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Prämierter Text

Ein Unfallopfer mahnt: Es kann jeden treffen

Von Bernhard Stuhlfelner

Der Dienstag 12. April 1994 ist ein naßkalter Tag. Typisches Aprilwetter mit Regen- und Schneeschauer, kühl. Es ist früher Nachmittag. Der 54jährige Alfons Frohnhöfer aus Mühlhausen (Gemeinde Mengkofen) ist mit der 19jährigen Tochter Karin im VW Golf auf der Staatsstraße 2111 zwischen Mengkofen und Dingolfing unterwegs. Gutgelaunt. Als Berufssoldat der Bundesluftwaffe in Freising ist er vor kurzem pensioniert worden. Die tüchtige Tochter steht unmittelbar vor dem Abitur. Ihre schulischen Leistungen lassen ein glänzendes Reifezeugnis erwarten.

Ziel der Fahrt an diesem trüben Dienstagnachmittag ist Dingolfing. Alltagsbesorgungen sind zu erledigen. Auch der Tochter, seinem Stolz, will Vater Frohnhöfer als Motivation für die bevorstehende Reifeprüfung eine Einkaufsfreude machen.

Es ist 14.30 Uhr, als die Tragödie geschieht. Frohnhöfer passiert gerade die Brücke über die Autobahn A 92 kurz vor Dingolfing, als unversehens - wenige Meter vor seinem Golf - ein Lastwagen mit Straubinger Kennzeichen aus der Autobahn-Ausfahrt ungebremst in die Staatsstraße donnert. »Gleich kracht's!«, schießt es Frohnhöfer noch durch den Kopf. Die Tochter neben ihm stößt einen spitzen Schrei aus. Voll auf die Bremse? Zu spät. Frohnhöfer tritt das Gaspedal durch, zieht den Wagen auf die äußerst linke Spur, um ihn noch zwischen Leitplanke und Lastwagenschnauze durchzuzwängen. Er schafft es nicht mehr. Der schwere, wuchtige Brummi erfaßt den leichtgewichtigen Golf, zerquetscht ihn an der Leitplanke wie eine Sardinenbüchse.

Die Bremsen des Lastwagens waren defekt, wird der Sachverständige später als Unglücksursache ermitteln. Sie zeigten keine Wirkung, als der Fahrer seinen Brummi am Halteschild zum Stehen bringen wollte. Stattdessen schob sich das schwere Gefährt quer in die Fahrbahn der Staatsstraße, just als Frohnhöfer mit Tempo 60 die Brücke befuhr, auf der Tempolimit 70 gilt.

Als Frohnhöfer aus kurzer Bewußtlosigkeit erwacht, bietet sich ihm eine verzweifelte Lage. Die Tochter neben ihm ist übel zugerichtet: schwerste Schädel- und Körperverletzungen. Blut quillt aus offenen Brüchen und klaffenden Schnittwunden. Ihr Körper hängt leblos im Gurt, inmitten zerfetzten Blechs und zersplitterten Glases.

Wären die zwei Notärzte aus Dingolfing und Landshut eine, höchstens zwei Minuten später gekommen - sein Kind wäre verblutet gewesen, sagen die Krankenhausärzte Frohnhöfer später, als alles vorbei ist.

Frohnhöfer selbst ist nicht ganz so schlimm zugerichtet, aber in den Wracktrümmern wie im Schraubstock eingeklemmt; er kann sich nicht befreien. Mittlerweile haben sich auf der Staatsstraße in beiden Richtungen sowie auf den durch den Unfall blockierten Autobahnausfahrten hunderte Autos gestaut, registriert Frohnhöfer. Er wedelt mit der Hand aus dem offenen Wrack, gibt heftig Zeichen, schreit, ruft um Hilfe: »Helft uns! Helft uns! Wir sind verletzt.« Fängt an zu beten, ein Vaterunser nach dem anderen, erst leise und stockend, dann immer lauter und inbrünstiger. Zwischendurch laute Hilfeschreie und wieder heftige Handzeichen.

Hunderte sind in der Nähe. Aber niemand ist da, niemand kommt, niemand hilft, niemand tröstet. Keiner nimmt sich der schwerverletzten Unfallopfer an. Leere und Gleichgültigkeit ringsum, verspürt Frohnhöfer. Blanke Verzweiflung befällt ihn, Trauer, Entsetzen, Angst. Seine Tochter neben ihm hält er mittlerweile für tot. Als es ihm gelingt, ihre Hand zu ergreifen, spürt er noch Leben, ganz leichten Pulsschlag. Wieder schreit er um Hilfe, wieder betet er. Frohnhöfer fühlt sich der ganzen Trostlosigkeit dieser Welt ausgesetzt. Warum hilft denn niemand, kommt denn niemand!?!

Der Fahrer des Unglücks-Brummis kann auch nicht helfen. Er braucht selbst Hilfe, sitzt mit Rippenbrüchen und schwerstem Schock zusammengesunken in seiner demolierten Führerkabine. Gut zehn Minuten nach der Alarmierung treffen die Retter ein. Rettung in letzter Minute für die Tochter. Minuten, die für Frohnhöfer die Hölle sind. Wenigstens einer - einer! - so erfährt er später, hat sich gleich nach dem Crash, als Frohnhöfer noch ohnmächtig war, dem Autowrack genähert, kurz nachgeschaut, und vom Autotelefon aus den Alarm ausgelöst. Sonst war nichts. Für den ehemaligen Berufssoldaten Alfons Frohnhöfer, einen durchtrainierten, drahtigen Mann, Marathonläufer, heute 58 Jahre alt, ist das ein traumatisches Erlebnis geblieben, an dem er auch mehr als vier Jahre danach schwer zu kauen hat. Nicht der Unfall, der seine Tochter um ein Haar das Leben gekostet hätte, bedeutet für ihn die eigentliche Tragödie. Nein, es ist die für ihn unfaßbare Tatsache, daß in der Nähe der Unfallstelle hunderte Menschen in ihren Autos versammelt waren, wie auch die Polizei protokolliert hat, und niemand sich bequemte, auszusteigen, nachzuschauen, helfen zu wollen, Trost zuzusprechen - oder einfach nur da zu sein, als Vater und Tochter Frohnhöfer in der größten Not ihres Lebens waren.

Als Alfons Frohnhöfer die Autobahn-Tragödie von Deggendorf jetzt in der Zeitung liest, wie drei Menschen verbrennen, weil sich keine Hand für sie rührt, ist er zutiefst aufgewühlt. Sein eigenes, schreckliches Unfallerlebnis ist wieder traumatisch präsent. Und die Fragen: Wie kann so etwas sein? Warum helfen die Leute nicht? Warum sind sie so gleichgültig der Not anderer gegenüber? Wir sind doch alle Christenmenschen, die moralisch aufgefordert und vom Gesetz her zu Rettungsmaßnahmen verpflichtet sind!

Alfons Frohnhöfer kann's nicht begreifen. Selbst hat er schon mehrmals bei Unglücken Hilfe geleistet - leisten dürfen! -, wie er betont. Unter anderem bei einem Traktorenunfall, als zwei Menschen von der schweren Maschine halb zu Tode gedrückt wurden.

Als Ursachen für die »Täterschaft durch Nichtstun« erkennt das Unfallopfer Frohnhöfer den egoistischen Zeitgeist, in dem sich jeder selbst der Nächste ist, anderen gegenüber gefühllos und gleichgültig, mancher sich möglicherweise sogar am Leid anderer weide. Und natürlich seien die meisten des unseligen Glaubens: Mich wird's nicht erwischen! Fataler Irrtum, sagt Frohnhöfer. Es kann jeden - wirklich jeden! - treffen, und zwar schneller als er das für möglich halte. Dann müsse er in der heutigen Zeit des Wegschauens Glück haben, wenn er die Gnade der schnellen Hilfe erhalte.

Jene Einwände, die Verkehrspsychologen als Gründe für die verbreitete Rettungsverweigerung bei schweren Unfällen erforscht haben wollen - Scheu, Angst, ein Gefühl der Ohnmacht, nicht helfen zu können oder alles falsch zu machen - will Frohnhöfer nur bedingt gelten lassen: »Jeder kann mit nur wenigen Handgriffen Leben retten; jeder kann zumindest seelische Hilfe leisten für schwerverletzte Unfallopfer, die meistens in Todesangst, Verzweiflung und Panik sind«, ist seine Botschaft aus eigener Erfahrung als Helfer und Opfer. Zumindest einer müsse entschlossen die Initiative ergreifen, wenn's passiert ist, beherzt zupacken. Dem leuchtenden Vorbild folgten dann meistens auch andere.

Wenn seine Geschichte in Verbindung mit der betroffen machenden Flammen-Tragödie von Deggendorf dazu beitrage, in den Köpfen mancher Menschen ein Umdenken zu bewirken und dadurch auch nur ein Unfallopfer vor dem Tod gerettet werde oder Hilfe in bitterster Not erfahre, habe sich ihre öffentliche Erzählung schon gelohnt: »Die Menschen müssen wachgerüttelt werden; sie müssen sich auf das besinnen, was ihre Existenz ausmacht: Mensch sein. Und das bedeutet: Helfer zu sein, wenn's am notwendigsten ist.«

Epilog: Alfons Frohnhöfer hat die körperlichen Schäden seines Unfalls längst überwunden. Die seelischen Narben sind geblieben. Er hat seine Geschichte zum ersten Mal einem Außenstehenden erzählt. Er will aufrütteln, Bewußtsein wecken für Notfallsituationen. Tochter Karin lag acht Tage im Koma. Sie ist heute erfolgreiche Bankkauffrau. Ihre körperlichen Unfallfolgeschäden erfordern stetige ärztliche Betreuung.

Kommentar

Mut zur Rettung

Die Umstände des Feuertodes von drei Menschen auf der Autobahn bei Deggendorf hat nicht nur uns Zeitungsleute geschockt. Sie hat auch viele unserer Leser betroffen gemacht, für Diskussionen gesorgt, neues Bewußtsein geweckt. Wenn dutzende Autos an dem brennenden Wagen vorbeirauschen, ohne daß sich deren Insassen einen Deut um das Inferno scheren, gleicht dies einer Bankrotterklärung der christlich-abendländischen Zivilisation. Zwei der Opfer hätten bei rascher Hilfe gerettet werden können.

Auf dieser Seite erzählt ein anderes Unfallopfer seine persönliche Leidensgeschichte, schildert die schlimmsten Minuten seines Lebens. Welche Hölle es ist, wenn ein Mensch Hilfe, Zuspruch und Linderung braucht, sich aber kein Finger für ihn rührt, ihm nichts als Gleichgültigkeit entgegenschlägt.

Wir haben in der Vergangenheit schlimme Fälle der Ignoranz gegenüber Menschen in Not registrieren müssen: Ein Kind ertrinkt im Münchener Olympiaparksee, dreißig Schaulustige gaffen nur. Ein Mädchen wird in der Straßenbahn vergewaltigt, alle schauen weg. Ein Mann liegt nach einem Herzanfall sterbend auf der Straße, die Passanten beachten ihn nicht.

Welcher Teufel steckt in diesem Zeitgeist, daß immer mehr Menschen dem Solidaritätsgedanken aufzukündigen scheinen? Gäbe es nicht auch die leuchtenden Beispiele selbstlosen Rettungseinsatzes, man müßte sich des Philosophen Jean Pauls bissigem Urteil anschließen: Der Mensch ist des Menschen Wolf.

Zugegeben: Es ist nicht immer nur Gleichgültigkeit und Kälte, wenn nicht geholfen wird. Vielfach sind Ratlosigkeit, Scheu und Angst im Spiel, auch die Sorge, alles falsch zu machen oder hinterher verklagt zu werden. Diesen inneren Schweinehund zu besiegen, erfordert Mut. Aber: Nichtstun ist allemal schlimmer als nicht das Richtige zu tun.

Was Fachleute raten

Jede Stunde stirbt in Deutschland ein Mensch im Straßenverkehr, jede Minute wird ein Mensch verletzt, alle fünf Minuten schwer. Mancher Tote könnte noch am Leben sein, wenn rechtzeitig geholfen worden wäre. Dies sind Erkenntnisse von Verkehrsstatistikern und Rettungsdiensten.

Jeder kann in Unfallsituationen helfen, wissen Rettungsfachleute, und wenn es nur die bloße Anwesenheit, das beruhigende Wort ist. Unfallopfer brauchen auch seelischen Beistand - und den kann jeder leisten, machen Verkehrspsychologen Mut. Und Verkehrsrechtsexperten weisen darauf hin, daß jeder Verkehrsteilnehmer gesetzlich zu Rettungsmaßnahmen verpflichtet ist.

Im einzelnen raten Experten zu folgendem Verfahrensablauf:

  • Auto seitlich anhalten, Warnblinkanlage einschalten, Unfallstelle absichern (Entfernung eines Warndreiecks in Ortschaften 50, auf Landstraßen 100, auf Autobahnen 200 Meter).
  • Notruf auslösen und Rettungsdienste alarmieren (ankommende Autofahrer damit beauftragen oder vorbeifahrende anhalten).
  • Erste-Hilfe-Maßnahmen einleiten (je nach Grad der Verletzung). Brennt ein Auto, müssen die Opfer in jedem Fall herausgeholt werden. Die Explosionsgefahr ist verschwindend gering. Es kommt allenfalls zu einer Verpuffung des Benzins.
  • Ständig mit den Unfallopfern reden, beruhigend auf sie einsprechen, auch wenn sie unter Umständen nicht ansprechbar sind.
  • Schaulustige und Gaffer verscheuchen und die Rettungswege für Notarzt, Feuerwehr, Polizei, Sanitätsdienst freihalten und sichern.

Ansonsten raten die Fachleute, sich gelegentlich Gedanken über das mögliche eigene Verhalten zu machen, wenn man von Unfällen hört oder liest, Verhaltensregeln und Abläufe gedanklich einzuprägen, aufzufrischen, damit sie präsent sind, wenn's darauf ankommt.

Erste-Hilfe-Kenntnisse sollten ebenfalls in zwei- bis dreijährigen Abständen überprüft und notfalls aufgefrischt werden.

Notfallausrüstung im Auto (Verbandkasten, Warndreieck, Feuerlöscher, weitere Utensilien) von Zeit zu Zeit überprüfen.

STRAUBINGER TAGBLATT

Nr. 139 vom 20. Juni 1998

Bewertung der Jury

Bernhard Stuhlfelner erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis in der Kategorie »Lokales« für seine Sonderseite »Ein Unfallopfer mahnt: Es kann jeden treffen«, erschienen im Straubinger Tagblatt am 20. Juni 1998.

Ein Vater und seine Tochter erleiden einen schweren Verkehrsunfall - viele hundert Leute stehen ungerührt dabei und wollen wissen, ob die zwei das wohl überleben werden. Bernhard Stuhlfelner hat eine aufregende Reportage geschrieben über Abgestumpftheit, Egoismus und Hilflosigkeit in jedem Sinne des Wortes. Und eine, die vielleicht dazu beiträgt, ein paar Menschen zum Nachdenken zu bringen, nicht nur im Niederbayerischen.

Kurzbiographie

Gezeichnet: stu

Geboren am 17. Februar 1951 in Straubing.

Abitur am Humanistischen Gymnasium.

Wehrdienst.

Volontariat bei der Zeitungsgruppe Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung, Übernahme als Redakteur.

Journalistik-Studium in Berlin.

Seit 1986 Chef vom Dienst und Ressortleiter Sport beim Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung.

Seit 1991 Regionalchef und Ressortleiter Lokales.