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Prämierter Text

Wer aus dem Staunen herauskommt

Von Uwe Schmitt

Über die ersten Symptome der Metamorphose, die Kundige nach den japanischen Reisstrohmatten »Tatamisierung« nennen, hatten wir gelächelt. Was sollte es schaden, daß wir uns bei Verbeugungen am Telefon ertappt hatten, daß wir uns angewöhnten, ständig Entschuldigungen im Mund zu führen, gemurmelte Rückversicherungen und Unterwerfungszeichen zum Beweis, daß man keine Waffen trägt. Kurios und harmlos auch die Beobachtung, erlernt zu haben, wie man aneinander vorbei redet, ohne Blickkontakt, gedankenlos Zustimmungsfloskeln einwerfend: das rücksichtsvolle japanische Reden und Redenlassen, der gnädigen Lüge eher verbrüdert als der Wahrheitsfindung.

Seltsamer aber, beunruhigend, war die Erfahrung, daß bei jedem Besuch in der Heimat die Zahl häßlicher Menschen zunahm. Immer mehr Gesichter schienen von aggressiver Übellaunigkeit verzerrt. Ihre Gestalten, deren Grobschlächtigkeit von schäbigen Jogging-Anzügen nachteilig unterstrichen wurde, wuchsen wie verrenkte Bäume aus den Straßen. Stockend, legasthenisch wirkte ihre rudernde Körpersprache; und die Stimmen tönten prahlerisch und herrisch, als solle jedermann wissen, daß dort einer stehe, mit dem nicht zu spaßen sei. So erschien uns Deutschland, Europa und überhaupt das Abendland.

Wir waren ein wenig erschrocken, daß wir uns auch selbst als häßlicher empfanden. Doch amüsierten wir uns über die Karikatur, die nichts anderes sein konnte als Überreiztheit, eine Scheinschwangerschaft der Sinne, die nach Tagen verflöge. Noch ahnten wir nicht, daß uns in Wirklichkeit Netzhäute gewachsen waren, die einen anderen, japanischeren Blick geboten. Die kafkaeske Wandlung zum Kulturmutanten hatte sich unbemerkt und in Notwehr vollzogen. »Die Fremde ist nicht Heimat geworden, aber die Heimat Fremde«, notierte entsetzt der ins Exil getriebene Alfred Polgar. Man muß kein Verfolgter sein, um sich ortlos zu fühlen.

Japan kann pathetisch machen. Es verleitet zur Rührseligkeit und, je nach Jahr und Tag, zu einer Verzweiflung, die nach Rache schreit und sich in Amokphantasien ergeht. Man sollte in Quarantäne bleiben und nicht schreiben an solchen Tagen, sie machen frösteln wie eine Sonnenfinsternis im Land der aufgehenden Sonne. Nicht, daß Japan überrascht wäre oder ernsthaft beleidigt. Allen Ausländern, einer knappen Million Exoten unter 124 Millionen, wird jede Narretei zugetraut und verziehen. Das japanische Außenministerium in Tokio, dem sich etwa siebenhundert Auslandskorrespondenten zur Pflege anvertrauen, behandelt sie, bisweilen unter kopfschüttelndem Seufzen, mit einer Ammenlangmut wie eine Horde ungebärdiger Findelkinder. Daß die Korrespondenten Dankbarkeit durch freundliche Berichte über das Gastland abstatten, wird ersehnt, aber nicht erwartet.

Der Disziplinierungskanon, der zumal seit dem verlorenen Krieg und dem Verlust des Gottkaisertums von den eigenen Medien obrigkeitsstaatliche Selbstverleugnung bis zur Selbstzensur erwarten darf, versagt bei Ausländern. Und wenn diese regelmäßig bescheinigen, daß Japans Rechtsstaat, daß Demokratie und freie Marktwirtschaft subtilen Ettikettenschwindel betrieben, herrscht nur Erstaunen. Selten entrüstet man sich über die Unverschämtheit der Gastarbeiter. Woher sollen sie es besser wissen.

Allenfalls gestattet sich das offizielle Japan ein Gefühl, das sich aus dem Oszillieren zwischen Erwähltheitsvermutung und Minderwertigkeitsverdacht speist: stolzes Selbstmitleid. Wie nur, können sich Japaner noch heute fassungslos fragen, vermag dieses arme, kleine, von Taifunen und Erdbeben zur Demut gezwungene, pazifistisch verfaßte, einsam vor Asien treibende Archipel solches Mißtrauen zu erregen. Der während Japans Rezession etwas aus der Mode geratene Begriff Japan bashing, die angebliche Verschwörung der westlichen Industrienationen, im Stil der Klassenkeile auf den Musterschüler Japan einzuprügeln, durfte sich rühmen, als Ausweis landsmannschaftlicher Paranoia einzigartig in der Wettbewerbsgeschichte des globalen Kapitalismus zu stehen. Die Japan GmbH, die es nicht gibt und die sich zugleich in der Macht des nationalen Zusammengehörigkeitsgefühls japanischer Konzerne manifestiert, gleicht einem Karatekämpfer, der, weil er schließlich unbewaffnet sei, von seinem Gegner verlangt, das Messer aus der Hand zu geben. Die lebensweise Geschäftstüchtigkeit Japans aber scheint erst in dem Gleichmut auf, mit dem das Land zur Kenntnis nimmt, daß der Gegner nicht daran denkt, der Aufforderung nachzukommen.

Es wird viel und leidenschaftlich gespielt in diesem Land, asobi (Spiel) mit Frauen, Geld, Kindern, Masken. Ein Land, von dem manche meinen, es spiele sich nur, es gebe sich selbst als grandioses Gesellschaftsdrama. Alle sind Mitspieler, jeder kennt seine Rolle, im Chor der Millionen wie unter den wenigen Helden, die sich aus ihm lösen, um auf den Hymnus zu antworten. Die ideologische Inszenierung, je langweiliger, desto besser, zelebriert die heilige Planbarkeit des Unvorhersehbaren als Tragikomödie. Es ist ihr sehr ernst mit dem Spiel. Die Melange vereinigt die No-Verneinung des Gesichts mit der grellen Androgynität des Kabuki und beides auf wundersame Weise mit Disney-Sentimentalität, Dior-Kostümen, Satyrspielen von Bill Gates. Improvisation, Spontaneität, Kreativität und andere subversive Zumutungen werden in der Beschwörung des Immergleichen als Opfer dargebracht, um die Götter und ihre Naturgewalt zu besänftigen. Publikum, besonders ausländisches, war nie vorgesehen. Es ist eine Laune des Welthandels. Doch stört es nicht weiter, Ausländer sind durchsichtig. Tokio, eigentlich Japan selbst, meint der Schriftsteller und Lehrer Walter Vogel, ein bekennender Masochist, sei für Europäer »die größte Lebendbestattung der Welt«. Es könne hier nur halbwegs normal bleiben, wer in sich gespalten sei.

Japan kann überspannt machen. Nicht nur Herrn Vogel, auch uns bisweilen. Anstoß mag daran jeder nehmen, für den es keine unheimliche Erfahrung bedeutete, seine Metamorphose am lebendigen Leib zu verzeichnen - vom ahnungslos aus dem Westen einfliegenden Schmetterling zur wissenden Seidenspinnerraupe: ein Rückzug in die Schöpfung, der naturgemäß mißlingt. Es hat wohl Gründe, weswegen man sich selbst in keinem anderen Land so rasch aus den Augen verliert und seine Form vergißt wie in Japan. Das Erlebnis überwältigender Fremdheit ist es nicht. Sie mag ja auch anderswo zu verkraften sein, wo sie nicht solche Furchen ins Selbstbewußtsein schlägt. Doch nur in Japan steht der Fluchtweg in törichten Überlegenheitswahn nicht offen, sei er mühsam kulturell begründet, mit dem Bruttosozialprodukt oder der Währungsstärke. Nirgendwo sonst fordert eine Nation damit heraus, so fremd und so reich zu sein.

Eine Nation, die in dem Hochtechnologie-Wettbewerb der Ersten Welt zum gefürchteten und bewunderten Mitspieler aufgestiegen ist und zugleich in gesellschaftlichen Strukturen der Vormoderne verharrt: Japan, die ausgreifende Industriemacht und selbstgenügsame Hochkultur, ist ein Paradoxon. Und weil es nicht sein kann, bietet das Land eine formidable Projektionsfläche für die abwegigste Theorie und die verwegenste Hommage. Man kann Japan ungestraft verklären als zenschweres Mönchskloster, wo das Weltgezerre im meditierenden Blick auf Steingärten getilgt wird und Toleranz alle Klassengegensätze aufhebt. Man kann ebenso die neureiche Feudalfirma erkennen, die ihre Volksbelegschaft fürsorglich versklavt und die Intellektuellen neutralisiert, indem sie ihnen unzugängliche Ehrentürme errichtet. Alle haben recht. Das Aufwühlende, den Ausländer zutiefst Verwirrende, bleibt das Versagen seiner Erkenntnistechnik angesichts der Versöhnbarkeit von Widersprüchen, die eigentlich jede Kultur sprengen müßten.

»Die Erscheinung, die man gerade zu fassen vermeinte, entweicht wie ein Luftbild . . . Sie (die Japaner) sind und bleiben rätselhaft, im Guten wie im Bösen. Ihr Reiz ist ebenso unerklärlich wie das Abstoßende, dessen sie fähig sind. Zögernd wandert der Blick zwischen Anmut und Roheit hin und her.« Friedrich Sieburg, der dies auf einer kurzen Reise in der ersten Jahreshälfte 1939 bemerkte, dürfen wir in demütiger Bescheidenheit zu einem unserer Vorgänger erklären, zusammen mit Richard Sorge, Stalins genialischem Spion, der in Tokio gehängt wurde. »Wo sie für raffiniert und überzüchtet gehalten werden«, fährt Sieburg fort, »da brechen sie plötzlich mit ihrer Entschlußkraft und starren Planmäßigkeit hervor; wo sie für unbeugsam und gradlinig gelten, überraschen sie jäh durch ihre Geschmeidigkeit und verschwinden im Helldunkel ihres unbestimmten Zögerns.« Treffender ist es nicht zu beschreiben.

Sieburgs von der Zeit aufgedrängte Irrtümer, die gelegentlich etwas saure Verzückung und der Militärmaschinen-Kitsch in seinem Buch »Die stählerne Blume« verblassen hinter seiner fabelhaften Beobachtungsgabe und Sprachgewalt. Gelten kann noch immer, was er im Japan des Chinafeldzugs nach nur wenigen Jahrzehnten der Öffnung wahrnahm: fortwährend Kampf, Krampf, einen »Dauerzustand der Angestrengtheit« und das völlige Fehlen von Befriedigung mit dem Erreichten. Sieburg spendet Bewunderung für die unbegreifliche »Fähigkeit, in zwei Zeitaltern zu leben« und für die Finte, das Fremde nur anzunehmen, um sich besser gegen das Fremde schützen zu können. Der deutsche Besucher vermißt Individualität, ist hingerissen von einer schönen Frau, die er für intelligenter hält als ihren würdentragenden Mann, macht gegenüber Dritten ein entsprechendes Kompliment und berichtet von dem kalten chauvinistischen Schweigen, das seine Galanterie hervorruft. Sieburg wußte nicht, wie recht er hatte. Des Mannes Glück ist gemacht, der eine solche Japanerin für sich gewinnen kann.

Es gibt noble Zeugen seit Jahrhunderten. Für die Überlegenheit der japanischen Frauen, die aufblühen, weil es den Männern, die meinen, die tragenden Rollen zu spielen, nicht lohnend scheint, ihnen das Rückgrat zu brechen. Auch Zeugnisse für all die Diagnosen der doppelten, eben nicht zerrissenen Seele in der japanischen Brust. Wir beriefen sie wieder und wieder. Öffentlich, um dem möglichen Verdacht von einem einsamen Irren, der seine Idiosynkrasien an Japans Schattenseiten kühlt, zu begegnen; privat, weil wir ohne die Tröstung der Kaemfer, Von Siebold, Chamberlain, Singer, Benedict, aber auch ohne ihre Verbündeten Maruyama, Tanizaki, Oe an unserem Verstand hätten zweifeln müssen. Allerdings ist der Trost nur zu haben um den Preis der ebenso beruhigenden wie entmutigenden Erkenntnis, daß die essentiellen Beschreibungen japanischer Dinge auf ewig gelten und nicht zu übertreffen sind.

Wer wollte wagen, es aufzunehmen mit dem jungen unbekannten Journalisten Rudyard Kipling aus Britisch-Indien, dessen viktorianisch durchgebildete »Sahib«-Identität auf einer dreiwöchigen Japan-Reise im Jahre 1889 herausgefordert wurde? Kipling findet ein Land, in dem Kinder, Blumen und die Künste gedeihen, und er mag es: »Wahrlich, Japan ist eine große Nation. Ihre Maurer spielen mit Stein, ihre Zimmerleute mit Holz, ihre Schmiede mit Eisen und ihre Künstler mit Leben, Tod und allem, was das Auge aufnehmen kann. Glücklicherweise wurde ihr jene allerletzte Charakterfestigkeit verweigert, die es ihr erlauben würde, mit der ganzen weiten Welt zu spielen.« Kipling hat recht behalten. Auch wenn er nicht voraussehen konnte, daß die Propagandisten der überlegenen »Yamato-Rasse« ebendieses Spiel einst erträumen, beginnen und erst nach einer entsetzlich blutigen Partie verlorengeben würden. Wir verdanken Kipling viel. Darunter ist die Lektion, wie man abendländischen Kolonialherrenstil durch Selbstironie bricht, und die bestechende, gültige Beobachtung, daß Europäer in Strümpfen auf Tatami einen Teil ihrer Würde verlieren.

Mehr Zeugen, noch mehr Labsal aus den Quellen. Sieburg ist so wertvoll, weil er eine Ahnung vermittelt von dem verheerenden, »nie schlafenden Opfersinn«, dessen sich die japanischen Kriegstreiber bedienen konnten, um ihre Hegemonievision mit Blut zu versorgen. Der Sinn ruht. Im befriedeten zeitgenössischen Japan die Erben eines Regimes zu erkennen, das sich auserwählt sah, ganz Asien vom weißen Mann zu befreien und seinem Kaiser untertan zu machen, wäre uns schwer geworden. Gäbe es nicht regelmäßig die revisionistischen Zwischenrufe der Unbelehrbaren. Sie verachten die Regelung, Japans Schandtaten mit Schweigen zu übergehen und die Energien nationaler Selbstbefragung in jedem August lieber auf das Martyrium im Blitz der Atombomben zu lenken - laut Edward Seidensticker eine »Orgie des Selbstmitleids«.

Die aufgebrachten Rechtsausleger, meist in der Regierungspartei LDP in Würden und nach ihrem Fauxpas nur als Kabinettsminister zum polemischen Abschuß durch Peking und Seoul freigegeben, beleben das ziemlich dumpfe politische Geschäft in Japan - und das der Auslandskorrespondenten. Nicht daß der Kriegsopferverband und all die anderen strammen Patrioten-Vereine sonderlich viel Einfluß hätten. Man weist ihnen ehrenvolle Nischen zu, wo nur ihre lautstärksten Einsprüche Japans friedliebende Außenpolitik für einige Wochen beschädigen. Wir schulden ihnen Einsichten. Denn sie vergehen sich zu unserer Erbauung an einer ehernen japanischen Spruchweisheit, die da empfiehlt, vom Topf, aus dem es stinkt, den Deckel nie zu lüften. Wo der Mainstream zum Himmel schweigt und seine wahren Gedanken der Spekulation überantwortet, rühren die Rechten, um Japan reinzuwaschen, nur auf, was früher in Japan, mindestens von den wohlgenährten Samurai, mit Gewinn als Dung an Bauern verkauft wurde.

Japan kann wütend machen. Ohne sich der geringsten Schuld bewußt zu sein, zwingt es dem Ausländer dieselben politischen Rituale, dieselbe Inszenierung auf, die es auch dem eigenen Wahlvolk zumutet. Zwar bereitet es Sorge, daß sich nur noch weniger als die Hälfte der Wahlberechtigten bereit findet, ein Parlament zu wählen, das sich im Verlesen geschwätziger Beamtenentwürfe gefällt und, vom Schachern um den Haushalt und die Pfunde für die Wahlkreise abgesehen, das Politikmachen in Hinterzimmer, Seminare, Restaurants, vor allem an die Ministerialbürokratie verweist. Doch befeuert dies nur immer neue Parteigründer. Der schlimme Verdacht, die zweitgrößte Industrienation sei im Notfall führungslos und gelähmt, blieb haften nach dem ungedankten Ablaßhandel mit Milliarden-Dollar-Schecks während des Golfkriegs. Er wurde zur bösen Gewißheit, als in Japans Annus horribilis 1995 in Kobe viele der sechseinhalbtausend Opfer an der Feigheit und entsetzlichen Hilflosigkeit der Behörden zugrunde gingen.

Der von willfährigen Medien verbreitete Wunderglaube, Japans Ingenieurkunst werde Mensch und Gut bei jedem Beben beschützen, kam fahrlässiger Tötung gleich. Es fehlte durchaus nicht an harten Selbstanklagen. Für ein paar Monate. Dann wurden sie von Selbstmitleid verdrängt, und dieses endlich von jener selektiven Wahrnehmung der Vergangenheit wie der Gegenwart getilgt, die das offizielle Japan so konzentriert macht und, wo die faulen Kompromisse geschlossen werden, so rückständig. Um irgendwo in der Welt zu Tode gekommene Japaner, sei es durch Lawinen im Himalaja oder durch einen Revolverschuß in Amerika, wird sorgfältiges Aufheben gemacht. Kobe überforderte die medial ausgerichtete Nationaltrauer offenbar so sehr, daß die etwa siebzigtausend Menschen, die noch heute in Notunterkünften leben, allenfalls an Jahrestagen auf tätiges Mitleid zählen dürfen. Den Toten und Versehrten der beiden Giftgasanschläge der »Aum«-Sekte droht dasselbe Schicksal: aus dem kollektiven Gedächtnis gedrängt zu werden. Daß Japaner, zumal viele hochbegabte Totalverweigerer aus der akademischen Elite, anderen Japanern solchen Terror antun könnten, hinterließ ein Trauma, mit dem sich nur leben läßt, indem man es verleugnet. Die Prozesse gegen inhaftierte Kultmitglieder interessieren das Publikum kaum mehr.

Was aber geht uns das alles an, woher nehmen wir das Recht, zu kritisieren, wie es Japan mit seiner Politik, seiner Wirtschaft, seiner inneren Sicherheit hält? Die Antwort lautet: Wenn dies nicht mehr das abgeschlossene Tokugawa-Japan ist, wo auf das unbefugte Landen an den Gestaden der Inseln der Tod steht, und zwar für Ausländer wie Heimkehrer, wenn Japan zudem weiter nach seiner Niederlage demokratisch verfaßt, UN-Mitglied, Unterzeichner sämtlicher relevanter Konventionen und erstrangiger Nutznießer des freien Welthandels ist - wenn das alles so ist, muß es sich Beobachtung, Fragen, Urteile, auch manches Fehlurteil gefallen lassen wie jedes Land. Wir haben einen Ministerpräsidenten und zwei Nobelpreisträger getroffen - Kiichi Miyazawa, Kenzaburo Oe und Leo Ezaki - und verzichten darauf, anzudeuten, wer mehr zu sagen hatte. Wir haben Abgeordnete der LDP wie der Kommunisten befragt, Professoren aller möglichen Fakultäten und Führer von Aids-Aktionsgruppen, Gymnasiallehrer und Kindergärtnerinnen, Soldaten, Diplomaten, Friedensbewegte, Künstler, ganz normale Bürger. Wir haben dabei erfahren, daß die Japaner viel großherziger, beweglicher, aufgeklärter, schöpferischer sind, als ihre Regierung und ihre Beamtenschaft vermuten lassen.

Diese Nation wird dressiert und unter Wert vertreten. Ihren begabten Kindern wird das Denken noch immer eher vorenthalten als beigebracht, das notorische Motto - »der herausstehende Nagel muß eingeschlagen werden« - ist unbesiegt. Dies geschieht im Namen einer Machtelite, der es zuletzt an Intelligenz und gutem Willen gebricht, allerdings nicht an unverschämter Gier, sich zu bereichern. Zuerst mangelt es ihr an Mut, Aufrichtigkeit, Verantwortungsbewußtsein, Stil, Klasse. Japans ganzes Elend ist die ungeheure Vergeudung von Talent um eines faden Betriebsfriedens willen. Hoffnung auf Einsicht stiftet nicht die Politik, wo man der Mode folgt und um die Wette Reformen anpreist, sondern die Wirtschaft, die mit folgsamen Facharbeitern nichts mehr zu gewinnen hat. Sie verdient Unterstützung und das Lob des Tadels.

Japan kann süchtig machen. Die Bedeutungslosigkeit christlicher Moralethik wird von einer eklektischen Freizügigkeit in spirituellen und sinnlichen Dingen wettgemacht, die Jean Cocteau (zu Besuch 1936) ebenso begeisterte wie Charlie Chaplin. Dessen Kinder überlieferten zwar, der Perfektionist habe vor allem den japanischen Perfektionismus geliebt. Aber da muß mehr Liebe gewesen sein. Chaplins japanischer Kammerdiener Kono reiste 1932 mit dem Star des soeben herausgebrachten Films »Moderne Zeiten« nach Japan und vereitelte umsichtig einen Mordanschlag auf den vermeintlichen Amerikaner. Chaplin, der die überaus komische Vorstellung eines aus Versehen erschossenen weltberühmten Briten zu schätzen wußte, besuchte Japan noch mehrfach. In »Lampenfieber« (1952) gibt er eine wundervolle Liebeserklärung an Japan, als er seiner Partnerin Claire Bloom die Pantomime eines Baumes vorspielt, klein, edel verkrüppelt: der kleine Tramp wird ein Bonzai.

Aufmerksam auf diese Kostbarkeit machte uns Donald Richie, der große Vermittler des japanischen Kinos im Westen und der scharfsinnigste und eleganteste Zeitkritiker im Lande. Der Amerikaner, mit den Besatzungstruppen nach Japan geschwemmt und seither mit Unterbrechungen dort heimisch, hat in Romanen und Essays Japan wie eine Karte entworfen. Mit ihr findet man sich zurecht. Richie kennt die japanischen Götter und die Niederungen der Reisbauern. Er erzählt hinreißend, wie Ausländer, nicht mehr den eigenen Sittenzwängen unterworfen und Japans Sitten fröhlich ignorierend, erst in kindliche Euphorie verfallen, dann in Enttäuschung, weil die Verheißungen intimer Nähe sich fast nie erfüllen, und endlich, wenn sie im Land bleiben, in ergebene Resignation sinken.

Der ideale Ausländer, so Richie, kommt nach Japan, tätigt seine Geschäfte und reist ab. Er genießt exquisite Gastfreundschaft. Wer bleibt, erregt Interesse, Mißtrauen, Mitleid. »Wann gehen Sie nach Hause, Herr Richie?« habe er unzählige Male gehört. Der Frage kommt an gutgelaunter Impertinenz der Konversationsreflex How you like Japan nahe, der wie eine Drohung ausgestoßen wird und keine Antwort erwartet. Donald Richie hat kein Zuhause: »Ich habe gelernt, Freiheit höher zu schätzen als Zugehörigkeit«, schreibt er, »das ist es, was die Jahre als Expatriate mir beigebracht haben.«

Japan kann erschöpfen. Japan-Jahre rechnen wie Hundejahre, sagen manche. Das Drama über Jahre als ungebetener Zuschauer zu verfolgen, im Wissen, daß die Zeit nur einem Lidschlag in der Geschichte Japans entspricht, zehrt aus. Warum? Nun, wir haben eines Tages zum 561. Mal in der Nachrichtensendung der öffentlich-rechtlichen Anstalt NHK verfolgt, wie der Vorsitzende einer Regierungskommission mit tiefer Verneigung einem Minister, der hoheitsvoll nur den Kopf leicht neigt, seinen Untersuchungsbericht übergibt. Man hört nie mehr davon, aber Dutzende verdienter Fachleute sind im Brot.

Wir haben viele Dutzend Male immer dieselbe Zeitlupenvorführung eines Verdächtigen ohne Krawatte (Selbstmordgefahr) im Fond eines zivilen Polizeiwagens verfolgt. Danach oder davor und je nach Saison in Hemdsärmeln oder Mänteln den Aufmarsch von jungen kräftigen Staatsanwälten, die kistenweise Akten aus dem Bürohaus eines Korruptionsverdächtigen schaffen, Ketten bildend, auf einen Kleinbus zu. Nicht ein einziges Mal wich die Dramaturgie im mindesten Detail vom Schema ab. Wir haben Sumo-Ringer, Baseballspieler und Marathonläufer ungefähr tausendmal auf die Frage, was sie planten, sagen hören, daß sie ihr Bestes tun werden, gambarimasho, für Team, Konto, die Nation. Kein einziges Mal sagte es einer nicht.

Mag der Rest der Welt brennen, Genozide, Bürgerkriege, Menschheitskatastrophen: NHK erfüllt unbeirrt die Pflicht, den Japanern Halt zu geben an der Schönheit und Menschengüte Japans. Mitten unter die Skandale und Regierungskrisen wirft die Anstalt, die zu Recht für glänzende Dokumentarfilme berühmt ist, wie Beruhigungspillen ergreifende Live-Berichte von Fruchtbarkeitsfestivals, Fischfangrekorden und Altenausflügen zu mildtätigen Zwecken. Sollten wir uns bisweilen, wenn Japans Bauarbeiter, Schulklassen, Parlamentarier oder Börsenleute versammelt waren, um die Belehrungen eines Führers aus gegebenem Anlaß zu vernehmen, an die Anleitungen von nordkoreanischen Armee-Einheiten durch den Lieben Führer Kim Jong-il erinnert gefühlt haben, ist das unser totalitäres Mißverständnis.

Japan kann machen, was es will. Es hat jedes Recht dazu. Auch mit uns. Erst wer aus dem Staunen herauskommt, muß gehen. Kein Ausländer verläßt nach Jahren dieses erstaunliche Land der Sonnengöttin ohne angesengte Flügel und Narben. Niemand, der bei Sinnen ist, geht, ohne mehr über sich und seine Kultur erfahren zu haben, als ihm vielleicht lieb ist. Wie angenehm sind die höflichen Verlogenheiten dieser Zivilisation, wir tauschen sie nicht ohne Wehmut gegen die wehrhafte Wahrhaftigkeit jedes Dahergelaufenen. Wer will schon Ehrlichkeit. Wie vornehm sind die unerbittlichen Aufmerksamkeiten Japans gegen den Ausländer, auch wenn dahinter manchmal die Vorsicht zu stehen scheint, die man vernünftigerweise einem Glas Nitroglyzerin entgegenbringt. Fassungslos, trotz allem, stehen wir vor dem Phänomen, daß nicht nur manches verlorenging, sondern auch sehr viel bewahrt wurde.

»Ich habe in letzter Zeit Anzeichen dafür festgestellt, daß ich weich werden könnte, und deshalb, in dem Glauben, daß Weichheit in diesem Land Tod bedeutet, gehe ich in ein paar Wochen nach Hause.« Die Abschiedskolumne von Edward Seidensticker, die am 16. Mai 1962 unter dem gewohnten Rubrum This Country in der englischsprachigen Zeitung Daily Yomiuri erschien, sorgte über Wochen für Gesprächsstoff unter Tokios Expatriates. Die angekündigte Flucht des gefeierten Japanologen und Übersetzers erregte die Ausländerkolonie, sonst ausgelastet mit ihren Klagen über antiamerikanische White-Collar-Kommunisten und verwässerte Gin-and-Tonics. Die Kolumne enthielt die autobiografische »Fabel von der Feldmaus, die nicht länger unvernünftig war«: Die Maus wird auf der Stelle Beute der (japanischen) Schlange.

Seidensticker ringt mit seinem Ressentiment und fällt sich dann ins Wort. Nein, donnert er, die Japaner sind nicht wie andere Völker: »Sie sind unendlich viel sippenhafter, insulärer, engstirniger . . . Und man schuldet es seinem Selbstrespekt, das Gefühl der Empörung über diese Insularität zu bewahren.« Vielleicht werde sich allerdings das Leben in der Heimat, setzt er ahnungsvoll hinzu, als so »verhärtend« erweisen, daß er eines Tages zurückkehre. In der Tat, er kam bald wieder. Es heißt, seit einem Vierteljahrhundert teile Edward Seidensticker nun Leben und Arbeit zwischen Japan und den Vereinigten Staaten. Wir verstehen, verbeugen uns tief, und warten.

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG

Nr. 33 vom 8. Februar 1997

Bewertung der Jury

Uwe Schmitt erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 1997 in der Kategorie »Allgemeines« für seinen Beitrag »Wer aus dem Staunen herauskommt« - erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 8. Februar 1997. In einer ironischen Selbstreflektion ertappt sich der Autor dabei, wie ihm die eigene Kultur fremd und fremder wird - und breitet so eine subtile analytische Beschreibung des heutigen Japan aus. Das Stück ist die Quintessenz einer mehr als sechsjährigen Arbeit als Ostasienkorrespondent, für Uwe Schmitt ein Abschluß und Abschied, für seine Leser eine Entdeckung.

Kurzbiographie

Gezeichnet: itt.

Geboren am 14. Dezember 1955 in Frankfurt am Main, ist dort auch aufgewachsen.

Besuch des altsprachlichen Lessing-Gymnasiums, von 1965 an Ausbildung zum Konzertschlagzeuger am Hoch'schen Konservatorium in Frankfurt. Nach Abitur und Zivildienst als Rettungssanitäter Studium der Musikwissenschaft, Anglistik, Amerikanistik und Politik an der Frankfurter Johann Wolfgang von Goethe-Universität.

Nebenher Jazz und Theatermusik auf europäischen Bühnen; eine Saison Schauspieler im Kabarett.

1981 allmählicher Übergang zum Journalismus. Während eines Praktikums bei Associated Press schreibt Schmitt Musikkritiken, Portraits, Hintergrundberichte für die Frankfurter Rundschau, den Spiegel und Fachzeitschriften; ferner moderiert er Hörfunksendungen.

Seit Ende 1982 Mitarbeiter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung; im Februar 1985 Eintritt in die Feuilletonredaktion, zuständig für Fernsehen. Von 1990 bis 1997 Korrespondent für die Frankfurter Allgemeine Zeitung für Japan und benachbarte Regionen mit Sitz in Tokio. Seit Frühjahr 1997 Feuilleton-Korrespondent in Berlin.

1987 ausgezeichnet mit dem Robert-Curtius-Förderpreis und 1995 mit dem Joseph-Roth-Preis für Internationale Publizistik.

1998 erscheint der Band »Sonnenbeben. 50 Improvisationen über Japan« in der Edition Peperkorn, Göttingen.