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"Wir haben einen wunderbaren Beruf"

Von Thomas Löffelholz

Wir Journalisten haben einen wunderbaren, beneidenswerten Beruf. Das würde auch gelten, wenn es keine Journalistenpreise gäbe. Wir haben einen wunderbaren Beruf, nicht etwa, weil wir mächtig sind, Meinung machen, vielleicht sogar - wie uns Kritiker zornig vorwerfen - die öffentliche Meinung.

Dabei mag es manchmal sogar sein, daß wir sie machen, daß also die Medien die miese Stimmung im Lande befördern, daß sie mit ihrem Lamento dafür sorgen, daß durch die Gesellschaft kein Ruck geht, oder daß irgendwelche gräßlichen Gefahren nicht richtig in den Blick genommen werden, sondern verharmlost - andere beklagen - schamlos übertrieben werden. Es mag sein.

Gelegentlich überkommt uns kollektiv die Emotion, wir gingen mit Abscheu und Entrüstung ans Werk. Das sind die gefährlichen Momente in diesem Beruf. Dann bleibt meist der kühle Verstand auf der Strecke. Oft auch - oder gerade - bei denen, die sich kritische Journalisten nennen. Der Beruf zieht ohnehin mitfühlende Leute - voll der Empathie - stärker an, als nüchterne Kalkulierer. Obwohl Information - unser Geschäft - eigentlich ein nüchternes Geschäft ist.

Es beruhigt mich sehr, daß wir so mächtig nicht sind. Die Fälle jedenfalls, in denen wir in dem geschilderten Sinne allesamt blind in eine Richtung rennen und Hysterie oder Euphorie verbreiten, sind doch eher selten. In der Regel produzieren wir vor allem Stimmengewirr. Dies ist für den Leser manchmal unbequem, aber es gab in der Geschichte der Menschheit schlimmere Zeiten. Zeiten, in denen man lernen mußte, zwischen den Zeilen zu lesen. Theodor Wolff hat sie erlebt. Die moderne Klage, daß wir uns zu Tode informierten, ist das kleinere Übel.

Es schmerzt vielleicht manchen, sich einzugestehen, daß kein einzelner unserer Artikel die Weltgeschichte in eine andere Richtung gelenkt hat. Für den Berufsstand ist es ein Vorteil. Nicht auszudenken, was geschähe, wenn wir für die Folgen alles dessen verantwortlich wären, was wir berichten, und nicht nur für die Korrektheit dessen, was wir schreiben. Wir wären plötzlich Politiker; und vermutlich würden wir wie Politiker handeln. Wir wären mit der Frage konfrontiert, ob dies oder jenes zu sagen, denn opportun sei, ganz allgemein oder für diesen oder jenen guten Zweck. Es würde den Beruf ruinieren.

Nicht etwas zu "machen", ist die Herausforderung, sondern etwas zu sehen und zu beschreiben. Wir sind - wie es ein bedeutender Kollege ausdrückte - immer dabei, aber wir gehören nie dazu. Wir sind von Berufs wegen Beobachter. Es ist eine Arbeit, bei der man vielen Menschen begegnet, bedeutenden und durchschnittlichen, Schurken und Helden, ihre Sorgen kennenlernt, aber auch ihre Faszination. Es ist eine Arbeit, bei der man nie aufhört zu lernen und dazuzulernen, und das macht sie reich. Wir können uns eine Meinung bilden; und wir sehen das, was wir schreiben, gleich hundertausendfach gedruckt.

Ich habe mir nie vorstellen können, daß es ein Beruf ist, bei dem sich Arbeit und Freizeit trennen lassen, der sich in feste Arbeitszeiten, in eine 35-Stunden-Woche beispielsweise, packen läßt. Es ist ein Beruf, der - jedenfalls dort, wo er gut ist - von der Individualität der Menschen lebt, die in ihm arbeiten. Theodor Wolff hat es als die entscheidende Aufgabe für die Arbeit in einer erfolgreichen Redaktion genannt, viele Temperamente zusammenzuführen, allen die Chance zu geben, ihre Persönlichkeit zu entfalten, und aus all den "Eigenwilligen und Eigenartigen eine Einheit zu bilden".

Journalisten werden nur dann Gutes schaffen, wenn sie von dem, was sie tun, fasziniert sind. Damit guter Journalismus eine Chance hat, ist es wichtig, daß die Verlage ihren Redaktionen Freiheit und Arbeitsmöglichkeiten geben. Das hat seinen Preis. Aber er macht sich bezahlt, beim Leser, beim Verleger. Und bei uns, die wir schreiben und schreiben dürfen, engagiert und neugierig.

Thomas Löffelholz, langjähriger Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung" und der Tageszeitung "Die Welt" wurde 1998 für sein Lebenswerk mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet.