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Unüberwindlich? Die Mauer in den Köpfen

Von Monika Maron

Festvortrag anlässlich der Verleihung des Journalistenpreises der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis am 16. September 1999 in Leipzig

Zeitungen wollen im Gespräch sein. Um im Gespräch zu bleiben, müssen sie etwas anderes in Gespräch bringen, am besten etwas, auf das man immer wieder einmal zurückgreifen kann, wenn sich Aufregenderes nicht findet. Eine dieser lohnenden Erfindungen war "die Mauer in den Köpfen", nachdem die wirkliche Mauer gefallen war. Ich weiß nicht, ob einer das Wort zuerst benutzt hat oder ob es, weil es so nahe lag, vielen gleichzeitig eingefallen ist, jedenfalls war es plötzlich überall zu hören und zu lesen und seitdem wissen wir, dass, was den Westdeutschen und den Ostdeutschen an einander unverständlich oder auch nur unsympathisch ist, an der Mauer liegt, die sie im Kopf herumtragen; und weil das nicht eine Mauer ist, sondern die Mauer, ist sie unüberwindlich. Da am liebsten von der "Mauer in unseren Köpfen" geschrieben wird, heiß das wohl, dass jedem, auch dem Schreiber selbst, so ein Ding über Nacht mitten durchs Hirn gewachsen sein muss, wo es frühere Denk- und Lernwege nun schon seit zehn Jahren versperrt.

Die Formel von den vermauerten Köpfen birgt in sich die Theorien von den zwei deutschen Kulturen und den zwei deutschen Sprachen. Die Existenz zweier deutscher Sprachen wird für gewöhnlich bewiesen mit den Wörtern Datsche, das vorwiegend von Funktionärskreisen benutzt wurde; Kaufhalle, das als Unterart des Supermarktes auch im Westen bekannt ist; und natürlich Plaste, ein Begriff aus der Chemie, geprägt in den 20-er Jahren, im Osten später so beibehalten, im Westen amerikanisiert zu Plastik und für das wahre Deutsche gehalten.

Natürlich entwickeln Ideologien und Bürokratien ihre eigenen Sprachen, aber kein Mensch ist je auf die Idee gekommen, das Kauderwelsch der Maoisten, Trotzkisten und sonstiger Isten und Istinnen als eine dritte oder vierte Sprache zu bezeichnen. Auch das gibt die deutsche Sprache her, wenngleich 95 Prozent der Bevölkerung vielleicht nicht verstehen, wovon da eigentlich geredet wird.

Als Deutschland noch geteilt war, haben die Ostdeutschen über das Wort "geflügelte Jahresendfigur", die atheistische Umschreibung des Weihnachtsengels, allein gelacht, weil die Westdeutschen es gar nicht kannten. Inzwischen lachen die Westdeutschen über die Blödheit der Ostdeutschen, die alle einen Weihnachtsengel geflügelte Jahresendfigur genannt haben, weil sie in ihrer anderen Kultur und Sprache wohl vergessen hatten, dass er Weihnachtsengel heißt.

Der Sozialismus hat in Ostdeutschland nicht eine andere, sondern eine zerstörte Kultur hinterlassen. Die viel zitierten Theater, Verlage, Orchester haben die Verwahrlosung der öffentlichen Umgangsformen, des herrschenden Geschmacks nicht verhindert, sie haben die Abwesenheit der Öffentlichkeit nicht ausgeglichen und eine zivile Gesellschaft nicht befördern können. Außer von dem autoritären Reglement wurde das öffentliche Leben in der DDR von einem proletarisch-kleinbürgerlichen Gestus bestimmt, der nach dem Zusammenbruch des Systems als deutlichstes Charakteristiktum übrigblieb und im kulturellen Verständnis offenbar für Verwirrung gesorgt hat.

Ab und zu passiert es, dass ein gebildeter westdeutscher Mensch mir erklärt, warum er sich mit jedem Franzosen oder Italiener besser verstehen könne als mit den Ostdeutschen. Manchmal, wenn ich gerade einmal wieder eine Wahlprognose für die PDS gehört habe oder die neuesten Horrornachrichten aus dem Land Brandenburg, sage ich, ich könne ihn gut verstehen. Manchmal werde ich ein bisschen ärgerlich und frage, wieviel französische Bauern oder Fiat-Monteure oder Arbeiter aus dem Ruhrgebiet derjenige zu seinen Freunden zählt. Und manchmal sage ich auch, dass ich schließlich selbst aus dem Osten sei, worauf mein Gegenüber dann sagt: Aber Sie sind ja nicht richtig ostdeutsch. Genau so ergeht es meinen ostdeutschen Freunden, die auch alle nicht richtig ostdeutsch sind. Ein richtiger Ostdeutscher ist nämlich larmoyant und nostalgisch, oder dumpf und rechtsradikal, undemokratisch und wahrscheinlich sogar demokratieunfähig. Wer das alles nicht ist, ist auch nicht ostdeutsch; der gehört zu uns, zu uns aus dem Westen.

Ich will gar nicht behaupten, dass dieses schlichte Bild des Ostdeutschen von den Medien kreiert wurde, aber dazu beigetragen haben sie gewiss. Die einen, weil sich Unglücks- und Schreckensbilder besser verkaufen lassen; die anderen, weil sie, wie die übrige westdeutsche Gesellschaft auch, ihre gewohnten Kämpfe auf einem neuen Feld einfach fortsetzten. Wer im Westen gegen Kohl war, musste nun im Osten gegen Kohl sein, und wenn er sich dabei mit Markus Wolf verbünden musste. Jeder Konflikt wurde zum Ost-West-Konflikt. Welche Professoren lehren durften, welche Journalisten weiter schreiben sollten, wer die öffentlichen Angelegenheiten verwalten sollte, ob mit den Statistiken so oder so verfahren werden sollte, alles wurde zum Ost-West-Konflikt deklariert, als hätte es nicht im Interesse der Ostdeutschen gelegen, den Geist der DDR aus den Hörsälen, Redaktionen und Leitungsetagen zu verbannen. Der wahre Ostdeutsche, so konnte es scheinen, war der Vertreter der alten Macht, und wo er aus dem Amt gejagt werden sollte, geschah ihm Unrecht. Damit wurde der Ostdeutsche auf die Opferfigur der deutschen Einheit reduziert und die andere Hälfte der Ostdeutschen an ihrem Konflikt mit dem alten System und seinen Repräsentanten enteignet.

Wer verantwortet eigentlich, dass die ostdeutsche Lehrerschaft, eine in ihrer Mehrzahl besonders deformierte und obrigkeitsergebene Berufsgruppe, bis auf wenige Ausnahmen im Schuldienst bleiben durfte und bis heute den Kindern die Köpfe mit nostalgischem Unfug verkleistern darf?

Vor kurzem erklärte der Hannoveraner Kriminologe Christian Pfeifer den Zusammenhang zwischen der autoritären frühkindlichen Erziehung in der DDR und der Empfänglichkeit ostdeutscher Jugendlicher für den gewalttätigen Rechtsradikalismus. Als die Mauer fiel, waren die Rechtsradikalen von heute fünf bis zehn Jahre alt. Vielleicht war ja entscheidender für den traurigen Befund, dass sie später, im vereinten Deutschland, Lehrern überlassen blieben, die nicht willens oder nicht imstande waren, die soziale Verunsicherung und politische Orientierungslosigkeit vieler Eltern auszugleichen, die in den Kindern eher das Gefühl nährten, sie gehörten zu den Besiegten, die etwas verloren haben, als dass sie ihnen erzählt hätten, was das Leben in einer Diktatur bedeutet, was das war, das ihnen erspart bleiben würde.

Aber warum ist das eigentlich ein Ost-West-Konflikt und nicht ein Konflikt zwischen der Schule und denen, die unter ihrer eigenen Schulzeit und der ihrer Kinder in der DDR gelitten haben? Oder ein Konflikt zwischen den verklärungssüchtigen Lehrern und jenen, die es ja auch gab, die sich ihre geistige Unabhängigkeit oder wenigstens die Sehnsucht danach bewahrt hatten und die nach 1989 hofften, jetzt sei ihre Zeit gekommen, nun würde auch an den Schulen die Stunde der Wahrheit eingeläutet?

Warum war plötzlich die Würde aller Ostdeutschen in Gefahr, wenn korrumpierten Lehrern und Professoren der Einfluß auf heranwachsende Generationen entzogen werden sollte?

Wie konnte es überhaupt passieren, dass die drei Viertel der Ostdeutschen, die weder PDS noch DVU wählen, in der öffentlichen Wahrnehmung fast verloren gingen?

*****

Seit fast 20 Jahren verbringe ich die Sommer in einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, dicht an der polnischen Grenze, vor dem Krieg einmal das Umland von Stettin, jetzt ein entlegener Zipfel, am ehesten bekannt durch Meldungen des Verkehrsfunks über die Wartezeiten am Grenzübergang Pomellen. Einmal hat das Fernsehen hier einen Film gedreht, in dem es um die Alkoholiker der Gegend ging und um die Alkohol-Beratungsstelle. Und zweimal hat eine große Zeitung über ein Nachbardorf berichtet; zum ersten Mal, als das Ost-Geld in West-Geld getauscht wurde, und zum zweiten Mal acht Jahre später, um festzustellen, dass das Ehrendenkmal für die gefallenen sowjetischen Soldaten von irgendwem noch immer liebevoll gehegt wurde und der Bauer noch weniger Zähne im Mund hatte als beim ersten Mal. Außer der flachhügeligen Endmoränenlandschaft gab und gibt es noch wenig Schönes in unserer Gegend, und was es gibt, das war verfallen, verhunzt und verkommen. Aus dem Dach des Penkuner Schlosses, einem Renaissancebau aus dem 16. Jahrhundert, wuchsen die Birken. Und in die sieben Seen um die Stadt - Penkun war eine Wasserburg - flossen die Exkremente von 10.000 Schweinen. Bis 1990. Dann wurden die Schweineställe geschlossen, Penkun, mit 1.600 Einwohnern die kleinste Stadt der DDR, bekam eine Kanalisation, das Dach des Schlosses wurde auch bald gedeckt. Ein Penny Markt wurde in den Lagerhallen des ehemaligen Agro-chemischen Zentrums eröffnet, ein Gewerbegebiet wurde gebaut, in dem sich bis heute nur ein Gewerbe und die Autobahn-Polizei angesiedelt haben, auf dem Marktplatz war jetzt zweimal in der Woche Markt und dann, schien es, passierte nichts mehr oder nur noch ganz langsam, oder ich habe es nur nicht bemerkt. Vielleicht lag es ja an dem schönen Sommer oder ich hatte es einfach satt, immer nur alles schrecklich zu finden, jedenfalls musste ich in diesem Jahr oft an Helmut Kohl und seine blühenden Landschaften denken, die seit zehn Jahren für immer den selben Witz herhalten müssen, obwohl sie eigentlich gar kein Witz mehr sind und möglicherweise nie einer waren. Zuerst fand ich die erste Ausgabe des "Penkuner Amtsblatts" im Briefkasten, 16 Seiten im DIN A4-Format, gesponsort vom Papier-Laden, der Eisdiele, dem Gasthaus und dem übrigen Penkuner Gewerbebund, in dem die kulturellen Ereignisse des Sommers angekündigt wurden, der neue Pfarrer sich vorstellte, der Kulturverein seine Wiederauferstehung bekanntgab. Dann sah ich die neue ockerfarbene Fassade des Schlosses, dessen Turm nun wieder als Wahrzeichen über das Städtchen ragt und ihm ein Stück seiner Geschichte zurückgibt. In den unteren, provisorisch renovierten Räumen waren eine Fotoausstellung über das alte Pommern und eine über Japan zu besichtigen. Das kleine Museum im Torhaus gab es schon im vorigen Jahr. Und ein türkischer Kulturverein aus Berlin richtet demnächst eine Teestube im Schloß ein, weil vor mehr als 100 Jahren einmal acht Bürger muslimischen Glaubens in Penkun gelebt haben.

Vielleicht muß man die Gegend vorher gekannt haben, um glücklich zu sein, wenn sich hier ein Förderverein für Schloßveranstaltungen gründet, wenn man wenigstens in einem der sieben Seen wieder baden kann, wenn neben jedem Geschäft am Marktplatz ein anders farbiger Rosenstock blüht, wenn die Straßen gepflastert werden, wenn man im Gasthaus plötzlich wirklich gut essen kann und von einer französischen Germanistikstudentin bedient wird, einer Abgesandten der Penkuner Partnerstadt Fors und ein ganz unverhoffter Einbruch südwestlichen Charmes in die nordöstliche Sprödigkeit; wenn allmählich etwas lebt und sichtbar wird, das ein normales soziales und kulturelles Kleinstadtleben zu werden verspricht, wenn auch langsam, wie alles in dieser Region, von der Bismarck behauptete, dort würde selbst der Weltuntergang mit 100-jähriger Verspätung stattfinden.

Die Kieswege um das sowjetische Ehrenmal im Nachbardorf werden immer noch geharkt, die Zahl der Arbeitslosen ist hoch und rechtsradikale Skinheads versuchen auch hier, Angst und Schrecken zu verbreiten. Vermutlich würde ein Journalist, der für Hamburger, Münchner oder Frankfurter Leser aus dieser kleinsten aller ostdeutschen Städte berichten sollte, eher darin ein lohnendes Thema sehen, als in diesen rührenden, im Vergleich belanglos anmutenden Details, die zudem, wie mir genuine Westdeutsche erzählen, noch zu Beginn der 60-er Jahre in westdeutschen Dörfern und Kleinstädten ganz ähnlich zu beobachten waren; womit ich wieder bei der "Mauer in unseren Köpfen" und den zwei Kulturen angekommen bin. Der Osten ist also nur der verspätete Teil der ohnehin verspäteten deutschen Nation.

Vielleicht ist es ja die Peinlichkeit des Guten, die einen Journalisten, der sich in der Regel als kritischer Journalist versteht, daran hindert, auch das Gewordene zu benennen und nicht nur das Fehlende, die Gemeinsamkeiten zu suchen und nicht nur das Andersartige zu belächeln. Das alltägliche Gute ist nicht aufregend, nicht ungewöhnlich, nicht witzig, es gibt keine Pointe her und auch der Schreibende kann daran eher seine Gefühligkeit beweisen als seine Intelligenz. Wenn ich die zarten Anfänge des Penkuner Bürgerlebens beschreibe, empfinde ich das ebenso, zumal sich jeder Lobende dem Verdacht aussetzt, er sei beauftragt, gar genötigt oder verfolge eine bestimmte politische Absicht.

Kürzlich habe ich gehört, dass ein Mensch, den man vor 10.000 Jahren eingefroren und der durch Zufall überlebt hätte, heute in aufgetautem Zustand, ohne größere Probleme als wir alle, den Führerschein machen könnte. Es ist also nicht anzunehmen, 40 Jahre Sozialismus hätten die Ostdeutschen zu einer anderen, nur mühsam in die westliche Kultur zu übersetzende Spezies werden lassen. Die Metapher "Mauer in den Köpfen" suggeriert, es handele sich dabei um etwas Unabwendbares, zwar nicht Natürliches, aber einem Naturereignis Ähnliches, das uns, als wären wir mit Blindheit geschlagen, nicht sehen läßt, was deutlich zu sehen ist. Aber man muß keine Mauer im Kopf oder ein Brett davor haben, um die DDR und ihre Hinterlassenschaft als absurd und unverständlich zu empfinden. Das ging den meisten ihrer Bewohner so, solange sie darin lebten. Ein Viertel, vielleicht auch ein Drittel von ihnen hat das inzwischen vergessen; das unterscheidet sie von der Mehrheit. Trotzdem prägt dieses Viertel oder Drittel, in Zukunft vielleicht ein Fünftel oder Sechstel, das Bild des Ostdeutschen. So bleibt ostdeutsch ein Synonym für nostalgisch, larmoyant und undemokratisch und, was schlimmer ist, so werden die anderen drei Viertel, die mit den Nostalgikern so wenig verbindet wie die meisten Westdeutschen, diesem Bild zugeordnet und ihres eigenen Bildes beraubt. Es ist Zeit, in der öffentlichen Wahrnehmung nachzuholen, was in der Wirklichkeit schon vor zehn Jahren passiert ist: die Ostdeutschen aus ihrem Kollektivstatus endlich in die Individualität zu entlassen.