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Rede von Rolf Terheyden anlässlich der Preisverleihung des Journalistenpreises der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis am 16. September 1999 in Leipzig

Sehr geehrte Preisträgerinnen,

sehr geehrte Preisträger!

Meine Damen und Herren!

Als Kuratoriumsvorsitzender des Theodor-Wolff-Preises begrüße ich Sie aller sehr herzlich zu dieser festlichen Stunde. Ich bin froh und glücklich darüber, dass die Verleihung des bedeutendsten deutschen Journalistenpreises hier in Leipzig stattfinden kann. Vor zehn Jahren wäre uns dies noch als Utopie erschienen; heute ist es Wirklichkeit. Die Bedeutung Leipzigs als Zeitungsstadt hat mein verehrter Vorredner hervorgehoben. Deshalb kann ich mich, was die Geschichte betrifft, kurz fassen. Ich möchte aber noch einmal ausdrücklich dem Verlag der "Leipziger Volkszeitung" danken, dass er uns die Möglichkeit gibt, diese Festveranstaltung in seinen Räumen abzuhalten.

In einem Brief an die Verlegerkollegen habe ich geschrieben: "Der Journalistenpreis der deutschen Zeitungen ist ein Gütesiegel für Qualitätsjournalismus; und dafür steht unser Medium." Qualität lässt sich nicht herbeikommandieren. Sie muss in einem permanenten Zwiegespräch zwischen Verlag und Redaktion wachsen. Vor allem aber braucht es starke journalistische Persönlichkeiten, die das Besondere, das Originelle wagen, und natürlich auch Verleger, die solche herausragenden Arbeiten ermöglichen. Die Damen und Herren, die heute mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet werden, stehen für die Fähigkeit, nach dem Vorbild des großen Chefredakteurs des "Berliner Tageblatts" einen scharfen Blick hinter die Kulissen von Politik und Kultur zu werfen und sich so als genaue Zeitbeobachter und -schilderer zu profilieren.

Es wäre vermessen, wollte ich Ihnen ein Patentrezept für Qualitätssteigerung anbieten; diese Frage muss jede Redaktion, jedes Zeitungshaus für sich beantworten. Denn unsere Zeitungslandschaft lebt aus den Unterschieden an wirtschaftlichen Größen und publizistischem Wollen. Ein überregionales Blatt wird Qualität natürlich anders definieren als eine Regional- oder standortgebundene Tageszeitung. Aber es gibt gewisse Grundregeln, auf die sich alle verständigen können.

Die Gesellschaft von heute versteht sich als "Erlebnis- und Erfahrungsgesellschaft". Die Möglichkeiten des Erlebens und Erfahrens haben sich schier ins Unendliche gesteigert. Den Menschen steht die Welt offen. Sie können aus den unterschiedlichsten Quellen praktisch Tag und Nacht Nachrichten beziehen; ob das schon Informationen sind, steht auf einem anderen Blatt. Die Zeitung wird für sie nur dann interessant sein, wenn sie ihnen einen informationellen Mehrwert bietet. Langeweile verkauft sich schlecht. Zeitungen müssen anstößig sein, zum Denken anregen, pointiert kommentieren, den Konflikt nicht scheuen, aber in erster Linie glaubwürdig berichten.

Meine Damen und Herren, viele Tageszeitungen haben inzwischen den Grundsatz beherzigt, hinter die Nachricht zu schauen, also die Hintergründe einer Sache auszuleuchten, diese Angelegenheit in möglichst vielen Facetten darzustellen. Das ist gut so. Denn die Verkürzung der Information auf die Schlagzeile und einige wenige plakative Absätze wäre in der Tat eine Missachtung des Bürgers. Die Nachzeichnung von politischen Strukturen und den aus ihnen resultierenden Entscheidungsbedingungen macht Politik für den Leser verständlich. Und hier ist das gedruckte Wort dem - alles in allem flüchtigen - elektronischen Gedankensplitter aus Personalisierung, Dramatisierung und Emotionalisierung weit voraus. Um ein Zitat unseres Bundespräsidenten aufzugreifen: "Die Zeitung leistet Analyse, sie ordnet die Welt und macht Vorgänge transparent."

Ich möchte allerdings davor warnen, in der Konzentration auf den Hintergrund und in Spezialangeboten für bestimmte Zielgruppen schon die Lösung des Wettbewerbsproblems - hier die Zeitung, da der Rundfunk und das Fernsehen - zu sehen. Der Reiz der Tagespresse liegt auch heute noch in der Exklusivität der Nachricht beziehungsweise der Information. Durch stimmige, sauber recherchierte Nachrichten im Meinungskampf mitzuhalten - dieser Aspekt gewinnt vielleicht sogar noch an Bedeutung. Denn die Menschen bescheinigen ihrer Zeitung ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit. Sie wollen dementsprechend auch von Journalisten, denen sie vertrauen, über neu aufkommende Fragen von politischer Bedeutung informiert werden: durch Nachricht und Hintergrund. Das gilt für überregionale Blätter wie für regionale und lokale Zeitungen gleichermaßen, wenn auch mit anderen inhaltlichen Prioritäten.

Meine Damen und Herren, ich nenne es einen Glücksfall, dass die Zeitungen zu allen Zeiten aus sich heraus innovativ, fähig zur Reform waren. Gewiss, es gab Phasen einer etwas kopflos anmutenden Anpassung an die elektronischen Medien. Auch Zeitungen waren in Versuchung, einen "Häppchenjournalismus" zur praktizieren und allzu viel Energie für das Design zu verwenden. Ich meine, diese Phase ist Vergangenheit. Durch eine bessere Strukturierung des Produkts ist man dem "Segment-Leser", dessen Bedeutung zweifellos zugenommen hat, entgegengekommen. Gleichzeitig wurde die Zeitung als integriertes Informations- und Kommunikationsmedium fortentwickelt. Wir reden wieder mehr über Inhalte. Und dass ein Zeitungstext unbedingt kurz sein müsse, wenn er beim Rezipienten ankommen will, ist auch nicht länger ein redaktionelles Gesetz.

Theodor Wolff hätte vermutlich seine helle Freude an der Wiederkehr der Reportage, und zwar in Blättern aller Größenordnungen. Die Reportage gibt der Zeitung Profil, sie bindet Leser noch stärker an ihr Blatt. Die Reportage ist ihrer Natur entsprechend subjektiv. Sie prägt individuelle Sichtweiten, und sie lebt von individuellen Handschriften. Und dazu gehört auch, dass wir in unseren Zeitungen Wert auf Verständlichkeit legen. Der Leser hat ein Anrecht darauf, die Nachrichten zu verstehen. Journalisten schreiben nicht für ihresgleichen, sie schreiben für den Leser.

Das ist eine Binsenwahrheit. Aber auch Binsenwahrheiten sind mitunter in Gefahr, in Vergessenheit zu geraten. Ich weise nur auf die Häufung von Anglizismen in den Zeitungsspalten hin. Journalisten mögen sich damit bestätigen, wie sprach- und weltgewandt sie sind. Für viele Kunden unserer Produkte ist das schlicht ein Ärgernis: Sie kommen damit nicht zurecht. Information ist aber nur das, was man versteht. Auch an der Schwelle zum dritten Jahrtausend gilt, was Martin Luther 1530 im "Sendbrief vom Deutschen" so beschrieben hat: "Man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden."

Und, meine Damen und Herren, lassen Sie mich auch das sagen: Der Leser hat ein Anrecht darauf, dass ihm Zusammenhänge erklärt werden. Das gilt besonders in Fällen schwieriger historischer Konstellationen wie beispielsweise auf dem Balkan. Wie kommt es, dass Menschen so aufeinander einschlagen? Welche Vergangenheit meldet sich hier zurück? Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich halte die Zeitung für Vieles geeignet, nur nicht für volkspädagogische Maßnahmen. Die Zeitung ist nicht die Abendschule der Nation, da würde sie sich übernehmen.

Auf der anderen Seite ist allerdings nicht zu übersehen, dass das Fach Geschichte an unseren Schulen verkümmert, oft nicht einmal auf dem Lehrplan steht. Das hat Konsequenzen für die Zeitungen. Es ist wichtig, dass es in unseren Redaktionen Mitarbeiter mit einem soliden historischen Wissen gibt, die ihren Lesern auch komplizierte Verwicklungen zwischen Staaten und Völkern erklären und zur Entemotionalisierung, Versachlichung des jeweiligen Themas beitragen können. Zumindest zu Beginn des Kosovo-Krieges waren Anzeichen einer Schwarz-Weiß-Malerei unverkennbar - vor allem im Fernsehen. Auch Print-Medien waren nicht frei davon.

Theodor Wolff bezog einen wesentlichen Teil seines journalistischen Ruhms aus seiner tiefen Kenntnis der deutschen und europäischen Geschichte. Sein Beispiel sollte Journalisten anspornen. Damit komme ich zurück zum Anlass unserer heutigen Veranstaltung: Auch der Preis, den wir heute in Theodor Wolffs Namen vergeben, soll Ansporn und Verpflichtung zugleich sein. Das gilt sowohl für die, die ihn erhalten, als auch für unsere ganze Branche - eben ein "Gütesiegel", das Tag für Tag aufs Neue erarbeitet sein will.

Ich danke Ihnen - und übergebe das Wort an Frau Monika Maron, die ich ganz herzlich bei uns begrüße!