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"Geist und Geld - oder warum Zeitungen und Zeitschriften nur Erfolg haben, wenn Redaktion und Verlag zusammenarbeiten"

Von Manfred Bissinger

Festvortrag anlässlich der Verleihung des Journalistenpreises der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 24. September 1996 in Bonn

Sehr geehrte Damen und Herren, 

liebe Kolleginnen und Kollegen, 

liebe Preisträger, 

als ich mich am vergangenen Wochenende hinsetzte, um diesen Vormittag vorzubereiten, erschrak ich etwas über meine Zustimmung zu dem heute hier zu verhandelnden Thema: "Geist und Geld - oder warum Zeitungen und Zeitschriften nur Erfolg haben, wenn Redaktion und Verlag eng zusammenarbeiten". Zwar ist das eine vollkommen richtige Feststellung, eine Binse gar, wie man im Journalistenjargon so schön sagt, aber dennoch verbirgt sich dahinter ein komplexer Tatbestand, der sich gar nicht für schnelle Prämissen oder deftige Schlagworte eignet. Für eine Rede also denkbar ungünstig. Auch läßt sich bei so einem Thema wenig Bildungsbürgertum in Form von Zitaten transportieren, was ja normalerweise "Vorträge" überreichlich auszeichnet. 

Überhaupt Vortrag! Dieser euphemistischen Wort-Verklärung der Verlesung von ein paar notwendigen Einsichten konnte schon der Redner des vergangenen Jahres, mein geschätzter Kollege Herbert Riehl-Heyse von der "Süddeutschen Zeitung" nicht so recht zustimmen. Dabei hatte er mit seinen Paraphrasen über die Frage, ob Qualitätsjournalismus und Marketing ein Antagonismus sind, gleich zwei außerordentlich aktuelle und heftig diskutierte Reizworte zu reflektieren. 

Dagegen ist unser Thema eher spröde. Es entzieht sich der Zuspitzung und läßt sich nur schwer schwarz-weiß betrachten, ist im besten Falle Graubrot - eine Mischung also mit der vor so gut wie keinem Auditorium Erfolg zu erzielen ist. Im Journalismus in der Regel auch nicht mehr. 

Eindeutiger wäre zu formulieren gewesen, wenn ich über die zunehmende Verwilderung unseres Berufsstandes hätte räsonieren dürfen. Oder gar über die elenden Folgen des Journalismus, die die kaninchenartige Vermehrung der Fernsehprogramme nach sich ziehen. 

Zwar ist der Kampf Quantität gegen Qualität noch lange nicht verloren, wenn auch mit bald jedem Tag, mit jeder Woche mehr Terrain preisgegeben wird. Insofern freue ich mich, hier an einer der selteneren Veranstaltungen teilnehmen zu dürfen, auf denen noch klassischer Journalismus prämiert wird und nicht nur das möglichst lockere Verwursten (neutraler gern vermarkten genannt), das lockere Verwursten von allen und jeden Problemen mit dem Ziel, sie anschließend keine mehr sein zu lassen. 

Schöne heile Welt! 

Entertainment sagt man dazu in Neudeutsch und die Erfinder dieser Spezies halten sich auch noch für den Nabel der Öffentlichkeit. Die schönste Arbeitslose oder der traurigste Asylant, die hungrigste Rentnerin oder der gemeinste Tierquäler - die bunte Viel-Kanal-Welt schafft es, aus bald jedem Thema die Luft rauszulassen. Ist ja auch vergnügter, als komplizierte Analysen über Arbeitslosigkeit und Flüchtlingselend, über Rentennot oder das unzureichende Tierschutzgesetz. Und sollte sich etwa ein Problem nicht in Gags auflösen lassen, dann kommt es einfach nicht ins Programm. 

Da macht es geradezu Vergnügen, in den heute hier auszuzeichnenden Arbeiten zu lesen und zu erfahren, welche großartigen Gestaltungsmöglichkeiten unser altes Prinzip: "Subjekt, Prädikat, Objekt" biete. "Qualitätsjournalismus" haben das Medien-Marketing-Strategen genannt, und es damit eher abwerten wollen. Viel zu gewinnen (an Quote natürlich) sei damit nicht, soll so suggeriert werden.

Als ob Qualität Masse ausschließen würde. 

Das war nie so und wird es mit unser aller Gegenwehr hoffentlich auch nicht werden. Und weil in unserem Beruf bekanntlich alles mit allem zusammenhängt, sind wir nun endgültig beim gestellten Thema gelandet: Geld und Geist, ein Begriffspaar, das schon deshalb gut zusammenpaßt, weil bekanntlich weder Geld noch Geist allein glücklich machen. Ausnahmen bestätigen natürlich auch hier die Regel. 

Ich erinnere mich noch gut an die Zeiten, wo Geist und Geld als Gegensatz gesegelt sind, als die platte Formel galt: Verleger für den Kapitalismus, Redakteure für den Sozialismus. Damals war die Welt auch sonst noch geordnet. Es gab sogenannte rechte Verlagshäuser (beispielsweise Springer mit "BILD" und "Welt") und es gab sogenannte linke (beispielsweise Gruner + Jahr mit dem "Stern" und den befreundeten Blättern "Spiegel" und "Zeit"). Beide Konzerne bekämpften sich nicht nur in ihren Zeitungen und Zeitschriften, sie versuchten einander selbst mit politischen Diffamierungen Leser - vor allem aber Anzeigenkunden - abzujagen. 

Die Älteren von ihnen erinnern sich vielleicht noch an den sogenannten "Kronberger Kreis", benannt nach dem Schloßhotel, in dem er tagte, eine auf Initiative eines anderen Großverlegers gebildete Gruppe von Kaufleuten und Industriellen, die sich zum Ziel gesetzt hatten, "Stern" und "Spiegel" politisch abzustrafen und beide Magazine um möglichst viele Anzeigen zu bringen. Grund war die publizistische Unterstützung, die beide Blätter der Ostpolitik des damaligen Kanzlers Willy Brandt hatten zukommen lassen. Als ob dieses Engagement nicht ausreichend durch andere noch auflagenstärkere Zeitungen konterkariert worden wäre. 

Mit von der Anti-Partie damals war auch ein leitender Manager des Schnaps-Brenners "Asbach-Uralt". Ich weiß noch genau, wie er nach einem entsprechenden Artikel im "Stern" alle Anzeigen stornieren ließ. Kein Wunder, wenn der Verleger in die Redaktion kam und um das viele schöne Geld jammerte, das nun für lange Zeit auszubleiben drohte. Ob wir denn nicht auch mal einen Brandt-Gegner ins Blatt rücken wollten, fragte er vorsichtig. Nein, das wollten wir nicht, die hatten doch schon Platz genug in anderen Blättern. Henri Nannen selbst war es, der die Königsidee hatte. Er ließ drei Wochen lang in den damals sehr populären Stern-Fortsetzungsroman, immer wenn dort getrunken wurde, und das wird in solchen Romanen fast in jeder Spalte, er ließ dort immer wieder den Satz einrücken:

"Wollen Sie einen "Asbach" oder darf es was Besseres sein"? 

Nach drei Wochen kam das Friedensangebot. Die Auseinandersetzung war über Nacht beendet. Der "Stern" druckte wieder "Asbach"-Anzeigen und die Redaktion schrieb weiter über die Ostpolitik. 

Schöne alte Zeit. Viel Mut hatte es allerdings nicht dazu gebraucht. Der Weinbrand-Hersteller war auf die konsumfreundliche Leserschaft des "Stern" angewiesen. So konzentriert konnte er sie anderswo nicht erreichen. Auch das hatte sich geändert. 

Meine Damen und Herren, von Kontroversen der beschriebenen Art kann heute nicht mehr berichtet werden. Die gesellschaftlichen Grundkonflikte sind ausgetragen, im Ideenstreit Kapitalismus - Sozialismus ist letzterer mit Pauken und Trompeten untergegangen; politische Inhalte spielen heute fürs Geschäft - wenn überhaupt - nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Marketingdaten, damals noch so gut wie unbekannt, es zählte nur Auflage und Ansehen, entscheiden über die Vergabe von Anzeigen. Die Anzahl der Leser zwischen 19 und 39, die Kaufkraft, der soziale Status der Käufer - das ist es, was inzwischen überlebenswichtig geworden ist. 

Wen soll da wundern, daß auch der früher in Verlagshäusern gelegentlich sehr ausgeprägte Gegensatz zwischen Redakteuren und Kaufleuten sich endgültig zu einem notwendigen Miteinander ausgewachsen hat. Ausnahmen davon gibt es nur noch wenige. Der Aufstand der "Stern"-Redakteure gegen die vom eigenen Verlag geplante Konkurrenz "Tango" war so eine, auch der versuchte Eingriff des Großaktionärs Leo Kirch in die Unabhängigkeit der Welt. Letztere wurde vom Verleger mit Verve zurückgewiesen, und über "Tango" noch irgendein Wort zu verlieren, hieße nachtreten, und wer will das. 

Die alten Zielkonflikte sind ein für allemal entschieden, selbst die politischen Gegnerschaften haben sich abgeschliffen. Wirkliche Meinungsverschiedenheiten zwischen Redaktionen und Verlegern gibt es so gut wie keine mehr. Die großen (die kleinen sowieso) Verlagshäuser sind nicht nur nach außen Konsensfabriken. 

Zeitungen und Zeitschriften haben klar zugewiesene Aufgaben, diese sind von Journalisten und den Kaufleuten gemeinsam akzeptiert, mehr noch, sie werden von beiden gewünscht. Unvorstellbar beispielsweise, politischer Ehrgeiz des Verlegers könnte nochmals aus einer so hervorragenden und vom ganzen Publikum getragenen Regionalzeitung wie dem Hamburger Abendblatt ein Kampfblatt gegen den Senat der Stadt machen. (Einzige Ausnahme mag da das Blatt mit den ganz großen Buchstaben sein. Aber auch da ist es nicht der Verleger, sondern die Redaktion selbst, die sich nur allzu gern von der Regierungszentrale einspannen läßt. Unser Alt-Bundespräsident von Weizsäcker hat passenderweise auf der 50-Jahr-Feier des Springer Verlags dazu sehr deutliche Worte gefunden). 

Kritik: ja, heftige auch, aber weder die Redakteure noch die Kaufleute würden sich noch einmal für Kampagnen instrumentalisieren lassen. 

Das ist gut so und hat sicher nicht nur mit der gewachsenen Erfahrung zu tun, sondern vor allem mit der 50 Jahre nach Kriegsende und 5 Jahre nach der Wiedervereinigung erheblich größeren Gelassenheit auf beiden Seiten; auch die politischen Detailfragen, die früher den Zündstoff lieferten, sind soweit entschärft, daß sie nicht mal mehr einen Kirchentag in Wallung bringen könnten. Ob Abtreibung oder Krieg, ob revoltierende Studenten oder strahlendes Atom, um nur wenige der früheren Streitpunkte herauszugreifen, sie sind keine Urkonflikte mehr und lösen schon gar keine Schärfe aus. Auch, daß Ökonomie und Ökologie ein gleichberechtigtes Geschwisterpaar sind, haben konservative Politiker und Wirtschaftsführer akzeptiert. Selbst Kriege sind, wie wir mit dem Golfkonflikt erlebt haben, in der Publizistik weitgehend konsensfähig geworden. 

Die Vereinigung der beiden Deutschlands und die Auflösung des kommunistischen Blocks haben die gegnerischen Bastionen endgültig geschleift. So hat auch kein deutscher Chefredakteur zur deutschen Einheit in seinem Blatt ernsthaft eine Antiposition verfochten oder verfechten lassen. Vor 20 Jahren wäre das noch ganz anders gewesen. Mit der größer gewordenen Bundesrepublik, so scheint es, ist auch die politische Publizistik erwachsen geworden. Die Zeitschriften pflegen im besten Sinne des Wortes den Diskurs. Die Zeiten sind endgültig vorbei, als einzelne entschieden Partei ergriffen, häufig genug auch gegeneinander; heute tragen die Blätter eher dazu bei, Auseinandersetzungen zu glätten, beziehungsweise sie erst gar nicht aufkommen zu lassen. Wenn zum Beispiel mein Freund Henryk M. Broder in einem der selten gewordenen polemischen Essays die deutsche Linke wegen ihres latenten Antisemitismus angreift, dann darf diese selbstverständlich eine oder zwei Ausgaben später replizieren, und damit ist die Kuh vom Eis. Die alte Streitkultur ist passé, es lebe das Pro und Kontra - innerhalb von Redaktionen wie außerhalb. 

Sieger ist in jedem Fall der Leser; er bekommt einmal mehr Argumente angeboten und kann sich seine Meinung bilden. Mir bereitet es zum Beispiel immer wieder Vergnügen, wenn ich in der FAZ an ein und demselben Tag auf den Politik- und Wirtschaftsseiten Pro-Atom-Artikel finde und dann etwas weiter hinten im Feuilleton entschieden dagegen agitiert wird. 

Es wäre zu einfach, die neue Friedlichkeit allein auf die politische Großwetterlage zurückzuführen. Konflikte, die sich kontrovers auszutragen lohnte, gibt es auch heute zuhauf. Denken Sie nur an die Verschärfung der sozialen Lage immer größerer Schichten unserer Bevölkerung, denken Sie nur an die immer realer werdende Zweidrittel-Gesellschaft, die ein ganzes Drittel ausgrenzt, denken Sie nur, warum Toleranz und Offenheit gegenüber Andersdenkenden nur so selten praktiziert werden. 

Natürlich hat dies alles auch mit der Krise der Institutionen zu tun, selbst die Parteien unterscheiden sich ja kaum noch. Wir haben es mit konservativen Grünen und fortschrittlichen CSU-lern zu tun, der Arbeitnehmerflügel der CDU steht links von großen Teilen der SPD und selbst die Gewerkschaften liefern meist ein sehr diffuses Bild. Das regt zur Kontroverse nicht gerade an. 

Der wirkliche Grund aber liegt woanders. Es ist in der immer problematischer werdenden Konkurrenzsituation begründet, von der so gut wie alle Zeitungen und Zeitschriften betroffen sind, und die für Verlag und Redaktion die politische Auseinandersetzung zum Luxus macht, den man sich zu leisten immer seltener in der Lage sieht. Insofern greifen Verleger im Prinzip nur noch einmal in die Redaktionsgeschäfte ein, dann nämlich, wenn Sie einen neuen Chefredakteur engagieren. Dies geschieht meist dann, wenn Auflage und Ertrag nicht mehr stimmen. Natürlich kenne auch ich andere Fälle. Einer hat sich gerade in Köln zugetragen. Aber sie sind - gemessen an den Auseinandersetzungen der Vergangenheit - unbedeutend und nicht von wirklichem Belang. Es ist die absolute Ausnahme geworden, daß ein Verleger eines einzelnen Artikels wegen, der seine Interessen tangiert, einen öffentlichen Skandal riskiert. 

Wer die Halbwertzeit von Chefredakteuren großer Blätter nachmisst, der kann erahnen, wie schwer, aber auch wie anders sich die Verhältnisse entwickelt haben. Natürlich wird der oberste Redakteur auch ausgesucht, um die vom Verlag bestimmten publizistischen Grundlinien durchzusetzen; viel wichtiger allerdings ist geworden, daß der Kandidat oder die Kandidatin verspricht, die ökonomischen Eckdaten zu sichern. 

Spätestens hier muß ich ein paar Worte über meine eigene Rolle verlieren. Ich weiß, wovon ich rede. Ich bin Chefredakteur, Herausgeber und Geschäftsführer der WOCHE - eine heute nicht ungewöhnliche Kombination, vor allem dann, wenn es nicht nur um die Weiterführung einer eingeführten publizistischen Marke geht, sondern um eine in diesen Zeiten schwierig gewordene Neueinführung. Da hilft es natürlich, an allen Hebeln gleichzeitig zu schalten und so den selbstgestellten publizistischen Auftrag mit den ökonomischen Gegebenheiten unter einen Hut bringen zu können. Helmut Markwort von "Focus" ist in einer ähnlichen Situation. Er wird auf die Frage, ob die Funktionshäufung sinnvoll ist, sicher wie ich antworten: Sie ist in diesem Stadium unverzichtbar. Auch wenn ich ehrlich anfügen möchte, daß ich gelegentlich die Zeiten zurücksehne, an denen ich noch zu 100 Prozent Journalist sein konnte. Heute stehen für diese Arbeit nur noch höchstens 50 Prozent der Zeit zur Verfügung, eine Tatsache, die für ein Blatt nur dann zu verkraften ist, wenn die ganze Chefredaktion, also auch die Stellvertreter, voll verantwortlich eingebunden sind. 

Eine Regel aus dieser Vielfachverantwortung zu machen, wie es Gruner + Jahr mit ihrem Verlegermodell verwirklichen will, hielte ich aber dennoch für äußerst zweifelhaft. Eher könnte es so funktionieren, wie fast alle großen Buchverlage agieren. Sie haben zwei Geschäftsführer, einer ist für das Programm zuständig, der andere für den Verkauf. Erfolgreich sind sie nur gemeinsam. Das Verlegermodell von Gruner + Jahr dagegen kennt nur einen Chef, der nicht mal das letzte Wort hat, sondern den Weisungen - im Zweifelsfalle auch den politischen - des Vorstandes unterworfen ist.

Ganz unabhängig davon sind Chefredakteure auch ohne Geschäftsführerfunktion längst zu Mitunternehmern geworden. Sie sind Partner, ihr Verhältnis zum Verlag ist geprägt von Stichworten wie "Umsatz" und "Rendite", "Auflagenmaximierung" und "Kostenmanagement", "Synergie" und "Anzeigenklima" und nicht von so altmodischen und aus der inneren (wie zunehmend, auch der äußeren) Debatte fast völlig verschwundenen Vokabeln wie "Aufklärung", "Minderheitenschutz" oder "Meinungsfreiheit". Hier Interessenausgleich zu schaffen, die Arbeit der Redaktion freizuhalten vom täglichen Druck der ökonomischen Daten, den Kompromiß zu finden zwischen finanziellen Erfordernissen und journalistischen Notwendigkeiten, das ist es, was Redaktion und Verlag zusammenbindet, und da lauern gleichzeitig die größten Gefahren. Denn bei aller Symbiose muß doch die bewährte Arbeitsteilung eingehalten werden, die Redaktion fertigt ein seriöses und substantielles, ein lebendiges und verständliches Blatt, der Verlag setzt alles ein, diese Leistung auch dementsprechend erfolgreich im Markt zu plazieren. 

Zur Charakterisierung der idealen Zusammenarbeit von Redaktion und Verlag, also von Chefredakteur und Verleger oder Verlagsleiter, strapaziere ich gern ein Bild aus dem Fußball. Beide sind sowas wie die doppelte Sturmspitze, die ihrer Mannschaft mit möglichst vielen Toren zum Sieg verhelfen sollten. Dabei muß es dann durchaus wie auf dem realen Spielfeld zugehen; mal liefert der Chefredakteur dem Verlagsleiter die Vorlage, und mal ist es umgekehrt. Wichtig ist nur, daß einer von beiden das Tor trifft, und ganz sicher wäre es falsch, wenn es immer nur einer von beiden wäre. Will sagen, jeder kluge Chefredakteur läßt auch dem Verlagsleiter seine Tore und umgekehrt. Gewünscht ist der Doppelpaß, wobei zur Vorsicht durchaus Anlaß besteht, denn jeder Abgabefehler kann dem Gegner zum Konter verhelfen - und die sind im Spiel bekanntlich die gefährlichsten. Gefährlich, meine Damen und Herren, kann es auch werden, wenn der Verlagschef glaubt, die Arbeit des Chefredakteurs mitmachen zu müssen, wenn er womöglich denkt, sie mit den ihm zur Verfügung stehenden Marketingmethoden sogar noch besser zu können. Wenn er die erfolgreichsten journalistischen Hilfsmittel, wie den richten "Riecher" für Themen, die richtige "Intuition", das richtige "Gefühl im Bauch" durch Marktforschung ersetzen will und den Chefredakteur zum reinen Handwerker degradiert. Wenn er also den Inhalt der Zeitung oder Zeitschrift vom Computer und den von ihm ermittelten Rangreihen bestimmen lassen will. Leider gibt es solche Beispiele. 

Eine letzte Abschweifung in die graue Vorzeit. Mein Lehrmeister Henri Nannen hat einmal gesagt, als er sich über den Verlag geärgert hatte: "Die glauben, die Redaktion ist dazu da, den von der Anzeigenabteilung freigelassenen Raum mit möglichst ansehnlichem, aber konfliktfreien Stoff zu füllen". Und machte es dann nicht. Denn mit Zeitungen und Zeitschriften sollten damals nicht nur Geld verdient werden; sie waren zu allererst zum Transport von geistigen Inhalten gegründet worden. Heute geschieht das nur noch, wenn die Marktforschung eine hinreichend große Lücke im Leser- und Inserentenpotential entdeckt hat. Nicht umsonst lauten die neuen Zauberwörter der Zeitungsmacher "Service" und "Nutzwert". Früher waren es "Aufklärung" und "Information". Diese Entwicklung ist sicher einer der Gründe dafür, warum die Väter der Nachkriegspublizistik so wenige Nachfolger gefunden haben: Axel Springer oder Rudolf Augstein, Henri Nannen oder Gert Bucerius, Werner Friedmann oder Karl Gerold. Sie waren zumeist Verleger und Journalist, und das war für ihre Blätter nicht die schlechteste Kombination. Sie hatten etwas mitzuteilen, sie vertraten Ideen und Vorstellungen, sie wollten die Leser für ihre Gedanken interessieren und nicht imaginäre Marktlücken füllen. Es war aber auch ihr Besitz, den sie mehrten oder aufs Spiel setzten. 

Zugegeben: Zeitungen gründen war nach dem Krieg einfacher als heute, wo schon kleine Ideen mindestens fünf Zeitschriften tragen müssen. Heute sind die Redakteure und Kaufleute ganz anders gefordert. Es gilt, den ständigen Vormarsch des Fernsehens in der Gunst des Publikums zu stoppen. Denn nur wenn das gelingt, brauchen wir um die Zukunft nicht zu fürchten.

Noch sind die Zahlen der Printmedien nicht besorgniserregend. Die Auflagenverluste halten sich in überschaubaren Grenzen, die werbungtreibende Industrie hat ihren Spaß am bedruckten Papier nicht verloren. Erklärbar vor allem durch die (noch) hohe Glaubwürdigkeit des gedruckten Wortes. 

Diese Glaubwürdigkeit zu erhalten, macht ein enges Bündnis zwischen Redaktion und Verlag geradezu lebensnotwendig. Was wir nötig haben, sind gemeinsame Innovationen, denn tatsächlich war die Print-Branche noch nie so herausgefordert, wie in diesen Jahren, in denen Erlebniswelt und Wahrnehmungsdichte immer dramatischer vom Fernsehen geprägt werden. Der Bildschirm bestimmt die Gesprächsthemen, vor den Kameras spitzen sich die großen Konflikte zu, längst prägt das Fernsehen die Bilder in den Köpfen der meisten Menschen. 

Das Fernsehen initiiert - direkt oder indirekt - Aktion oder Reaktion. Beispiele sind nicht nur so spektakuläre Ereignisse wie die Affäre um die Bohrinsel "Brent Spar"; auch der Krieg in Bosnien oder gar die tägliche Bedrohung unserer Ordnung durch den Fundamentalismus sind Themen, die ohne das Fernsehen im Publikum weit weniger präsent wären. Selbst typische Analyse-Themen, wie die Kanzlerschaft Helmut Kohls, der in diesen Tagen länger als Adenauer amtiert, erleben inzwischen ihre Höhepunkt via Mattscheibe. 

Dem als Zeitung oder Zeitschrift etwas entgegenzusetzen, ist nicht nur dringend geboten, es lohnt auch, können doch Print-Produkte viel nachhaltigere Wirkung erzielen, als es das Fernsehen in seiner ganzen Flüchtigkeit je erreichen wird. Das Wissen und Verständnis um die Hintergründe, die Orientierung in einer sich immer heilloser zersplitternden Welt, die detailgenaue Recherche, die auf Information und nicht auf Emotion baut, das alles kann verläßlich nur das gedruckte Wort liefern. Die Stärke der Zeitungen und Zeitschriften sind nicht die Ereignisse selbst, sondern die Ermittlung und Erforschung von deren Ursachen und Folgen und auch deren Interpretation. Was da geleistet werden kann, wird das Fernsehen niemals schaffen können. In der Regel ertrinken dort die Inhalte in der Bilderflut. Kein Zuschauer kann sie mehr vernünftig ordnen. 

Das Zappen ist auch ein Ausdruck der neuen Hilflosigkeit. Wenn man dann noch erfährt, daß der durchschnittliche Zuschauer bei einem Sender gerade mal zehn Minuten verweilt, dann ahnt man, was Fernsehen überhaupt vermitteln kann. 

Also doch alles gut? Ganz bestimmt nicht. Denn unsere Zeitungen und Zeitschriften sind für den Konkurrenzkampf mit der neuen Multimedia-Welt, mit den Sparten-Programmen und Pay-TV, mit Online-Services und Lokalprogrammen immer noch viel zu schlecht gerüstet. 

Viele Blätter sind veraltet: grafisch, strukturell und inhaltlich. Sie verlangen nach Veränderung, damit nicht doch noch eintritt, was immer wieder als Menetekel an die Wand gemalt wird: Die Überalterung der Leserschaft und - pathetisch gesagt - das damit einhergehende langsame Sterben. Die Jungen wandern - langsam zwar - aber sie wandern ab, beziehungsweise, noch fataler: sie steigen gar nicht erst ein. 

Dabei halte ich die These, junge Leute läsen nicht, sondern stillten ihren Medien-Hunger ausschließlich über Multi-Media, für absolut falsch. Sie kaufen Zeitungen und Zeitschriften nur dann nicht mehr, wenn deren Inhalte und deren Aufmachung diametral ihren Lebens- und Kommunikationsgewohnheiten zuwiderlaufen. Mit anderen Worten: Wenn sie ihre Welt nicht mehr ausreichend widerspiegeln. 

Die Print-Medien müssen sich deshalb ändern, schneller womöglich als ihnen lieb sein kann, denn mit dem Siegeszug des Computers und all seinen faszinierenden Möglichkeiten (Internet ist nur ein Stichwort), erwächst ihnen neben dem Fernsehen eine weitere Gefahr. 

Kommt hinzu: Der Kampf ums Zeitbudget wird immer härter. Sieger, meine Damen und Herren, wird letztlich das Medium bleiben, das auf die eingängigste Weise Wissen und Erfahrung zu vermitteln weiß. 

Dies ist nicht der Ort für eine Vorlesung über Sofortmaßnahmen zur Verbesserung der Print-Medien, zur Rettung des Wortes in einer bilderüberflutenden Zeit. Es ist nur der Ort, darauf hinzuweisen, was Geld und Geist gemeinsam bewirken können. Erfolgreich kann es nur dann sein, wenn Journalisten und Verleger an dem buchstäblich einen Strang ziehen, wenn Redaktion und Verlag so eng als möglich zusammenarbeiten und der elektronischen Konkurrenz kein weiteres Terrain abtreten. 

Ich habe viel von vergangenen Zeiten geredet, und deshalb möchte ich mit einem Wort von Karl Valentin schließen: 

"Die Zukunft war früher auch besser." 

Das, meine Damen und Herrn, darf nicht zur Wahrheit werden.