wieder einmal Gerhard Schröder sich mit Klaus-Uwe Benneter, einem alten Berliner Linken, auf ein Schnitzel getroffen hat. Das hört langsam auf. Offenbar will das so genau niemand mehr lesen in Berlin.

Cornelie Sonntag-Wolgast hat erzählt, wie wenig Aufhebens die Berliner von einer Staatssekretärin machen. Und wie gut das der Staatssekretärin tut. Sie werden halt alle ein bisschen unwichtiger und kleiner in der großen Stadt.

Und wie klein werden da erst die, die bisher hier die Großen gegeben haben. Die Geschichte mit dem SPD-Vorsitzenden Peter Strieder beim Bundespräsidenten geht natürlich noch weiter. Alle Geschichten in Berlin gehen immer noch weiter. Nachdem der Kellner ihm zur doppelten Portion geraten hatte, erläuterte Strieder dem nur mittelheftig interessierten Tisch, warum die Berliner SPD nach dem Wahlsonntag möglicherweise die Große Koalition verweigern müsse (sofern die CDU nicht sowieso die absolute Mehrheit holt). Nach einer ganzen Weile beugte sich ein Bonner Journalist, der höflich zugehört hatte, ein wenig vor und sagte: Bitte entschuldigen Sie, aber wer sind Sie eigentlich?

Zum Spiegel-Fest vor ein paar Wochen kamen über 900 Menschen. Viele Minister waren da, glitzerndes Künstlervolk, auch der Bundeskanzler. Eigentlich war es überhaupt niemandem aufgefallen, dass der Regierende Bürgermeister gar nicht gekommen war. Bis sein Sprecher herumerzählte, warum. Der Spiegel habe 30 Seiten Berlin-Spezial gemacht, ohne den Namen Diepgen auch nur einmal zu erwähnen. Deswegen boykottiere er nun das Fest.

Unter der Ortsmarke Berlin findet jetzt Bundespolitik statt. Eberhard Diepgen hat es, als er die Bonner mit einer großen Torte begrüßte, auf seine eigentümliche Art so gesagt: »Wir stellen die Stadt der Nation zur Verfügung.« Und die Wahlen am Sonntag darf man wohl als das letzte Gefecht der alten Berliner Landespolitiker ansehen, deren Gestaltungskraft sich vor allem darin erschöpft, durch geschickte Klientelpolitik an der Macht zu bleiben und gute Leute von außen wegzubeißen, ob sie nun Schönbohm hießen, Töpfer, oder demnächst Fugmann-Heesing.

Die Berliner Gesellschaft, die vielen Event-Macher von draußen, die die Hauptstadt als den Top-Ort für ihre Veranstaltungen entdeckt haben, und vor allem die Klatschreporter haben jetzt natürlich ganz neue Heroes und Fixpunkte: Sie heißen Joschka Fischer und Gerhard Schröder. Die beiden sind zu so etwas wie die hier lange entbehrten Royals geworden, nicht nur für die Boulevardjournalisten. An ihrer Anwesenheit, nicht mehr an Juhnke oder Joop, wird zur Zeit gemessen, ob ein Ereignis in der Stadt wirklich wichtig und hochkarätig war.

Beim Spiegel zum Beispiel war Schröder, auch beim ZDF-Fest. Bei der Zeit war er nicht, und auch nicht bei Focus, woraus der Spiegel natürlich eine biestige Meldung machen musste, die geradezu Berliner Stil hat: Der Kanzler habe sich beim Dinner anderswo so anregend unterhalten, dass er glatt den Termin für das Focus-Fest sausen ließ. Bätsch.

Die B.Z. hat eine tägliche Rubrik: Schröder heute. Was er wo gegessen hat. Wann er was mit Doris telefoniert. Wohin er an einem Tag so alles fliegt. Noch schreiben sie das »er« klein. Und jeder Boulevardreporter ist schon einmal mit dem Außenminister nach Potsdam gejoggt. Das gibt immer wieder hinreißende Sätze wie: »Joschka Fischer hat die Schultern leicht vornüber gebeugt, den Blick auf unendlich gestellt und den entspannten, fast schlurfenden Schritt, an dem man einen trainierten Langstreckenläufer erkennt.« Beide, Fischer und Schröder, spielen diese neuen Rollen virtuos. Und wenn ein Bild-Reporter sich in einem Artikel beschwert, dass der Außenminister nicht lieb zu ihm war bei einem Fototermin, bekommt er einen Tag später eine Extra-Einladung nach Dahlem. »Herr Meyer, ich habe gelesen, Sie haben Sehnsucht nach mir. Hier bin ich.«

Die Medien in Berlin sind völlig durcheinander gewürfelt. Die Bundespressekonferenz hat sehr viele ganz neue Mitglieder, die die alten Regeln noch nicht kennen. Wenn in der Bundespressekonferenz ein Handy fiept, dann ist es so ein Neuer. Die Alten drehen dann immer die Augen nach oben. Solche Leute rufen wahrscheinlich auch bei der Fraktion an, wenn sie was über die Partei wissen wollen. In der Lobby des Reichstages kann man sich jedenfalls kaum noch mit einem Abgeordneten auf ein Gespräch verabreden, ohne dass die Leute eines Privatsenders plötzlich die Lampe anknipsen, die Mikrofon-Angel reinhalten und nachher fragen: »Wer war denn das eigentlich?«

Gerhard Schröder hat gesagt, dass Berlin der Politik die Augen öffnen wird für andere Lebensentwürfe und neue Problemlösungen. Immerhin hat Peter Hintze neulich auf der Friedrichstraße doch tatsächlich zum ersten Mal in seinem Leben einen Obdachlosen gesehen, der in einer Mülltonne nach etwas Essbarem suchte. Und Friedel Drautzburg, der Wirt von der StäV, der für seine geniale Schutzhüttenidee mit dem deutschen Kneipenoskar ausgezeichnet wurde, beunruhigt seine heimwehkranken Gäste neuerdings damit, dass er sich in diesem grässlichen Berlin verliebt hat. Sogar ein Kind hat er jetzt bekommen. Von einer Brandenburgerin.

Süddeutsche Zeitung

Nr. 234 vom 9./10. Oktober 1999

Bewertung der Jury

Evelyn Roll erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 2000 in der Kategorie Allgemeines für ihren Beitrag »Ganz neue Größen«, erschienen in der Süddeutschen Zeitung, München, am 9./10. Oktober 1999.

Evelyn Roll hat ein Thema aufgegriffen, das seit dem Umzug der Bundesregierung von Bonn nach Berlin in jeder Zeitung traktiert worden ist: den Rheinländer, der in die Hauptstadt kommt und sofort unter Berlin-Schock steht. Die Kunst der Arbeit besteht darin, dass sie mit den Klischees souverän spielt und daraus das Bild einer Stadt entwickelt, deren politisches und kulturelles Zentrum sich in atemberaubendem Tempo verändert.

Kurzbiographie

Gezeichnet: eve

Geboren am 4. September 1952 in Lüdenscheid/NRW.

Nach dem Abitur 1972 bis 1980 Studium der Germanistik und Politische Wissenschaften (bei Wilhelm Hennis) in Freiburg. Staatsexamen.

Währendessen erste journalistische Erfahrungen bei der Badischen Zeitung, Freiburg. Anschließend Aufbaustudiengang Journalistik an der Universität Mainz mit dem Nebenfach Öffentliches Recht.

1980 bis 1982 freie Journalistin bei der Abendzeitung, Süddeutschen Zeitung und beim Bayerischen Rundfunk in München. Seit 1983 Redakteurin der Süddeutschen Zeitung, bis 1988 als Lokalreporterin (Politik und Kultur). Lehraufträge an der Münchner Journalistenschule und der Universität München.

1988 bis 1994 Korrespondentin und ab 1992 Büroleiterin der Süddeutschen Zeitung in Frankfurt am Main.

Von 1995 bis 1999 Redaktionsleiterin der Süddeutschen Zeitung in Berlin. Aufbau der Hauptstadtredaktion der Süddeutschen Zeitung und Konzeption der Berlin-Seite. Seit 1999 Autorin und Reporterin für die Süddeutschen Zeitung in Berlin. Mentorin der Evangelischen Journalistenschule, Berlin.

Ausgezeichnet mit dem Journalisten-Preis der Stadt Frankfurt.

Evelyn Roll hat mehrere Bücher veröffentlicht: Biographie über Oskar Lafontaine, 1994; »Ecke Friedrichstraße«, 1997. Im März 2000 erschien »Nun soll endlich Glanzzeit sein«, ein Band mit Berliner Reportagen und Glossen, unter anderem mit »Ganz neue Größen«.