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Prämierter Text

»Es goht halt oifach nemme so«

Von Andreas Dörr

»Gott sei Dank isch morga zua!« Weil's heute wieder länger geht. Der Kirchenchor lässt wie jeden Montag seine Probe in der Degerschlachter »Krone« ausklingen, bei Schorle und Weizenbier, das sich die Gäste selbst einschenken. »'S goht halt nemme so«, sagen Berta Breusch und Elsa Rist, die im Flecken alle nur »Els« nennen. Erst nach Mitternacht kommen sie dann in die Federn. Das schlaucht, sagt Berta, die im September 91 wird. Und ihre Schwester, die kaum ein Jahr jünger ist, nickt. Früher, ja früher war alles anders.

»Woisch' no« sagt Berta sich wehmütig erinnernd an die alten Zeiten, die zwar schön, aber niemals golden waren. Auch dann nicht, als sie noch den Saal im ersten Stock bewirtschafteten. Damals gab's keine Beerdigung in Degerschlacht, die nicht in der Krone ausklang. Und die Hochzeiter haben sich die Klinke in die Hand gegeben. Heute tanzt niemand mehr im Saal im oberen Stock, kein Posaunenchor unterhält von der kleinen Bühne herunter die Gäste. An den Tischen, die auch jetzt noch akkurat in zwei langen Reihen auf dem alten Holzfußboden stehen, hat schon ewig niemand mehr gesessen. Blitzblank ist alles, es duftet nach Bohnerwachs. Und die Küche! Was haben sie nicht alles gebrutzelt: Gemischten Braten, Spätzle und Wurst »in allen Rassen«, sagt Berta. »320 Pfund hat dui Sau auf d' Woog brocht. 300 Bratwürscht hot des gea.« 1970 haben sie den Saal dann geschlossen, »weil's oifach nemme goht«.

Drunten, im Gastraum, sitzen Heinz, Ernst und Kurt an einem der uralten Holztische. 50 bis 60 Gäste haben hier Platz. Der eine kommt seit 20 Jahren hier her, der andere seit 40; Kurt ist seit 50 Jahren Stammgast der Krone, so wie schon sein Vater, der Berta das Autofahren beigebracht hat. Aus dem Graben, in den sie damals gefahren ist, ist sie aber ohne fremde Hilfe wieder rausgekommen. Mit ihrer NSU-Quickly, die heute hinterm Haus vor sich hin rostet, gab's weniger Probleme. Alles war anders, und um halb elf in der Nacht hat's auch noch Kutteln gegeben, sagt Kurt. »I woiß«, sagt Berta, »aber 's goht halt nemme.«

»Ons dät d'Krone g'höra«, wenn man zusammenzählte, was sie hier schon haben liegen lassen, sagen die Stammgäste. Dann kommt Hans-Peter. »Hoschd Feierobed«, grüßt ihn Berta und schenkt eine Schorle ein. Fünf Jahre alt war sie, als sie das erstemal in die Krone kam. Als ihr Vater 1913 aus seinem Degerschlachter Bauernhaus ausziehen musste, hat er das Wirtshaus gekauft, den Backofen rausgerissen und die Küche auf Vordermann gebracht. Und Klein-Berta hat mitgeschafft. So wie ihre fünf Brüder, von denen drei gefallen sind. Auch die beiden anderen leben nicht mehr - dabei hätten sie den Schwestern unter die Arme greifen können, ja müssen. Der eine war Bäcker, der andere Metzger, der dritte Elektriker, der vierte Installateur und einer hat gar 30 Jahre den Gestütsgasthof in St. Johann bewirtschaftet.

Elsa war verheiratet und hat, wie ihr Mann, beim Emil Adolff gearbeitet. »Ond no en oinige andere Gschäft«, ehe sie vor 30 Jahren, als ihr Mann starb, in die Krone kam. Auf einem Foto aus dem Jahr 1925 ist Elsa als junge Frau zu sehen, wie sie sich aus einem Fenster der Krone lehnt. Im Degerschlachter Heimatbuch wurde dieses Foto veröffentlicht, und dort ist auch zu lesen, dass die Krone seit 1906 existiert.

Viele Bedienungen haben in jenen Jahren in der Wirtschaft gearbeitet, und Elsa und Berta haben davon die meisten gekannt. Die letzte Bedienung hat die Krone vor fünf Jahren verlassen. Seither sind die beiden Schwestern allein. Dafür helfen heute die Gäste. Wolfram Zielke, Degerschlacher Musiker und Pressewart des Sportvereins, geht hinter die Theke und schenkt zwei Weizen ein. »Quenzer-Bier«, sagt Berta und zeigt auf die Urkunde, die ihr die Brauerrei hat zukommen lassen. 1979, im Juni, haben sie ihr das Dokument überreicht - für 50-jährige Treue. Damit sind die Kronen-Schwestern die ältesten Kunden der Uracher Brauerei im weiten Kreis. »Wenn de fir jedes Bier, des de en deim Läba zu de Tisch traga hoscht, an Pfennig kriega dätscht ...«, rechnet Kurt, und Berta fragt: »... ond dann?« »Ihr verlanget z'wenig firs Bier ond firs Essa«, sagt ein anderer, und bekommt Unterstützung von Elsa. »Mei Schweschter gibt emmer älles z'billig her«: Dreifuffzich für's Weizenbier, Dreidreissich für die Halbe, Pils auch Dreifuffzich. Den Wurstsalat, nicht in Streifen, sondern in dünne Rädchen geschnitten, verkaufen sie für Siebenfuffzich. Und wer will, kriegt auch mal einen ofenfrischen Leberkäs'. Andere Gerichte haben sie nicht auf der Karte. »Weil's oifach nemme goht.«

Bis 22 Uhr, wenn der Kirchenchor kommt, ist noch etwas Zeit. Zeit genug für ein Kartenspiel. Seit sie denken kann, ist Gaigeln Bertas Lieblingsspiel. »Melde 20, wer hot dui Sau?« Berta hebt ab und ihre Schwester, die lieber kiebitzt als mitmischt, sitzt daneben. Hart geht's zur Sache, aber fair. Wer mogelt, fliegt raus. Schließlich wartet eine Tafel Schokolade auf den Gewinner. »Denne läuft d'Scheisse bergauf«, grantelt Ernst in Richtung Berta. »Sei ruhig, sonst kommscht an d'Kette«, kontert die Kronen-Wirtin, während ihre Schwester die beiden neuen Gäste begrüßt - per Handschlag, wie all die anderen, die den Weg in ihr Gasthaus finden. »Wisset Se, wer i ben?«, fragt einer der beiden, als sich Elsa neben ihn setzt. Die Gäste wollen unterhalten werden, aber wer es ist, mit dem sie da spricht, weiß sie nicht. Vielleicht hat sie die Frage auch nicht verstanden. Sie hört schlecht. »I ben früher mit meim Vater oft in d'Krone ganga«, hakt der junge Mann nach. Aber Elsa erinnert sich nicht. »Ihr G'sicht kenn' i. Aber i woiß et, wo noa do.« Dann kassiert sie, weil die beiden gleich wieder gehen wollen. »Zwoi Woiza, sieba gradaus.« »Machet Se zehn«, sagt der Gast, aber Elsa bekommt diese Freundlichkeit nicht mit. Langsam geht sie in Richtung Theke und zählt drei Mark Rausgeld aus dem Geldbeutel. »Vielen Dank« auch für den anderen Gast, der ein Bier samt Telefon zu bezahlen hatte. »Macht dreisiebzig. Kommet Se guat hoim.«

Drüben, am anderen Tisch, beim Kachelofen, der selbst heute, Mitte Mai, leise vor sich hin bollert, sitzt Berta immer noch beim Gaigeln. Mischen, abheben, austeilen, zack, zack, zack. »Schbiela, et schwätza«, sagt sie, während sie die Karten mit beiden Händen hält. Nein, eine Brille braucht sie nicht fürs Kartenspiel. Aber gute, aufmerksame Mitspieler. Wer pennt, muss mit einem Anschiss rechnen. Aber keiner will sich's mit der Kronen-Wirtin verderben. »'S' Gaigla schmeißt se et weit weg«, weiß Kurt, und Wolfram holt zwei neue Biere. »Sechs Henna hat die Berta auch«, sagt Kurt, und er erzählt die Geschichte, als die Wirtin hinterm Haus hingefallen ist. Keiner der Gäste hat was gemerkt, keiner hat sie vermisst. So kommt's, wenn jeder weiß, wo die Getränke stehen. Nur mühsam hat sie sich aufrappeln können, um dann - als wäre nichts geschehen - wieder ihrer Arbeit nachzugehen. »Melde vierzig, Heinz, du kommscht.«

Mit den Gästen hat's eigentlich nie Probleme gegeben. Aus Betzingen sind sie gekommen, aus Metzingen und aus K'furt. Und von dort kommen sie auch heute noch. Wenn aber einer den Schwestern mal »boggich« kam, dann haben sie ihn an die Luft gesetzt. So wie es dem Wolfram passiert ist, als er einfach nicht gehen wollte am Sonntagmorgen. »Jetzt goschd hoim, dei Weib wartet«, hat ihm die Berta beschieden, und der Wolfram hat sich getrollt. Anstandslos und ohne Murren. »Woisch des nemme«, fragt Wolfram, aber Berta mischt. In einer halben Stunde kommt der Kirchenchor. Jetzt gilt's. Vor halb eins kommen Berta und Elsa heute nicht aus dem Lokal. Am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag ist dann geschlossen. »'S goht halt nemme.« Trotzdem öffnen sie die Krone montags, freitags, samstags und sonntags frühmorgens um dreiviertel acht. Da kommt zwar keiner, aber so sind sie's gewohnt. Und was wird, wenn es die beiden Schwestern einmal nicht mehr gibt? »No wird d'Krone geschlossa«, sagt Berta. »Weil koiner do isch, der se ibernemma dät.« Interessenten gab es, aber ein »G'schickter« war halt nicht dabei. Vor ein paar Jahren ist mal ein Junger aus Reutlingen gekommen, ist rumgeschlichen um die beiden Damen, hat sie hofiert und sie bearbeitet in der Hoffnung, dass sie ihm irgendwann die Krone verkaufen. Aber das wollten sie nicht. »Ond so oim glei gar et.« Also haben sie weitergemacht, in ihrer Küche und hinter der Theke. Weil's irgendwie dann doch gegangen ist. Und noch bis heute geht. Halt langsam.

Reutlinger General-Anzeiger

Nr. 114 vom 20. Mai 1999

Bewertung der Jury

Andreas Dörr erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 2000 in der Kategorie Lokales für seinen Beitrag »Es goht halt oifach nemme so«, erschienen im Reutlinger General-Anzeiger am 20. Mai 1999.

Der Autor erzählt die Geschichte zweier hochbetagter Damen, die bis heute noch die »Degerschlachter Krone« bewirtschaften. Es geschieht eigentlich nichts. Doch die Erinnerungen der beiden über Neunzigjährigen in Verbindung mit ihrem Tagwerk, dem sie noch heute ohne irgendein Aufhebens nachgehen, ist in großer Dichte dargestellt. Vergangenheit und Gegenwart rücken so eng zusammen, dass sich die Frage nach der Zukunft stellt, ohne dass diese eigens thematisiert werden muss.

Kurzbiographie

Gezeichnet: ass

Geboren am 6. Mai 1958 in Reutlingen.

Nach dem Abitur 1979 Zivildienst.

Mitte der 80er Jahre erste journalistische Erfahrungen bei »Film-Jahrbüchern« und Reportagen für überregionale Zeitschriften und Magazine. Zeitgleich Übernahme und Weiterführung eines Filmarchivs, das in erster Linie private Fernsehsender mit Informationen zu Spielfilmen belieferte.

Ab 1987 freier Journalist beim Reutlinger General-Anzeiger mit den Schwerpunkten Gastronomie/Kulinarisches und Kino.

Von 1992 bis 1994 Volontariat beim Reutlinger General-Anzeiger. Seit 1994 Redakteur in der Lokalredaktion des Reutlinger General-Anzeigers.

1992 ausgezeichnet mit dem VDS-Pressepreis vom Fachverband der Behindertenpädagogik.