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Prämierter Text

Sarajevo-Blues

Von Sabine Riedel

Als ich Emin zum ersten Mal begegnete, es war im Café Imperijal, trug er eine Baseballmütze. Er war kräftig, viel kräftiger als auf dem Foto, das ich vom Umschlag seiner Gedichtbände kannte. Er nahm seine Baseballmütze ab, ich starrte auf seinen kahlrasierten Schädel, Emin sagte, er rasiere seinen Schädel dreimal in der Woche.

Die Nachrichten über Emin waren widersprüchlich gewesen. Einmal hatte es geheißen, es ginge ihm gut (soweit es jemandem, den man in eine psychiatrische Klinik sperrt, gutgehen kann), er sei bei klarem Verstand, seine Frau habe ihn besucht, und beide hätten in vernünftigem Ton über die Scheidung gesprochen. Dann hatte jemand berichtet, Emin habe niemanden erkannt, auch seine besten Freunde nicht, die aus Sarajevo gekommen waren, um ihn zu sehen.

Von Sarajevo nach Zenica war es nicht weit, aber erstens war eine Busfahrt nach Zenica in einem schlecht gefederten Bus, dessen blankgesessene Polster nach kaltem Rauch rochen, kein Vergnügen, und überhaupt war die Fahrt für einen, der nur ein paar hundert Mark im Monat verdiente, nicht gerade eine Kleinigkeit. Dann ging es Emin immerhin so gut, daß er für eine Weile die Klinik verlassen konnte. Er fuhr nach Sarajevo.

Zwei Jahre lang hatten sie sich nicht gesehen. Irgendwann während des Krieges hatten sich ihre Wege getrennt. Emin ging nach Zenica, Armin nach Deutschland. Nur der Maler blieb, er ging zur Armee und legte in den Bergen rund um Sarajevo Minen.

Das hatte wenig mit Patriotismus zu tun. Aber wer in Sarajevo geblieben war, hatte damit rechnen müssen, irgendwann rekrutiert zu werden. Wer versucht hatte, mit einem falschen ärztlichen Attest dem Militär zu entkommen, den hatte vielleicht nicht das Standgericht getroffen, aber immer die Verachtung von mindestens einem männlichen Familienmitglied. Am patriotischsten waren die Alten gewesen, deren Erinnerung lückenhaft war und die vergessen hatten, wie mühselig es war, mit vierzig Kilogramm Marschgepäck einen Berg hinaufzusteigen und Nächte in einem Schützengraben zu verbringen, während es unablässig schneite und der an den Innenschenkeln hinabfließende Urin sofort hartfror. Diese Alten waren patriotisch bis auf die Knochen gewesen, und wenn immer eine Nachricht von einem erfolgreichen Vorstoß der Armee von Bosnien-Herzegowina Sarajevo erreicht hatte, waren sie pfeifend durch die Straßen der Stadt gegangen.

Es gab aber auch Männer, die wagten es in diesen fast vier Jahren, die der Krieg dauerte, nicht einmal, ihre Wohnung zu verlassen. Sie wagten nicht, die Fenster zu öffnen, und ihre Frauen liefen mit weißen Kanistern durch die Straßen, über die Kreuzungen, wo die Heckenschützen lauerten, und auf demselben lebensgefährlichen Weg liefen sie mit gefüllten Wasserkanistern zurück. Ich hatte einen Mann beobachtet, der jetzt, da der Krieg vorbei war, zum ersten Mal seine Wohnung verließ. Er wartete bis zu den Abendstunden, bis die Dunkelheit wie ein blickdichter Teppich zwischen den Häusern gespannt war, dann trat er mit steifen Bewegungen aus dem Haus, seine Bewegungen waren so unnatürlich, als wären seine Beine aus Holz geschnitzt, er drehte mehrere Runden um das Mietshaus und versuchte mit seinen atrophierten Beinen einen alten Rhythmus wiederzufinden.

»Richard Gere in Sarajevo«, rief Emin, »hey men, das ist endlich mal ein guter Witz.« Emin setzte seine Baseballmütze auf. Ich sah die Pygnikergestalt mit dieser lächerlichen Mütze, und ich dachte: Du blöde Gans, nicht jeder Dichter sieht aus wie Kafka.

In wenigen Tagen sollte das Internationale Filmfestival beginnen. Filmfestival war nicht ganz korrekt, denn die Filme, die man zeigen würde, waren überall schon gelaufen, nur eben in Sarajevo nicht. Zur Eröffnung hatten die Organisatoren Leute wie Ingmar Bergman, Susan Sarandon und Richard Gere eingeladen. Soviel wir wußten, war Richard Gere Vegetarier, und Emin sagte, es würde ihn schwer wundern, wenn ein Vegetarier nach Bosnien käme. Schließlich war es schwierig, sich in diesem Land fleischlos zu ernähren. »Vielleicht hätte er im Krieg kommen sollen«, sagte Emin.

Seit Tagen war Susan Sontag in der Stadt. Zumindest wurde das kolportiert, wie so vieles in dieser Stadt kolportiert wurde. Auch für Armin, der es wissen mußte, war Susan Sontags Gegenwart nur ein Gerücht. Armin war Journalist, er war verantwortlich für den Kulturteil einer Wochenzeitung, er war vor vier Monaten nach Sarajevo zurückgekommen, hatte die Stelle angenommen, und schon jetzt begann sie ihn zu langweilen. Nachts schrieb Armin Theaterstücke und Drehbücher und träumte davon, einen Film zu machen. Er träumte seit Jahren davon.

Schon als Kind hatten Armin Filme fasziniert. Er war in einer Kleinstadt in Zentralbosnien aufgewachsen, und während die anderen Jungs seines Alters auf der Straße Fußball gespielt, sich geprügelt und obszöne Witze erzählt hatten, hatte Armin Nachmittage lang vor dem Fernseher gesessen. Er hatte viele Filme gesehen und eines Tages begriffen, daß es in französischen Filmen anders zuging als in amerikanischen Filmen. Französische Filme, behauptete Armin, hatten etwas sehr Direktes. Besonders wenn es um das Intimleben zweier Menschen ging, sagte er, waren sie viel direkter, vielleicht auch nur weniger verlogen als Filme, die aus Hollywood kamen und vom amerikanischen Puritanismus korrumpiert waren.

Ich glaube, der Gedanke, daß Leute wie Scorsese oder Bergman nach Sarajevo kämen, machte Armin nervös. Nicht, daß er Bergman besonders schätzte - im Gegenteil, er hielt ihn für phantasielos und langweilig -, aber Männer wie Bergman oder Scorsese erinnerten Armin daran, daß sie erreicht hatten, was er noch nicht erreicht hatte.

Emin war fünfunddreißig, er hatte vor zehn Jahren seinen ersten Gedichtband veröffentlicht und dann in regelmäßigem Abstand einen neuen Band herausgebracht. Er hatte vier Preise bekommen und schließlich vom Staat eine Wohnung. Die Wohnung lag im Stadtteil Dobrinja, Dobrinja hatte direkt an der Front gelegen, der Stadtteil war stark zerstört, und noch hatte Emin nicht den Mut gehabt, nach seiner Wohnung zu sehen oder nach dem, was davon übriggeblieben war.

Es war ein Tag Ende August, es war den ganzen Tag über sehr warm gewesen, und die zehn oder fünfzehn Stockwerke zu ihren Wohnungen hochzulaufen, hatte den Menschen noch mehr Mühe bereitet als sonst. Endlich entlud sich die Spannung in einem heftigen Gewitter, der Donner rollte von den Bergen, die Hunde verkrochen sich, denn auch die Hunde hatten viele Jahre Krieg ausgehalten, sie waren traumatisiert wie die Kinder, und jeder Donner mußte bei den Hunden die Erinnerung an einen Granateinschlag wachrufen. Ich kannte nur ein einziges Gedicht von Emin. Ich hatte es in einer deutschen Literaturzeitschrift gefunden. Es hatte mich beeindruckt, wie mich schon lange nichts mehr von dem, was ich sonst so las, beeindruckt hatte.

Es kommt vor,

daß ich den Finger verbrenne.

Und die übrigen

Finger tanzen

Wie kleine Neger.

Um eine braune Brandstatt.

Die städtischen

Lampen sind

Frauen in Schwarz.

Die Dächer speckige,

Verlauste Soldaten-

Mützen.

Die Menschen verschwinden

Auf dem Latrinenpfad durch den

Archipel Zerfetzter Autoreifen

Aus dem Rosen wachsen.

Und nun saß ich Emin gegenüber und fragte mich, warum ich enttäuscht war von diesem Mann mit der korpulenten Gestalt und dem fast kahlrasierten Schädel. Warum sollte ein Dichter keine Baseballmütze tragen, fragte ich mich. Emin rauchte Zigaretten der Marke Hollywood, wir sprachen über Raymond Carver. Emin verehrte Carver. »Weißt du, wie er gestorben ist?«, fragte er mich. Ich wußte es nicht. »Well«, sagte Emin, »die Geschichte erzähle ich dir ein anderes Mal.« Ich sah ihn an und versuchte, seine Augenfarbe zu erkennen. Seine Augen lagen im Dunkel unter dem Schirm seiner Baseballmütze.

»Benjamin«, sagte Emin, nachdem wir eine Weile geschwiegen hatten, »Benjamin war der letzte Melancholiker.«

Während des Krieges war Emin zum ersten Mal in die psychiatrische Klinik eingeliefert worden, er hatte die Ärzte, von denen er im übrigen nicht viel hielt, gelegentlich mit einer Dose Thunfisch oder einer Dose Beef bezahlt. Die Dosen stammten aus Paketen, die humanitäre Organisationen regelmäßig an die Bevölkerung verteilten. In der Klinik hatte Emin einen Simulanten kennengelernt. Es war nicht klar, ob die Ärzte ihn durchschaut hatten, Emin hatte ihn durchschaut. Das Schauspiel des Simulanten hatte ihn amüsiert. Der Simulant sprach nicht, das heißt, er sagte immer und immer wieder nur ein einziges Wort, als wäre sein Sprachschatz auf dramatische Weise verkümmert. »?Zena«, hatte dieser merkwürdige Patient gemurmelt, was soviel bedeutet wie »Frau«. Ständig hatte er dieses »?Zena« gemurmelt. Einmal war Emin dem Simulanten gefolgt, einen ganzen Tag lang war er nicht von seiner Seite gewichen, er hatte die Male gezählt, die der Simulant »?Zena« gemurmelt hatte. Am Ende des Tages hatte er es genau 356 mal gesagt. Natürlich war es unmöglich, mit diesem Mann zu kommunizieren, er hatte sich zu sehr isoliert in dieser fast vollkommenen Sprachlosigkeit, aber Emin empfand fast so etwas wie Respekt für ihn. Der Simulant entkam dem Stellungsbefehl, und im übertragenen Sinn könnte man behaupten, daß die Frauen diesem Mann das Leben gerettet hatten.

Als der Regen nachgelassen hatte, machten wir uns auf den Weg zur Wohnung des Malers. An einer Straßenkreuzung stand eine kleine Katze, sie war ganz winzig, vermutlich hatte sie gerade ihre Augen geöffnet, die bei Katzen, soviel ich wußte, nach der Geburt noch tagelang merkwürdig verklebt sind. Ein Mann stieß die Katze mit seiner Schirmspitze, er stieß die silberne Spitze gegen die Brust der Katze, die gerade die Straße überqueren wollte. Es war eine dreispurige Straße, für die, wenn man dem Fahrstil der Fahrer folgte, offenbar kein Tempolimit galt. Autos rasten auf die Kreuzung zu, die Katze wich ein paar Schritte zurück. Dann bewegte sie sich erneut auf die Straße zu, Wagen sausten vorbei, ihre Reifen drückten das Regenwasser in Fontänen auf den Bürgersteig. Eine Frau hob die Katze hoch, sie faßte die Katze im Nacken, trug sie etwa fünfzig Meter weit und setzte sie dann wieder ab. Eine Straßenbahn fuhr vorbei, die Menschen, die dicht an den Fenstern standen, sahen hinaus und beobachteten das Schauspiel.

Überall in der Stadt war man in diesem Sommer damit beschäftigt, die Dächer von Moscheen und öffentlichen Gebäuden neu zu decken, in den Wohnungen, in den Geschäften neue Fenster einzusetzen, im Präsidentenpalast strichen Arbeiter die Fensterrahmen. In der Wohnung des Malers fehlten die Fensterscheiben, statt dessen hatte man zwischen die Rahmen Plastikplanen mit dem blauen Schriftzug des UN-Flüchtlingshilfswerks gespannt. Wir saßen im Wohnzimmer, die Frau des Malers hatte Kaffee gekocht, sie verteilte Mokkatassen, Emin begann, einen Joint zu drehen.

»Überall auf der Welt gibt es ein Stück Jamaika«, sagte Emin plötzlich, er blickte nicht auf von seinen Händen, die den Joint drehten. »Auch in Bosnien.« Zu dem Maler sagte er: »Spiel' mal die Kassette.« Es war Reggae, die Gruppe kam aus dem Senegal. Offenbar hatten die drei Freunde die Kassette häufig gespielt während des Krieges, die Qualität war nicht mehr die beste, es klang, als spielte eine Reggaeband im Freien bei Dauerregen.

Emin legte der Frau, die neben ihm saß, die Hand auf das Knie, zu den anderen gewandt sagte er: »Ich habe ihr gesagt, heirate mich, ich brauche eine Frau, ich brauche ein Zuhause.« Emin lachte, die Frau, auf deren Knie seine Hand noch immer ruhte, lachte auch.

Jemand öffnete das Fenster, ich konnte die Hauptstraße sehen, dahinter lag Dobrinja, und hinter den letzten Hochhäusern von Dobrinja stiegen langsam die Berge an. Irgendwo in diesen Bergen, auf einem kleinen Feld, dessen Lage niemand kannte, hatte der Maler in diesem Sommer Hanf angebaut. Wenn er den schmalen Pfad hinaufging und weiterging, dort, wo der Pfad endete, konnte er sicher sein, daß ihm niemand folgte. Der Weg war zu gefährlich für jeden, der nicht wußte, wo die Minen lagen. Der Maler kannte ihre Lage, er hatte die Minen selbst gelegt.

Während des Krieges hatten sie alle Gras geraucht. Regelmäßig. So wie die Menschen, die bis dahin fast allergisch auf Nikotin reagiert hatten, angefangen hatten, Zigaretten zu rauchen. (In der schlimmsten Zeit, als es nicht einmal mehr Zigaretten gab, hatten sie welke Blätter von der Straße aufgelesen und sich aus den Blättern einer Linde oder einer Pappel Zigaretten gedreht.)

Die drei Freunde hatten Hanf auf ihren Balkonen gezogen, wo er zu einer Größe heranwuchs, die ein Bauer, der Getreide anbaut, Kümmerkorngröße nennt. Die Polizei hatte den Hanfanbau toleriert, aber jetzt, da sich das Leben in Sarajevo zu normalisieren begann, war es mit der Toleranz vorbei. Armin hatte aufgehört, Gras zu rauchen, aber zu einem Wiedersehen unter Freunden nach langer Zeit, sagte er, gehöre ein Joint einfach dazu.

»Zeig ihr deine Bilder«, sagte Emin. Mit jedem Zug an seinem Joint schien Emin aggressiver geworden zu sein, er sprach fast nur noch im Imperativ. »Ach was«, sagte er, »ich zeig' sie ihr selber.« Wir gingen in den kleinen Nebenraum, der dem Maler als Atelier diente. Emin hob eines der Bilder, die an der Wand lehnten, auf die Staffelei, dann nahm er sich einen Stuhl, setzte sich in zwei Meter Entfernung, posierte seinen rechten Unterschenkel auf seinen linken Oberschenkel. »Na, was sagst du?« fragte er. Nach einer Weile stand er auf, hob das Bild von der Staffelei, lehnte es wieder an die Wand, suchte nach einem anderen Bild und stellte es auf die Staffelei. Dann setzte er sich und wartete auf meinen Kommentar. Ich strengte mich wirklich an und machte, wie ich fand, einige durchaus kluge Bemerkungen. Emin grinste nur. Ich fühlte mich dumm und wünschte, Armin käme, um mich zu retten. Ich fand, Armin war in gewisser Weise für mich verantwortlich, er hatte mich schließlich mit Emin bekanntgemacht.

Die Zeichnungen des Malers erinnerten an die Zeichnungen von David Hockney, und wenn man sich genau umsah in diesem kleinen Zimmer, konnte man unter den wenigen Bildbänden, die der Maler besaß, eine Monographie über Hockney entdecken. Jeder seiner Freunde behauptete, der Maler habe Talent. Und bislang hatte jeder Besucher, den seine Freunde anschleppten und der mit wenigen Worten und nur mit dem Vornamen bei dem Maler eingeführt wurde, dasselbe behauptet. Aber niemand kaufte die Bilder des Malers. Für die Wohnungen der Neubausiedlungen waren die Formate zu groß, und wer hatte schon Geld für ein Bild in diesem Jahr, da die Regierung die Krankenversicherung gestrichen hatte, jeder für seine Behandlung selber aufkommen mußte, ganz zu schweigen von den Schulbüchern für die Kinder, dem Geld für das Schulessen, den Winterschuhen . . .

Die Ampeln funktionierten wieder in der Stadt, die Falschparker wurden abgeschleppt, die Schwarzfahrer in der Straßenbahn, die es sich nicht leisten konnten, eine Mark zu zahlen, um ein paar Stationen zu fahren, mußten, wenn sie erwischt wurden, aussteigen und zu Fuß weitergehen, die Menschen, die in einer staatlichen Wohnung lebten, wurden informiert, daß es nun an der Zeit sei, wieder Mieten zu zahlen, die Rentner erhielten achtzig Mark, ihre Frauen fünfunddreißig Mark, aber der Unterschied spielte in diesem Sommer keine Rolle, denn der Staat war mit der Auszahlung der Renten fünf Monate im Rückstand.

Vor dem Fenster unter einem Mauervorsprung waren Schwalben damit beschäftigt, ein Nest zu bauen. Der Herbst war nah, und die Schwalben bauten ein Nest. Ich rückte etwas dichter an Armin heran, ich war plötzlich sehr glücklich, daß er da so neben mir saß, auch wenn er wenig sagte und mich kaum wahrzunehmen schien, wenn er den Joint an mir vorbei dem Maler reichte. Emin folgte mit den Augen den Bewegungen der Schwalben. Wenn einer der Vögel mit seinem Speichel - darum handelte es sich doch wohl - das unfertige Nest weiter verfugt hatte, flog er davon, der Vogel beschrieb im Fliegen einen Kreis, kehrte zurück und setzte wieder etwas Speichel ab. Mehrere Schwalben waren mit der Konstruktion des Nestes beschäftigt, und Emin versuchte vergeblich, eine Art Hierarchie unter den Vögeln zu erkennen. »Ich glaube, die Vögel sind verrückt geworden«, sagte er. Emin entwickelte die Theorie, daß die Population der Schwalben durch den Krieg so stark dezimiert worden sein mußte, daß sie nun mehrmals im Jahr brüteten, sogar zu Herbstbeginn.

Die Menschen in Sarajevo, heißt es, sind bekannt für ihre Liebe zu den Vögeln. Viele Familien, besonders Familien mit Kindern, hatten einen Wellensittich oder einen Graupapagei. Viele der Vögel waren während des Krieges verhungert, und wenn sie nicht verhungert waren, waren sie erfroren. Familien, die aus der Stadt flohen, hatten ihre Vögel zurückgelassen. Sie hatten sie Nachbarn gegeben oder einfach freigelassen. So hatte der Vogel einen Tag in grandioser Freiheit erlebt und war am Abend vor Erschöpfung gestorben.

Während des Krieges hatten die drei Freunde gelegentlich eine Wohnung geteilt, sie waren gemeinsam auf einen der Hügel gestiefelt, sie hatten Bäume gefällt und sich Holzsplitter in die Hände gerammt, wenn sie das Holz kleinhackten und anschließend die zerlegten Stämme in die Stadt transportierten. In Zeiten, in denen es zu gefährlich gewesen war, auf einen Hügel zu steigen, hatten sie begonnen, ihre Bücher zu verbrennen. Sie hatten herausgefunden, daß der Brennwert höher lag, wenn man die Bücher zunächst anfeuchtete, die Blätter dann zusammenlegte und trocknen ließ und dann das Buch wie ein Brikett in den Ofen schob. Zuerst hatten sie sich von den Büchern getrennt, von denen sie zwei Ausgaben besaßen, dann von den Büchern, die sie übereinstimmend als langweilig einstuften, und schließlich mußten sie sich von den Büchern trennen, die sie liebten. In der Stadt waren unterdessen die Bäume in den Parkanlagen abgeholzt worden, und in den schlimmsten Zeiten kostete der Kubikmeter Holz 350 Deutsche Mark.

Sie hatten eine Weile zusammengelebt, und sie hatten ihre Wohngemeinschaft wieder aufgelöst, wenn einer von ihnen eine Liebschaft einging. Und schließlich, als sie die Hoffnung aufgegeben hatten, daß die Belagerung der Stadt jemals enden würde, war Emin nach Zenica und Armin nach Deutschland gegangen, über die Umstände ihrer Flucht sprachen sie nicht gerne, denn es war nicht leicht gewesen, die Stadt zu verlassen, schon gar nicht für einen Mann, der in die Kategorie »Mann im wehrfähigen Alter« gehörte.

»Siehst du den Schmerz auf unseren Gesichtern?«, fragte Emin und boxte meinen Oberarm mit seiner Faust. »Du und deine Kinderaugen«, fuhr er fort, ohne meine Antwort abzuwarten, »du kannst den Schmerz nicht sehen.« »Meine Augen«, sagte er, »sind 80 Jahre alt. Sie haben den Krieg gesehen.«

Er nahm drei Züge von seinem Joint und reichte ihn an den Maler weiter. Im Fernsehen sah ich Lauren Bacall, die vor einem Frisiertisch stand. Sie hatte offenbar eine lebhafte Unterhaltung mit einem Mann, der Mann ging aufgeregt im Zimmer auf und ab, während Lauren Bacall völlig gelassen blieb. Man konnte die ganze Szene im Spiegel des Frisiertisches verfolgen. Der Fernseher lief schon, als wir gekommen waren, der Ton war abgestellt, und ich glaube, ich war die einzige, die gelegentlich einen Blick auf den Bildschirm warf.

Die Frau des Malers hatte die Mokkatassen eingesammelt und in die Küche getragen, dann hatte sie sich wortlos zurückgezogen. Der Fernseher lief weiter, und Lauren Bacall war noch immer nicht schlafen gegangen. Ich verabschiedete mich von Emin. Er hatte seine ganz persönliche Art, Leuten zum Abschied die Hand zu reichen. Er ballte seine rechte Hand zur Faust, und wir stießen unsere weißen Fingerknöchel aneinander.

Armin hatte gesagt, an allem sei der Krieg schuld, an Emins Geisteszustand, den die Ärzte Schizophrenie nannten. Und an Emins Entschluß, sich scheiden zu lassen, der alle überrascht hatte.

FRANKFURTER RUNDSCHAU

Nr. 51 vom 1. März 1997

Bewertung der Jury

Sabine Riedel erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 1997 in der Kategorie »Literarischer Journalismus« für ihren Beitrag »Sarajevo-Blues« - erschienen in der Frankfurter Rundschau am 1. März 1997.

Der Artikel beschreibt Menschenschicksale in der vom Balkankrieg schwer getroffenen Stadt Sarajevo. Er nimmt durch seine einfache und doch kunstreiche Sprache, die Fülle der treffenden Metaphern, also durch sein gebrochenes Betroffen-Sein für sich ein. Das hebt ihn von vielen vergleichbaren Beiträgen dieses Genres mehr als wohltuend ab. Es ist ein Artikel gegen den Krieg. Journalismus überschreitet in diesem Beitrag ohne Anmaßung die Grenze zum Literarischen.

Kurzbiographie

Gezeichnet: sar

Geboren am 1. August 1959 in Stadthagen.

Nach dem Abitur Studium der Geschichte und Philosophie in München; Abschluß: Magister Artium

Anschließend freie Mitarbeiterin bei einer Nachrichtenagentur und der Süddeutschen Zeitung, München.

1989/90 Volontariat bei der Frankfurter Rundschau, seitdem ständige Mitarbeiter bei der Zeitung. Seit 1994 berichtet Sabine Riedel für die Frankfurter Rundschau aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawien.

Zwischenzeitlich auch Autorin für die Wochenzeitung Die Zeit und die Weltwoche, Zürich.

1996 ausgezeichnet mit dem Preis des Frankfurter Presseclubs für eine Reportage über das gespannte Verhältnis zwischen Roma-Familien und Frankfurter Bürgern.

1997 erscheint der Reportagenband »Ende der Ausgangssperre - Sarajevo nach dem Krieg« im Schöffling-Verlag, Frankfurt.

1998 für den Egon-Erwin-Kisch-Preis nominiert.