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Rede von Rolf Terheyden anläßlich der Preisverleihung des Journalistenpreises der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis am 2. September 1998 in Frankfurt am Main

Im vergangenen Jahr waren wir in Berlin zu Gast. Diesmal sind wir in Frankfurt am Main. Ein Wechsel von der alt-neuen Hauptstadt in die Stadt der Paulskirche also. Wer Symbolik und Tradition nicht verachtet, wird darin das Verbindende leicht erkennen. Beide Metropolen stehen in unserem förderalistischen Staat für den Aufbruch zur Freiheit.

Beide Städte sind Zeitungsstädte, die das Gesicht und den Charakter der Presselandschaft in Deutschland wesentlich geprägt haben. Als Theodor Wolff am 2. August 1868 in Berlin geboren wurde, war Berlin die Hauptstadt des Norddeutschen Bundes. Zwei Jahrzehnte vorher hatte Frankfurt alle Blicke auf sich gezogen. Hier wurde 1848/1849 die Reichsverfassung verabschiedet - ein Ergebnis der 1848er Revolution und der Nationalversammlung in der Paulskirche. Für eine kurze Zeit war die Presse frei. Es entstanden neue Zeitungen. Es herrschte in der Tat eine Aufbruchsstimmung, wie die gerade hier gezeigte Ausstellung in der Schirn Kunsthalle dokumentiert. Dann legte sich das Leichentuch der Restauration über das freie Wort und den unabhängigen Diskurs.

In Frankfurt am Main wurden vor fünf Jahrzehnten wesentliche Vorarbeiten für die wirtschaftliche Ausrichtung Nachkriegsdeutschlands geleistet. Gestern vor genau 50 Jahren, am 1. September 1948, trat in Bonn der Parlamentarische Rat zu seiner ersten Sitzung zusammen. Er schuf mit dem Grundgesetz endlich die Voraussetzungen für einen stabilen, demokratischen Staat der Deutschen, für ein republikanisches, vor allem friedfertiges Gemeinwesen.

Ich bin glücklich darüber, daß die deutschen Zeitungen das 100jährige Jubiläum der 1848er Revolution mit einem großen Schülerwettbewerb und vielfältigen journalistischen Aktionen begleiten. Dieses Datum dem Vergessen zu entreißen, ist eine publizistische und staatsbürgerliche Verpflichtung. In der Frankfurter Paulskirche wurde zum ersten Mal eine freiheitliche Verfassung für Deutschland entworfen. Auch wenn, wie erwähnt, dem Aufbruch schließlich der Durchbruch versagt blieb: Von dem, was die Paulskirche schuf, sind gerade die Grundrechte, darunter das Recht auf Pressefreiheit, am lebendigsten geblieben. Sie "regieren" heute das Grundgesetz, wie Professor Hans Maier anmerkte.

Wir haben vom "Aufbruch zur Freiheit" gesprochen. Darin liegt auch gleich die Einschränkung. Denn es wäre überzogen, wenn nicht historisch falsch, 1848/49 in einem Atemzug mit 1948/49 zu nennen. Vor 150 Jahren ging es nicht um eine Republik, es ging um ein erneuertes Kaisertum. Herrschaft für das Volk und durch das Volk war nicht das Ziel.

"Die Tradition der bundesdeutschen Demokratie ist daher eher Eigengewächs als Erbe der 1848er", befand der Historiker Michael Wolffsohn. "1949 erfolgte tatsächlich ein Neuanfang." Doch der Anfänge im März 1848 braucht man sich nicht zu schämen. Im Gegenteil. Wir haben Grund, stolz zu sein.

Mit dem Grundgesetz wurde uns die Freiheit der Presse und die unbedingte Freiheit der Meinungsäußerung geschenkt. Die Meinungsfreiheit genießt bei uns einen hohen Rang, in bestimmtem Fällen sogar Vorrang vor allen anderen Rechtsgütern. Das gilt auch gegenüber den Organen des demokratischen Staates. Auch "polemische Äußerungen" gegen staatliche Organe fallen unter diesen Schutz. Der große Freiraum für die Presse geht natürlich einher mit einem hohen Maß an Verantwortung und Sensibilität für das Wort. Wir alle wissen, wie leicht Worte zu Waffen werden.

Natürlich gehört Polemik zum politischen Meinungskampf. Aber Journalisten müssen stets prüfen, von welchem Punkt an Polemik in Verächtlichmachung und Verletzung übergeht. Mit Verächtlichmachung haben gerade wir Deutschen leidvolle Erfahrungen gemacht. Wir wissen, wie sehr man damit der Weimarer Republik geschadet hat. Ganz besonders in stürmischen Wahlkampfzeiten ist eine solche Reflexion angebracht.

Journalisten haben zu berichten, was ist. Sie sollten sich nie als nützliche Transporteure von Vorurteilen und billiger Polemik mißbrauchen lassen. Den Einflüsterungen widerstehen - darauf kommt es an. Information statt Stimmungsmache. Journalisten dürfen nicht Teil der parteipolitischen Inszenierung werden.

Streitkultur ist ein hoher Wert. Leider kommt oft der zweite Bestandteil des Wortes zu kurz. Demokratie lebt davon, daß die Bürger informiert werden; daß die Wahlbürger Informationen auch bewerten können. Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gab es einen Wahlkampf, in dem es so schwer gefallen ist, über tatsächliche Inhalte der Politik zu informieren und auch Gehör zu finden, wie in der laufenden Kampagne. Man wünscht sich, um eine Anleihe beim Namensgeber dieses Journalistenpreises zu nehmen, die "Klarheit der Sprache, durch die man wie durch eine lichte Seenfläche auf den Grund des Gedankens blickt". Vielleicht ist ja unter den Einsendungen für den nächsten Theodor-Wolff-Preis ein Beitrag, der sich mit diesem Thema auseinandersetzt.

Vor zehn Jahren haben wir aus Anlaß der Verleihung der Theodor-Wolff-Preise - damals im Berliner Reichstag - eine Debatte über journalistische Ethik angestoßen. Hinter uns lag das Ereignis, oder sagen wir treffender: die Affäre von Gladbeck. Journalisten machten sich zu Instrumenten in der Hand der Verbrecher - der Hergang ist allen bekannt.

Verleger und Journalisten haben gemeinsam überlegt, wie man die Presse noch sensibler gegenüber derartigen Anfechtungen machen kann. Wir haben uns der Verantwortung für journalistisches Fehlverhalten gestellt. Und haben alle daraus gelernt. Interviews mit Tätern während des Tatgeschehens darf es nicht geben. Diese Richtlinie im Pressekodex des Deutschen Presserates ist das Ergebnis der teilweise erregten Diskussionen nach Gladbeck. Die Presse hat damit ein weiteres Mal gezeigt, daß es im sensiblen Bereich der Presse der lenkenden Hand des Staates nicht bedarf. Die Selbstkontrolle funktioniert. Und ich bin beeindruckt, wie viele Printmedien den Jahrestag von Gladbeck zum Anlaß einer bemerkenswerten Medienkritik genommen haben.

Die Freiheit der Presse ist vielen Völkern noch verwehrt. Wir brauchen nicht nach Afrika oder Asien zu schauen - mitten in Europa wird die Pressefreiheit täglich mit Füßen getreten. Ich erinnere an Serbien, Weißrußland, die Ukraine, die Türkei. Die Methoden sind oft subtil. Gelegentlich bekommen auch wir im eigenen Land etwas davon mit. So, wenn beispielsweise ein türkisches Generalkonsulat Druck auf eine Bank ausübt, die in ihrem Foyer eine Ausstellung "100 Fotos für die Pressefreiheit" zeigt und gezwungen wird, Motive aus kurdischen Gebieten abzuhängen.

Wir alle kennen den Satz und finden ihn richtig: Die Wahrheit ist stets das erste Opfer des Krieges. Unserer Lebenswirklichkeit wird dieser Satz allerdings nicht unbedingt gerecht. Die Wahrheit ist auch mitten im Frieden von äußeren Einflüssen abhängig. Sie muß stündlich verteidigt werden. Und dabei gilt selbstverständlich für Journalisten immer auch die Frage: Was ist Wahrheit? Vom Chefredakteur des "Berliner Tageblatts", Theodor Wolff, ist uns das Eingeständnis des Zweifels überliefert. Ich zitiere: "Man kann selbst die Menschen nicht mit der endgültigen Gewißheit erforschen, mit der ein wirklicher Historiker die Geschichte eines vor dreitausend Jahren beigesetzten Pharaonen verfaßt. So schwebt über jeder Wahrheit noch ein letztes Vielleicht!"

Aber der Zweifel ist nun mal charakteristisch für den die Wahrheit suchenden Journalisten. Der Zweifel ist eine journalistische Tugend, die im Katalog der beruflichen Tugenden ganz vorn stehen sollte. Wirklich wahrheitsliebend ist nur der, der das Fragen nicht verlernt.