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Prämierter Text

An der Lagerstatt des Leselandes

Von Karin Großmann

Als König Edmund regierte, waren die Zimmer mit Angst geheizt. Die Leute lebten mit Mühlsteinen im Mund, und die verschluckten Sätze lagen ihnen schwer im Magen. Freche Lieder ließ der Monarch mit Netzen fangen. Aber dann stürzte sein Thron.

Walther Petri erzählt die Geschichte in seinem Kinderbuch »König Edmund der Gefürchtete«. Es sollte 1976 in der DDR erscheinen. Doch zu deutlich roch das Buch nach Revolte, nach König Erich. Es wurde verboten. Der König wurde trotzdem gestürzt. Da konnte Walther Petri seine Geschichte endlich veröffentlichen, 1991 im Altberliner Verlag. Sie hat keinen interessiert. Es kommen weder Mickymaus noch Batman drin vor. Das griesgrämig-grüne Gesicht des Königs grinst.

Das Buch liegt neben tausenden anderen auf Stapeln im Magazin eines einstigen Klosters in Katlenburg. DDR-Ware. Weggeschmissen, fortgebracht, abgeschrieben, ausgestoßen, aussortiert, abgestempelt, abgekippt, entsorgt, vergessen, vermüllt, verurteilt zum Tod durch den Schredder. Das war das Schicksal der Bücher. Pfarrer Weskott hat sie gerettet. Jetzt wachsen sie ihm die Wände hinauf, hinauf unter die weißen Gewölbebögen. Rücken an Rücken gedrängt in Regalen. In Haufen geschichtet. Zu Türmen gebaut. Dutzende Bände von einem Titel. Manche noch verpackt in graues Papier. Andere in Plaste geschweißt. Als sollte das ewig halten. Viele einzelne Funkelstücke. Ein Lesezeichen ist steckengeblieben noch vor dem Ende. Gänge führen durch das Labyrinth der Bücher. Kaum mehr als schulterbreit. Kalt ist es und feucht. Und der Schrecken groß. Diese Menge. Diese ungeheure Menge. Ein Alptraum aus Wörtern.

Und dann gibt es einen Moment, da lächelt aus all dieser Traurigkeit ein Stück Kindheit entgegen. Erstaunt nimmt man's in die Hand. Und blättert gerührt. »Frank und Irene«, die erste Liebesgeschichte, zwei Blondköpfe auf dem grünen Einband. Und dort liegt »Käuzchenkuhle«. Gehaßt-geliebte Schullektüre. Und da ein Stapel Karl May. Lange verpönt und dann doch erlaubt. Kramen in diesem Lager ist ein Erinnern an Leseerlebnisse, an heiß begehrte und nicht erreichte Bücher. Ein Erinnern an etwas, was einmal wichtig gewesen ist. Leben prägend. Es ist nichts mehr wert. Falsch. Es hatte nichts wert sein sollen. Der evangelische Pfarrer Martin Weskott sah's anders.

Es war ein Tag Ende Mai 1991, da entdeckte der Pfarrer beim Zeitungdurchblättern ein Foto von einer Müllhalde mit Büchern. Plottendorf, 42 Kilometer südlich von Leipzig. Nie gehört. Weskott fuhr hin. »Literatur gehört nicht auf den Müll.« Es war ein einfacher Satz, der ihn trieb. Ein selbstverständlicher, wie ihm schien. So selbstverständlich war der nicht. Denn es war ja nicht die gesammelte Ideologie eines aufgehörten Staates abgekippt worden. Unter freiem Himmel lag tschechische Lyrik mit Versen des Literaturnobelpreisträgers Jaroslav Seifert. Dem Regen ausgesetzt waren lateinische Fabeln von Phaedrus. Vom Schimmel bedroht waren Essays von Stefan Heym. Von Hitze gekrümmt der Bildband vom Dresdner Zwinger. Von Ratten benagt die Grabbe-Edition der Bibliothek der Klassik. Vom Wind verstreut Kinder- und Jugendbücher. Als er Heinrich Manns Roman »Im Schlaraffenland« entdeckte, sagt Weskott, habe er sich geschämt. Schon einmal war diesem Schriftsteller Unrecht angetan worden. Nun lag das Bändchen aus der bb-Reihe des Aufbau-Verlags weggeschleudert wie Mist. »Eigentlich hatte ich gehofft, der Lernprozeß sei im Osten und Westen Deutschlands so weit, daß so etwas nicht wieder geschieht.«

Der Pfarrer sammelte auf. Der Wächter der Halde sah weg. Die Plastetüten waren bald voll. Der Pfarrer kam wieder. Er kam wieder und wieder. »Als Theologe habe ich gelernt, eingreifend zu denken und zu handeln.« Beim Theologiestudium in der Deutschschweiz hatte er sogenannte Brockenstuben kennengelernt, wo überflüssig Gewordenes aufgehoben wurde. Aufheben. Bewahren. Gemeindemitglieder halfen, ein Großhändler lieh seinen Lastwagen. Weskott lernte Ostdeutschlands Deponien kennen und Müllcontainer, Keller und Hinterhöfe, er lernte die Annahmestellen für Sekundärrohstoff kennen und jenen staatlichen Buchgroßhandel in Leipzig, wo DDR-Verlage ihre Bestände gelagert hatten. Niemand wollte sie mehr. Nicht absetzbar, hieß es. Das Leseland war bereit, seinen Geist aufzugeben. Buchläden und Bibliotheken brauchten Platz für die neuen guten und die neuen schlechten Bücher. Sie hatten selber zu tun mit dem Wegwerfen. Sie säuberten die Regale vom DDR- Geruch, rigoros oder eher zögerlich, wie die Leser das zu wünschen schienen. Überall warteten Dichter wie Elke Erb und Volker Braun auf ihre Verwandlung in Altpapier. Manchmal kam Pfarrer Weskott zu spät. Da waren sie untergepflügt. »Bücher auf dem Müll«, sagt er, »das ist Beihilfe zur Gewalt.« Schuldige benennt er nicht. Aber natürlich, meint er, hätte es in der Kulturnation Deutschland andere Möglichkeiten gegeben als Deponien, um Bücher abzuwickeln. Wenn da ein Wille gewesen wäre. Es war keiner. Oder hatte doch im Einigungsvertrag etwas über Substanzerhaltung von Kultur gestanden?

Pfarrer Martin Weskott hat mehr als die Substanz in seine Scheunen eingefahren. Katlenburg - »Antiquariat der deutschen Einheit« steht auf dem Papier am Holztor. Winterlinden rauschen darüber hin. Der Wind kommt vom Harz. Streicht um den Berg. Rot leuchtet das flache Kirchdach von St. Johannes. »Lauft nicht dem Zeitgeist nach«, rät Pfarrer Weskott den Konfirmanten in seiner Predigt. »Werdet Originale, keine Kopien. Nehmt nicht Nußecken als Ersatz für die Lebensspeise.« Er zitiert den französischen Schriftsteller Saint-Exupéry. Theologie und Literatur, sagt der 47jährige, hatten schon immer miteinander zu tun. Anderswo mag das verlorengehen. Hier nicht. Im Gemeindebrief werden nicht nur Gottesdiensttermine und Taufen vermeldet. Die Leiterin der evangelischen Bücherstube empfiehlt Lektüre. In ihren Regalen am Fuße des Burgbergs steht manches, was der Pfarrer in Bananenkisten aus dem Osten herangeholt hat. Der Kindergarten der Kirchgemeinde nutzt die Bestände. Wöchentlich gibt es für die Jüngsten einen Büchertag. Die Katlenburger leben mit der Müll-Literatur.

Jeden Sonntag nach dem Gottesdienst kommen die Leser. Die Bücher kosten eine Spende, eine Spende für »Brot für die Welt«. Wie anders klingt das Wort Lesehunger. »Wie viele Bände der Gelehrtenrepublik, Reclam, Leipzig, sind eine Mahlzeit?«, fragt Volker Braun. »Wellfleisch aus Wellpappe.«

Eine Studentin sucht »alles von polnischen Autoren«. Taucht unter und spät wieder auf, glücklich, durchfroren, hält den Packen Bücher wie ein Baby in den Armen. Eine Lehrerin aus Göttingen hat ihre Kollegin mitgebracht. Sie schwärmen über Kinderbücher. Zu Hause habe sie dafür ein Regal freigemacht. Strahlend hält sie ein Buch von Bofinger hoch: »Kennen Sie das?« Sicher. Ist schon ein komisches Gefühl.

Wer will, kann hier ein Land erkennen in seiner Kleinheit und Größe und seinen komischen Seiten. Da liegt, Ironie der Geschichte, Hermann Kant neben seinem Ankläger Joachim Walther. Das »1 x 1 der Fußbodenlegearbeiten« gibt Auskunft auch über den deutschen demokratischen Heimwerker. Jeder Lehrer und Lehrausbilder dürfte den Makarenko wiedererkennen, den es als Prämie für treue Dienste am Schüler gab. Und da liegt Jurij Brezans Lebensbilanz »Mein Stück Zeit«, das jetzt wie eine Neuerscheinung gefeiert wird, weil '89 die Zeit nicht dafür war. Band für Band in die Hand nehmen. Eine vage Ordnung. »Chaostheorie«, sagt Weskott. Die Besucher wälzen den Bestand um. »Suchen kannste hier nicht, hier kannste nur finden«, sagt eine grauhaarige Frau. Sie findet Kochbücher.

Manche tragen Stempel. »Ausgeschieden«, vielleicht war dieser Aufdruck das letzte, was die Bibliothekarin tun konnte in der Gewerkschaftsbibliothek im Stahl- und Walzwerk Gröditz. Werksbibliothek ohne Werk. Friedrich Gerstäckers Roman »Die Blauen und die Gelben« kommt aus der Stadt- und Kreisbibliothek Riesa. »Jette in Dresden« von Helga Schütz aus der Stadtbücherei Zwickau. Die Militärische Fachbibliothek der NVA in Prora hatte Isabel Allendes Bestseller »Eva Luna« übrig. Wohl nicht nur das. Etliche Titel tragen den Stempel der PH Dresden. Jüngst hat sich der MDR getrennt vom Erbe aus DDR-Radiozeit. Martin Weskotts Sammelleidenschaft hat sich herumgesprochen. Er liest immer noch auf, was andere fallenlassen. Westdeutsche Verlage entsorgen Nichtverkaufbares selbst. »Für das richtige Aussondern von Büchern wird in Deutschland mehr Geld ausgegeben als für die Förderung von Literatur«, sagt Martin Weskott.

Er liest, was er aufliest. Wohl kannte er die Spitzenwerke der DDR-Literatur. Jetzt macht er neue Entdeckungen in einem untergegangenen Land. »Wie vieles ist erschienen, was nach Maßgabe der Zensoren nicht hätte veröffentlicht werden dürfen - und auch jetzt von der Literaturwissenschaft nicht wahrgenommen wird.« Pfarrer Weskott nennt Bücher von Armin Stolper, Lia Pirskawetz, Gabriele Herzog, Walter Werner und anderen. »Über der Stasi- Diskussion geht verloren, daß die Freiheit des Wortes und die Hartnäckigkeit der kritischen Schriftsteller obsiegt hat über den Apparat.« Viele Autoren hat er kennengelernt. Sie kommen und lesen, mittwochnachmittags in einem der umliegenden Dörfer, die Pfarrer Weskott betreut, abends in Katlenburg. Wen hätten die Buchberge kalt gelassen. Landolf Scherzer: »Und ich, der sonst neugierig-glücklich in den Bücherkisten der Antiquariate wühlte, bekam bei diesem Anblick das große innere Heulen und wischte mir die Tränen aus den Augen.«

Schriftsteller und Leser reden miteinander. »Die Gespräche zeigen, wie die deutsche Einheit auch hätte verlaufen können«, sagt Pfarrer Weskott. »Wir erzählen uns unsere Biographien. Keiner spielt Jüngstes Gericht.« Im PEN erlebt er auch anderes. »Bei der Exegese der Akten feiert das Ministerium für Staatssicherheit nachträglich seinen Sieg. Die Akten werden nicht im Kontext, nicht historisch-kritisch betrachtet. Eine voraufklärerische Ethik, ein unchristliches Vorgehen hat sich durchgesetzt.« Weskott war in den Ehrenrat des Ost-PEN gewählt worden, der die Beziehungen zwischen Stasi und Autoren untersuchte. Wenige kennen die DDR-Literatur so wie er.

Seine Frau und die Söhne Johannes und Markus sind interessierte Mitleser. Mitleser gibt es auch im Ausland. Hochschulen aus Sarajevo und Belgrad, aus Alma-Ata, Lodz, Brno, Peking bedanken sich für Bücherspenden aus Katlenburg; das Auswärtige Amt hatte die Adresse vermittelt. Weskott schlägt Brücken der Verständigung. Setzt Zeichen gegen die Wegwerfmentalität. Fördert die Nachdenklichkeit. Er hat Helfer in der Gemeinde. Kaum welche im Staat. Die Kirche, sagt er, läßt ihn gewähren.

SÄCHSISCHE ZEITUNG

Nr. 53 vom 23. / 24. Mai 1998

Bewertung der Jury

Karin Großmann erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis in der Kategorie »Allgemeines« für ihren Beitrag »An der Lagerstatt des Leselandes«, erschienen in der Sächsischen Zeitung, Dresden, am 23./24. Mai 1998.

Der Text ist einfach und einleuchtend und nimmt für sein Thema unmittelbar ein. Sein lakonisches, schnörkelloses Deutsch ist beispielhaft für einen modernen Reportagestil. Ein Pfarrer aus Niedersachsen rettet von Mülldeponien alte Bücher aus DDR-Zeiten. Man erfährt: Manches Buch erschien in der DDR, das nach Maßgabe der Zensur nicht hätte erscheinen dürfen. Ein neuer, unbekannter Horizont jener Zeit tut sich auf. Mit ihrem Beitrag trägt die Autorin zu einem differenzierten Bild gesamtdeutscher Vergangenheit und Gegenwart bei.

Kurzbiographie

Gezeichnet: kgr

Geboren am 9. Juli 1954 in Chemnitz, das damals noch Karl-Marx-Stadt hieß.

Besuch einer Schule und Oberschule mit erweitertem Russischunterricht.

1973 bis 1974 Volontariat bei der Freien Presse, Karl-Marx-Stadt.

Von 1974 bis 1978 Studium der Journalistik an der Universität Leipzig.

Seit 1978 Redakteurin bei der Sächsischen Zeitung, Dresden; zunächst in der Außenpolitik, dann im Feuilleton: dort zuständig für Bildende Kunst, Theater und Literatur. Ab 1990 als Feuilletonchefin in den gleichen Aufgabenbereichen. Inzwischen als Chefreporterin auch für die Literaturseite verantwortlich.