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Prämierter Text

Bielefeld ist nicht Schilda

Von Wilfried Massmann

Der Problemstau im Rathaus wird immer größer, aber erst genießt jedermann einmal Urlaub. Bei einigen darf's auch etwas mehr sein, zum Beispiel eine Kur. Der politische Stillstand sorgt jedoch weniger für Ruhe, eher für Lähmung.

Oberbürgermeisterin Angelika Dopheide (SPD) beendet in acht Tagen ihre vierwöchigen Ferien. Umweltdezernent Martin Enderle - zwar parteilos, aber mit der Option der größten Regierungsfraktion auf Nichtwiederwahl im Jahr 2001 - hat zweieinhalb Wochen lang die Stellung im Rathaus gehalten.

Enderle kann ab heute, durch einen Unfall leicht gehandicapt, in die Ferien fahren, nachdem vorgestern sein Kollege Rainer Ludwig (BfB) aus der Kur zurückgekehrt und um zehn Kilo leichter ist. Der Konservative, erst seit Ende 1990 im Amt, ist bereits dienstältester Beigeordneter in dieser Stadt und darum zunächst offizieller Vertreter der Oberbürgermeisterin in der Verwaltungsleitung. Doch nach acht Tagen Schreibtischarbeit startet der Dezernent für zwei Wochen in den Sommerurlaub.

Pünktlich kommt dann Kulturbeigeordneter Dr. Albrecht Peter Pohle (FDP) frisch aus den Ferien zurück, um zwei Tage lang die Oberbürgermeisterin sowie die Beigeordneten Ludwig und Enderle zu vertreten. Zusätzlich Stadtkämmerer Dietmar Hille (SPD). Denn der tritt heute - nahtlos - nach einem dreiwöchigen Urlaub eine vierwöchige Kur an, um ein Bandscheibenleiden zu lindern.

Jürgen Heinrich (SPD), politisches Multitalent, aber mit gebremstem Karriereschub bis zur Verwaltungsspitze, feiert Resturlaub ab und ist ab 1. August für fünf Jahre als Expo-Beauftragter beurlaubt. Ex-Sozialdezernent Dr. Johannes Kramer (CDU) ist inzwischen als Geschäftsführer in die stadteigene Krankenhaus-GmbH gewechselt, mußte sich aber verpflichten, dem Rathaus als »Ehrenbeamter« für den Bereich Gesundheit weiterhin zur Verfügung zu stehen.

Schuldezernentin Barbara Schwarz (Grüne) ist krank geschrieben - wahrscheinlich für immer, und Personaldezernent Horst Maas (CDU) hat bekanntlich rechtzeitig den Absprung als Bürgermeister nach Konstanz geschafft. Natürlich urlauben und kuren noch viele andere der knapp 5.000 Verwaltungsmitarbeiter dieser Stadt. Wer allerdings am Arbeitsplatz geblieben ist, darf grübeln. Immerhin hat der Stadtrat kurz vor Ferienbeginn das Konzept »Konzern Stadt« beschlossen. Die Hinterbliebenen wurden danach mit allen Fragen und Problemen zurückgelassen. Es ist Urlaubszeit.

Der Kämmerer, ein Mann der Tat, hat einen Tag vor Antritt seiner siebenwöchigen Abwesenheit eine Haushaltssperre verordnet. Bis zur Rückkehr der Oberbürgermeisterin nächste Woche kann niemand vor Ort daran rütteln, in drängenden Fragen - so verlautet vertraulich aus dem Rathaus - suchen Mitarbeiter der Kämmerei auch schon mal beim Geschäftsführer der Stadtwerke, Wolfgang Brinkmann (SPD), Rat und Trost. Denn er gilt als einer der wenigen, die überhaupt noch den Durchblick im Rathaus haben und unruhig in den Startlöchern scharren, um den Konzern Stadt - ebenfalls als »Ehrenbeamter« - mit zu managen.

Daß im Rathaus nebenbei auch noch 40.000.000 Mark gesucht werden, um den nächsten Etat ausgleichen zu können, sei nur am Rande vermerkt. Im übrigen gab und gibt es bei der Stadt Bielefeld immer eine große Zahl fleißiger und pflichtbewußter Beamter, Angestellter und Arbeiter, die sich den Bürgern und dem Gemeinwohl voll verpflichtet fühlen.

Bielefeld ist nicht Schilda, jene Ansammlung verbohrter Kleinbürger. Unsere Stadtführung umweht eher der Hauch eines kommunalpolitischen Dallas. Getreu dem Motto: Trotz aller Probleme nicht verdrießen, erst einmal das Leben genießen! Schließlich steht man nie mit dem Rücken an der Wand - dazwischen befindet sich immer noch der Steuerzahler.

NEUE WESTFÄLISCHE

Nr. 171 vom 26. Juli 1997 

Bewertung der Jury

Wilfried Massmann erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 1997 in der Kategorie »Lokales« für seinen Beitrag »Bielefeld ist nicht Schilda« erschienen in der Neuen Westfälischen, Bielefeld, am 26. Juli 1997.

Am Beispiel des Bielefelder Rathauses kommentiert der Autor politischen Stillstand und Lähmung der Verwaltung während der alljährlichen Urlaubszeit - ein Vorgang, wie er sich in vielen deutschen Behörden abspielt. Er beschreibt humorvoll den Gegensatz zwischen Anspruch und Wirklichkeit: dem vom Stadtrat vor Ferienbeginn beschlossenen Konzept »Konzern Stadt«, das moderne Unternehmensführung demonstrieren soll, und der Tatsache, daß schon nach wenigen Tagen Mitarbeiter und Bürger von den Verantwortungsträgern mit ihren Fragen und Problemen allein zurückgelassen wurden. Der Beitrag schließt versöhnlich mit dem Hinweis auf die große Zahl fleißiger und pflichtbewußter Bediensteter, die den Verwaltungsbetrieb in Gang halten.

Kurzbiographie

Gezeichnet:

ass oder Stefan German

Geboren am 19. September 1941 in Trier.

1964 bis 1966 Volontariat bei der Freien Presse, Bielefeld.

1968 halbjähriger Aufenthalt in den USA.

Seit Oktober 1968 Redakteur der Neuen Westfälischen, Bielefeld; seit 1986 stellvertretender Ressortleiter Lokales Bielefeld.