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Nominierter Text

Von Nicolas Richter

Klingt verrückt

Ihr könnt so werden wie ich, verspricht Donald Trump den Amerikanern. Eine Reise durch ein Land, das diesen unzähmbaren Mann zum nächsten Präsidenten der USA wählen könnte – auch wenn ihn die halbe Welt für einen Clown hält

 

Wie denkt man groß, wenn man schon so groß ist wie er, Milliardär, Frauenheld, Fernsehstar? Es bleibt nur eins: die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten. „Ich beflügele die Fantasie der Menschen“, so hat er seinen Erfolg einmal erklärt: „Viele Leute denken nicht groß, aber sie sind fasziniert von jenen, die es tun.“

Vor einem halben Jahr also hat sich Donald John Trump, 69, beworben; die Leute lachten sich kaputt über den narzisstischen Clown. Aber seit Monaten führt er in allen Umfragen für die republikanische Nominierung, und würde heute gewählt, wäre er der Kandidat für das Weiße Haus.

Was ist los in Amerika?

Wer in diesen Tagen durch die USA reist, erlebt die Hoffnung auf einen Neubeginn und zugleich die Sehnsucht nach alter Größe. Die Reise durch dieses aufgebrachte, misstrauische, nostalgische Land beginnt dort, wo Trump einst das Fundament gelegt hat für eine politische Karriere, die niemand für möglich hielt. Womöglich nicht einmal er selbst.

Central Park, New York

Wenn er mal Präsident ist, verspricht er, dann wird es toll. Sagenhaft. Hier in New York City genießen sie die Früchte seines Könnens schon jetzt. Ein milder Wintertag; die Sonne scheint zwischen Wolkenkratzern hindurch in den Central Park. Die Menschen kneten ungeduldig ihre Finger, treten von einem Bein aufs andere, besänftigen ihre Kinder. Noch ist die Eislaufbahn vor ihren Augen gesperrt: Eine klobige Maschine fährt dort lärmend im Kreis, beschriftet mit dem Wort „Trump“ in großen roten Buchstaben; behäbig schiebt sie sich über den zerfurchten Belag, hobelt das Eis, saugt, spritzt und lässt schließlich eine feucht glänzende Fläche zurück, zu schön fast, um sie mit Kufen zu zerkratzen.

Es ist ein Geschenk für das Volk, von Donald Trump, dem Immobilienmogul. In den Achtzigern hat er von seinem Fenster im benachbarten Trump Tower aus verfolgen müssen, wie die Stadt daran scheiterte, die Eislaufbahn zu renovieren: Sie plante ewig, wählte die falsche Kühltechnik, die Baufirma verpanschte den Beton – das Desaster symbolisierte die Unregierbarkeit New Yorks. Als sechs Jahre und etliche Millionen Dollar verschwendet waren, hatte Trump, wie er damals erzählte, die Nase voll. Er reparierte die Anlage auf eigene Kosten binnen fünf Monaten. „Noch immer freut es mich“, brüstete er sich später, „wenn ich im Wohnzimmer am Fenster stehe und Hunderte Schlittschuhfahrer auf der Eislaufbahn beobachte.“

Wie alles im Leben des unzähmbaren Egozentrikers Donald Trump war das weniger Selbstlosigkeit als eine Investition: Er hatte angeblich bewiesen, dass er seine Mitmenschen erlösen konnte von Amtsträgern und Bürokraten, die er bis heute unfähig und ahnungslos nennt. Es war sein erster Sieg in der Politik, nein, über die Politik, der Kern seiner politischen Identität: Ich kann es so viel besser als die schwachen, abstoßenden, korrupten Politiker, denen ihr sonst so unerbittlich ausgeliefert seid.

Wie sehr ihm viele Menschen glauben, zeigt der Umstand, dass jetzt, eine Woche vor Beginn der Vorwahlen am 1. Februar, eine Erkenntnis reift in Amerika: Trump könnte Präsident werden.

Fifth Avenue, New York

Seine Kandidatur für das Weiße Haus erklärt er am 16. Juni 2015 im Trump Tower – seinem bekanntesten Bauwerk, in dem er arbeitet und lebt. Aber was heißt „erklärt“: Politiker erklären, sie lesen vom Teleprompter ab. Trump, der Präsident werden möchte, ohne Politiker zu sein, redet einfach drauflos:

„So nett, vielen Dank. Wirklich nett. Danke. Es ist großartig, im Trump Tower zu sein. (. . .) Das hier sprengt alle Erwartungen. Es hat keine solche Menschenmenge gegeben. Ich kann sagen, manche der anderen Kandidaten wussten nicht, dass die Klimaanlage streikt. Sie schwitzten wie Hunde. Sie wussten nicht, dass der Saal zu groß war, denn sie hatten niemanden. Wie werden sie den ‚Islamischen Staat‘ schlagen? Ich glaube nicht, dass es passiert.“

Niemand versteht, was Trump sagen will, und doch erklärt schon der Ton seinen Erfolg: Trump wirkt echt, weil er offenbar genau das sagt, was er denkt. „Sie lachen über unsere Dummheit. Wann haben wir Mexiko an der Grenze geschlagen?“, fragt er dann: „Wenn Mexiko seine Leute schickt, schicken sie nicht ihre besten, sondern Leute mit vielen Problemen. Sie bringen Drogen. Sie bringen Verbrechen. Sie sind Vergewaltiger. Und manche, vermute ich, sind gute Leute.“ Die Illegalen, die nachts über die Grenze schleichen – eine Horde von Triebtätern, entsandt vom mexikanischen Staat?

Donald Trump war immer wie New York. Dazu gehörte die in Teilen dieser Stadt typische, maßlose Gier nach Geld und Aufmerksamkeit, aber auch politische Mäßigung und der Wille, für gute Geschäfte mit jedem auszukommen. Trump missbilligte die Radikalen in beiden Parteien, er spendete an Rechte wie Linke, verehrte Ronald Reagan, ließ Hillary Clinton zu seiner Hochzeit kommen. Ein Mann der Mitte, mehr Opportunist als Ideologe.

In dem vor rosa Breccia-Pernice-Marmor und Gold strotzenden Atrium seines Trump Towers sind die Besucher so bunt und aufgeregt wie bei Führungen der Vereinten Nationen. Herkunft ist hier egal, solange man Geld ausgibt und den 18-Meter-Wasserfall bewundert. Hunderte Male steht hier sein Name, Trump Bar, Trump Grill, der Trump Teddy. Trump ist eine globale Luxusmarke, wie die Luxusmarken in den benachbarten Boutiquen von Van Cleef, Tiffany’s und Saint Laurent.

Aber nun macht der Hausherr Stimmung gegen Ausländer, will Millionen Illegale ausweisen, allen Muslimen die Einreise verbieten, Moscheen schließen, Strafzölle gegen China verhängen. Rivalen und Kritiker nennt er „schwach“, „ahnungslos“, „krank“, „korrupt“, „langweilig“, „irrelevant“, „dumm“, „überbewertet“, „unnütz“, „inkompetent“, „abstoßend“. Oder: „Idiot“, „Leichtgewicht“, „Müll“, „Abschaum“, „Verlierer“ und „totale Verlierer“.

Trump selbst steht über allem: „Sorry, Verlierer und Hasser. Mein IQ ist einer der höchsten – und Ihr alle wisst das“, twittert er. „Bitte fühlt Euch nicht dumm oder unsicher, es ist nicht Eure Schuld.“

Nach jedem seiner Ausfälle hat man Trump das Ende prophezeit, aber sein Beleidigungswahlkampf ist selbsterhaltend. Wie es auch ausgeht: Trumps Aufstieg wird die Geschichte dieser Wahl sein und der „Trumpismus“ dem Land wohl erhalten bleiben als neue, ultra-populistische Art, Politik zu machen – oder sie zu ersetzen durch permanenten Krawall, am besten im 140-Zeichen-Twitter-Format. Wie die Eismaschine im Central Park hat Trump alle politischen Regeln und Gewissheiten weggehobelt.

Was bleibt, sind zwei Theorien, wie es ausgehen könnte. Die erste: Das Phänomen Trump ist eine Blase, die bald platzen wird. Trump ist überbewertet, weil die Medien ihn überhöhen, seine Anhänger unzuverlässig sind, die Bürger nüchterner werden, je näher der Wahltag rückt; weil ihn etliche in der Mitte der Gesellschaft niemals wählen würden. Und weil ohnehin immer die Moderaten gewinnen.

Zweite Theorie: Trump kann wie kein anderer die Stimmung im Land lesen. Derzeit hat Amerika die Schnauze voll von Washington und verlangt nach einem Macher, der auch die Schnauze voll hat. Das könnte Trump die Nominierung einbringen, und, sollte er sich als Moderater neu erfinden, sogar die Präsidentschaft. Der Politikexperte Alex Castellanos, ein Latino, schreibt: „Wenn ich wetten müsste, würde ich mein Geld auf Trump setzen.“

In New York City allerdings, wo Trump 1946 als Sohn eines Bauunternehmers geboren wurde, ist der Argwohn mit am größten. Trump hat sich weit entfernt von den Werten dieser so heterogenen, toleranten Metropole. Vor seinem Hochhaus lassen sich die Latinos jetzt mit ausgestrecktem Mittelfinger fotografieren, an der Eislaufbahn im Central Park steht der jüdische Lehrer Ray Levi, ein Demokrat wie so viele hier. Levis Familie ist einst aus Deutschland geflohen. „Trump spielt mit Ängsten“, sagt er, „wie einst Adolf Hitler.“ Unter New Yorker Republikanern fällt das Urteil nicht besser aus. „Trump ist ein guter Geschäftsmann“, sagt Christianna Long, „aber ich würde ihm nie das Land anvertrauen.“ Ihr Sohn Nick, 20, geißelt Trumps unamerikanische Intoleranz. Nicks Freundin Zoë sagt: „Ich bin Jüdin, wir kommen mit Muslimen nicht immer klar. Aber sollen wir sie alle aussperren? Im Ernst?“

Die Longs sind Akademiker und klingen, als hätte der Prolet Trump ihren Intellekt beleidigt. Sie werden den Nachmittag nun zwar auf seiner Eislaufbahn verbringen, aber mehr als das Eintrittsgeld wollen sie ihm nicht schulden, schon gar nicht ihre Stimme. Aus den Lautsprechern schallt „Beautiful Stranger“ von Madonna. Schöner Fremder.

Aber Manhattan ist nur ein amerikanisches Milieu. Es gibt so viele andere entlang der Autobahn Interstate 80, die bis zum Pazifik führt und damit auch in den Mittleren Westen, wo sich Trump in Iowa nun der ersten Vorwahl stellt. New York bis Iowa – 1800 Kilometer, viel Schnee, viel Zorn, ein Land, das mit sich hadert, ob es diesen Milliardär ins Herz schließen soll, seine Frechheit, seine Kühnheit, seine sehr amerikanische Prahlerei. Oder ob es ihn schnell zurück in die Fifth Avenue schicken soll.

Youngstown, Ohio

Jenseits des Hudson River liegt New Jersey, danach kommt Pennsylvania. In den endlosen Wäldern fängt es an zu schneien. Eisblumen an der Windschutzscheibe, der Scheibenwischer kratzt darüber.

Bald der erste Unfall, die Polizei sperrt zwei Spuren mit Leuchtfeuer: Zwei Lastwagen sind zusammengestoßen, aus einem fallen Kohlebriketts. Man denkt an Jeb Bush aus der großen Präsidentenfamilie, der als sicherer Kandidat der Republikaner galt, bis ihn Trump zum Typen mit „niedriger Energie“ umdefinierte. Bush ist in diesem Wettbewerb um die Eroberung Amerikas auf der Strecke geblieben, wie die Lastwagen auf der rechten Spur.

Youngstown, die erste Stadt in Ohio. Bruce Springsteen hat ein Lied gesungen über Youngstown, wo nach den Stahlöfen auch der Lebensmut erloschen ist. Hier in Ohio findet sich der harte Kern der Wählerschaft Trumps: die blue collars, die einen Blaumann tragen, die wenig gebildete, untere Mittelschicht, beunruhigt über Löhne, die stagnieren, nach China verlagerte Jobs, Schwarzarbeiter aus Mexiko, die Kopfabschneider vom „Islamischen Staat“.

„Wir sind eine schweigende Mehrheit, die nicht mehr schweigt“, sagte Trump, als er den Arbeiterstaat im Herbst besuchte. „Ich habe die Probleme mit Einwanderern angesprochen und bin geprügelt worden wie noch nie jemand. Sie wollten mich auf Knien sehen. Aber das mache ich nicht, Leute.“

Über die Terrortruppe des IS sagte er: „Ob ich für Waterboarding bin, das simulierte Ertränken? Da könnt ihr euren Arsch drauf wetten! Glaubt mir, es wirkt! Selbst wenn es nicht wirkt: Sie verdienen es.“

Als Trump verlangte, die Muslime im Land zu überwachen, ertönten Buh-Rufe von zwei Störern im Saal. „Kommt“, rief er den Ordnern zu, „werft sie raus.“ Es klang wie in seiner einstigen Reality-Fernsehshow „The Apprentice“, in der sich Jungmanager bewähren durften, bis Trump sie rausschmiss. „You’re fired“, sagte er, der Satz wurde zum Klassiker der Popkultur. Jetzt wird er zum politischen Programm: Trump feuert die Störer, die Illegalen, die Inkompetenten; eine Befriedigung für alle, die sich nach autoritärer Führung sehnen.

In Youngstown treffen sich die örtlichen Chefs der Republikaner in einer Pizzeria, sie essen Chips aus einem Korb, wobei die Bedienung schon früh so emsig wieder abräumt, dass Mark Munroe und Mark Mangie ständig ihre Brotzeit verteidigen müssen. Mit ihrer Freiheit, glauben sie, ist es unter Präsident Barack Obama ähnlich: Der Staat nimmt einem die Chips weg, weil er findet, dass man genug hatte, und reicht den Korb weiter an Flüchtlinge aus Syrien und Kinder aus Guatemala. Und wenn man sich beschwert, gilt man auch noch als mieser, kleiner Rassist. Munroe und Mangie mögen Trump, sie erzählen, dass ihn hier sogar etliche Demokraten wählen möchten. „Trump hat schon gewonnen. Er hat den Krebs der politischen Korrektheit besiegt“, sagt Mangie. „Obama hat Kritiker immer wie dumme Fanatiker behandelt, Trump ist jetzt das Ergebnis. Er sagt, was die schweigende Mehrheit denkt.“

Cleveland, Ohio

Die „Zwinkernde Echse“, eine Bar am Rande Clevelands, drumherum Tankstellen, Hotels und Autobahnen. Am Eingang döst hinter Glas ein grüner Leguan. Ralph King, ein Anführer der rechtspopulistischen Tea Party, sieht aus wie der Türsteher, arbeitet aber im Straßenbau. Er bestellt Chicken Wings mit scharfer Soße und amerikanisches Bier, das, wie er klagt, „so schmeckt wie verdünnte Wieselpisse“.

King ist Republikaner, aber er verachtet die Politiker seiner Partei. Die blauen Anzüge. Die weißen Hemden. Die roten Krawatten. Und immer dieser US-Flaggen-Anstecker am Revers.

King war ein lausiger Schüler, er prügelte sich, später soff er sieben Abende die Woche und schlief mit Frauen, die er für Flittchen hielt. Anstand aber war ihm immer wichtig: dass man vor den Augen seiner Mutter weder flucht noch raucht, dass man Wort hält und nicht nur an sich denkt. King hat die Schamlosigkeit in der Politik immer gehasst. Wie sich die Stadträte das Gehalt erhöhen, es aber den Kerlen von der Müllabfuhr nicht gönnen. „In Washington ist es noch schlimmer: alles verseucht von Geld“, sagt er. „Die Politiker lassen sich kaufen von der Wall Street, der Lobby, den Großspendern, und dann verprassen sie das Geld der Steuerzahler.“

Früher hat King die Moderaten gewählt, bis George W. Bush zwei Kriege führte und Großbanken in der Finanzkrise mit unvorstellbaren Summen rettete. Aus Protest ging King 2009 zur Tea Party, den rechten Aufständischen in der republikanischen Partei. Die hassten Obama – aber mehr noch ihre eigenen Parteichefs. Manche nennen es einen Bürgerkrieg zwischen Basis und Elite, Volk und Mächtigen, unterer und oberer Mittelschicht. Zwar haben die Republikaner in den vergangenen Jahren den US-Kongress zurückerobert, aber aus Sicht der Tea-Party-Basis ist das Ergebnis enttäuschend. „Unsere Abgeordneten im Parlament“, glaubt King, „kungeln jetzt mit den alten Strippenziehern.“

Bleibt also nur eine Hoffnung: Donald Trump.

In ihm erkennt King sich selbst, sieht einen Mann, der stark ist, unerschrocken und unbestechlich, der aber auch das weiche Herz eines Familienmenschen hat. Na gut, in dritter Ehe zwar, aber mit lauter wohlgeratenen Kindern. King nennt Trump street smart, einen gewieften Rabauken, der kämpft, um zu gewinnen, sich nicht kaufen lässt von der Lobby, sich nicht über den Tisch ziehen lässt von den Iranern, sich nicht belabern lässt von den Gutmenschen, die Ausländern alle Türen öffnen.

Neulich musste sein Sohn beim Football gegen schwere Jungs aus Akron antreten. King sagte zu seinem Sohn: „Du bist der Größte in der Mannschaft, du musst im ersten Spielzug einen von denen umrennen, ein Foul, damit die kapieren, dass ihr keine Weicheier seid.“ In der Politik ist dieser Kerl, der sich mit einem absichtlichen Foul Respekt verschafft, Donald Trump.

Es ist die große Ironie seiner Kandidatur, dass die rebellierende rechte Basis auf einen Milliardär aus New York als Anführer ihrer Revolution hofft. Aber Trump redet eben so, wie es das Volk hören möchte. King sagt, mit Trump würde er ein Bier trinken. Für Anwärter auf das Weiße Haus ist es das höchste Lob: einer von uns zu sein. Aber ein Bier mit Trump? „Trump ist eher der Kerl“, schreibt der Autor McKay Coppins, „der die Brauerei kauft, alle ausländischen Schwarzarbeiter feuert und ausweist und dann in seinem Privathubschrauber abhebt, mit einer obszönen Geste in Richtung Mexiko.“

Interstate 80, Indiana

Sonne, weiße Salzkruste auf dem Asphalt, Country-Musik im Radio, Songs über Bier, Mädels und Pick-ups. Indiana ist ein Staat, der nie eine Rolle spielt. Flach. Niemandsland. Die Stimme im Radio sagt: „Wir machen Amerika wieder großartig.“ Es ist Trump, selbst hier im Nirgendwo ist man Dauergast seiner politischen Reality-Show.

Viele seiner Vorschläge sind so schlicht wie unlogisch und vage. Warum sollten sich muslimische Länder mit den USA gegen den Terror verbünden, wenn ihre Bürger nicht einmal nach Amerika reisen dürfen? Warum soll Mexiko für den US-Grenzschutz bezahlen? Wie genau ersetzt Trump Obamas Krankenversicherung, außer, wie er sagt, durch etwas „Großartiges“? Was passiert, wenn Trump Strafzölle verhängt und China sich mit Strafzöllen gegen Amerikas Bauern rächt?

Trump hat ein Leben lang Aufsehen erregt mit dem unglaublichsten Geschwätz; oft aber blieb unergründlich, was er wirklich meinte. Mal beschimpfte er Frauen, mal beförderte er sie. Mal waren Mexikaner Triebtäter, mal tolle Mitarbeiter. Mal klingt er wie ein Demokrat, mal wie ein Republikaner. Trump sagt alles in so vielen Varianten, dass jedes Publikum ihn hassen oder lieben kann. „Wenn er seine Ansichten feilbot, mal mit einem Feixen, mal mit finsterer Miene, einem Grinsen oder einem Pokerface, dann forderte er die Welt heraus zu erraten, wann er es gerade ernst meinte und wann nicht“, schreibt sein Biograf Michael D’Antonio.

Vermutlich kommt es auf Details und Überzeugungen auch gar nicht an. Trump ist eine Ein-Punkt-Partei: Washington ist inkompetent, also muss ich es richten. Mindestens der erste Teil dieser Aussage ist gerade sehr mehrheitsfähig.

Des Moines, Iowa

Morgens schleppt sich die Sonne so träge aus dem Nebel, als wolle sie nur kurz nachsehen, ob die Getreidesilos noch stehen. Iowa im Mittleren Westen. Felder vor allem. Über die Hauptstadt Des Moines gibt es nicht viel zu sagen. „Ich stamme aus Des Moines“, schreibt der Autor Bill Bryson, „irgendjemand musste ja.“

Iowa liegt im Herzen jener Gebiete Amerikas, die man flyover states nennt. Die Leute von den Küsten fliegen immer drüber hinweg. Nur alle vier Jahre landen plötzlich alle in Iowa, weil die Parteien hier ihre erste Vorwahl für die Präsidentschaft abhalten. Die Kandidaten essen Schweinespieße und tun so, als interessierten sie sich für Windenergie. Iowa ist kein Abbild der USA, es ist weißer, konservativer, ländlicher, religiöser. Wer hier gewinnt, wird nicht unbedingt Präsident, aber ein früher Sieg schadet nicht.

Am Rande der Hauptstadt, wo die Wohngebiete vor den Feldern auslaufen, treffen sich Rebecca Holdridge und ihre Freundin Sharon Meredith zum Kaffee. Beide sind hier geboren, die eine arbeitet im „Hautpflege-Business“, die andere ist Lehrerin. Mittelschicht, sehr bürgerlich. Obwohl die Krisenherde der Welt weit weg sind, fürchten sie Anschläge auf Flugzeuge und Überfremdung in den Schulen. Was in Deutschland geschieht, halten sie für ein Menetekel. Im Dezember haben sie einen Auftritt Trumps gesehen, sie fanden ihn warm, geschmeidig, ehrlich. Sie werden ihn wählen.

Kann man als verantwortungsbewusster Mensch wirklich einen wie Trump unterstützen, der alle niedermacht?

„Er ist halt erst seit einem halben Jahr in der Politik“, sagt Meredith, um ihn zu verteidigen.

Würde sie es ihren Kindern erlauben, so ätzend über andere Leute zu reden wie Trump?

Beide Frauen stutzen kurz, als fühlten sie sich ertappt. „Ich sehe darüber hinweg“, sagt Holdridge schließlich. „Die Lastwagenfahrer lieben ihn“, sagt Meredith. „Sein Ton offenbart doch seine Stärke“, sagt Holdridge. „Genau“, ruft ihre Freundin.

Und der Sexismus, die Gemeinheit, als er über eine Rivalin sagte: Schaut euch dieses Gesicht an?

„Er hat sich doch nur gewehrt“, sagt Holdridge. „Er war immer von diesen tollen Models umgeben; da fallen normale Leute wie wir schon ab“, sagt Meredith, zögert, murmelt dann: „Okay, er hätte das nicht sagen sollen.“ Holdridge wirft ein: „Er meinte doch nur, diese Frau sieht wütend aus.“

Wer sich für Trump entschieden hat, ist zu solch großer Nachsicht bereit, wie sie die verachteten Politiker Washingtons nicht mehr erwarten können. Trump darf höhnen, schmähen und prahlen. Seine Anhänger sehen darüber hinweg, weil die Zeiten schwierig sind. Oder weil sie Trump einfach mögen.

Für den Verlauf dieser Wahl kommt es darauf an, wie viele Menschen bereit sind, Trumps Grobheit zu ignorieren. Es werden immer mehr: Im März 2015 hielten es nur 23 Prozent der Republikaner für möglich, Trump zu wählen, inzwischen sind es 65. Beim seriösen Jeb Bush ist es genau umgekehrt.

Kann Trump sogar die Hauptwahl gegen die Demokratin Hillary Clinton gewinnen und in einem Jahr ins Weiße Haus einziehen? Nach herrschender Meinung nicht, weil er zu laut und oberflächlich ist, weil er alle Latinos gegen sich aufgebracht hat, alle moderaten, jungen, toleranten Amerikaner. Aber die herrschende Meinung lag bei Trump noch nie richtig, und das Magazin Politico spielt schon das Siegesszenario durch: Demnach wird sich der wandelbare Trump im Sommer neu erfinden, diesmal als pragmatischer Geschäftsmann und Familienmensch. Er wird seine Partei einen, Schwarze, Latinos und Frauen umwerben, die heimlich von ihm fasziniert sind. Er wird die Angst vor Terroristen schüren. Er wird seine Außenseiterrolle gegen Clinton ausspielen. Wie staatsmännisch Trump klingen kann, bewies er neulich, als er die Standfestigkeit der New Yorker nach dem 11. September 2001 pries.

Präsident Trump: Noch klingt das verrückt.

Noch verrückter aber wäre es, Trump als chancenlos abzutun. Selbst Linke warnen, dass er die Hauptwahl gewinnen könnte. Er ist zwar ein Irrlicht, ein Wichtigtuer, der nach Bestätigung giert; niemand weiß, wofür er steht und wem er sich verpflichtet fühlt – außer sich selbst. Aber er hat Instinkt. Und auch der Schauspieler Ronald Reagan galt vor langer Zeit einmal als unwählbar.

Webster City, Iowa

Trump hat sich verausgabt hier in Iowa. Im vergangenen Sommer, während andere Kandidaten bei der Landwirtschaftsmesse an ihren Schweinespießen kauten, ließ Trump die Kinder in seinem Hubschrauber fliegen. Im Herbst hielt er eine Rede, in der er einen Rivalen mit einem Kinderschänder verglich. Aber das fromme Iowa ist eigensinnig, und es erinnert gerade in diesen letzten Tagen vor der ersten Vorwahl daran, dass Trump auch verlieren kann. Verlieren ist sehr gefährlich für ihn, weil er von dem Ruf lebt, dass er nur gewinnt.

Trumps schärfster Rivale heißt Ted Cruz, ein Erzkonservativer aus Texas. Bis Trump kam, spielte Cruz den bösen Buben allein. Einmal hat er im Budgetstreit einen Aufstand im Parlament angezettelt, der die USA an den Rand des Staatsbankrotts rückte. Jetzt ist Cruz in einem Flugzeughangar von Webster City angekündigt. Der Nebel lässt die Startbahn verschwinden, aber die Verbindung zum Himmel ist hier eh eine andere. Es kommen die christlichen Rechten, die sogenannten Evangelikalen.

David Borer, Buchhalter einer Agrarfirma, wartet in Reihe eins. „Mehr als 50 Millionen Abtreibungen in den letzten vierzig Jahren“, sagt Borer. „Vielleicht hat man die Person umgebracht, die das Mittel gegen Krebs oder Aids entdeckt hätte. Wenn du kein Leben hast, dann ist alles andere auch schon egal.“

Cruz trägt Jeans, ist den 150 Zuschauern so nah, dass man aus der ersten Reihe die Hosengröße vom Etikett ablesen kann: Länge 32, Weite 38. Cruz spricht wie ein Prediger. Seine Sätze beginnen im Crescendo, erreichen im dritten Viertel das Forte, um dann dahingeflüstert auszuklingen. „Betet jeden Tag eine Minute lang“, verlangt er, „lieber Vater, hilf uns, unser Land vom Abgrund zu entfernen.“

Der rechte Ideologe Cruz hat zwei Gegner. Obama, dessen Agenda er zerschlagen würde, sobald er das Oval Office bezogen hätte. Und Trump: Cruz wirft seinem Rivalen vor, „New Yorker Werte“ zu verkörpern, also Abtreibung, Homo-Ehe. Und die Gier erst. Hier im Heartland kommt diese Kritik an Trump gut an, anders als die Arbeiter in Ohio misstrauen sie hier oberflächlichem Glanz. Die Anhänger von Cruz sagen, dass Trump den Herrn nicht kennt, Demut lernen soll und Prinzipientreue. „Vor ein paar Jahren war er noch für Abtreibungen“, sagt Borer. „Wir freuen uns über alle Bekehrten, aber im Wahlkampf sind Bekehrungen selten aufrichtig.“

Ein paar Dörfer weiter treffen sich noch mehr Trump-Gegner, dort tritt im Gemeindezentrum von Marshalltown vor hundert Zuschauern Marco Rubio auf, der US-Senator aus Florida, der alles ist, was Trump nicht ist – jung, adrett, ein Latino. Die Parteichefs halten ihn für die Zukunft der Republikaner, für einen rechten John F. Kennedy. Seine Fans sagen, dass Rubio „mit seinem Kopf denkt“, während Trump womöglich gar nicht denke.

Trump freilich sagt, Rubio sei ein Baby.

Amerikas Wahlkämpfe gehorchen eigentlich einer schlichten Logik: „Democrats want to fall in love, Republicans just fall in line.“ Die Linken wollen sich verlieben in ihren Kandidaten, die Rechten fügen sich bloß dem erfahrensten Mann. Vielleicht ist es diesmal umgekehrt: Die Demokraten folgen der vernünftigen Clinton, die Republikaner verknallen sich jenseits aller Vernunft in ein Großmaul. Unter republikanischen Spendern und Wortführern soll sich schon die resignierte Prognose ausbreiten, dass Trump und Cruz den Wettbewerb unter sich ausmachen, dass die Partei Abraham Lincolns, die einst für Menschenwürde stand, auf jeden Fall einen rücksichtslosen Selbstdarsteller nominiert.

Ottumwa, Iowa

Donald Trump tritt in Ottumwa auf, einer Stadt mit 25 000 Einwohnern, die so weiß ist, dass sogar im mexikanischen Restaurant nur Weiße bedienen. Drei Stunden vor der Show verkaufen Händler auf dem Parkplatz schon Anstecker und Mützen, die ersten Besucher kauern vor dem Eingang, bei minus acht Grad im eisigen Wind. Als die Türen sich öffnen, füllt sich der Saal mit 665 Zuschauern. Hunderte drängen sich draußen vor einem Bildschirm.

Im Publikum mischen sich Zukunftsangst und Celebrity-Kult. Während Phil erklärt, warum die Deutschen große Angst haben sollten vor der Flüchtlingsflut, lässt sich Laci, die zum ersten Mal überhaupt ein Politereignis besucht, vor der Bühne fotografieren, neben ihr die vollendet gestylte Tana Goertz. Sie ist einst in Trumps TV-Show aufgetreten, jetzt leitet sie seinen Wahlkampf in Iowa; die Grenzen zwischen Unterhaltung und Politik haben sich offensichtlich aufgelöst. Bald wärmt Goertz am Rednerpult die Menge auf. „Er hat mein Leben verändert und kann euer Leben verändern“, sagt sie über ihren Mentor. „Leute, er ist unsere letzte Chance.“

Als er dann dasteht, fragt man sich wieder, ob sein Haar echt ist. Manche halten es für ein Toupet, aber welche Firma würde solche Toupets herstellen? Diese Matte sieht aus, als würde sie Tag für Tag mit Gewalt in eine vage Scheitelformation gepresst.

Trump beginnt wie immer mit den Erfolgsmeldungen, den Umfragen. Er wäre bei Time gern Person des Jahres gewesen, aber sie haben Angela Merkel ausgewählt. Merkel! Unfassbar, findet Trump, nach allem, was sie ihrem Land angetan hat. „Armes Deutschland“, sagt er. „In Köln randalieren sie gerade. Früher wussten die Deutschen gar nicht, was ein Ausländerproblem ist. Jetzt sagen alle, Trump hatte recht mit seiner Mauer. Hätte ich nichts gesagt, würdet ihr bis heute nicht darüber reden, Leute.“ Und Hillary Clinton erst, die demokratische Konkurrentin, der Trumps Ton nicht gefällt. „Ton?“, höhnt Trump. „Im Nahen Osten schneiden sie überall Köpfe ab. Wir brauchen Ton, glaubt mir.“

Trump kann nicht gewinnen, sagen manche, er sei zu negativ, und Amerika stimme am Ende immer für die Hoffnung. Aber das verkennt die Dramaturgie seiner Auftritte. Ja, er malt das Übel aus, die brutalen Feinde, die Unfähigkeit in der Hauptstadt. Aber er zeichnet das fast schon wie die Vergangenheit, aus der er das Land gerade befreit. Trump verbreitet Behaglichkeit. Es mischen sich Nostalgie – wie großartig Amerika war – und die Aussicht, dass diese Zeiten zurückkehren. „Ich bin zornig, weil das Land so schlecht geführt wird“, sagt er, „aber wenn wir es richten, werde ich nicht mehr zornig sein.“

In Ottumwa entwirft er eine Zukunft mit Stärke, Klarheit, Kompetenz – mit allem, was Amerikaner von einem Präsidenten erwarten. Er verheißt so viele Siege, dass man sich langweilen wird. „Ihr werdet sagen: Wir ertragen es nicht mehr zu gewinnen“, ruft er in den rauschenden Applaus. „Und ich werde sagen: No way! Wir gewinnen weiter!“

Ergebnisse – das ist es, was seine Anhänger so sehnlich erwarten. Ralph King, der Straßenarbeiter, hatte gesagt: „Ich liebe Trumps Großspurigkeit, aber ich hoffe auf ihn, weil er liefert.“ Es sei der große Unterschied zum Ideologen Ted Cruz. „Cruz erinnert mich an einen Freund von mir, der keiner Schlägerei auswich, aber jedes Mal nur auf die Fresse bekam. Trump dagegen hat das Ergebnis im Blick, er kann auch Kompromisse.“ Trumps Anhänger sagen das oft: Sie wollen nur einen fähigen Geschäftsführer, und der darf ruhig fordernd und barsch sein, solange am Ende die Kasse stimmt.

Herkömmliche Politiker behaupten, dass sie so sind wie das Volk. Dann ziehen sie Jeans an, wie Cruz. Trump dagegen verspricht, dass das Volk so sein kann wie er. Erfolgreich. „Ich bin gierig“, sagt er, „jetzt möchte ich gierig sein für unser Land.“

Als Trump fertig ist und die Menschen beseelt in ihre kalten Autos steigen, zieht ein Schneesturm auf, feine Schwaden wehen über die Straße, als würde der Asphalt dampfen. Bald haftet der Schnee.

Man denkt an Trumps Eismaschine in New York. Sie ist laut, sie schabt, sie saugt, aber dann, wenn sie abdreht, bleibt diese einheitliche, blitzende Fläche zurück in der Wintersonne.

Wie groß ist doch Amerikas Sehnsucht nach Glanz.

Kurzbiographie

Nicolas Richter,

1973 in Genf geboren, leitet das Ressort Investigative Recherche der Süddeutschen Zeitung. Zuvor war er US-Korrespondent und berichtete von Washington aus über amerikanische Politik und Gesellschaft. Im Jahr 2009 gehörte er mit Hans Leyendecker und Klaus Ott zu den Gründern des Investigativressorts der SZ, das unter anderem die Formel-1-Affäre und die Drehbuchaffäre beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen enthüllte. Zuvor schrieb er im Ressort Außenpolitik über Völkerrecht und Terrorbekämpfung. Richter hat in München und Paris Jura studiert und in den New Yorker Büros der Deutschen Presse-Agentur und des ZDF gearbeitet. Er wurde ausgezeichnet mit dem Wächterpreis und dem Helmut-Schmidt-Preis. Für seine Analysen aus den USA erhielt er zuletzt den George F. Kennan Kommentarpreis.