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Prämierter Text

Unschuld mit Grünspan

Von Maxim Biller

Als die Soldaten zu Schriftstellern wurden, waren ihre Opfer längst tot und verfault - oder unterwegs in ein neues, friedliches Leben, in dem Literatur nur Nebensache war. Als die Soldaten nach Worten zu ringen begannen, nach Worten für das, was ihnen in Schützengräben, Wachstuben und Bordellen widerfuhr, versuchten ihre Opfer - wenn sie überhaupt noch bei Bewußtsein waren und all ihre Sinne und Glieder beisammen hatten -, den Krieg, mit dem die Soldaten sie überzogen hatten, für immer zu vergessen. Als dann aber die Soldaten ihre ersten Bücher herausbrachten, waren plötzlich die Opfer der Soldaten wie vergessen, und die einzigen Opfer, die in diesen Büchern vorkamen, waren die Soldaten selbst.

Ich hasse die deutsche Weltkriegsprosa. Ich hasse den in ihr ewig wiederkehrenden Typus des jammernden, feinfühligen Landsers, der unter der Nazi-Maschine in Wahrheit mehr leidet als jeder andere Mensch, der von sadistischen Offizieren und fanatischen Parteileuten immer weiter vom geliebten Zuhause und von dem noch geliebteren Ich fortgetrieben wird, in fremde Gegenden und ausweglose Situationen, und der von seinem Elend so besessen ist, daß er das Elend, das er Polen und Russen, Holländern und Griechen bringt, kaum wahrnimmt, geschweige denn, daß er sich ihm einmal mit derselben Emphase widmen würde wie seinem eigenen.

Aber es ist mehr als nur ihre egozentrische Wehleidigkeit, was mir die Figuren Heinrich Bölls, Hans Werner Richters oder Wolfgang Borcherts so unsympathisch macht - es ist ihr angebliches Unbeteiligt- und Unschuldigsein an dem großen Massaker, das deutsche Männer, egal ob freiwillig oder nicht, sechs Jahre lang unter den Soldaten und Partisanen und Frauen und Kindern Europas anrichteten, wobei sie natürlich auch, wenn sie nicht direkt Hand und Gewehr anlegten, das Projekt Holocaust realisieren halfen, weil SD- und SS-Männer schließlich nur dort Juden umbringen konnten, wo vorher die feinfühligen, leidenden Landser einmarschiert waren.

Nein, ich kann mich an keine einzige Romanpassage erinnern, in der ein deutscher Soldat als unmittelbar Handelnder, als Täter, als Mörder beschrieben worden wäre, ich habe bei keinem der Nachkriegs-Kriegs-Autoren das klare und unmißverständliche Eingeständnis gelesen: Ja, ich habe andere getötet, ja, ich habe geholfen, andere zu töten, ja, ich habe lachend einem Juden den Bart abgeschnitten, ja, ich habe Widerstandskämpfer exekutiert, in fremden Küchen gegessen, in fremden Betten geschlafen! Sie stehen immer mittendrin und dennoch ganz weit daneben, diese Krieger wider Willen; so wie etwa Eugen Rapp, der autobiographisch-literarische Eins-zu-eins-Held von Hermann Lenz in dessen Roman »Neue Zeit«, auch er die Unschuld in Person, auch er ein hochsensibler, introvertierter Jüngling, der natürlich kein Nazi ist und trotzdem natürlich für Hitler in den Krieg zieht. Er symbolisiert wie keine andere Romanfigur die heuchlerische Selbststilisierung der Schriftstellersoldaten der jungen Bundesrepublik, denn er, der beste und geschickteste Schütze weit und breit, gibt in allen Schlachten und Kämpfen keinen einzigen Schuß ab, und als er dann von den Amerikanern gefangengenommen wird, sind die Patronen in seinem Gurt mit Grünspan überzogen, dem Grünspan seiner vermeintlichen Unberührtheit von Mord und Tat. Poetischer kann man sich kaum aus der Affäre ziehen - verlogener aber auch nicht.

Mit dem Krieg kam also die Lüge in unsere Literatur, und wer heute darüber streitet, ob die deutschen Autoren damals zuviel von ihren Fronterfahrungen berichteten und zuwenig von den Leiden der deutschen Zivilbevölkerung, der streitet am wirklichen Problem vorbei. Denn es spielt für einen echten, ehrlichen Schriftsteller absolut keine Rolle, welchen Ausschnitt eines großen weltpolitischen Menschendramas er als Sujet für seinen Roman, für sein Stück wählt, um das große weltpolitische Menschendrama für immer in der Erinnerung und den Herzen seiner Leser zu verdichten. Wichtig ist nur, daß er beim Erzählen die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagt, die Wahrheit über die Guten und die Schlechten, über die Eigenen und die Fremden - und dadurch auch über seine persönliche Rolle in dem ganzen Scheißspiel.

So gesehen muß der ultimative, der alles erklärende und alles klärende Weltkrieg-II-Roman nicht unbedingt in den Schluchten der Ardennen, an den Öfen von Birkenau oder unter einer Horde endkampfbereiter, hitlerverliebter HJ-Jungen spielen. Er kann genauso die Geschichte der Verbrannten von Dresden, der Verjagten von Leitmeritz erzählen - wenn er nur stimmt, wenn die Gefühle und Handlungen seiner Figuren so rein, so widersprüchlich, so wertfrei geschildert werden, wie sie gewesen sind, wenn sein Verfasser nicht, ob nun aus echter Scham oder falscher Selbstentlastungsstrategie, um das, was wirklich war, einen riesigen Bogen macht.

Wie gesagt: Ich glaube nicht, daß es auch nur ein einziges solches ehrliches deutsches Kriegsbuch gibt, denn wenn es das gäbe, dann wäre es ganz automatisch Weltliteratur, und ich würde es kennen. Aber eigentlich könnte mir, der dies hier ein halbes Jahrhundert nach Hitlers Ende schreibt und der ohnehin die ganze schrecklich-schöne Wahrheit über den Zweiten Weltkrieg von Giorgio Bassani, Wassilij Grosmann und Josef Skvorecká erfahren hat - eigentlich könnte mir das Fehlen eines solchen Buchs völlig egal sein, wenn ich nicht glauben würde, daß die wahre Katastrophe für die deutsche Nachkriegsliteratur gar nicht so sehr in den Lügen und dem Schweigen der seinerzeit ewig danebenstehenden Väter besteht, sondern darin, daß die Söhne schon bald von den Vätern das Lügen, das Schweigen und Danebenstehen gelernt haben.

Ganz genau. Wer immer nämlich die deutsche Gegenwartsliteratur dafür kritisiert, daß die Wirklichkeit in ihr lauter blasse, farblose Schatten wirft, wer immer sich darüber beschwert, daß die Schriftsteller von heute vor lauter feinsinnigem, intellektuellem Weltekel und unaufrichtigem Selbstmitleid das Leben so verschlüsselt und gefühllos und ungenau beschreiben, daß man ihnen in ihre künstlichen Welten nicht folgen mag, wer immer erklärt, daß bei dieser Methode die Wahrheit auf der Strecke bleiben muß und damit auch die Literatur, hat natürlich recht - und vergißt zu sagen, daß die Autoren der Gegenwart diese unehrliche, unpersönliche, unliterarische Art des Schreibens selbst gar nicht erfunden haben. Denn das Versteckspiel mit der unverstellten Realität, das Heinrich Böll und seine »Gruppe 47«-Kameraden einst spielten, ist, wie sich rückblickend herausstellt, nichts anderes gewesen als das ästhetische Vorspiel zu dem romantischen Hakenschlagen, das Peter Handke, Botho Strauß, Thomas Hettche, Elfriede Jelinek und all die anderen Großeuphemisten dieser Jahre und Tage betreiben, wenn es darum geht, mehr zu tun, als die Eisblumen ihrer gewalttätigen Tagträume und verheulten Albnächte auf die Fenstergläser der modernen Prosa zu hauchen.

Man muß sie ja fast schon dafür bewundern, weil sie es immer wieder schaffen, sich mit bedeutungsleeren Wortneuschöpfungen, alles kaschierenden Akademismen und schwammigen Pauschalgefühlen aus der Gegenwart und somit auch aus ihrer eigenen, unmittelbaren Teilhabe an ihr herauszustehlen - und man muß gleichzeitig sehen, daß es neben ihnen eine viel größere Gruppe ganz anderer, wohl noch verdrucksterer, verlogenerer Dichter in diesem Land gibt: Es sind jene, die zwar so tun, als würden sie mit klaren Worten Klarheit in das Leben ihrer Figuren und Leser bringen wollen, die am Ende aber ebenfalls immer nur danebenstehen und sich aus ihrer Wirklichkeit auf ihre Art genauso zu flüchten suchen wie ihre Soldatenväter.

Manche von ihnen tun es, indem sie, ohne jedes Risiko, für sie völlig fremde literarische Identitäten annehmen, so wie Ingo Schulze zum Beispiel, der in einem falschen, aufgesetzten Mütterchen-Rußland-Ton von Russen in Rußland erzählt, wie Thomas Brussig, der Philip Roth so hilflos nacheifert wie Harald Schmidt New Yorker Stand-up-Komikern, wie W. G. Sebald, dessen Worte nur dann halbwegs zu sich finden, wenn sie von jüdischen Emigranten geliehen sind. Andere wiederum tun es, indem sie, so wie Helmut Krausser, Patrick Süskind oder Christoph Ransmayr, vor der Gegenwart in eine Vergangenheit davonlaufen, die mal besser, mal schlechter erfunden ist, ihnen aber immer Schutz vor den Konflikten und Anwürfen der Zeit bietet, in der sie hier und jetzt mit ihren Freunden und Feinden leben.

Und dann gibt es noch solche wie Thomas Meinecke oder Andreas Neumeister: Sie glauben, daß der, der in der Schönen Neuen Welt des angelsächsischen Pop um Asyl nachgesucht hat, mit dem Deutschland von heute - und gestern - nichts mehr zu tun haben muß und deshalb für deutsche Fehler, deutsche Steifheit, deutsche Geschichtslosigkeit nicht verfolgt und haftbar gemacht werden kann.

Lüge, alles nur Lüge, und wer lügen will, sollte Wunderpillen auf Jahrmärkten verkaufen, aber nicht Schriftsteller sein. Aber habe ich das nicht schon gesagt? Ja, und ich habe auch gesagt, wie sicher ich mir dessen bin, daß die Handkes, die Ransmayrs und die Meineckes sich zu ihrem genau kalkulierten Rückzug aus der Wirklichkeit - die doch nur ein anderes Wort für Wahrheit ist - von ihren literarischen Vätern inspirieren ließen. Was ich aber noch nicht gesagt habe, ist, warum sie es taten, und so genau weiß ich das auch gar nicht. Ich weiß nur, daß gute Literatur die Menschen besser macht, auch solche, die eines Tages selbst Romane schreiben werden, und wer also als Schüler, als Student in den Lügenbüchern seiner Väter liest, wird später garantiert kein guter Mensch und erst recht kein guter Schriftsteller sein.

Und genau darum also wird er es dann nicht schaffen, das alles erklärende, alles klärende Buch über APO, über RAF, über Stasi, über alte Bonner Nazis und neue Berliner Chauvinisten hinzuzaubern, denn er wird es immer vermeiden, die Wahrheit über seine eigene Verstrickung in diese Dinge, über die er ja nur deshalb schreibt, weil er sie kennt und sie ihn beschäftigen, preiszugeben, so wie einst die Schriftstellersoldaten eben, als sie abertausende Seiten um ihre eigenen Taten herumschrieben - und er wird auch sonst in seinen Formulierungen, seinen Beschreibungen, seiner Erzählstrategie ganz vage und unbestimmt bleiben, denn wer vage und unbestimmt ist, den kann man weder moralisch noch literarisch zur Rechenschaft ziehen. Vielleicht sind ja darum alle Achtundsechziger-Romane, die ich kenne, immer nur banale, unverbindliche Liebesgeschichten, vielleicht ist deshalb die DDR-Bewältigungsprosa so wabrig und flüchtig wie die Wolke, die gerade vor meinem Fenster über den Himmel zieht.

Schlechte Menschen haben keine Bücher. Schlechte Menschen führen immer nur Krieg - gegen andere Menschen oder gegen die Literatur.

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG

Nr. 37 vom 13. Februar 1998

Bewertung der Jury

Maxim Biller erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis in der Kategorie »Essayistischer Journalismus« für seinen Beitrag »Unschuld mit Grünspan«, erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 13. Februar 1998.

Maxim Biller beherrscht mit sprachlichem Schliff die Kunst der Zuspitzung im Geist des politischen Feuilletonisten Theodor Wolff. Sein Text über die Darstellung des Krieges durch deutsche Autoren, die selbst Soldaten waren, fordert nicht nur in Zeiten des Krieges Widerspruch heraus. Er attackiert die - wie er es sieht - »Verlogenheit« der Nachkriegsautoren, die mehr ihr eigenes Leiden sähen, als das, was sie selbst getan haben; das Versteckspiel berühmter Schriftsteller, und den Wirklichkeitsverlust der Gegenwartsliteratur, die sich lieber in die Vergangenheit flüchte, als sich den bis heute ungeklärten Fragen mit einem jeweils »alles klärenden Buch« ehrlich zuzuwenden. Dies ist Journalismus, der zur Auseinandersetzung zwingt.

Kurzbiographie

Gezeichnet: Maxim Biller

Geboren am 25. August 1960 in Prag. Lebt als Journalist und Schriftsteller in München.

1983 bis 1984 Besuch der Deutschen Journalistenschule in München.

Von 1985 bis 1996 Autor und Kolumnist bei dem Monatsmagazin Tempo, seitdem schrieb er bis 1999 regelmäßig für das Zeit-Magazin.

Daneben Veröffentlichungen im Nachrichtenmagazin Der Spiegel, in der Süddeutschen Zeitung, München, Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der tageszeitung, Berlin, in dem Magazin konkret und der schweizerischen Wochenzeitung Weltwoche.

Der Schriftsteller Maxim Biller hat mehrere Bücher veröffentlicht: »Wenn ich einmal reich und tot bin«, Erzählungen (1990); »Die Tempojahre«, Journalistische Arbeiten (1991); »Land der Väter und Verräter«, Erzählungen (1994). Zuletzt erschien 1998 die Erzählung »Harlem Holocaust«.

1994 ausgezeichnet mit dem Tukan-Preis der Stadt München. 1996 in Wien mit dem Otto-Stoessl-Preis und in Brünn mit dem Hauptpreis des Europäischen Feuilletons geehrt.