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Prämierter Text

Von Lorenz Wagner

Nach ihrer Pfeife

Ab der nächsten Saison wird Bibiana Steinhaus Spiele der ersten Fußball-Bundesliga der Männer leiten – für viele ein Kulturschock. Wir haben sie auf ihrem Weg nach ganz oben begleitet

 

Sie läuft. Die letzten Stufen hoch, durchs Foyer, am Tisch mit den Äpfeln und Müsliriegeln vorbei, an der Stehtafel mit den Aushängen: Kursbeginn 12 Uhr, Raum Sa Torre IV, also derselbe Stock, hinten rechts. Oh, die Tür ist schon zu. Mist.

Der Deutsche Fußball-Bund hat seine besten Schiedsrichter ins Trainingslager geladen, auf Mallorca, wo auch im Januar die Sonne wärmt. 43 Männer, eine Frau. Eine Woche lang bereiten sie sich auf die Rückrunde vor. Fitness, Psychologie, Regelkunde, die Trainer schauen genau hin. Auch für die Schiedsrichter geht es in der Rückrunde in den nächsten Monaten um den Auf- und Abstieg. Und wer nach oben will, sollte sich nicht verspäten. Auch keine – Blick auf die Uhr – 18 Sekunden.

Hinter der Tür: Stille.

Sie atmet, drückt die Klinke.

Hm, verschlossen.

Was nun? Klopfen? Steinhaus steht einfach nur da. Nach langen Sekunden schwingt die Tür auf. Vor ihr erscheint Hellmut Krug, der Kursleiter, früher Schiedsrichter, heute Funktionär, einer der Wichtigen, einer der Entscheider über Auf und Ab. Er lächelt.

»Ich dachte immer: Ladies first.«

Leises Lachen klingt ihr entgegen, 14 Männer in Hufeisenrunde.

Sie entgegnet nichts. Mit geradem Rücken strebt sie auf ihren Platz.

»Hat sich noch die Haare gemacht«, sagt, als sie sich setzt, ein sehr junger Schiedsrichter zwei Stühle weiter.

Sie greift sich das Arbeitspapier. Keinen Blick schenkt sie dem Jungen.

Was sollte sie auch sagen? Dass ihr einfacher Pferdeschwanz wenigerer Spiegelblicke bedarf als manche Gel-Frisur im Raum? Wie alle trägt sie den Trainingsanzug des DFB – den Männeranzug. Für mich keine Ausnahme, hat sie gebeten, auch auf dem Platz nicht: kurze Hose, Trikot. Sie möchte in ihrer Funktion gesehen werden, nicht als Frau.

»Jetzt, wo die holde Weiblichkeit da ist«, durchbricht Hellmut Krug die Stille, »können wir ja anfangen.«

Er hat Videos mit Spielszenen vorbereitet: Foul oder nicht? Gelb oder Rot?

Szene eins, wer will was sagen? Schweigen. »Nun, wo sie eh im Fokus ist: Bibiana?« Einige lachen.

Sie: »Das Foul hat sich deutlich angekündigt. Der Spieler hat wenig Chancen, den Ball zu spielen. Ich würde sagen: Gelb. Kann ich die Zeitlupe sehen?«

Kursleiter Krug, tadelnd: »Also, eine Entscheidung musst du schon treffen.«

Zeitlupe.

Sie, bestimmt: »Die Zeitlupe bestärkt meinen Eindruck. Gelb.«

Krug: »Was meinst du, Felix?«

Er wendet den Blick auf Felix Brych, Schiedsrichter des Jahres. Brych kennt Steinhaus seit Jahren. Als eben viele feixten, blieb sein Gesicht ernst.

Er hebt den Kopf, nickt ihr zu: »Alles, wie Bibiana gesagt hat.«

Sie nickt zurück, die Augen dankbar. Bibiana Steinhaus, 38 Jahre, ist zweimalige Weltschiedsrichterin, bei den Frauen leitete sie Endspiele bei der Weltmeisterschaft und den Olympischen Spielen, am 1. Juni pfeift sie das Finale der Champions League. Im Männerfußball ist sie eine Pionierin: die erste Frau im deutschen Profigeschäft. 2016 war sie laut geheimer Rangliste des DFB bester Schiri der Zweiten Liga. Aufgestiegen ist sie da nicht. Wieder nicht. Seit zehn Jahren hat sie darum gekämpft, Jahr für Jahr, und wieder und wieder wurde sie enttäuscht. Es schien, als wollte die Bundesliga einfach keine Frau in ihren Reihen, egal wie gut ihre Noten und wie groß das Lob der Fachleute waren. »Sie gehört in die Bundesliga«, forderte noch vor zwei Wochen Urs Meier, früherer Fifa-Schiedsrichter. Große Erwartungen, dass sie es schafft, hatte er da nicht.

Vergangenen Donnerstag, vier Monate nach Mallorca, hat die Elite-Kommission getagt, die großen Namen des Schiedsrichterwesens, Lutz Michael Fröhlich, Eugen Strigel, auch Hellmut Krug war dabei. Nach einer aufreibenden Rückrunde, in einem letzten Anlauf, ist Bibiana Steinhaus in die Männer-Bundesliga aufgestiegen.

 

LASS DAS MAL MIT DEM FUßBALLSPIELEN, hatte Mampfer gesagt, Freund ihres Vaters, Schiedsrichter-Obmann beim SV Bad Lauterberg im Harz. Eben hatte er Bibiana gepfiffen, Libero, 16 Jahre alt und, wie Mampfer sagt, »absolut talentfrei «. Werd lieber Schiedsrichter, sagte er: Bist groß, kannst dich durchsetzen. – Ich? Schiedsrichter? Nee.

Doch Wolfgang »Mampfer « Illhardt, ein guter Esser und noch besserer Spielleiter, sprach sie wieder und wieder an, er suchte Nachwuchs, gerade Mädels. Zwei Frauen kommen auf hundert Schiedsrichter, das war Mitte der Neunzigerjahre nicht anders als heute. Und weil sie es nicht mehr hören konnte, machte sie halt diesen Kurs.

Einige Wochen später leitete sie ihr erstes Spiel, Hattorf bei Göttingen, Frauenfußball,

Bezirksstaffel. Illhardt fuhr sie hin, sie hatte keinen Führerschein und war froh, ihn bei sich zu haben. Kommst in ein fremdes Dorf, musst dich durchfragen. Wo sind die Kabinen? Wer ist verantwortlich? Und auf einmal stehst du allein gegen 22. Auf dem Dorfplatz ist das härter als in der Bundesliga, du kannst dich nicht so gut hinter deiner Funktion verschanzen, bist mehr Mensch, musst den Zuschauern in die Augen schauen, kannst ihren Bier-Atem riechen. Auch Illhardt machte sich Sorgen. Bis er, der viele Frauen und Männer in die Schiedsrichterei führte, sie sah: »So ein Talent hast du einmal in hundert Jahren.«

Mensch und Funktion zugleich, lächelnd, fast mühelos, setzte sie sich durch.

Sie fiel schier nach oben, nach einem guten Jahr stand sie in der Frauen-Bundesliga an der Linie, assistierte der Fifa-Schiedsrichterin Antje Witteweg.

Ob sie mal ein Männerspiel leiten wolle?, fragte Illhardt. Eigentlich durfte sie nicht, sie war minderjährig, aber … Auf nach Duderstadt, Bezirksstaffel. Am Rand stand ein Verbandslehrwart namens Kasper. Nach dem Spiel kam der gelaufen: »Du musst raus aus dieser Klasse.« Sie war zu gut. »Ich dachte, ich hör nicht recht«, sagt Illhardt. Wofür andere Jahre brauchten, reichte ihr ein Spiel.

Er wurde ihr Assistent, sah nun von der Linie, wie sie sich behauptete. Auf dem Platz Gerangel und Geschrei? Bleib weg!, schrie er immer. Und sie: mitten rein. Oder der Torwart, der vom Boden nach oben schaute und sagte: »Knackiger Hintern.« – »Ebenfalls.«

Jahr für Jahr stiegen die beiden auf, Landesliga, Verbandsliga, Niedersachsenliga. Wie die Zuschauer schauten, wenn sie auflief! Und ihr Gelächter, wenn nicht sie an die Linie ging. Rufe, durchaus wohlwollend, aber wehe, sie entschied nicht nach Wunsch: Warum pfeift da auch eine Frau?!

Regionalliga, mit 22 Jahren. »Frauen sollen Frauenspiele pfeifen«, befand der Babelsberger Trainer. Sein Team stieg bald ab, Steinhaus weiter auf. Als sie im September 2007 ihr erstes Zweitliga-Spiel leitete, Paderborn gegen Hoffenheim, drängten sich die Kameras. »Es war einfach verrückt«, sagt Steinhaus. »Wie ein Naturspektakel.«

Sie spaziert durch den Hotelpark auf Mallorca, ab und an kommen Kollegen entgegen. Kreuzen sie, dämpft sie die Stimme.

»Ich hatte nie vor, heute noch nicht, einen Emanzipationsweg zu beschreiten. Ich tue nur, was ich liebe.«

Sie überlegt.

»Trotzdem muss ich mich mit der Frage auseinandersetzen. Denn um mich herum sind Menschen, für die das ein Thema ist. Was soll ich sagen: Ich bin nun mal die Einzige hier mit blondem Pferdeschwanz.«

Pause.

»In den ersten Jahren war ich sehr bemüht, unter dem Radar zu fliegen, mit der Gruppe der Schiedsrichter eins zu werden. Bis ich gemerkt habe, dass mir das niemals gelingen wird. Diese andere Rolle anzunehmen hat lange gedauert.«

Nun müssen doch auch mal die anderen sie annehmen. »Natürlich ist meine Personalie umstritten«, sagt sie, zwanzig Jahre nach Duderstadt, zehn nach Hoffenheim.

Steinhaus hat die größte Erfahrung in der Zweiten Liga. Auch in der Bundesliga hat sie sich bewiesen, als Vierte Offizielle, also als Frau zwischen den Trainerbänken. Stars wie Felix Brych, der in einer Woche das Champions-League-Finale der Männer leiten wird, das wichtigste Vereinsspiel der Welt, freuen sich, wenn Steinhaus zu ihrem Team stößt. Die Trainerbändigerin. »Sie ist sehr begabt im Umgang mit Menschen«, sagt Lutz Wagner, Steinhaus’ Coach, Mitglied der Schiedsrichterkommission. Als Steinhaus vor zwei Jahren Pep Guardiolas verirrte Hand von ihrer Schulter streifte, stieg sie noch mal in der allgemeinen Achtung – aber nicht auf.

Es gehe allein nach Leistung, hieß es beim DFB: nach den Noten, die der Verband jedes Spiel vergibt. Im vergangenen Jahr wurde die geheime Rangliste nach draußen gespielt. Steinhaus stand auf Platz eins. Aufgestiegen waren vier andere. Weil sie eine Frau ist?

 

»LOS MÄNNER!« AUF MALLORCA SETZT SICH DIE TRUPPE IN BEWEGUNG, Trikots, Stollenschuhe, junge Gesichter, es könnten Fußballer sein, einige rotzen auf den Rasen, andere schießen sich gegenseitig mit Bällen ab. Steinhaus plaudert abseits mit einem Linienrichter, er nimmt sie in den Arm, sie deutet ein Küsschen an. Dehnen, »Gesäß nach hinten!«, ruft der Fitnesstrainer. »Aber Abstand halten, damit der Hintermann später keine braune Nase hat.« Liegestütze, Sprints, »Go, go!«, vor Steinhaus läuft Wolfgang Stark, hinter ihr Manuel Gräfe, bekannte Kollegen: »Super, Männer!«

Steinhaus verschnauft, das Haar klebt an der Stirn. Dieses »Männer« berührt sie nicht, es stört sie aber, wenn Funktionärsreden beginnen mit: »Liebe Bibiana, liebe Kollegen.«

Weiter. »Sauber arbeiten!«, ruft der Trainer. »Die Kamera läuft mit.« Vorbei sind die Zeiten, als der Dicke der Schiedsrichter war und ein Wolf-Dieter Ahlenfelder das Spiel nach einem Herrengedeck anpfiff. Schiedsrichter sind Leistungssportler. Fängt ein Verteidiger einen Angriff ab, ist der Ball oft zwei Pässe später im anderen Strafraum, siebzig Meter in drei Sekunden. Wenn sie sehe, sagt Steinhaus, dass ein Spieler zum Schuss ansetzt, wende sie und sprinte dem Konter voraus. Ideal sei, auf Ballhöhe zu bleiben. Falle sie aus dem Fernsehbild, habe sie die Kontrolle verloren. 45 lange Sprints macht Steinhaus im Spiel, läuft elf Kilometer. Dabei muss sie im Kopf kühl bleiben. Und wem im falschen Augenblick der Schweiß ins Auge tropft, der übersieht ein Abseits. Dieses Tempo ist in der Bundesliga noch höher, Topspieler machen sechzig lange Sprints und laufen zwölf, 13 Kilometer. Genau das, deuten einige auf Mallorca an, also bevor Steinhaus ’ Aufstieg in die Bundesliga beschlossen war, sei ein Grund dafür, dass sie es bei den Männern noch nicht an die Spitze geschafft habe. Sie sei zu langsam.

Trinkpause.

Stimmt das? Sie könnte nun sagen: Was soll das Gerede? Sie könnte sagen, dass es Tests für Bundesligaschiedsrichter gibt, Männertests übrigens, Schnelligkeit und Ausdauer, in denen sie Jahr für Jahr besteht. Aber Steinhaus sagt: »Schauen Sie sich um: Alle haben Gardemaß, sind durchtrainiert.« Sie vergleicht sich.

»Bibiana ist sehr selbstkritisch«, sagt Lutz Wagner, in der Kommission einer ihrer Förderer und einer, der sie gern antreibt. »Sie weiß, dass sie schneller reagieren muss. Da arbeitet sie auch dran. Dazu gehört, dass man sich mit Taktik auseinandersetzt. Wer macht in Dortmund die Spieleröffnung, wer wird den langen Ball spielen. Das müssen Sie vorher wissen. Laufen Sie erst los, wenn der Aubameyang den Ball hat, kommen Sie mit dem Ferrari nicht nach.«

Es stimmt, gibt sie zu, es gebe da »Entwicklungsbedarf«. Und sie arbeitet tatsächlich dran. Liest Fachpresse, beschäftigt sich mehr mit den Spielern, und will man Steinhaus verlässlich erreichen, ruft man am besten eine halbe Stunde vor einer Fußballübertragung an, dann sitzt sie vorm Fernseher.

Oder man klingelt um 5:30 Uhr durch, wenn sie auf dem Weg zum Maschsee ist, in Hannover, fünfzig Minuten laufen, die Augen halb geschlossen, ein Ritual wie montags die Massage, und dienstags, donnerstags, freitags sowie an freien Wochenenden Schnellkrafttraining, überwacht von Timo, ihrem Fitnesstrainer, der sie durch den Laufschlauch der Leichtathleten am Olympiastützpunkt in Hannover jagt, hundert Meter lang, alle zehn Meter eine Lichtschranke.

Dazwischen geht Steinhaus arbeiten, ins niedersächsische Innenministerium. Sie ist Polizistin, früher draußen im Einsatz, heute im Innendienst. Die Kollegen laufen oft mit ihr, die Strecke liegt nah am Büro.

Nie hat Steinhaus mehr trainiert als in diesem Jahr. Vor einiger Zeit hatte sie die Bundesliga schon abgeschrieben, sagt der Ex-Schiedsrichter Urs Meier, der sie lange kennt. In dieser Saison hat sie wieder gehofft. Ungewöhnlich groß war der Aufschrei, als die Kommission ihr den Aufstieg im vergangenen Sommer verwehrte. Der DFB geriet in Not. Es zähle nicht nur eine Saison, sondern mehrere, musste Lutz Michael Fröhlich erklären, Chefschiedsrichter des DFB.

Januar 2017. Ein Topjahr steht nun im Haben, ihre Hinrunde war stark, und nach der Saison hören gleich drei Kollegen auf. So dicht ist Steinhaus dran, dass sie wenige Wochen zuvor ein Angebot ausschlug, Führungsposition, international, in der Sportwelt, eine goldene Karrieretür, lange hat sie überlegt. »Aber ich bin noch nicht fertig.«

Gerade hat sie eine Zusatzausbildung abgeschlossen, als Mentalcoach. Mögen manche schnellere Beine haben, sie ist stark im Kopf. Schiedsrichter sind nicht nur Sportler, sie sind Entscheider, Menschenführer, und da habe sie eine »echte Gabe«, sagt Lutz Wagner. Erste Klientin des Coaches Steinhaus ist sie selbst. Von »positiver Selbstinstruktion« spricht sie, »auch Spiegelgespräch genannt«: Sich vor den Spiegel stellen und positiv reden. Schlechte Gedanken in Luftballons packen und weg damit.

Als auf Mallorca der Abendkurs beginnt, Psychologie, sitzt Steinhaus zeitig auf ihrem Platz. »Hey, Fischi!«, ruft der Kursleiter einen Verspäteten: »Stell dein Geschnatter ein und komm.« Erst dann schließt sich die Tür.

Sie sprechen über Gedanken management, Druck. Rat des Kursleiters: Schlechte Gedanken in eine Wolke packen und los lassen. Am Ende sollen alle der Reihe nach sagen, was hängengeblieben ist. »Positive Selbstinstruktion«, bilanziert Steinhaus. Ratlose Blicke in der Gruppe. »Oh«, sagt der Kursleiter, »damit liegt die Latte für die anderen hoch.«

 

NOCH 99 TAGE, DANN FÄLLT DIE ENTSCHEIDUNG. Sie zählt runter. Es ist Mitte Februar 2017, Steinhaus lacht viel, am Freitag war sie Vierte Offizielle, super Spiel. Dann Berlin, Wahl des Bundespräsidenten, also nach dem Laufen im Tiergarten natürlich, mit ihrer riesigen Sporttasche ist sie zum Reichstag gefahren, Fahnen, Headsets, Fußballschuhe, die Sicherheitsleute winkten sie einfach durch: »Ach, Frau Steinhaus, schön, dass Sie da sind.« Vorne rechts saß sie, im feinen Kleid, als Wahlfrau der SPD, sie hörte die Reden, hörte ihren Namen, ging die Wahlkarte holen und fühlte, dass das, was sie tat, eine Bedeutung hat. Sie gratulierte, auch der Bundespräsident wünschte ihr Glück. Die Rückrunde läuft gut, nach einem Uefa-Lehrgang in Portugal wurde sie für die Europameis terschaft der Frauen nominiert, und in der Bundesliga wird wohl der Videoschiedsrichter kommen, die Zahl der Referees weiter steigen.

»Befördern Sie endlich Bibiana Steinhaus in die 1. Liga«, fordert die Bild in einem Interview von Lutz Michael Fröhlich, dem Chefschiedsrichter. Seine Antwort: »Nur wegen einer eventuellen Aufstockung ziehen wir sie sicher nicht hoch. Aber wir stehen hinter ihr, fördern sie und werden sehen, was in Zukunft passiert.«

Anfang März, Steinhaus pfeift 1860 München gegen den FC St. Pauli, beiden droht der Abstieg. Schon nach fünf Minuten gehen Spieler und Betreuer aufeinander los. Ein Hamburger war berührt worden und liegengeblieben, die Münchner spielten den Ball nicht fair ins Aus, sondern vors Tor, und trafen. Rudelbildung. Wegbleiben!, hätte Illhardt gerufen, Steinhaus natürlich rein, einen nach dem anderen schickt sie weg, bis allein die Trainer dastehen. »Ruhe«, mahnt sie, die Handflächen dämpfend nach unten.

Sie gehört zu den Schiedsrichtern, die Spiele laufen lassen, Fußball ist ein Kontaktsport, sagt sie. Es bringt ihr den Respekt der Leitwölfe: Die Schiedsrichterin ist weniger Weichei als viele in ihrer Mannschaft, die ausführlich über die Farbe ihrer Fußballschuhe nachdenken und sich nach Berührungen auf dem Rasen wälzen. Aber es sei die schwierigere Art zu pfeifen, sagt Lutz Wagner. »Du musst extrem wachsam sein.«

Es gelingt ihr, Ruhe reinzubringen. Aber dann kommt die Szene, die sie noch lange niederdrücken, alles in Frage stellen wird: Schuss St. Pauli, ein Münchner stellt sich hinein. Pfiff. Strafstoß. Was? Hand, sagt sie.

Nach dem Abpfiff schaut sie sich in der Kabine die Szene an. »Uh, sah im Spiel klarer aus.« Das ist die Crux, halbe Fouls gibt es nicht. Also will Steinhaus nur Klares pfeifen, erst recht im Strafraum. Sie macht sich leise Vorwürfe. Ihr Spielbeobachter, der auf der Tribüne saß und die DFB-Note vergibt, beruhigt sie. War ein gutes Spiel. Eine 8,5.

Meistens liegen die Noten zwischen 8,9 (sehr gut) und 7,9 (miserabel). Aus ihnen errechnet sich die Rangliste. Die Note des Beobachters kann von der Kommission geändert werden, die am Folgetag per Telefon konferiert. Wie werden sie es sehen?

Die Medien schonen Steinhaus: »Kann man geben«, heißt es bei Sky und Bild. »Gut gesehen«, urteilt die ARD. Der Kicker findet es »hart, aber vertretbar«. Sogar im Löwenforum, wo sich die Münchner zuvor über die »Problemzonen« von »Fräulein Weltschiedsrichterin« lustig machten, steht: »Sooo daneben lag sie sicher nicht.«

Das Urteil der Kommissionskonferenz: gravierender Fehler. Note: 7,9.

»Hat die wirklich die Note bekommen?«, fragt ein Bundesligakollege, als er davon hört. »Die steht wohl wieder zu gut da.«

Das DFB-Notensystem ist umstritten. Keiner der Schiedsrichter bekommt die aktuelle Tabelle zu sehen. Diese Heimlichtuerei nährt Misstrauen. Öffentlich will niemand darüber reden.

»Welche Abzüge du kriegst«, vermutet ein Schiedsrichter, der international pfeift, »hängt von deinem Namen ab. Davon, was sie mit dir vorhaben.«

»Wenn du das beim Bier mal Spielern erzählst, glauben die es nicht«, sagt ein Linienrichter: »Mit nur zwei schlechten Spielen kannst du abstürzen.«

Ein anderer erzählt, dass Beobachter angerufen werden, bevor sie ihre Note abgeben. »Wir sitzen nach dem Spiel zusammen, ich frage, wie war’s? Er tut rum. Dann klingelt sein Handy. Meine Frau, sagt er und geht raus. Auf dem Display stand Eugen Strigel« – ein Mitglied der Kommission.

Urs Meier nennt das System »unmenschlich«.

Es kündigt sich aber ein Wandel an unter Lutz Michael Fröhlich, der im vergangenen Sommer das Amt des DFB-Chefschiedsrichters übernommen hat. Die Noten werden abgeschafft, menschlicher soll es zugehen, transparenter, die Schiedsrichter sollen über sogenannte Perspektivgespräche und Hilfen an die Bundesliga herangeführt werden, sodass sie mehr auf sich schauen und weniger auf die Noten anderer.

Steinhaus ist in den Tagen nach dem Spiel nicht zu erreichen. Ist alles wieder zerschlagen? Noch heute können ihre Kritiker ausführlich über das Spiel in Augsburg reden, das ihr 2011 misslang.

»Sie hat immer Leistung gebracht«, sagt Urs Meier. »Und immer hatte man nachher wegen eines Spiels, das nicht so lief, offenbar in der Kommission das Gefühl: Das reicht nicht. Aber man kann immer ein Spiel suchen, das nicht gelaufen ist, bei jeder Person, oder? Das ist nicht in Ordnung.«

»Dieser Fehler war nun mal spielentscheidend«, verteidigt Lutz Wagner die schlechte Note für die Partie in München. »Aber ein Fehler entscheidet doch nicht über die ganze Saison.« In Klammern stehe die 8,5 noch im Bericht. Ein Wink, wie die Kommission die Leistung ohne den Fehler einschätze.

Nach einer Woche eine Textnachricht von Steinhaus: »Bin drüber hinweggekommen.« Anruf. »So ist das als Schiedsrichter. Nach Fehlern hast du sechs Tage, um den Kopf freizubekommen. Dann musst du wieder pfeifen.« Geholfen haben viele Gedankenluftballons und neblige Läufe am Maschsee. Wirklich drüber hinweg klingt sie nicht. Zum Glück hat sie spielfrei.

Das Notensystem? »Ich bin damit aufgestiegen. Nun ist es dasselbe System, das den letzten Schritt irgendwie verhindert. Darf ich mich beklagen? Sicher nicht.«

 

HANNOVER, MITTE MÄRZ, NOCH 64 TAGE. Bibiana Steinhaus tritt ins Stadion, in einer Stunde spielt Zweitligist Hannover gegen Bundesligist Schalke, ein Freundschaftsspiel, auch die Spieler kommen, die Erfahrenen wie Hannovers Niclas Füllkrug gehen gleich zu ihr, plauschen, nach einem Jahrzehnt gehört Steinhaus zum Inventar. »Ich habe gerade den Spiel bogen gelesen«, sagt sie, »einige Spieler hier waren noch nicht auf der Welt, da hatte ich schon Abitur!«

Steinhaus spricht oft über ihr Alter. Sie ist 38 und weiß: Kein Schiedsrichter macht noch Karriere mit vierzig. Und sie könnte sich vorstellen, eine Familie zu gründen. Sie ist mit Howard Webb zusammen, Brite, lange einer der erfolgreichsten Schiedsrichter der Welt. Sie habe einen Plan A und einen Plan B, sagt Steinhaus, je nach Entscheidung der Kommission. Es geht also auch für den DFB um alles oder nichts. Möglich, dass es seine Vorzeigeschiedsrichterin, »die Beste der Welt«, wie Lutz Wagner sie nennt, auf einmal nicht mehr im DFB-Trikot gibt. »Ich habe für den Sport auf viel verzichtet«, sagt Steinhaus.

Ab in die Kabine, Obst, Kuchen, Wasser, im Kühlschrank Bier, Teambesprechung, an der Linie stehen heute Felix-Benjamin Schwermer, ein Zwei-Meter-Kerl, genannt Tower, und Katrin Rafalski, eine der Frauen, denen Steinhaus den Weg bereitet hat. Rafalski pfeift Regionalliga.

Die beiden Frauen piesacken Schwermer: Wann er seiner Freundin endlich einen Antrag mache? Ob er überhaupt ihre Ringgröße wisse? Nicht? So könne er es gleich vergessen. Lustig geht es zu, bis Hannovers Schiribetreuer hereinkommt, Jürgen Hausmann. Er fragt nach dieser Note in München. Die Kollegen schauen auf den Boden. »Wir müssen raus«, beendet Steinhaus das Gespräch.

Während Timo, ihr Fitnesstrainer, sie noch mal zum Leistungscheck verkabelt, geht Tower aufs Klo.

Es dauert.

»Tower, jetzt mach mal«, ruft Steinhaus.

»Mann, voll der Druck«, antwortet er durch die Tür, »Frauenstimmen hören und dabei pullern.«

»Ja, das klemmt zu.« Steinhaus lacht.

Ihr Katakomben-Pfiff schrillt so laut, dass die Trommelfelle beben. Trainer, Spieler, alle stehen parat, auch der Komiker Oliver Pocher, der mit Mikro da ist.

»Na, Balljunge?«, begrüßt sie ihn.

 

DÜSSELDORF, 9. APRIL, FRÜHSTÜCK IM HOTEL, Steinhaus trägt das offizielle T-Shirt der Frauen-WM in Kanada. Die Leute an den Nachbartischen recken die Köpfe, sie spricht mit den Assistenten über die schnellen Stoßstürmer von Union Berlin. Gleich geht es über den Rhein ins Stadion, Fortuna gegen Union. Ein Betreuer mit mächtigem Bauch holt sie ab. »Na?«, fragt er und reckt den Daumen. »Hoch?« – »Wait and see«, sagt sie. – »Also, wer in der ersten Liga so pfeifen darf…« – »Schönes Lied«, unterbricht sie, fängt an, mitzusingen: »What a beautiful day…«

Sie war zehn Tage in den USA, um Howard Webb zu besuchen. Im Frühjahr ist er dorthin gezogen, er arbeitet führend daran mit, den Videobeweis in der Major League Soccer zu erproben. Als Steinhaus ankam, erkannte er sie kaum wieder: voller trüber Gedanken, sie wurde dieses Spiel einfach nicht los, er wusste nicht, was er mit ihr anfangen sollte. Fußball?, fragte er schließlich. Sie schauten in einer Kneipe Champions League, sie gingen ins Stadion. Und ihr Lachen kehrte zurück, die laute Stimme, ja, ihr Kopf ist wieder aufgeräumt, sechs Wochen noch, sagt sie. Nun gilt es wieder, Spannung aufzunehmen. Was das heißt, lässt sich im Kleinen in den Katakomben beobachten: Die Spieler bauen sich auf, Kopf in den Nacken, Arme zur Seite, Kristian Pedersen, 1,91 Meter hoch, Verteidiger, versperrt ihr unabsichtlich den Weg. Steinhaus läuft nicht um ihn herum, sie fixiert ihn mit blauem Blick. Er tritt zur Seite.

Aus dem Tunnel ins Licht, aus dem dumpfen Hall ins schrille Getöse, wie sie diesen Gang liebt, sie spürt ihn im Magen, auf der Haut, sie atmet Fußball.

Das Spiel hat eine Vorgeschichte. In der vergangenen Saison stellte Steinhaus Fortunas Star vom Platz, Kerem Demirbay, der gerade für die Nationalelf nominiert wurde. Wütend hatte er vor ihr gestanden, als ihr Arm nach draußen wies. Frauen hätten auf dem Fußballplatz nichts verloren, rief er.

»Normalerweise«, sagt sie, »mache ich mir da nichts draus. Das wird verbal gekontert, und gut ist. Das Problem war: Da stehen zehn Leute drum herum. Ich habe kurz überlegt. Nein, das gebe ich mir nicht. Ich habe dem Kapitän noch auf dem Platz gesagt: Darüber mache ich einen Bericht. Ich war da relativ emotionslos.«

Getroffen hat es sie doch. Einer hatte ausgesprochen, was sich sonst keiner laut zu sagen traut. Sie kämpft gegen unsichtbare Feinde. Sie weiß nicht, ob es viele oder wenige sind, wo sie sitzen in den Mannschaften und Gremien, wie sie ihren Weg mitbestimmen. Sie kann sie nicht sehen, nicht hören. Nur spüren. Da ist ihr ein Demirbay fast schon lieb. »Er hat angerufen und sich entschuldigt«, sagt Steinhaus. »Es ist okay. Ich bin nicht nachtragend.«

Er wurde vier Spiele gesperrt. Und pfiff, auf Anregung seines Vereins, ein Mädchenspiel – gekleidet wie auf einem Laufsteg. »Wieso ist ein Spiel zu pfeifen eine Strafe?«, fragt Steinhaus. Und was senden die Bilder davon für eine Botschaft? »Jeder kann ein Spiel leiten. Ohne Ausrüstung, Ausbildung. Es macht unsere Aufgabe so beliebig.«

Demirbay wird sie heute nicht treffen, er spielt nun Bundesliga, in Hoffenheim.

Anpfiff, 25 000 Zuschauer, Gesänge, Trommeln, Bengalos, der eine kämpft um den Aufstieg, der andere gegen den Abstieg, Steinhaus bekommt die aufregendsten Spiele. Es ist Prüfung und Vertrauensbeweis zugleich. Fehlpässe, Bälle verspringen, »Holt die Blinden runter!«, rufen die Zuschauer, sie meinen nicht die Schiedsrichter. Nur einmal wird Steinhaus ausgepfiffen, als ein Düsseldorfer im Strafraum angesprungen wird, sie lässt laufen. In der Nachspielzeit eine Tat, die Steinhaus mit Stolz erfüllt: Ball über links, der Angreifer wird gefoult, Steinhaus greift zur Pfeife, sieht, wie der Spieler sich berappelt, zeigt Vorteil, Flanke – Tor. »Mann des Spiels: Bibiana Steinhaus«, twittert ein Zuschauer.

Abpfiff, sie verschwindet in der Kabine, wo sie, wie immer, mit ihren Linienrichtern ein Erinnerungsfoto macht: »Ohne dein Team bist du nichts.« Jeder Platzschiedsrichter braucht die Augen an der Seite.

Einige Meter entfernt bewerten die Fußballer ihr Spiel. »Den Elfer hätte ich gegeben«, schimpft Rouwen Hennings, Düsseldorfs Leitwolf, einst Bundesligaspieler. Was er grundsätzlich von Steinhaus hält? »Ich verstehe nicht, dass das ein Politikum ist. Sie hätte die Erste Liga verdient.«

Und was sagt die Telefonkonferenz der Kommission? Nicht gegebener Strafstoß, Punktabzug. Das hättest du im Mittelfeld gepfiffen, sagt ihr Coach Lutz Wagner. Ja, aber es war doch nicht im Mittelfeld, sagt Steinhaus. Immerhin: Steinhaus bekommt einen Bonuspunkt wegen des Vorteils in der Nachspielzeit. Endnote: 8,3. Okay.

Um sich abzulenken, verschickt Steinhaus einen Link von Düsseldorfs Facebookseite, »was zum Schmunzeln«, schreibt sie. Eine Spielszene, ein Spieler kniet, Steinhaus reicht ihm die Hand, hilft ihm hoch. »Sie hat ›Ja‹ gesagt«, steht darunter.

 

MAI, NOCH 26 TAGE, in jedem Gespräch nennt Steinhaus die Zahl. Nur kein Fehlpfiff mehr. Abstiegsspiel in Karlsruhe, ein letzter Test der Kommission, in der ersten Halbzeit ist ihr ganz flau, sie kämpft sich ins Spiel, wieder eine Elfmeterszene, sie gibt ihn, zu Recht, gute Noten, beim kicker rückt sie auf Platz zwei der Zweitligaschiedsrichter. Sie lese solche Berichte nicht, Selbstschutz. »Als Spieler hast du Leute, die sich um dich kümmern. Psychologen, Trainer. Als Schiedsrichter musst du selbst auf dich achten.« Babak Rafati, ihr früherer Kollege aus Hannover, versuchte sich das Leben zu nehmen, die Assistenten fanden ihn vor dem Spiel. Noch 15 Tage, 14, Steinhaus wird ruhiger. »Ich habe alles gegeben. Ich bin froh, wenn die Würfel fallen.« Dann flackert es wieder auf, uh, morgen Leistungstest, ich muss fit sein. Es wogt in ihr, hin und her. Ich kann nicht mehr, sagt sie.

Kleinere Einsätze lenken sie ab, in Bremen als Vierte Offizielle, sie und Demirbay, der Neu-Hoffenheimer, geben sich die Hand. Ein Spiel der Polizei-Nationalmannschaft. Ihre Erfahrung als Polizistin wappnet sie. Wer wie sie Streife gegangen ist, beim G8-Gipfel in Heiligendamm Auge in Auge stand mit dem schwarzen Block, lächelt über »Ausziehen!« -Rufe einiger Zuschauer in Kiel.

»In der Bundesliga wird der Druck viel größer sein«, sagt Urs Meier, der im Finale mitfiebert. Er habe das bei seiner früheren Partnerin gesehen, Ni cole Petignat, die in der ersten Schweizer Liga pfiff. »Wenn sie ein wichtiges Spiel bekommen hat, was da für ein Druck aufgebaut wurde, über den Verband, die Mannschaften, die Öffentlichkeit, das war unglaublich. Nur weil sie eine Frau war. In Deutschland wird das noch größer sein. Aber ich kenne Bibiana. Sie wird bestehen. Sie ist stark. Und wenn die Leute in der Kommission auch stark sind, sollten sie endlich diesen Schritt gehen.«

Und die tritt eine Woche früher zusammen als geplant, Steinhaus erfährt es am Vorabend. Ihr Countdown springt auf Null. Wie soll sie nur gut schlafen?

Zusage, Absage, alles ist möglich. Bis zuletzt wurde Politik gemacht, viele haben mitgeredet, auch ihre unsichtbaren Feinde. Das entscheidende Wort spricht nun die Elite-Kommission, Lutz Michael Fröhlich, Ronny Zimmermann, Florian Meyer, Rainer Werthmann, Hellmut Krug und Eugen Strigel, eigentlich ihr Förderer. Aber auch bei Strigel kann sich Steinhaus nicht sicher sein.

Neun Jahre lang war er ihr Coach, sie mag ihn richtig gern. Auch ihm springt die Freude in die Augen, wenn er sie nur sieht. Lächelnd setzte er sich im Januar auf Mallorca zu ihr, als sie mit hängenden Schultern auf der Ersatzbank am Spielfeld saß, Training für die Linienrichter, überraschend sollte auch Steinhaus mitmachen. Es steckte keine Gemeinheit dahinter, einfach Training, aber Lust versprühte sie wenig.

Strigel setzte sich neben sie, die Kapuze über dem Kopf.

»Assistent ?«, fragte er, der Ton schwäbelnd, väterlich.

»Ich lerne, die Fahne zu halten.«

Strigel: »Lernst endlich, was Abseits ist.« » Klar.«

»Du machst das gut. Du kannst zufrieden sein. Wir können beide zufrieden sein.«

»Ein Mal 15:30, am Samstag. Dann bin ich zufrieden.«

Samstag, 15:30 Uhr bedeutet: Bundesliga.

Strigel: »Ein Mal macht dich auch nicht

glücklich.«

»Stimmt, mehr als ein Mal.«

»Und dann? Wenn du nach einem Jahr wieder rausfliegst? Sind zwanzig Jahre kaputt. Zwanzig Jahre Reputation.«

Strigel erzählte eine Geschichte von einem Schiedsrichter, der ein schlechtes Spiel machte, HSV gegen Kopenhagen, ein Guter, aber davon habe er sich nie erholt. Steinhaus nickte. Sie kennt solche Geschichten. Babak Rafati. Oder Urs Meier, dessen Telefon nummer die Revolverpresse druckte und der unter Polizeischutz lebte.

Ja, sie hat in zwanzig Jahren etwas aufgebaut. Sie zählt zu Deutschlands bekanntesten Schiedsrichtern. Ist eine geachtete Frau, sie wählt den Bundespräsidenten, zusammen mit Joachim Löw. Steigt sie nun auf und scheitert, geht sie nicht als die Pionierin, sondern als Gescheiterte in die Fußballgeschichte ein. Schlimmer noch, sie würde zum Stammtischbeweis, dass eine Frau im Männerfußball nichts verloren hat: Wenn es selbst die Weltbeste nicht schafft …

»15:30, am Samstag«, sagte sie.

Strigel: »Warten wir ab. Vielleicht gibt es ja bald Zweite Liga um 15:30 Uhr.« Er ging.

Sie auch: Weitertrainieren.

 

DONNERSTAG, 18. MAI, STEINHAUS IST IN LÜDENSCHEID, die jährliche ärztliche Untersuchung des DFB. Die Ärztin checkt sie, Steinhaus ihre Nachrichten. Seit Stunden tagt die Kommission. Wer kommt in die Bundesliga? Ja, was machen wir mit Bibiana Steinhaus? Die so herausragend Spiel und Spieler lenkt. Aber die in ihrer Entscheidungsqualität nur guter Durchschnitt ist, Fehler macht wie in München oder Düsseldorf. Diese haben sie sich noch mal angeschaut. Ja, war schon knifflig, man muss Verständnis haben. Und nein, Fitness ist nicht alles. Und ja, ihre Erfahrung ist ein Plus. Überhaupt, Männer: Jetzt oder nie!

Um 16 Uhr dann der Anruf! Erst Lutz Michael Fröhlich, dann Reinhard Grindel, der DFB-Präsident: Ja!

Sie machen es… tatsächlich… Bundesliga… habe blaue Flecken …vom Kneifen – die Worte springen nur so aus dem Telefonhörer. Überraschte Freude. Zu oft stand Bibiana Steinhaus am Ende traurig da, diesmal hatte sie sich verboten, daran zu glauben.

Howard? Ist in den USA.

Feiern? »Ich habe am Wochenende ein Spiel.« Zwickau gegen Duisburg, Dritte Liga. Ja, und dann Cardiff, Frauenendspiel der Champions League. Und dann drei Wochen Urlaub, Ruhe, bevor das Abenteuer beginnt.

Hat sie Ängste? Strigel’sche Sorgen? »Ich fühle keine Angst«, sagt Steinhaus, die Stimme regelt sich runter, wird klar und bestimmt. »Ich kenne das Risiko. Es ist mir voll bewusst. Ich hatte genug Zeit, mich damit auseinanderzusetzen.« Zehn lange Jahre.

Kurzbiographie

Lorenz Wagner,

Jahrgang 1970, Studium in Frankreich, Journalistenschule, ging 1999 zur Financial Times Deutschland. Seit 2013 Redakteur beim Süddeutsche Zeitung Magazin. Im Herbst erscheint sein erstes Buch “Und dann kam Kai” - die Geschichte eines Hirnforschers und seines Sohnes, die den Blick auf Autismus verändert.