Empfehlen Sie uns weiter
  • Zu Ihrer Information

    Wenn Sie diesen Button anklicken, werden persönliche Daten an Facebook übertragen. Sind Sie damit einverstanden?

  • Zu Ihrer Information

    Wenn Sie diesen Button anklicken, werden persönliche Daten an Twitter übertragen. Sind Sie damit einverstanden?

  • Zu Ihrer Information

    Hier können Sie mittels unseres Service-Formular eine Seite empfehlen. Es werden keine persönlichen Daten gespeichert.

Prämierter Text

Der gute Mensch aus der Weinbergstraße

Von Andreas König

Die vergangene Woche war voller Ausschüsse. Gerhard Imig mußte zum ABM-Vergabeausschuß nach Neuruppin, zum Jugendhilfeausschuß nach Perleberg und schließlich zum Havelberger Umweltausschuß. Seine Frau Hiltrud wartete derweil im Häuschen in der Weinbergstraße.

Ein kleiner Mann sitzt mit hellwachen Augen am Ratstisch. Er trägt eine beige Weste und ein hellblaues Hemd, lässige braune Stoffhosen und einen Ring aus Titan an der linken Hand. Gerhard Imig ist seit Mai verheiratet. Mit einer Havelbergerin. Hiltrud Lehmann heißt jetzt Hiltrud Imig.

Es geht gerade um Bäume an der Elbe. Eine Diplombiologin aus Lüchow-Dannenberg berichtet vom BUND-Projekt »Bäume am Strom«.

Gerhard Imigs Augen lassen in ihrer Wachsamkeit nicht einen Deut nach, wenden sich aber dem Naturschützer Rolf Paproth zu. In der anderen Hand hat er einen Kugelschreiber, macht sich jedoch keine Notizen. Die Frau von BUND erzählt gerade etwas von »Manpower«, mit der man die Baumpflanzaktion anschieben müsse. Keiner der Anwesenden zuckt bei dem Fremdwort zusammen, das wohl soviel wie menschliche Kraft bedeutet. Auch Gerhard Imig nicht.

Er sitzt heute abend auf Wunsch des Vorsitzenden Ralf Blumberg im Ausschuß. Sein Auftritt stand zwar nicht auf der Tagesordnung, aber das ließ sich schnell ändern. Nach einer längeren Diskussion übergibt CDU-Mitglied Blumberg das Wort seinem Parteifreund Imig. Der möchte doch bitte klarstellen, wie die Kirchengemeinde sich die weitere Zukunft von Dom und Museum vorstellt.

Das weiß Gerhard Imig nur zu gut. Er sitzt seit der Vereinigung von Dom- und Stadtkirche und der Wahl zum Gemeindekirchenrat als Kirchmeister im Führungsgremium. Seine Aufgabe ist es, die Finanzen zu verwalten. »Wir bedauern es sehr, daß die Einnahmen im Prignitz-Museum seit der Übernahme des Doms durch die Kirchengemeinde so zurückgegangen sind«, sagt Gerhard Imig. »Wir wollen auf keinen Fall Arbeitsplätze gefährden und finden es schade, daß weitere Gespräche mit dem Landkreis zur Zeit nicht möglich sind.« Gerhard Imigs Stimme bleibt fast gleichmäßig, auch als er das Knallbonbon zündet: »Wenn nötig, werden wir Arbeitsplätze auch in Eigenregie schaffen.«

Es kommen keine Fragen. Vielmehr regt Rolf Paproth an, doch ein Münzfernglas am Dom zu installieren, damit die Leute die »wunderschöne Landschaft genießen können«.

Der Ausschuß nähert sich dem Ende, und Gerhard Imig hat ein wenig Zeit. Wir fahren zur Weinbergstraße, wo er und seine Frau wohnen. Zu Hause angekommen, legt er die Weste ab und bittet seine Gattin um ein Glas Wasser.

Etwas anderes hat er schon seit über 20 Jahren nicht mehr angerührt, denn der jetzige Arbeitsamtsleiter in Perleberg lebt alkoholfrei. Damals, 1993, kurz bevor er aus Havelberg nach Schönebeck versetzt wurde, wollte er eine Ortsgruppe des »Blauen Kreuzes«, eine Hilfsorganisation, mit deren Hilfe er abstinent wurde, ins Leben rufen. Aber dazu fand er keine Zeit mehr. Nach einem kurzen Gastspiel in Schönebeck bewarb er sich um den Posten des Nebenstellenleiters in Perleberg. »Nicht ganz uneigennützig«, wie er einräumt. »So war ich meiner künftigen Frau näher.«

Er nennt sie liebevoll Hilli. »Hilli öffnete mir in Havelberg Tür und Tor«, sagt Gerhard Imig. Wenn er mit ihr durch die Straßen der Stadt spaziert, gehe es in einem fort: »Guten Tag, guten Tag.«

Die Sache mit dem Museum läßt ihm noch keine Ruhe. »Zur Zeit ist es ja nichts anderes als eine bessere Heimatstube. Die Leute bezahlen nicht für den Besuch im Museum, wo sie kostenlos in den Dom können. Wir müssen ein Konzept mit der Stadt erarbeiten, das dem Tourismus dient. Keinem Dom- und Museumsbesucher soll die Frage durch den Kopf gehen ›Wer betreut uns denn jetzt?‹ «

Und weil unser Gespräch etwas mit dem Tag der deutschen Einheit zu tun hat, greift Gerhard Imig nach einem Beispiel aus der großen Politik der vergangenen Zeit. »Die Gewerkschaft IG Metall und die Arbeitgeber haben vier Tage hinter verschlossenen Türen über die Altersteilzeit beraten. Sie standen unter Erfolgsdruck. Alle wußten: ›Wir müssen hier mit einem Ergebnis rauskommen.‹ Das wurde schließlich erreicht. Und was dort geklappt hat, soll in Havelberg nicht möglich sein?«

Wie fühlt sich der in Hahnenklee (Westharz) geborene Mann aus dem Westen in Havelberg? »Ich bin nicht der typische Westdeutsche, der hier gelandet ist. Niemand zeigt mir hier, daß ich mal aus dem Westen gekommen bin. Ich sage mir immer wieder: ›Du bist hier, bist angekommen.‹ Das ist alles kein Problem.«

»Kein Problem« ist eine der Redewendungen, die Gerhard Imig häufig verwendet. Er hat zum Beispiel »kein Problem« damit, »das Lebenswerk und die Leistung von DDR-Bürgern anzuerkennen«.

Wirklich nicht? »Probleme habe ich, wenn ich mal wieder in Hannover bin. Da stoße ich manchmal auf Unverständnis. Ich war ja schon vor der Wende auf Besuch bei Verwandten in der Nähe von Cottbus. Ich kannte die DDR in dem damals möglichen Maße. Und wenn ich bei Bekannten im Westen bin, bohr' ich schon dicke Bretter.«

Als er 1991 hier rüberkam, war ihm klar, daß der Osten Neuland bietet. »Das ist auch jetzt noch so.« Hat er nie mit dem Gedanken gespielt zurückzugehen? »Ich käme im Westen nicht mehr klar, weil ich mit den Strukturen nicht mehr klarkomme«, sagt Gerhard Imig.

Hiltrud Imig steuert erstmals etwas zum Gespräch bei: »Da würden mich auch keine zehn Pferde hinkriegen.« Um gleich darauf festzustellen: »Im Westen ist alles einfacher.«

Gerhard Imig quittiert die Worte seiner Frau mit einem sanften Augenaufschlag und sagt: »Wer hier heimisch werden will, muß die Leute akzeptieren.« Seine Mitarbeiter sind »in der Regel sogar fitter als ihre Kollegen im Westen«. Hiltrud Imig, die in der Havelberger Außenstelle des Christlichen Jugenddorfs Perleberg arbeitet, meint: »Manche sind sogar schon zu gut.«

»Sie sind an den Betroffenen näher dran als im Westen«, ergänzt ihr Mann. »Aber man darf nicht vergessen: Wenn ich mich mit den Problemen anderer zu sehr beschäftige, kann ich dann noch meine Arbeit gut erledigen? Nein, eine gewisse Distanz ist schon nötig.«

Dennoch hört sich Gerhard Imig in seinem Dienstzimmer in Perleberg durchaus noch die Probleme von Arbeitslosen an. Auch von solchen, die schon über 100 erfolglose Bewerbungen geschrieben haben und immer noch ohne Beruf sind. »Für mich ist ein Glas immer halbvoll und nicht halbleer«, sinniert der Arbeitsamtsleiter. »Man kann doch die Menschen nicht fallenlassen. Wir müssen sie doch da abholen, wo sie sind und Stück für Stück mitnehmen.« Und wenn Gerhard Imig »wir« sagt, meint er wir. Nämlich sich selbst und die Zeitung. Er besucht die Redaktion am Vortag des 3. Oktober.

In der Volksstimme hat er auch von der dritten Kandidatur des CDU-Abgeordneten Bernd Sennecke aus Osterburg gelesen. »Ich habe es noch nicht allen Parteifreunden gesagt. Aber ich habe schon die Absicht, gegen Bernd Sennecke zu kandidieren«, bekennt der Christdemokrat. »Außerdem reizt mich die Auseinandersetzung mit solchen Leuten wie Wulf Gallert von der PDS und Bauminister Jürgen Heyer von der SPD.«

Gerhard Imig ist im 18. Lebensjahr der Jungen Union und der CDU beigetreten. »Sicher auch aus kirchlichem Hintergrund heraus«, wie er heute einschätzt. Und auch wenn Gerhard Imig von Parteifreunden immer als Herz-Jesus-Marxist bezeichnet wird und sich dem christlich-demokratischen Arbeitnehmerflügel näher fühlt, so hat er doch seine Grundüberzeugungen. Zum Beispiel die, daß »alle 68er heute auf dem Boden der Tatsachen angekommen sind«. Dazu gehört nach Gerhard Imigs Meinung jedoch auch, »gegen Verkrustungen anzugehen. Konservativ sein heißt ja nicht, alles beim alten zu lassen. Man muß Neues wagen und das Erhaltenswerte erhalten.« Das sei auch in der Kirche so. Früher hätten stets die Pastoren wichtige Funktionen eingenommen. In Havelberg wolle die Kirchengemeinde ihnen jetzt Freiraum für die Seelsorge, ihre eigentliche Aufgabe, schaffen. »In jedem steckt ein Revoluzzer. Deswegen kann ich Verkrustungen auch nicht ertragen und wende mich gegen das Etablierte«, sagt Gerhard Imig.

Er ist Mitglied im Rotary Club Havelberg. Zur Zeit fungiert er in der Männerrunde sogar als Präsident. Sieht er dort keine Verkrustungen? Gerhard Imigs »Nein« klingt nicht barsch, aber bestimmt. Wie ist er in den Club gekommen? »Zur Wendezeit waren die Verdener Rotarier oft in Havelberg. Als ich dann herkam, sprach mich Pfarrer Wolff an. Ich hatte vorher nur davon gehört. Ich fragte meine Freunde in Hannover, was die davon halten, und sie sagten: ›Etwas besseres kann dir nicht passieren. Das ist ein Zeichen, daß du dazugehörst.‹«

Er würde sich auch im Club für Veränderungen einsetzen. Zum Beispiel hätte er gern Frauen in der Runde. »Aber dann müßten wir auch eine Quote einrichten. Und das ist gar nicht so leicht.«

Hiltrud Imig meint: »Na, was sollen die Frauen da auch. Die können sich doch was eigenes aufbauen und müssen sich nicht immer an die Männer hängen.« Jedenfalls will der Club im nächsten Jahr zur Havelberger 1050-Jahr-Feier öffentliche Vorträge abhalten. Zur 1000jährigen Geschichte der Prignitz. Soviel steht schon fest. »Wir haben am Anfang auch Fehler gemacht«, räumt der Präsident ein. »Es hat eben nicht gereicht, nur Fotos von Scheckübergaben in der Zeitung zu haben«, meint Gerhard Imig heute. Noch jetzt kann er sich über die Kritik der PDS-Abgeordneten Birke Bull (»Politik am Biertisch«) aufregen. »Im übrigen sind ja wohl auch PDS-Mitgliederversammlungen nicht öffentlich.« Ob ich mich schon einmal gefragt habe, wieviel Rotarier bei den Berufsinformationsveranstaltungen im Gymnasium waren? »Eine ganze Reihe jedenfalls.«

Gerhard Imigs Augen blitzen noch immer hellwach. Eigentlich ist alles gesagt. Eines noch zum Schluß. Wie verbringt das West-Ost-Ehepaar den Tag der Einheit? »Ganz profan. Meine Frau trifft sich im Wald mit Naturschützern zur Vorbereitung einer ABM. Ich gehe vormittags in den Garten, und nachmittags besuchen wir gemeinsam das Konzert im Dom.«

Gerhard Imig verabschiedet sich mit kräftigem Händedruck. Ein guter Mensch. Kein Problem. Der Herz-Jesus-Marxist fährt mit dem Mercedes in die Westprignitz zur Arbeit.

Wahrscheinlich will er die Leute abholen, wo sie jetzt sind.

HAVELBERGER VOLKSSTIMME

Nr. 242 vom 4. Oktober 1997

Bewertung der Jury

Andreas König erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 1997 in der Kategorie »Lokales« für seinen Beitrag »Der gute Mensch aus der Weinbergstraße« - erschienen in der Havelberger Volksstimme am 4. Oktober 1997.

Der Autor beschreibt die ostdeutsche Ochsentour eines westdeutschen Politikers in Havelberg. Dieser möchte als Direktkandidat der CDU in den Landtag von Sachsen-Anhalt einziehen. Andreas König ist - ganz im Sinne von Theodor Wolff - eine politische Reportage gelungen, die klar und nüchtern die Arbeit eines »Herz-Jesu-Marxisten« beschreibt, der die Ostdeutschen dort abholen möchte, wo sie sind.

Kurzbiographie

Gezeichnet: ak

Geboren am 25. Dezember 1965 in Luckenwalde, Brandenburg.

Nach dem Abitur 1984 an der Erweiterten Oberschule in Luckenwalde Studium der Verfahrenstechnik in Löbau, Sachsen. 1988 Abschluß als Diplomingenieur für Verfahrenstechnik.

1988 bis 1990 Berufssoldat bei der Nationalen Volksarmee (NVA) in Havelberg. Entlassung auf eigenen Wunsch.

Nach der Wende erste journalistische Erfahrungen als Mitarbeiter bei der Havelberger Volksstimme. Seit Mai 1990 als Redakteur tätig.

Seit September 1997 verantwortlicher Redakteur bei der Havelberger Volksstimme; Schwerpunkte seiner journalistischen Arbeit ist die Kommunalpolitik. Seine Leidenschaft gilt Reportagen, Porträts und Glossen.