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Prämierter Text

Im Westen viel Neues

Von Hubert Wolf

Frische Gesichter - für 53 Städte

Auf das Wort hätte man schon längst kommen können. Strukt-ruhr-wandel. 53 Städte ändern ihr Gesicht.

In 42 Jahren ist der Garten von Hermann Bours einmal fast herumgewandert um sein Haus. Rechts, wo der Garten zunächst lag, entstand ein Parkplatz. Links, wo er dann lag, entstand ein Lagerplatz. Hinten, wo er jetzt liegt, der arme Rest, da kann er auch nicht bleiben: Dorthin kommen eine Gracht, neue Häuser. Was übrigens auch den Parkplatz und den Lagerplatz wieder wird verschwinden lassen, und vielleicht das ganze alte Haus.

»Und wenn Sie gucken«, sagt Bours, der Elektriker, und zeigt jetzt mit dem Finger einmal im Kreis, auf Brache und Bauplätze, auf Wäldchen und Reihenhäuser: »Da war die Werhahn- Mühle, da die GEG, da Küppers' Mühle, Tabakfabrik, Kaffeerösterei, dahinter die Spedition, und da die Kranbaufirma.« Einmal ist er 'rum mit der Beschreibung. Strukturwandel, zum Schwindligwerden. Wo Sperrgebiet war, öffnet sich nun Duisburg dem Wasser. Nur die Adresse ist immer dieselbe geblieben, hier im Innenhafen: Philosophenweg.

Das Ruhrgebiet im Wandel. Alleingelassen vom Elternpaar, der Kohle und dem Stahl. Man sieht sich noch gelegentlich. Um es ganz deutlich zu sagen: Diese 53 Städte standen am Abgrund; sie hätten auch den Weg nehmen können, auf den die Montanregionen Frankreichs und Belgiens geworfen wurden. »Pays noir«, »schwarzes Land«. Sie gingen einen andern, und, was man nicht vergessen darf: Deutschland und NRW halfen dabei kräftig. Erst in den frühen 80er Jahren erreichte die Infrastruktur deutsches Normalmaß: entsprechend viele Schulen, Sportstätten und Krankenhäuser. Nun die neue Architektur: das RWE-Hochhaus in Essen, die Landesbibliothek in Dortmund - vereinzelt noch. Und die neue Wirtschaft. »Aber noch immer«, sagt Burkhard Drescher, »muß hier fast alles als öffentliches Projekt angestoßen werden. Es läuft noch nicht von selbst.«

Das CentrO. wird besucht wie eine Ruhmeshalle des Wandels; und dieser Drescher, der Oberbürgermeister Oberhausens, wird betrachtet als eine Art DJ Obob des Strukturwandels. Kaum eine Podiumsdiskussion, die das Ruhrgebiet über sich führt, glaubt, ohne den Redner Drescher auszukommen: redegewandt, aggressiv, dreitagebärtig. König Midas der mittleren 90er Jahre, der in Fragebögen unter Motto ausfüllt: »Alles Mögliche war einmal unmöglich.« Sein Oberhausen will er durchboxen, und die Parallele liegt auf der Hand: der Mann war Chemielaborant, ging den zweiten Bildungsweg, wurde Lehrer. Und dann OB.

Aus einer Gutehoffnungshütten-Brache wurde ein Einkaufszentrum, aus einem Gasometer eine Kulturkathedrale. Dann das Großkino. Die Kneipenmeile. Technologie-Zentrum. Das alte, neue Schloß. Drescher kommt rein, schüttelt die Hand und sagt: »Was kann ich gegen Sie tun?«

Man brauche »Großprojekte als Motoren für die Mittelständler«, sagt Drescher. Erst das gewaltige CentrO. habe in der Stadt wieder »Optimismus geschaffen. Ein Grundgefühl, modern zu sein. Und die Kraft, überhaupt soziale und kulturelle Projekte weiter zu tragen und neue anzugehen.« Den Eindruck, der Lauf seiner Stadt stocke - das Musical setzt sich kleiner, noch bevor es beginnt; die Filmtrickfirma HDO schlingert, der Coca-Firmensitz kam doch nicht -, diesen Eindruck teilt er natürlich ganz und gar nicht. Man wird sehen, ob er den Krieg noch verliert, den er anzettelte.

Jetzt planen und bauen sie nämlich alle. Duisburg das Einkaufszentrum »Multi Casa«. Dortmund seinen »Ufo«-Bahnhof, ein Einkaufszentrum, das buchstäblich alles in den Schatten stellt: durch Geschäftsvolumen ebenso wie durch schiere Größe. Essen baut an »City West«, Bochum auch an »City West«: Industriekultur, die André Heller künstlerisch anstößt - wer seinen Anima-Park bezahlt, steht aber noch dahin.

Ebenso im Norden, kleiner, gröber, geschuldet dem Entwicklungs-Rückstand: Herner Promenade. »Neue Mitte« Oer-Erkenschwick. Nachbesserung »Marler Mitte«. »Stadtmittelbildung Bergkamen«. Mühelos könnte man Absätze füllen. Immer wieder »Neue Mitte«, was ja den Kern trifft: Die Städte entstanden um Werke herum; viele Werke sind perdu. Aber Brachen sind Chancen: soviel leeres Land, City-nah, findet man in keiner anderen Region.

Im Sommer 1986 wird in Bottrop ein Sprengsatz gelegt. Er trifft, das war die Absicht, den Förderturm von Prosper 3. Er trifft, das war die Folge, auch die nahe Siedlung. »Früher kannten sich alle von der Zeche und von den Festen, das war Gemeinschaft«, sagt Emmi Engel, eine Fahrsteigerswitwe von 75 Jahren. Doch die Alten sterben, und die Jungen halten die Häuser nicht, und etwas bricht auseinander; ihr Sohn sagt: »Wenn du und Frau Lichtenstein nicht mehr sind, sind alles Fremde.«

Da geht immer noch 'was verloren, wie seit den ersten Trabantenstädten: Da geht ein Stück Revier-Zusammenhalt, den die neuen Siedlungen erst einüben müssen - wenn sie überhaupt wollen. Dortmund, Eberstraße: rund, bunt, schön. Neues Wohnen auf der Fläche, die die CEAG (Filter, Feuerlöscher, Grubenlampen) hinterließ. Gemeinschaftsleben? Ein eigenes Haus hat man bereitgestelllt für »Kindertreff« und »Altentreff« und »Gemeinsames Frühstück«. Und eigentlich könnten mehr Leute kommen.

Wandel der Städte. Auch so: Obwohl das Revier Einwohner verliert, verdichtet es noch immer weiter. Niemand legt Hand an die Haard, den tiefen Wald bei Haltern und Oer- Erkenschwick (wobei man erzählen sollte, daß diese Haard vor 200 Jahren Steppe war; daß ihre Aufforstung einer schrägen, sozusagen schwarzgrünen Koalition aus deutscher Romantik und Energiebedarf der Industrien zu danken ist). Aber alle Revierstädte haben seit 1980 zehn bis 20 Prozent Freiraum verloren: bebaut mit Straßen, Siedlungen, Gewerbegebieten.

Der Gewerbeflächen-Mangel, den man noch spürte in den frühen 90ern, der ist behoben - offen für Neues. Aber das Gehen in die Breite ist zum Teil nur Scheinentwicklung, Wandern aus der Ballung an den Rand. Ansiedlung neuer Betriebe? Ja, wichtig; aber im Schnitt zieht eine Firma ganze sieben Kilometer um. Gerade freut sich Unna, eine mit 91 Arbeitsplätzen gewonnen zu haben. Sie kam aus Dortmund.

Am Abend hat Drescher wieder so einen Termin: eine Podiumsdiskussion zum Wandel. Als die Teilnehmer hochgerufen werden, gehen drei über das Treppchen. Aber Drescher nimmt die Bühne in einem Satz. Das ist er sich schuldig.

WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG

Nr. 216 vom 14. September 1998

Die Jungen drücken den Pott an ihr Herz

Ende der 70er Jahre begann das Ruhrgebiet, seiner Geschichte Blumen zu schicken: verschämt, vereinzelt, und den Leuten ein Spott. 20 Jahre später ist es endlich drauf und dran, sich zu verlieben.

Susann Ingenfeld weiß, was ganz typisch ist. Typisch ist, daß zuerst die jungen Manager kommen; diese Gebläsehalle sehen, nein, spüren, die man mieten kann; und daß die jungen Manager dann hier und nirgendwo anders, hier zwischen Pumpen und Rohren, Turbinen und Ventilen, hier ihr Betriebsfest feiern wollen. Gleich morgen bringen sie den Chef! »Und dann«, sagt die 36jährige, »und dann kommt der Chef, der ist älter, und der sagt: Um Himmels willen, hier?«.

Susann Ingenfeld führt die Gastronomie in der Gebläsehalle der alten Hütte Meiderich, die von Firmen bis hinunter nach Köln und hinauf ins Holländische mehr und mehr gebucht wird; auch von der Messe Düsseldorf, wenn sie nicht das gemeine sucht, sondern das besondere. Und was Susann Ingenfeld erzählt, das führt uns mitten in die Geschichte. Es ist eine Geschichte darüber, daß diese verspätete Region vielleicht doch noch Frieden findet mit ihrer Historie. Und daß sie daraus Kraft und Stolz ableiten mag, die ihr seit 40 Jahren so bitter fehlen. »Eine Ironie sondergleichen«, sagt der Bochumer Historiker Klaus Tenfelde, »jetzt, da die Schwerindustrie abtritt, entwickelt sie mentale Kraft und stiftet Identität.« So wie andere Regionen sie aus ihrer Geschichte schöpfen: »Bayern definiert sich immer noch über die Wittelsbacher und Dresden über August den Starken.« Man besuche einmal diese Meidericher Hütte, angestrahlt in einer Samstagnacht. Man trifft da Menschen mit Gänsehaut.

Seit 40 Jahren will das Ruhrgebiet alles mögliche sein, nur das Ruhrgebiet will es nicht sein. Irgendwann damals hat die Montankrise den Stolz der Aufbaujahre zerstört, wie eine unerbittliche Krankheit einen Menschen klein macht; und man verständigte sich weitgehend darauf, irgendwie wie anderswo zu werden zu versuchen. Den Strukturwandel brachte das zwar voran, aber ein Profil will so nicht werden. Nur »Im Herzen Europas« in die Glanzprospekte zu drucken; und dazu den Kartenausschnitt so zu wählen, daß es stimmt: Das machen auch alle anderen Städte von Bordeaux bis Bukarest.

»Ein starkes Stück Deutschland«, der alte Slogan, war ja nicht zufällig austauschbar: Damit kann man auch fürs Alte Land werben oder die Lausitz. Aber wer immer nur ruft: »Wir wollen werden wir ihr«, der ruft immer mit: »Wir sind nämlich geringer«. Das ähnelt präzise dem aufsteigenden Kleinbürger, der, anpassungsgeschmeidig, sofort ein Klavier anschafft, auch wenn er keine Tochter hat. Übrigens werden solche Aufsteiger noch lange abschätziger betrachtet als die, die auf ihre Herkunft stolz sind.

Die Leute in Eisenheim, die in den 70ern als erste um ihre Zechensiedlung kämpften: Die hatten nicht alle Welt gegen sich, das wäre übertrieben, der war das recht herzlich egal; aber im Ruhrgebiet stießen sie auf Fassungslosigkeit. Aber heute gelten die Eisenheimer als Vorbild, ja es gibt Führungen durch ihre Siedlung.

Ein früher Vorbote war auch das Grönemeyer-Lied »Bochum« (»liebst dich ohne Schminke ... wer wohnt schon in Düsseldorf?«). Schimanski, oder: Von Empörung zu Kult. Als Mitte der 70er eine Werbekampagne »Grüße aus Ruß-Land« erwogen wurde, da fegte ein Sturm die Kampagne hinweg; übrigens auch den Initiator. Auf den ersten Blick wiederholt sich die Geschichte heute mit »Der Pott kocht«. Auf den zweiten Blick wird man feststellen: Der Sturm ist nicht gar so heftig, und teilweise nur angefacht von ihrerseits aufregungsbereiten Journalisten.

»Der Pott kocht« ist die aktuelle Werbekampagne des Ruhrgebiets, und der Sinn liegt ja auf der Hand: einen Begriff, der eh nicht wegzukriegen ist, ins Positive zu drehen. Aktivität. Spaß. Leben. Brodeln und eine Prise Bedrohlichkeit. Und Selbstironie, die nur entwickelt, wer in sich ruht. Das Ganze ist heftig umstritten, vor allem das Wort vom Pott, und führt zu merkwürdigen Projektionen. Wie der Ansicht unter Gegnern, das Paar, das auf dem einen Plakat sich zungenküßt, sei ein Paar lesbischer Frauen. Mit Verlaub, das ist nicht so. Und wenn's so wär'.

Was sich da trennt in der Debatte, lohnt näherer Betrachtung. Offensichtlich gibt es eine Altersscheide bei etwa 40jährigen (und ganz vielen Ausnahmen auf beiden Seiten): Die den Pott in Ruß und Rauch noch erlebten, die wehren sich. Auch wehren sich die, die ihn als Maloche und Ausbeutung erfuhren und die heute beim Anblick des Stahlwerks sofort an verlorene Arbeitsplätze denken müssen und an verschwundene Lehrstellen für ihre Kinder.

Und schließich wehren sich viele aus den Rathäusern, weil sie fürchten, ihre Stadt werde zurückgestoßen auf Kohle, Kiosk, Taubensport. Ausgerechnet einer wie Burkhard Drescher, der Oberbürgermeister Oberhausens, steht dann ganz allein da, wenn er eine alte Reviertugend namens Solidarität aufruft: »Ich hab' die Kampagne kritisiert«, sagt Drescher, »aber jetzt, wo sie gemacht wird, sollen doch bitte alle die Klappe halten.«

Aber die ihn nicht mehr so erlebten, den Pott, die drücken ihn an ihr Herz. Die entwickeln Gefühle für eine Waschkaue und Ehrfurcht vor einer Hütte. Man kann ja inzwischen die Initiativen junger Leute zwischen Unna und Moers gar nicht mehr zählen, die alten roten Backstein mit neuem bunten Leben füllen. Vom Dortmunder Straßenbahndepot in der Nordstadt, das ein Handwerker- und Kulturzentrum wird; bis zu Duisburger Getreidespeichern, in die die jungen Dienstleister einziehen. »Vor drei Jahren war ich froh, hier wegzukommen«, sagt Tobias Hannemann aus Dinslaken; zum Geographie-Studium ging der 22jährige nach Trier, macht jetzt ein Praktikum im Oberhausener Touristik-Büro: »Heute ist total spannend, was hier abgeht. Da baut sich ein Regionalbewußtsein auf.«

Ganz offensichtlich ist da was in Bewegung geraten seit drei, vier Jahren. Der Ruhrkohle- Chor mit der Rap-Fassung des Steigerliedes. Allein die Idee, man könnte für Touristen interessant sein. Da überlegt ein Unternehmen mit dem Allerweltsnamen »VSG Verkehrstechnik«, den gelöschten Traditionsnamen »Bochumer Verein, seit 1842« wieder hinzuzunehmen. Und daß sich Geschäftsgründer darum balgen, wer sich »Ruhrpott« als Markenzeichen schützen darf: Das muß man nicht überbewerten; aber bei vollem Verstand in den Konkurs steuern werden die auch nicht gerade. Doch, da ist was in Bewegung.

So wie es ein Irrtum ist anzunehmen, die »Ruhrpott, Ruhrpott«-Rufe in den Stadien hätten nur mit dem zeitgleichen Gewinn zweier Europapokale zu tun. »Ruhrpott, Ruhrpott« rufen sie immer noch, und es erscheint wie die Kurzfassung des Fankurven-Klassikers »Wir woll'n euch kämpfen sehen«.

»Es gibt ein Licht ganz am Ende des Tunnels«, singen sie in der Bochumer »Starlight«-Halle. Es ist 22.25 Uhr, es ist das große Finale. Hat es irgendetwas zu bedeuten, daß dieses, das erfolgreichste Musical im Ruhrgebiet, folgende Geschichte erzählt: Eine Dampflok, alt und rostig, die aus jeder Niete quietscht, läuft zuletzt doch allen anderen davon?

WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG

Nr. 224 vom 23. September 1998

Bewertung der Jury

Hubert Wolf  erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis in der Kategorie »Lokales« für seine Serie »Im Westen viel Neues«, erschienen in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, Essen, im September 1998.

Selten ist das Ruhrgebiet, ist der »Pott«, derart präzise durchleuchtet worden wie hier. Wolf gelingt es vor allem, die psychologischen Prozesse, die hinter den tiefgreifenden Veränderungen wirken, sichtbar zu machen, ohne sie gleich zu werten. Es sind Prozesse, die seit über drei Jahrzehnten währen, aber nie in dieser Art und Weise dargestellt wurden. Die Serie schließt diese Lücke.

Kurzbiographie

Gezeichnet: hw

Geboren am 19. Januar 1961 in Bochum.

Nach dem Abitur Studium der Geschichte, Politik und Publizistik an der Ruhr-Universität Bochum. Zugleich freie Mitarbeit in Lokalredaktionen. 1985 Magister Artium. Volontariat bei der Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Essen; anschließend Lokalredakteur in Witten.

Seit 1989 Reporter der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Schwerpunkte der Arbeit: das Ruhrgebiet in allen Facetten, sowie Reportagen und Feuilleton.

Persönliche Vorlieben sind exzentrische Themen, wie es beispielsweise eine Firma schafft, für 260 Mark das Kilo Hausstaub zu verkaufen.