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Prämierter Text

Fluchtpunkt für die Volksseele

Von Brigitte Desalm

Für den, der in der Stadt lebt, sind die Tage länger. Irgendwo ist immer noch Leben und Licht. Erst wenn die blaue »Drum«-Reklame vom Büdchen gegenüber nicht mehr leuchtet, wird es ernst mit der Nacht. Dann ist der Mensch ganz auf sich gestellt. Die wichtigsten Bedürfnisse müssen gestillt sein, Vorräte bereitstehen: die Zeitung von morgen, was zu trinken, Zigaretten, wenn's denn sein muß, und vielleicht auch die Eier fürs Frühstück.

Früher war das Büdchen gegenüber eine Schneiderei. Es ist eines von den adretten neuen, denen man ansieht, daß sie gern was Besseres wären. Wie fast alle Büdchen, ist es ein Familienbetrieb, Vater, Mutter, ein erwachsener Sohn - italienische Kölner - wechseln sich ab. Hassan, eine Straßenecke weiter, ist schon seit elf Jahren im Viertel. Er ist Iraner, hat Ingenieurwissenschaft studiert. Türken und Iraner stellen den größten Anteil der ausländischen Kioskbetreiber. Die Iraner sind zu 80 Prozent studierte Leute, sagt Horst Siestig, in Köln der führende Kiosk-Makler. Unter seinen Kunden sind Ärzte, Bauingenieure, Architekten, die nach dem Machtantritt der Mullahs in den Westen flohen, hier aber keine Chance auf dem Arbeitsmarkt bekamen. So entdeckte auch Hassan in Köln das Kiosk- Geschäft.

Schweigsam, ernst wie ein muselmanischer Würdenträger, steht er hinter seiner Theke. Keine Begrüßungsfloskeln. Bei Stammkunden greift die Hand schon automatisch ins Regal, zur Zeitung, zu den Zigaretten. Das Wechselgeld ist schon abgezählt, bevor man überhaupt den Schein hingelegt hat. Hassan, so sieht es aus, steht hier nur aus reiner Güte, weil er weiß, daß er gebraucht wird, und weil das Getriebe draußen in der Welt einfach nicht mit seinem Lebensrhythmus, seinem Stilgefühl zu vereinbaren ist. Morgens um sieben, wenn er aufmacht, hat sich vor dem Kiosk oft schon eine kleine Schlange gebildet - für Brötchen, die Zeitung oder vergessene Dinge für die Schule, die auf dem Weg liegt. Bei Hassan gibt es - wie in jedem richtigen Büdchen - so gut wie alles Wichtige, von Käse bis zum Katzenfutter. Die Kunst des ausgewogenen Sortiments auf 27 Quadratmetern. Dazu noch warmen Kaffee zu jeder Tageszeit.

Was so Besonderes ist an einem Büdchen? Man stelle sich nur kurz vor, es gäbe sie nicht. Ein trüber Wintersamstagnachmittag, das Leben ist ins Stocken geraten, der Mensch versucht sich neu zu orten zwischen Stundenplan und Biorhythmus. Da wird das Büdchen zum Fluchtpunkt angesichts der drohenden existentiellen Leere, es sorgt für einen abgefederten Übergang zwischen der alltäglichen Überversorgung und der absoluten Trockenlegung des Konsumenten am Wochenende.

Büdchen sind so sympathisch, weil sie sich selbst zum Notbehelf erklären. Mit munterem Eiswimpel, Neonreklamen, Werbetafeln sind sie eine Provokation für stilvolle Häuserfronten; ihr Prinzip der Angebotsüberfülle auf kleinstem Raum überzieht auch noch die letzte Ecke, das vollgestopfte Schaufenster, die mit Bildchen vollgeklebte Eingangstür. Zur Büdchenklientel gehören die Eiligen, die Vergeßlichen, die Einsamen, die Mitteilsamen und diejenigen, die nichts haben, aber lieber 30 Pfennig mehr fürs Bier ausgeben, als im Supermarkt abschätzig angesehen zu werden, und die dann mit zitternden Händen ihre abgeschabte Plastiktasche hervorziehen. Kurz zur Definition: Es gibt Kioske und Kioske. Erstere sind kleine Supermärkte, reine Einzelhandelsbetriebe und als solche an die Ladenöffnungszeiten gebunden. In Köln, einem ausgewiesenen Büdchen-Zentrum Deutschlands (neben ein paar Ballungspunkten im Ruhrgebiet), versteht man unter Kiosk aber meist ein Büdchen, das eine sogenannte »Trinkhalle« ist. Nur die Trinkhallen haben nämlich eine Konzession nach dem Gaststättenmodus, bis ein Uhr nachts. Über Getränkeausschank und -verkauf hinaus sind sie berechtigt, »Zubehörwaren« anzubieten, Zigaretten oder Süßigkeiten, hier noch für zehn und zwanzig Pfennig zu haben, die stückweise aus den altmodischen Glasbehältern gefischt werden.

Die allerorts geübte Ausweitung des Sortiments auf frische Lebensmittel und »Weißgottwas« sei, heißt es beim Ordnungsamt, »ein uraltes Thema: Das dürfen die nämlich eigentlich nicht«. Ein »stillschweigendes Abkommen im Sinn des Endverbrauchers« nennt es Hubertus Baumhöver vom Kiosk Jülicher Straße. So entstehen in Köln Traditionen.

Kölns Büdchentradition ist gute hundert Jahre alt. 1892 wurde sie von Carl Nebgen begründet, dem noch keiner ein Denkmal setzte. Dafür ist die Nebgen-Dynastie im Kölner Kioskgeschäft immer noch rege. »Limonadenbüdchen« hieß das früher, und die waren meist in Parknähe anzutreffen. Den Typus des freistehenden, oft spitzgiebligen Holzbüdchens findet man noch hin und wieder, vor der Agneskirche etwa oder am Hohenstaufenring. Daß die Büdchen gerade in Köln wuchern wie in keiner zweiten deutschen Großstadt und inzwischen auf ein rundes Tausend angewachsen sind, hat natürlich tiefere Gründe in der mitteilsamen, seit Agrippinas Zeiten multikulturell konditionierten Volksseele. Die Hemdsärmeligkeit des Umgangs wird gepflegt, allerdings ist sie nicht roh und barsch, wie etwa in Berlin, sondern hat ihre Subtilitäten und Eigenheiten. Schnell kann der Ortsfremde ins Fettnäpfchen treten, der glaubt, sich mit plumper Vertraulichkeit anbiedern zu können. Wer mit Hauslatschen zum Kiosk kommt, um noch Wein für den Besuch am Abend zu ordern, will nicht angequatscht werden, sondern deutet so lediglich an, daß er den Kiosk als Verlängerung des eigenen Wohnzimmers betrachtet.

Auch die Verzällchen sind eine Kunstform für sich. Büdchengespräche kreisen um drei, vier Standardthemen - die Gesundheit, die Preise, die Nachbarschaft - und weisen meist einen hohen Grad an esoterischer Verknappung auf. Jeder weiß, wovon der andere spricht, deshalb begnügt man sich mit Andeutungen, und nimmt den Faden da auf, wo man ihn am Vortag hat fallen lassen. Informationen über Nachbarschaftsdinge holt man sich natürlich auch am besten vom Büdchen. Ganz groß ist darin etwa das stadtbekannte Taxifahrerbüdchen am Brüsselerplatz, einem beliebten Rastplatz der Taxifahrer. Zum Schalterausschank haben Gerd Heinrich und seine Tochter eine Trinkhallenkonzession, geöffnet wird um sechs, und zu allen Tageszeiten hängen um den Schalter kleine Kundentrauben. Den scharfgebrannten italienischen Kaffee brodelt Gerd Heinrich bei jeder Bestellung lautstark im Hintergrund auf.

Gesundheitstee muß es für den Nachbarn aus der Brüsseler Straße sein. Jeden Nachmittag zur selben Zeit vertauscht er, seit seine Frau gestorben ist, die leere Wohnung mit dem Büdchen an der Ecke. Lieblingsthema dieser Tage ist die Frage, warum das Ecklokal von gegenüber schon wieder geräumt wurde. Mit seiner Insidereinsicht in die Geschäftsführung kommentiert Gerd Heinrich: »Kein Wunder, die mußten ja sogar bei mir ihren Wein kaufen, weil denen ständig was fehlte.« Auch mit der Auskunft über den Nachfolger kann er dienen: Ein beliebtes Restaurant des Viertels soll sich für die Räumlichkeiten interessieren.

Fünfhundert Meter weiter in der Antwerpener Straße wird grade der »Internationale Bierkiosk« renoviert. In seinen besten Zeiten hielt Günter Pohlenz hier 2500 Biersorten feil, neben anderen ausgefallenen Artikeln wie Zigarettenpapier aus aller Herren Länder. Vergangenes Jahr gab Pohlenz auf. Mohammed will weitermachen, dabei werden es garantiert ein paar Biersorten weniger und andere Artikel nebst belegten Brötchen mehr sein. Mohammed ist ebenfalls Iraner, hat eine TH besucht und will jetzt nebenbei ein Aufbaustudium absolvieren. Beim Renovieren und Einrichten hilft ihm sein Landsmann Ebrahim, ein Büdchenbesitzer aus der Südstadt, dessen Lob unter anderem Stammkunde Tom Gerhardt verbreitet hat.

Das Biermuseum darf man vermutlich unter die Opfer der krisenhaften Stagnation zählen, die im Vorjahr einsetzte, wie Horst Siestig beobachtete: »Mit den neuen Ladenöffnungszeiten ist es für Kiosk-Betreiber in Innenstadtlagen schwieriger geworden. Die Stadtverwaltung besaß das Feingefühl, ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt zuzuschlagen mit dem Vorschlag einer Sondergebühr von 100 Mark im Jahr pro Frontmeter zur Straßenseite. Nach einem angemessenen Empörungssturm ist die Sache inzwischen wieder vom Tisch.

Büdchenbesitzer zu sein, mit einem 10- bis 17stündigen Arbeitstag, ist ungefähr so schwer wie einer zu werden. Über die aufwendigen und teuren Genehmigungsverfahren und Auflagen stöhnt Hubertus Baumhöver, der als alteingesessener Büdchenmann mit Schwergewicht auf der studentischen Szene (Kiosk Weyerthal) dennoch gerade das dritte Büdchen eröffnet hat. Die exotischen und die dramatischen Seiten seines Gewerbes hat er zur Genüge genossen, jetzt legt er Wert auf bestmöglichen Service, Sauberkeit und nicht zuletzt auf Sicherheitsvorkehrungen.

Typischerweise, erzählt er, seien es meist eigene Kunden gewesen, wenn es zu Überfällen gekommen sei. Einmal waren das in einem halben Jahr drei bewaffnete Raubüberfälle und zwei Einbrüche in seinen beiden Kiosken. Der Abstieg geschehe eben oft sehr schnell und meist nach dem gleichen Muster. Private Schwierigkeiten, eventuell eine Scheidung, dann Alkohol, dann Verlust der Stellung, der Wohnung. »Und dann liegen sie auf den Uni- Wiesen.« Ein paar Jahre später seien sie oft schon nicht mehr am Leben, wie die drei Typen, die ihn vor acht Jahren überfielen, »der eine starb an Drogen, der andere an Aids, der dritte kam bei einer Streiterei um«.

Man lebt nahe der Straße und von der Straße in diesem Gewerbe. Büdchentüren stehen im Idealfall weit offen, selbst im Winter. Was dann alles hereingeweht wird, an Schicksal und Geschichten, das ist hier gut aufgehoben. Einer wie Hassan, der so viel gehört hat, der weiß auch, wann er schweigen muß.

KÖLNER STADT-ANZEIGER

Nr. 62 vom 14. / 15. März 1998

Bewertung der Jury

Brigitte Desalm erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis in der Kategorie »Lokales« für ihren Beitrag »Fluchtpunkt für die Volksseele«, erschienen im Kölner Stadt-Anzeiger am 14./15. März 1998.

Eine der Schwierigkeiten im Lokaljournalismus besteht nicht selten darin, daß wir das, was tagtäglich vor aller Augen steht, gar nicht mehr wahrnehmen. Brigitte Desalm hat mit wachem Blick das Kölner «Büdchen« für ihre Leser neu entdeckt - nicht nostalgisch, sondern als »Fluchtpunkt« in seiner sozialen Widersprüchlichkeit.

Kurzbiographie

Geboren und aufgewachsen in Remscheid.

Nach dem Abitur Studium der Germanistik und Pädagogik.

Ausbildung zur Schauspielerin. Anschließend Engagement am Schauspielhaus Bochum.

Volontariat bei der Deutschen Zeitung. Lehr- und Wanderjahre.

Als freie Literaturkritikerin arbeitet sie für den Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart, die Deutsche Welle, Köln, und das Magazin Der Monat.

Seit 1980 in der Kulturredaktion des Kölner Stadt-Anzeigers zuständig für den Bereich »Film«. Daneben veröffentlicht Brigitte Desalm Film-Essays im WDR-Fernsehen, in der Zeitschrift Stedycam und in diversen Buchveröffentlichungen zum Thema Film.