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Prämierter Text

Bis die Freiheit aufersteht

Von Joachim Käppner

Schlaf, mein Kind, schlaf leis, dort draußen geht der Preuß! Gott aber weiß, wie lang er geht, bis daß die Freiheit aufersteht, und wo Dein Vater liegt, mein Schatz, da hat noch mancher Preuße Platz!

Ludwig Pfau: Badisches Wiegenlied (nach 1849)

Man hat in der Stadt Rastatt der Freiheit ein Denkmal gesetzt, doch das ist lange her. Wer es besuchen will, muß ins Krankenhaus.

Er muß dann an der Aufnahme vorbeigehen, den gelben Zeichen um einige Ecken folgen, Flure mit Krankenbetten und Kaffeeautomaten durchqueren und einen nicht wirklich hilfsbereiten Pfleger ansprechen. Ob er, bitte, die Schleuse zum »Patientenpark« öffnen könne? Er kann, murrend. Das Denkmal ist nicht gleich zu sehen, doch dann findet es sich, ein grober Stein, aufgestellt vor 99 Jahren und »den Opfern des Unverstandes und der Willkür« gewidmet. Jenen 19 Revolutionären nämlich, welche Preußens rachsüchtige Standgerichte 1849 gleich nach der Übergabe der Bundesfestung Rastatt füsilieren ließen.

Aus Willkür, keine Frage. Nur mit dem Unverstand, das ist so eine Sache. Verstand hatten die Feinde der Revolution durchaus. Rastatt nämlich war einmal, für drei lange Juliwochen des Jahres 1849, das letzte Bollwerk der Freiheit im Deutschen Reich. Vor den Gewehren der Revolution brauchte die Gegenrevolution zu diesem Zeitpunkt keine Angst mehr zu haben. Es waren die Ideen der Freiheit, welche sie fürchtete. Nummer eins auf der preußischen Todesliste war deshalb der oberste Name auf dem Gedenkstein: »Elsenhans, Ernst, Literat von Feuerbach«. Ernst Elsenhans, ein sprachgewaltiger Freigeist, Prediger der Revolution und Herausgeber des Festungsboten. Ja, die starken Seelen, guter Gott, das ist es, was uns Deutschen fehlt, schrieb er zu Beginn der Belagerung. Doch er selbst hatte eine starke Seele, so stark, daß er bis zuallerletzt noch den Sieg der Freiheit glaubte: Mögen alle Gutgesinnten dazu beitragen, daß den Rückschrittsmännern die Lust vergeht, uns eine Grube zu graben, in welche sie selbst hineinfallen müssen. Aber da hatten die Rückschrittsmänner dem Elsenhans seine Grube schon gegraben.

Jetzt steht sein Name auf einem vergessenen Stein eines ehemaligen Friedhofs im Garten des Bezirkskrankenhauses, ein Trauerspiel zwischen Trauerweiden. Es sagt viel über eine Gesellschaft, welches Andenken sie ihren Freiheitskämpfern widmet.

Nun aber soll Schluß sein mit den Trauerspielen. Nun kommt die Revolution ins Museum. Und nicht nur in eines. 150 Jahre nach der großen Volkserhebung von 1848 wetteifern die Aussteller geradezu um das revolutionäre Erbe. Ausstellungen in Karlsruhe, Stuttgart, Frankfurt am Main, Rastatt, Schwarzrotgold auf Bierdeckeln, Revolutionswein, Lieder auf dem Leierkasten. In Tübingen wird sogar Altbarde Hannes Wader die selten gewordene Gelegenheit nutzen, ein Publikum für aufrührerische Lieder zu finden. Die Revolution kommt als Wanderausstellung mit der historischen Dampfbahn gefahren und läßt sich in die Kochtöpfe gucken.

Die Revolution. Da war also doch etwas.

Die Deutschen haben ihre Revolutionäre nie geschätzt. Die 48er nicht und alle deren Vor- und Nachfahren ebensowenig. In den USA gibt es fast ein Dutzend Denkmäler für den badischen Revolutionär Hecker. In Deutschland keines. Auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg erinnert nur ein bescheidenes Denkmal sowie eine lakonische Reihe von Sträuchern an die Opfer der Revolutionsjahre 1918-1920. Am alten Bahnhof der Ruhrstadt Wetter ist eine kleine versteckte Tafel den Arbeitern gewidmet, die hier 1920 reaktionäre Freikorpsmänner verjagten, das Fanal für den großen Ruhraufstand gegen den Putsch des rechten Militärs.

In Literatur und bildender Kunst fehlen deutsche Revolutionäre fast völlig. In Alfred Rethels Holzschnitt »Todtentanz aus dem Jahr 1848« ist die Revolution als epochale Katastrophe, als Friedensbruch dargestellt; der »Held der rothen Republik« ist der Tod. Döblins Meisterwerk »November 1918« war lange vergessen und vergriffen, eine Ausnahme macht »Lenz oder die Freiheit« von Stefan Heym.

1974 eröffnete der ungeliebteste aller Bundespräsidenten, Gustav Heinemann, die »Erinnerungsstätte für die deutschen Freiheitsbewegungen« im Rastatter Schloß. Unsere Geschichte, sagte er in einer seiner besten Reden, die ist doch gar nicht so arm an Freiheitsbewegungen. Wir dürften die Erinnerung an aufbegehrende Bauern, kämpfende Arbeiter und liberale Barrikadenverteidiger nicht einfach der DDR überlassen. Das Museum wurde feierlich eröffnet. Und verstaubte im linken Schloßflügel, neben den Säbeln und Uniformen der Wehrkundeausstellung rechter Hand.

Und noch vor wenigen Jahren wollten Rastatter Sozialdemokraten eine Schule nach Ernst Elsenhans benennen. Das Projekt scheiterte im Stadtrat. Ein Revoluzzer als Vorbild für die Jugend? Da könnte man die Schule ja gleich nach Baader und Meinhof taufen, sagte ein CDU-Mann. Aber jetzt! Jetzt sprechen alle von der Revolution und preisen ihr Andenken in wärmsten Tönen. Erwin Teufel, CDU-Ministerpräsident Baden-Württembergs, fühlt sich dem »Vermächtnis der badischen Revolution« verpflichtet ebenso wie Wolfgang Schäuble und Petra Roth und viele andere konservative und nichtkonservative Politiker und Liberale ohnehin.

Anlaß zum Bekenntnis ist reichlich vorhanden: Allein in Baden-Württemberg, einst Hochburg der revolutionären Avantgarde, locken über 600 Veranstaltungen. Die Revolution? Eine wunderbare Sache! Vor allem, wenn sie 150 Jahre her ist.

Es ist heute für viele Politiker gar kein Widerspruch, die Grundrechte - wie jene auf Asyl und Unverletzlichkeit der Wohnung - einzuschränken und sich doch gleichzeitig als Urenkel der Paulskirchenmänner zu fühlen. Und man fragt sich schon, was wohl geschehen wäre, wenn unser Asylrecht 1849 in den USA gegolten hätte: damals, als über 80.000 Menschen allein aus Baden vor der Rache der Gegenrevolution flohen, die meisten nach Amerika. Carl Schurz, der durch einen Abwasserkanal aus der belagerten Festung Rastatt entkam, wäre nicht Innenminister in Washington geworden, Revolutionsführer wie Gustav Struve nicht Offizier der Unionsarmee im Amerikanischen Bürgerkrieg. Dort, in der Fremde, fochten die gescheiterten Revolutionäre gegen die Sklavenhalter ihren zweiten Kampf für die Freiheit aus, diesmal erfolgreich.

So erfolgreich, daß viele Männer mit deutschen Namen dabei waren, als die US-Soldaten 1945 das andere, das finstere Deutschland zerbrachen, bis daß die Freiheit aufersteht, wie es in dem badischen Kinderlied nach 1849 heißt. Und wo Dein Vater liegt, mein Schatz, da hat noch mancher Preuße Platz: Als Preußen dort im Grabe lag, war die Freiheit wiederauferstanden, fast ein Jahrhundert nach der Revolution, die jetzt allen so viel Freude macht.

Tja, sagt Harald Siebenmorgen, das mit der Revolutionsbegeisterung sei doch ziemlich überraschend. Siebenmorgen ist Leiter des Badischen Landesmuseums, das jetzt, am 28. Februar, den Auftakt mit der großen Landesausstellung macht. Gewiß, »die Revolution von 1848 sagt uns heute mehr als viele andere historische Ereignisse«. Gewiß verwirklicht der heutige Staat des Grundgesetzes das, wofür die Barrikadenkämpfer 1848 eingetreten waren: Grundrechte, allgemeine und freie Wahlen, nationale Einheit in Freiheit. Doch man dürfe, sagt Siebenmorgen, die Geschichte der Revolution »nicht einfach als Vorgeschichte der Gegenwart sehen«.

Das wird eine schöne Ausstellung in einem schönen Schloß, eben jenem, aus dem der aus allen Wolken fallende badische Großherzog Leopold 1849 vor den Revolutionären davonhastete.

Schwarzrotgoldene Farben überall, historische Räume vom Biedermeierzimmer bis zur Festungszelle sind nachgebaut, Schauspieler sollen die Besucher ins Revolutionsgeschehen hineinziehen »wie auf einer Theaterbühne«, sagt Folker Metzger, der junge Medienpädagoge des Landesmuseums. Wenn die Revolution schon ins Museum kommt, dann mit den neuesten Waffen der Pädagogik. Das sei auch nötig, meint Metzger, denn für die meisten Besucher sei die Revolution »ein weißer Fleck«.

Es gibt einen tieferen Grund, warum die große Erhebung von 1848 nur so schwache Spuren in der deutschen Gesellschaft hinterließ. Dieser Grund lautet kurz und schlicht: Sie ist gescheitert, nicht nur für den Augenblick, bis daß die Freiheit auferstand, sondern dauerhaft. Als die geschlagenen Verteidiger am 23. Juli 1849 der preußischen Armee die Festung Rastatt übergaben und vor den Wällen mit Schmährufen und Fausthieben empfangen wurden, da war die Revolution mausetot.

Es war, wie der Historiker Thomas Nipperdey schrieb, eine »Schicksalsstunde der Demokratie«, die »uns noch immer mit der Trauer über eine verlorene Möglichkeit erfüllt«.

1849 fiel ein dunkler Vorhang. Die deutsche Geschichte war bis dahin nicht arm an Aufständen für eine gerechtere Welt, nicht ärmer jedenfalls als die der europäischen Nachbarn. Bauern standen mehr als einmal auf gegen die Macht des Adels, Handwerker erhoben sich gegen das Patriziat der Städte und Städte gegen die Willkür der Adelsherrschaft. Im jahrzehntelangen Kampf gegen ihren Herzog gab die Stadt Braunschweig die Devise aus: Es ist nichts besser denn Freyheit, verfluchet sey die Dienstbarkeit.

Nach den Freiheitskriegen gegen Napoleon 1815 versuchte die Reaktion jede Emanzipationsregung zu ersticken. Doch die Dynamik der Demokratiebewegung entlud sich immer wieder und schon vor 1848 in Gewalt. 1831 brennt das Braunschweiger Schloß, 1833 versuchen Studenten und Bürger die Konstablerwache in Frankfurt zu stürmen, 1844 gehen die verarmten schlesischen Weber auf ihre Peiniger los. Friede den Hütten, Krieg den Palästen - dieser Schlachtruf stammt von Georg Büchner, der nach dem Wachensturm schreibt: Meine Meinung ist die: Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es Gewalt.

Und sie hilft. 1848, im »Völkerfrühling«, errichten die Bürger überall in Europa Barrikaden. In Berlin entblößt Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. das Fürstenhaupt vor den »Märzgefallenen« der Revolution, eine Demütigung sondergleichen.

Die Throne wankten. Aber sie fielen nicht. Die 48er-Revolution scheiterte fast überall, nicht nur in Deutschland. Vielleicht war ihre Niederlage unausweichlich. Die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche schuf einen Grundrechtskatalog und eine Verfassung, doch um Einheit und Freiheit zugleich herzustellen, fehlte ihr die Kraft. Die radikalen »Demokraten« hatten zu keiner Zeit die Macht, die alten Gewalten zu stürzen, der Kompromißkurs der »Liberalen« führte zu nichts. Das Volk in seiner Mehrheit wollte weder Chaos noch Blutvergießen. Eine Internationale der europäischen Revolution gab es nicht, auch dies zu ihrem Schaden.

Daß der gewaltige Aufbruch von 1848 gescheitert, jeder Widerstand zwecklos und jedes Opfer umsonst gebracht war, leitete einen Paradigmenwechsel ein, wie er gründlicher nicht sein konnte. Die besten Köpfe des Fortschritts waren tot oder ins Exil geflüchtet. Was sie zurückließen, war eine zerstobene Illusion. Die gescheiterte Revolution von 1848 war nicht Anfang, sondern für lange Zeit Ende der Freiheitskämpfe.

Fortan galt die Revolution nichts mehr im eigenen Land. Geschichte wurde nicht mehr als »Geschichte der Freiheit« gesehen. Der Gegenrevolution war mehr gelungen, als die Nationalversammlung auseinanderzujagen und das badische Revolutionsheer zu schlagen. Sie siegte auch im Kampf um die hearts and minds der Deutschen. Ihr gelang, was die Revolution nicht erreicht hatte: die Einheit Deutschlands, wenn auch nicht in Freiheit.

Die Gewalt von unten hatte doch nicht geholfen. Nun galt sie als unsittlich, staatsfeindlich, verdammungswürdig. Der Historiker Veit Valentin schrieb in den dreißiger Jahren: »Es war die eigentliche Meisterleistung der Gegenrevolution, im deutschen Volke die Überzeugung von seinem Mangel an politischer Begabung sehr weit zu verbreiten.«

Diese Verdammung der Revolution unterscheidet Deutschland von anderen Demokratien, deren Nationbildung revolutionäre Wurzeln hat, den USA, Großbritannien, Frankreich, Italien, Griechenland. Die Furcht vor der Revolution, vor Chaos, ungezügelter Gewalt und Verlust der Ordnung ging so weit, daß sie selbst Männer erfaßte, deren Ziel die Umwälzung der ökonomischen und politischen Machtverhältnisse war: die Sozialdemokraten.

1918 verpaßten diese ihre größte Chance. Statt die Revolution mit den aufständischen Arbeitern und Soldaten durchzuführen, wollten die führenden (Mehrheits-)Sozialdemokraten im »Rat der Volksbeauftragten« sie so schnell wie möglich beenden. Einmal, nur dieses eine Mal, bot sich die Gelegenheit, es besser auszufechten als die Revolution von 1848. Diesmal, als Heer und Flotte gegen den sinnlos gewordenen Krieg revoltierten, hatte die Revolution die stärkeren Bataillone. Ihre Führung schickte sie heim. Es war nicht, wie der große Publizist Sebastian Haffner glaubte, Verrat, den die Sozialdemokraten unter Friedrich Ebert begingen. Sie handelten nach bestem Gewissen. Ruhe, dachten sie, sei die erste Bürgerpflicht, doch es war die Ruhe vor dem Sturm, der 1933 entfesselt wurde.

Manchmal, wenn die Morgensonne scheint und Wolfgang Michalka besonders gute Laune hat, stellt er sich mitten auf den grandiosen Hof des Rastatter Schlosses. Er schaut über die Dächer der Barockstadt bis hinüber nach Frankreich, hinauf auf den Schloßturm, von dem aus der junge Carl Schurz die Einschließung der Festung Rastatt verfolgte: Ich hatte von dort einen herrlichen Ausblick. Wie schön war das alles! Und da lag nun in dieser scheinbar so friedlichen Herrlichkeit der Feind, der uns eng und fest umzingelt hielt.

Michalka ist nun seit gut einem Jahr hier in Nordbaden. Der Historiker, auch wenn er das anders sagen würde, hat den Auftrag, das Freiheitsmuseum gründlich auszumisten.

Einfach ist das nicht. Die alte Ausstellung, gut gemeint, hat soviel Esprit wie eine Stunde Sozialkunde in der Berufsschule. Sie ist ein lehrreicher Katalog an Wänden, über dem die rosa Putten der Schloßdecke lachen. Oft hat Herbert Findling, dienstältester Mitarbeiter des Hauses, mit angesehen, wie etwa Gruppen von Bundeswehrsoldaten nach dem Besuch des Wehrkundemuseums nebenan noch pflichtgemäß durch die Erinnerungsstätte schlurften. Diese war, als Außenstelle des Bundesarchivs, lange Zeit »das ungeliebte Kind mehrerer CDU-Regierungen«, sagt Michalka ketzerisch, knapp an Geld wie an Zuwendung.

Jetzt wird das Kind gehätschelt. Denn jetzt paßt die Revolution wieder ins Geschichtsbild. Heinemanns Griff nach den kämpferischen Freiheitstraditionen mochte 1974 gescheitert sein, aber ein Vierteljahrhundert später drängen sich diese Traditionen von selbst auf. Jede deutsche Revolution ist gescheitert, nur jene nicht, die man am wenigsten erwartet hatte: die friedliche in der DDR 1989.

Drei Gründe scheinen ausschlaggebend für die Renaissance des Revolutionsgedenkens. Erstens paßt, sagt Michalka, »die Revolution nun historisch und politisch zur gesamtdeutschen Demokratie«, erst recht nach dem revolutionären Ende des SED-Staates. Nach 1989 haben sich zwei Traditionslinien zusammengefügt, und erst jetzt ergeben sie ein gemeinsames Bild. Die DDR hatte die Freiheitskämpfe als unmittelbare Vorgeschichte und Erbe ihres Staates interpretiert. »Wir«, schrieb die Zeitschrift Einheit 1985, »trugen die Fahne des Bundschuh... .« Diese Anmaßung gelang um so leichter, als die Bundesrepublik genau das tat, was der linke Bundespräsident Heinemann beklagt hatte: Sie überließ die Geschichte der Freiheitsbewegungen der DDR und widmete sich der Nationalgeschichte.

Zweitens aber eignet sich die bürgerlichste aller deutschen Revolutionen, eben die der 48er, welche die schwarzrotgoldenen Farben der Republik schwenkten, am leichtesten für eine späte Annäherung. Und nicht zuletzt die Historiker haben auf ihrer archäologischen Suche nach Überresten der Revolution so manches zusammengetragen, was heute ein anderes und gar nicht mehr so pessimistisches Bild der gescheiterten Revolution von 1848/49 ergibt.

Heute weiß man, daß nicht alles umsonst war, daß das deutsche Verfassungsleben hier ebenso seine Wurzeln hatte wie die Bildung politischer Parteien. Daß die Deutschen erkannten, daß Deutschland mehr war als die Summe aus drei Dutzend Einzelstaaten, sondern eine Nation, der Vielvölkerstaat Österreich dagegen ein »politisches Ungetüm«, das den Weg in diese Nation nicht finden würde. Die Bajonette der Fürstenhäuser konnten die Revolution umbringen, nicht aber die Evolution, die ihren Ideen entsprang. Es führt kein gerader Weg vom Sieg der Gegenrevolution zu Adolf Hitler, wie man während und nach der NS-Diktatur glaubte.

Drittens aber wollen Leute deshalb mehr von der Revolution wissen, weil das Interesse an der »Geschichte von unten« seit 20 Jahren so gewaltig gestiegen ist. Von Metternich und dem Preußenkönig, der die Krone aus der Hand der Nationalversammlung nicht wollte, hat jeder schon gehört. Aber was in unserer Stadt geschah, wer die Barrikaden auftürmte, das interessiert heute viel mehr.

Mit Schloß und barocken Straßen ist Rastatt eine schöne Stadt, trotz der Lücken, die der Krieg riß, und der üblichen Bausünden. Jenseits der Murg aber, am Rande der südlichen Vorstadt, wirkt sie alt und düster. Eisenbahnbrücke, französische Garnison, viele Ausländer und volle Einkaufswagen vor dem Aldimarkt, in engen Gängen ehemaliger Kasernen toben Kinder und winken den Fremden zu.

Hier, beim Niederbühler Tor, sind noch einige jener Kasematten erhalten, in die Ernst Elsenhans und seine Kameraden vor ihrer Exekution hineingeworfen wurden. Hinter den Resten der alten Festungswälle sind Ausländer in provisorischen Behausungen untergebracht. Ein paar dunkelhäutige Männer stehen herum, junge Russen schleppen Bierpaletten. Von Elsenhans haben sie sicher noch nie gehört. Vielleicht aber von jenen CDU-Abgeordneten des baden-württembergischen Landtages, die jetzt vorschlagen, Asylbewerbern das Heiraten zu verbieten.

Die Revolution kommt nun ins Museum. Der Unverstand leider nicht.

DEUTSCHES ALLGEMEINES SONNTAGSBLATT

Nr. 7 vom 13. Februar 1998

Bewertung der Jury

Dr. Joachim Käppner erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis in der Kategorie »Allgemeines« für seine Reportage »Bis die Freiheit aufersteht«, erschienen im Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt, Hamburg, am 13. Februar 1998.

Der Text behandelt ein historisches Thema, das Revolutionsjahr 1848 im südbadischen Rastatt und die weiteren politischen Reformversuche in der deutschen Geschichte, läßt das Ganze aber vor dem Hintergrund der 150-Jahr-Gedenkfeiern 1998 ablaufen. Die Eröffnung einer Revolutionsausstellung im Rastatter Schloß liefert dem Autor die Möglichkeit, mit unaufdringlicher Ironie die Diskrepanz zwischen den Abziehbildern der Feiertagsreden und der Realität aufzuzeigen. Mit dem Schlußsatz liefert er die aphoristische Pointe: »Die Revolution kommt nun ins Museum. Der Unverstand leider nicht.«

Kurzbiographie

Gezeichnet: jok

Geboren am 6. Februar 1961 in Bonn.

1980 Abitur in Bonn. Studium der Geschichte und Politischen Wissenschaften an der Universität Bonn. 1984 Sommersemester an der Hebräischen Universität Jerusalem.

Januar 1998 Promotion zum Dr. phil. an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH) mit einer Arbeit über »Der Holocaust im Spiegel der DDR-Geschichtswissenschaft«.

Erste journalistische Erfahrungen von 1982 bis 1986 als fester freier Mitarbeiter im Lokalteil des General-Anzeigers, Bonn. 1984 Auslandspraktikum bei der Financial Mail, Johannesburg, Südafrika.

1986 bis 1987 Besuch bei der Deutschen Journalistenschule München. Ab 1988 freier Journalist, u.a. für das Zeit-Magazin und profil. 1993 Redakteur im Politikressort des Deutschen Allgemeinen Sonntagsblattes, Hamburg. 1995 zeitweilig im Berliner Büro, 1999 Ressortleiter für Politik und Wirtschaft.

1999 erscheint der Band »Erstarrte Geschichte - Der Holocaust im Spiegel der DDR-Geschichtswissenschaft« im Ergebnisse Verlag, Hamburg.