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Auf Leben und Tod

Von Wolfgang Bauer

„Denk nicht einmal daran“, sagte der ältere Bruder zu Rafi, als er ihm seinen Plan verriet. „Du bist ein Träumer“, erklär¬te der Onkel, der Rafi nur mit halbem Ohr zuhörte. Die Verrücktheit eines Kindes, dachte er bei sich. Die Mutter schaute ihrem Sohn lange in die Augen. Mit 17 Jahren ist Rafi ihr Jüngster. „Mein Junge, du wirst uns alle ins Unglück stürzen.“

Der Tag, an dem die Welt in Jabreel, einem Vorort von Herat, Afghanistan, aus ihrer Ordnung bricht, ist der 6. Juli 2011, ein Mittwoch, an dem sich Rafi Mohammed und Halima Mohammedi entschließen, ihren Plan umzusetzen. Der Plan ist  denkbar schlicht, und zunächst scheint er aufzugehen. Halima, deren Familie die Beziehung zu Rafi ablehnt, verlässt am Nachmittag das Haus ihrer Schwester, in der Hand das Handy, das sie ihr gestohlen hat. Sie tritt auf die Straße, wartet auf den Jungen, der zur vereinbarten Uhrzeit mit einem Wagen kommen und mit ihrer Einwilligung entführen soll. Doch er ist nicht pünktlich. Sie ruft ihn an, aufgeregt, mit viel zu lauter Stimme. So erfahren die Umstehenden von Halimas Plan, junge Rikscha-Fahrer, die hier auf Kundschaft warten. Dass sich ein Mädchen aus Jabreel ohne Erlaubnis der Familie mit einem Jungen davonmachen will – noch dazu mit einem, der nicht aus Jabreel kommt. Als Rafi endlich vorfährt und Halima einsteigt, blockieren plötzlich ein halbes Dutzend Rikschas den Weg. Hunderte Menschen umringen den Wagen. Hände greifen ins Innere des Toyota, zerren an Rafi, kratzen ihm blutige Wunden, er wehrt sich, doch immer mehr Hände drängen durch die Wagentür, die ihn schließlich hinaus reißen, in den Staub der Straße. Aus Ohren, die sich rasch mit warmem Blut füllen, hört er die Rufe. „Hängt sie auf! Tötet sie!“

Fäuste schlagen auf ihn ein, Füße treten ihn, in den Bauch, die Rippen, auf den Kopf. Rafis Nase bricht, die Augen schwellen blau, er windet sich schreiend. Die Masse der Schläger füllt die Straßenkreuzung. „Die hätten die beiden umgebracht“, erinnert sich später der Polizeikommandeur. Seine Männer sind es, die das Paar schließlich dem Mob entreißen. Rafi und Halima werden ins Gebäude der Wache gebracht. Doch die wütende Menge drängt nach. Die Wand ihrer Körper drückt das Metalltor der Polizeistation ein. In den Straßen von Jabreel wird jetzt geschossen. Unter den Demonstranten sind auch

Soldaten der afghanischen Streitkräfte, auf Heimaturlaub, sie schleudern Handgranaten auf die Wache. Längst kämpfen die acht Polizisten, die sich im Gebäude verschanzen, nicht mehr um das Leben des unglücklichen Paares, sondern vor allem um das eigene. Als es alles vorbei ist, Halima und Rafi knapp mit dem Leben davongekommen sind, haben Polizisten versehentlich einen 19-jährigen Schüler erschossen, Dutzende Menschen verhaftet, Dutzende verletzt. Aus Jabreel steigen Rauchsäulen auf.

„Was wird aus uns werden?“, hatte Hamila am Vorabend Rafi am Telefon gefragt, und er hatte ihr versprochen: „Es wird alles gut. Irgendwann werden sie uns verzeihen.“ Zwei Jahre lang hatten Rafi und Halima an ihren Fluchtplänen gefeilt, sie in nächtelangen Telefonaten besprochen, darüber gelacht, geweint, verschiedene Varianten diskutiert und wieder verworfen. Beide sind 17 Jahre jung, er ein Tadschike, damit Sunnit, sie eine Hazara und daher Schiitin, Angehörige zweier Völker, die seit Jahrzehnten verfeindet sind. Aber sie haben in sich etwas entdeckt, was sie von fast allen ihren Verwandten unterscheidet, was die meisten in Afghanistan nie besaßen und viele sogar fürchten wie einen bösen Fluch. Die Liebe.

Nie zuvor war Afghanistan in so großer Umwälzung. In immer größeren Bereichen des Alltags lösen sich die alten Werte auf. Die Mobiltelefone machen jeden für jeden erreichbar, über alle Lehmmauern hinweg. Die Leute sehen Filme aus Indien mit ungeahnten Bildern, auf denen sich Menschen küssen, sich zärtlich berühren. Männer und Frauen begegnen sich zu Zehntausenden in Universitäten und Fabriken, die an den Stadträndern aufkeimen. Menschen lernen sich kennen, die sich nach den Konventionen nie hätten kennenlernen dürfen. Ein Teil der Jugend definiert ihr Lebensglück neu. Den Ehepartner wollen sie selber wählen, den Beruf, die Art, ihre Haare zu frisieren. Andere Jugendliche kämpfen gegen den Bruch mit den Traditionen, sie tut es mit Worten mit Messern, Gewehren und Stöcken. „Wir erleben gerade einen schockierenden Ausbruch an Gewalt“, klagt Suraya Subhrang, die Sprecherin der Menschenrechtsorganisation „Afghan Independent Human Rights Commission (AIHRC)“. Es ist Krieg in Afghanistan, aber nicht nur der gegen die Taliban, den die Welt kennt, sagt Subhrang. Die Fronten verlaufen im Privaten und werden selten öffentlich. Ein Ende ist nicht absehbar, dieser Krieg hat erst begonnen.

„Du hast nicht auf mich gehört“, sagt Rafis älterer Bruder. Die beiden sitzen mit gesenkten Schultern auf dem betonierten Gefängnishof in Herat. Rafi meidet den Blick des Älteren. Er sieht über die Mauerkrone, wo am Himmel NATO-Flugzeuge Kondensstreifen ziehen. „Mutter weint jede Nacht. Sie faucht wegen jeder Kleinigkeit deine kleinen Schwestern an.“ Der Plan, mit dem Rafi und Halima sich die Freiheit erzwingen wollten, hat sie hinter die Mauern der „Besserungsanstalt für Jugendliche“ gebracht. Es ist jetzt Ende Oktober. Vier Monate sind vergangen, seit das Paar in Jabreel vom Mob gestoppt wurde. Dieselben Polizisten, die sie gerettet haben, führten sie in Handschellen und Fußketten hierher. „Ihr habt das Gesetz gebrochen“, sagten sie ihnen. Die Anklage lautete auf „versuchten vorehelichen Geschlechtsverkehr“, Paragraf 29 Strafgesetzbuch. Sie leben seither im gleichen Gebäude, aber in unterschiedlichen Trakten, nur von einer Wand getrennt. Seit ihrer Festnahme haben sie sich nicht wieder gesehen.

Am Vortag hat das Berufungsgericht in Herat die Haftstrafe für beide von einem halben Jahr auf ein ganzes erhöht. Das Vergehen des Paares sei besonders schwer, da es sich bereits seit zwei Jahren heimlich miteinander getroffen habe. „Glaubst du, sie weiß schon davon?“, fragt Rafi seinen Bruder. „Ich habe Angst, wie sie darauf reagieren wird.“

„Es wäre doch das Beste, ich wäre tot“, flüstert Halima im Mädchentrakt, fünfzig Meter von Rafi entfernt. Sie schaut auf die Spitzen ihrer Finger, die Hände liegen im Schoß. Heute Morgen hat sie vom Urteil erfahren. „Sie sagen, wir sind Verbrecher. Aber wir sind keine Verbrecher.“ Im Zellengang hinter ihr hallt das Brüllen der anderen Mädchen. 34 sind mit ihr hier eingesperrt. Ständig gibt es Streit. Zusammengepfercht auf engem Raum, ziehen sie sich kreischend an den Haaren, schlagen sich ins Gesicht, rangeln mit der Gefängniswärterin. „Huren“, sagen die Wärterinnen. Die meisten Insassinnen haben das gleiche Verbrechen begangen wie Halima. Sie haben sich in den Falschen verliebt. Da ist die 15-Jährige, die einen 50-Jährigen heiraten musste und sich dann in einen gleichaltrigen Jungen verguckte. Eine andere wurde von ihrem Vater dabei erwischt, wie sie Textnach-richten mit einem Freund austauschte. Was den Richtern genügte, um sie für ein Jahr einzusperren. Die Jungs sind oft ebenfalls hier in der Besserungsanstalt, doch unter dem Druck der Familien haben sie sich alle von ihren Freundinnen losgesagt. Rafi nicht. Rafi sagt immer noch: „Ich liebe sie, aber sie liebt mich zehnmal mehr.“ Das hält Halima am Leben.

Rafi und Halima sahen sich das erste Mal vor zwei Jahren in einer Eiscremefabrik, in der sie beide arbeiteten. „Seine Augen“, sagt sie. „Ihr Witz“, sagt er. Halima kommt aus einer armen Familie, ihre Mutter starb, da war sie sieben. Was sie mit Rafi verbindet. Sein Vater ist ermordet worden, da war er noch nicht zehn. Halimas Vater heiratete wieder, doch die neue Frau verstand sich nicht mit Halima. Die beiden stritten immerzu. Die Fabrikarbeit befreite Halima endlich, gab ihr Luft zum Atmen. Der Unternehmer schätzt die Frauen, die er beschäftigt, wie auch die Kinder. Bei diesen niedrigen Löhnen finden sich nicht mehr genügend Männer für die Arbeit. Herat ist Afghanistans Industriestadt. Die Fertigungshallen wachsen weit in die Wüste am Stadtrand hinein. Motorräder und Traktoren werden hier montiert, Säfte abgefüllt und die „SuperCola“. „Ich habe die Arbeit gemocht“, sagt Halima. Und irgendwann, nach vielen Blicken, heimlichen Lächeln, hat sie dann den entscheidenden Schritt getan. Sie steckte Rafi in einem unbeobachteten Moment einen Zettel mit ihrer Handynummer zu.

Die Tage in der Besserungsanstalt bestehen aus einem ummauerten Nichts. Die Leere ist Programm. Das Gefängnis wird von einer Direktorin geleitet, der die Jugendlichen nicht hart genug bestraft werden. „Wir müssen Unsittlichkeit strenger ahnden, sonst machen die das immer wieder.“ Das Nichts umgibt Halima, wohin sie schaut. Die Wände sind kahl. Die einzigen Möbel in ihrem Trakt, die Metallregale im Zellengang, sind leer. Der Fernseher im Pausenraum funktioniert nicht. Die Mädchen werden von der alten Wärterin Jontab täglich um vier Uhr morgens geweckt. Sie trommelt an die Türen. Sie werden früh in den Tag gezwungen, damit sie länger die Eintönigkeit spüren. Nach dem Aufstehen gibt es für viele Stunden nichts zu tun, Beten, herumhängen, bloß nicht wieder einschlafen, sonst keilt Jontab mit dem Schlüsselbund. Um acht Uhr wird das Frühstück verteilt, Brot und ein Löffel voll Zucker. Im Sommer hatten sie Schulunterricht, doch nun ist der Direktorin das Geld ausgegangen. Von sechs Klassenzimmern ist bloß eines offen, dort erklärt ein Lehrer den Stoff der ersten Grundschulklasse. Halima, die als Einzige ihrer Familie lesen und schreiben kann, hat vor ihrer Zeit im Gefängnis bereits die siebte Klasse besucht. Trotzdem ist sie glücklich über das bisschen Unterricht. Immerhin etwas, um das Nichts zu füllen.

„Was hat sie gesagt?“ Rafi, im Jungentrakt, ist nervös. Er durfte seit vier Monaten nicht mit ihr sprechen. Die Direktorin behauptet, das sei gegen das Gesetz. Er wippt mit den Füßen. „Liebt sie mich noch? Steht sie zu mir?“ Die Platzwunden in seinem Gesicht sind verheilt. Fingerbreit wächst ihm Flaum über der Oberlippe. Er spricht in kurzen, abgehakten Sätzen, manchmal verschluckt er vor Aufregung Wörter. „Wir sind so rein wie die Milch unserer Mütter.“ Als sie sich gegenseitig Textnachrichten auf ihre Handys schickten, begannen sie sich als Paar zu fühlen. Flüsternd führten sie stundenlange Telefonate. Es war anfänglich ein Kichern und Albern, doch dann wurden die heimlichen Gespräche immer ernsthafter. Sie redeten miteinander, wie sie bisher mit niemandem hatten reden können. Sie erzählten sich von ihren Schwächen. Halima klagte Rafi, wie sehr sie unter ihrer Stiefmutter leide. Die behandele sie wie ein kleines Mädchen, obwohl sie selbst nicht viel älter sei. Rafi erzählte ihr von seinem Onkel, der sich nach dem Tod des Vater um ihn kümmert. Der es gut mit ihm meine, ihn aber nicht ernst nehme, ihn ein Müttersöhnchen schimpfe. Er erzählte ihr, wie sehr er im Schatten seiner beiden älteren Brüder stehe. Was sie tun, erwarte der Onkel auch von ihm. Rafi und Halima trafen sich alle paar Wochen, für ein, zwei Stunden, meistens in einem Park in Herat. Ein Cousin Rafis begleitete sie dabei, damit sie in der Öffentlichkeit nicht als Liebespaar auffielen. In diesem Park geschah es auch irgendwann, dass Halima Rafi ihre Hand auf die Schulter legte. Ganz warm war sie und leicht wie eine Feder. Er träumt bis heute von dieser Berührung. Es war die einzige in ihrer zweijährigen Liebe. Nie haben sie sich geküsst. Nie kam es zwischen ihnen zum Äußersten, das wurde sogar gerichtlich festgestellt.

Nach der Verhaftung brachten Polizisten Halima ins Krankenhaus, wo sie das Mädchen zum Jungfrauentest zwangen. Ein Arzt öffnete ihr dabei mit zwei Fingern die Vagina, untersuchte das Hymen, ob es noch intakt sei, drückte mit den Fingern gegen die Scheidenwände, um die Elastizität der Vaginalmuskeln zu prüfen. Das berichten Gerichtsmitarbeiter. Solche Untersuchungen sind international als Verletzung der Men-schenwürde geächtet. In Afghanistans Rechtssystem gehören sie nach wie vor zum Alltag. Es war Halimas und Rafis Glück, dass der Arzt ihr die Jungfräulichkeit attestierte. Anderenfalls hätte das Strafmaß leicht bei fünf Jahren liegen können.

In der Geschichte von Rafi und Halima ist wunderbarerweise das Glück und das Unglück gleich verteilt. Das größte Glück ist Jamila Khisrawi, Halimas Anwältin. Die 27-Jährige gehört zu Afghanistans neuer Generation selbstbewusster Juristinnen. „Die Richter haben mich vor drei Jahren noch angebrüllt und aus dem Gerichtssaal geworfen.“ Sie lacht dieses seltsame Lachen, das sie so häufig lacht. Man hört keinen Laut dabei. „Die sagten, dafür bist du als Frau viel zu emotional.“ Hartnäckig haben sich Khisrawi und ihre drei Kolleginnen seither die Anerkennung der Gerichte erarbeitet. Sie sind bei der deutschen Frauenrechtsorganisation „Medica Mondiale“ angestellt. Ihr Büro in Herat liegt im Stadtzentrum, an einem geheimen Ort, kein Türschild weist auf sie hin. „Wir arbeiten permanent unter Todesdrohungen“, sagt Khisrawi. Aus Angst gehen die Anwältinnen nie alleine vor die Tür, immer sind sie miteinander mit Handy verbunden. 70 Prozent ihrer Mandantinnen in Afghanistan steht wegen „morale crimes“ vor Gericht, Sittlichkeitsverbrechen.

Khisrawi betreut Mädchen, die als Kinderbräute verheiratet wurden, sich irgendwann in gleichaltrige Jungs verliebten und mit ihnen wegliefen. Die Gerichte verurteilen sie wegen Ehebruchs zu zwei bis drei Jahren Gefängnis. Sie vertritt Frauen, die entführt und über Monate vergewaltigt wurden und später wegen Ehebruchs langjährige Haftstrafen bekamen. Es ist selten der Mann, der Peiniger, der vor Gericht steht, klagt Khisrawi, sondern die Frau, die vor ihrem Mann floh. Die Männer können sich häufig der Verhaftung entziehen, sie wissen, wie die Polizei bestechen, die Frauen, meist im Haus, wissen das nicht. Die Fälle auf ihrem Schreibtisch stapeln sich, die Anzahl der Prozesse hat sich binnen eines Jahres verdoppelt. Jamila Khisrawi hat gegen den Widerstand ihrer Familie Jura studiert, ist gegen allen Widerstand Anwältin geworden. „Ich weiß manchmal nicht mehr weiter“, sagt sie. Über mehrere Tage wurde sie kürzlich von einer Frau angerufen. Ihr Mann habe sie in einem Zimmer eingesperrt. Er wolle sie töten. „Das letzte Mal sagte sie plötzlich, ich höre die Schritte meines Mannes. Dann legte sie auf.“ Seitdem hat die Anwältin nichts mehr von ihr erfahren. Jamila Khisrawi konnte nicht hel-fen. Das Haus der Frau lag  außerhalb Herats, in einem Taliban-Bezirk. „Ich glaube, dass er sie mittlerweile umgebracht hat.“

Die Anwältin ist unverheiratet. Es ist nicht einfach, sagt sie, in Herat einen Mann zu finden, der jemanden mit ihrem Beruf als Ehefrau akzeptiert.

Den ganzen Herbst über suchen Khisrawi und ihre Kolleginnen verzweifelt nach einem Weg, das Leben von Halima zu retten. Ihr Vater hat mehrfach öffentlich angekündigt, sie nach der Haftentlassung töten zu wollen. „Sie hat mich und die Familie in den Schmutz getreten“, sagt er. „Ich bin jetzt für immer ein Mann ohne Ehre.“ Nur der Tod der Tochter, so glaubt er, kann die Familienehre wiederherstellen.

Wie ein altes Uhrwerk, in vielen Jahrhunderten erschaffen, feingliedrig in seiner Mechanik, reguliert sich die afghanische Gesellschaft. Das soziale Regelwerk in diesem Land ist ein hochkomplexes, eines mit vielen kleinen und großen Zahnrädern, die filigran ineinandergreifen, automatisch in ihren Abfolgen, doch dieses Regelwerk greift nicht mehr. Besonders in den Städten. Es läuft ins Leere, seit viele der Jungen die Regeln nicht mehr akzeptieren, blockiert sich gegenseitig, drängt gar in unterschiedliche Richtungen. Die Gesellschaft des Landes ächzt und stöhnt darunter, viel mehr fast, als unter den Kämpfen zwischen Taliban und Regierungstruppen.    

Während im Gefängnis die Psychologin von „Medica Mondiale“, die Schultern des Mädchens massiert, mit ihr Atemübungen macht, sie lockert, mit ihr weint, damit sie wei-ter durchhält, ringt die Anwältin Khisrawi draußen in der Welt um die einzige mögliche Lösung: eine Ehe mit Rafi. Unverheiratet müsste Halima ihr Leben im Frauenhaus oder in der Prostitution beschließen. Beinahe die gesamte Familie hat mit ihr gebrochen, sie fürchten den Vater, die Schwestern dürfen nicht mit ihr reden, das verboten die Ehemänner.

Nach vielen vergeblichen Telefonaten gelingt es Jamila Khisrawi den Vater Halimas zu einem Treffen zu bewegen. Dreimal wird es anberaumt, dreimal kommt er nicht. Es klappt beim vierten Mal. Die Anwältin begegnet dem Vater auf sicherem Terrain, nicht im Büro, damit er ihr später nicht auflauern kann. Sie laden ihn ins „Mediationszentrum“, so nennen die Frauenrechtlerinnen ein Besprechungszimmer in einem Regierungsgebäude, das mit ausgeblichenen Aufklärungsplakaten dekoriert ist. „Ich kann diese Beziehung nicht akzeptieren“, sagt er. „Sie raubt mir die Ehre. Ich bin der Spott meiner ganzen Familie.“

Das ist nicht wahr“, sagt Khisrawi. „Halima und Rafi haben keinen Sex gehabt, aus Rücksicht auf deinen Ruf.“ Er wendet widerwillig den Kopf, kneift die Augen zusammen, braucht offenbar alle Kräfte, um nicht aufzustehen und zu gehen.Es ist ein Gespräch, bei dem das Leben des Mädchens an jeder Silbe hängt. Einmal hat die Anwältin Khisrawi das Gefühl hat, der Vater wird das Mädchen schonen, um wenig später überzeugt zu sein: die Klientin ist so gut wie tot.

„Sie hätte es mir sagen sollen,“ klagt der Vater.

„Sie hatte Angst vor dir!“

„Der Junge ist Sunnit, wir Hazaras sind Schiiten. Die werden meine Tochter zwingen, ihren Ritus anzunehmen.“

„Ich kenne glückliche Ehen zwischen Schiiten und Sunniten in meiner eigenen Familie.“ Khisrawi kämpft unverdrossen. „Wenn sich wegen dir deine Tochter umbringt, wirst du wegen Mordes angeklagt.“

Ganz Jabreel schaut auf ihn, jammert der Vater. Der Druck sei enorm. Der Ungehorsam Halimas mache die Familie zum Außenseitern, gebrandmarkt, der Abschaum des Viertels. Was sie sich in Generationen aufgebaut hätten, ihr Ruf, die soziale Stellung – mit der Flucht der Tochter sei alles dahin. Nach zwei weiteren Treffen schaffen es die Anwältinnen am Ende des Herbstes doch noch, dass er einer Hochzeit zustimmt. „Wir müssen das irgendwie beenden“, sagt er Khirawi. „Traue meinem Vater nicht“, sagt Halima in ihrer Zelle zu der Anwältin. „Er wechselt schnell seine Meinung. Er hält nicht Wort.“

Eine Ehe zwischen Rafi und Halima wäre die zwischen Erzfeinden. Die Hazara, zu denen Halimas Familie gehören, mongolischstämmig, leben in Herat in einer prekären Situation. Als mittellose Einwanderer werden sie misstrauisch beäugt von den alteingesessenen Tadschiken, zu denen Rafis Familie zählt. Für sie sind die Hazara keine Muslime, sondern Ungläubige, die Prostitution und Sünde nach Herat bringen. Der Stamm der Hazara ist das gedemütigte Volk Afghanistans, ihren einst unabhängigen Staat, des „Hazaradschat“, haben Tadschiken und Paschtunen vor hundert Jahren zerschlagen. Unter den Taliban waren es wieder die Tadschiken, die gegen die Hazara kämpften. In Herat leben nun Freund und Feind auf engem Raum, angelockt von Jobs und relativem Frieden. Der Ort ist wie ein einziger Rohbau, es staubt, es dampft, Baugerüste überall, Berge von Backsteinen, ein Wildwuchs an Armierungseisen, es boomt, unkontrolliert, alles neu, im Neuen ist aber schon wieder der Verfall. Sobald sie etwas errichtet haben, bröselt es und bröckelt es und bricht. Alle Dinge scheinen aus aus der Balance. Auch die Menschen. Nirgendwo verbrennen sich mehr Frauen als in der 300 000 Einwohnerstadt, 75 waren es allein 2011, nirgendwo zählen die Behörden mehr Scheidungen. Die Entführungsindustrie floriert. Im Ringen zwischen Tradition und Moderne ist Herat so etwas wie Afghanistans Brandungszone.

Es wird Winter vor den Mauern der Besserungsanstalt, bald  gilt er als der strengste seit Jahrzehnten. Raureif blüht in den Fugen, das Radio vermeldet zweistellige Minustemperaturen. Im Dezember schneidet sich Halima mit einer Rasierklinge tief in die Hände. Eine Freundin verrät es der Psychologin Saliha, die zweimal in der Woche die Frauen besucht. „Was willst du, Mädchen“, sagt die 45-Jährige. „Du willst sterben, aber du willst auch mit Rafi leben, das ist doch ein Widerspruch.“ Halima überlebt diesen Winter, und Rafi findet immer neue Wege, Nachrichten in den Mädchentrakt zu schmuggeln. Er besticht die Wärterin Jontab, steckt ihr Geld zu, er schenkt ihrer Tochter eine SIM-Karte, der Tochter der Tochter gibt er Trockenfrüchte. Er bleibt freundlich zu Jontab, auch wenn sie launisch ist und Halima absichtlich falsche Nachrichten zuträgt. „Ich liebe dich nicht mehr“, hat Jontab ihr – angeblich von Rafi  - ausgerichtet. Halima brach in Weinkrämpfe aus. So spielt die Alte manchmal mit ihnen. Einmal in der Woche, zum Besuchstag, kommen der Bruder oder der Onkel vorbei und versorgen Rafi mit neuem Geld.

Die Direktorin ist eine studierte Juristin aus gutem Hause, die hart das Kinn hochzieht, wenn ihr etwas nicht behagt. Sie trägt kunterbunte Kopftücher und hat es sich in ihrem Knast nach Belieben eingerichtet. Fast könnte sie der Zwilling der Herzkönigin aus „Alice im Wunderland“ sein. „Ich stehe immer im Dienst der Kinder“, sagt sie. Doch meistens schaut sie in einem Hinterzimmer fern, sommers wie winters, beleibt und leicht reizbar, die Beine auf einem Hocker. Nur im Notfall verlässt sie diese Position. Ihr dreijähriger Sohn sprintet tagein, tagaus durch die Gänge und bespuckt aus Spaß das Personal. Er spuckt auf den Anstaltsarzt, der gelangweilt vor seinem Pillenschränkchen sitzt und den inhaftierten Mädchen, so heißt es, mit Vorliebe Injektionen in den Oberschenkel gibt, nie in den Arm. „Hier kommen die Jugendlichen schlimmer raus als sie reingekommen sind“, räsoniert der Arzt über die Anstalt. „Ich persönlich wäre ja für die Prügelstrafe.“ Der Kleine rennt auf seinen Runden am Büro des Buchhalters vorbei, der es zur hohen Kunst entwickelt hat, hinter dem Schreibtisch mit offenen Augen zu schlafen. Rennt weiter von Tür zu Tür, hinter denen Sachbearbeiter für diverse Zuständigkeiten dösen, ohne im Grunde etwas zu tun. Gleichzeitig sind die jungen Häftlinge in ihren Zellentrakten sich selbst überlassen. Die älteren befehligen die jüngeren. In Rafis Zelle ist es ein Talib. Selten setzt ein Erwachsener einen Fuß hinein.

Halimas Vater nimmt seine Zustimmung zur Heirat plötzlich wieder zurück. „Er fordert eine Million Afghani Brautgeld oder ein Mädchen aus Rafis Familie für seinen ledigen 50-jährigen Bruder“, klagt Khirawi im Februar. Rafis Familie ist entsetzt. Die horrende Summe von umgerechnet fast 16 000 Euro kann sie nicht aufbringen. Rafi ist im Knast, sein Vater in einer Nachbarschaftsfehde vor Jahren ermordet worden, der ältere Bruder arbeitslos, nur der Onkel verdient mit einer Baumschule etwas Geld. Rafis Schwestern seien mit sieben und zehn Jahren fürs Heiraten noch zu jung, befindet seine Mutter. Die Verhandlungen zwischen den Familien scheinen erneut festgefahren. Rafi brennt sich an diesem Tag mit einem Bügeleisen den Buchstaben „H“ in die Armbeuge. H wie Halima. Es ist jetzt schon das vierte „H“ auf seinem Körper. Auf der Schulter schnitt er es sich mit Rasierklingen in die Haut, mit Streichhölzern brannte er es in den rechten Oberarm, mit Nadeln stach er es in den linken. Er liegt in seiner Zelle oft lange wach und grübelt weit hinein in die Nacht.

Dem Land vor den Anstaltsmauern steht abermals eine Zeitenwende bevor. In der Hauptstadt Kabul plant die Regierung Karzai für die Jahre nach 2014. Die ausländischen Bündnistruppen sollen bis dahin Afghanistan verlassen haben. Der Westen hat angekündigt, die Entwicklungshilfe drastisch zu kürzen. Karzai sucht einen Interessenausgleich mit den Taliban, gegen ihre Kämpfer wird er sich nicht halten können. Das gibt den konservativen Mullahs in der afghanischen Politik wieder Raum, spürbar ge-winnen die Radikalen an Einfluss. „Wir Frauenrechtlerinnen werden jetzt geopfert“, fürchtet Khisrawi. Die Anwältinnen haben Angst, verbringen ihre Mittagspausen im Büro mit bangen Diskussionen. Im Präsidentenpalast hat die Versammlung der Mullahs, die Ulema, vor ein paar Tagen ihre neuesten Beschlüsse verlesen, und Karzai hat dazu applaudiert. Frauen dürfen künftig nicht mehr ohne männliche Begleitung aus dem Haus. Frauen dürfen nicht mehr mit fremden Männern reden. Es wird ihnen das Recht entzogen, Anteil am öffentlichen Leben zu nehmen. Listen dieser neuen Verbote werden bereits überall im Land in den Moscheen verteilt. Noch sind es nur Empfehlungen, sie haben keine Gesetzeskraft. Als aber neulich eine der Anwältinnen für eine Weiterbildung nach Kabul fliegen wollte, wurde sie prompt am Flughafen angehalten. Ob ein Mann ihrer Familie Bescheid wisse? Seit der Taliban-Herrschaft, sagt Khirawi, sei das nicht mehr passiert.

Das Verhandeln mit Halimas Vater wird zum Wettlauf gegen die Zeit. In den ersten Apriltagen soll das Paar entlassen werden, drei Monate vor Ablauf ihre Strafe. Ein Gnadenersuch der Anwältinnen beim Obersten Gericht in Kabul hatte Erfolg. „Ich will 250 000 Afghani“, sagt der Vater zwei Wochen vor Ablauf der Haft. Noch einmal hatten sich beide Familien im Mediationszentrum getroffen. „Ich könnte von anderen für das Mädchen eine Million Afghani bekommen.“Am Ende einigen sich die Parteien auf 2000 Dollar, zahlbar in zwei Tranchen, die eine sofort, die andere am Tag der Hochzeit. Mit ih-ren Fingerabdrücken besiegeln sie einen Vertrag.  

Am Tag vor der Entlassung hat die Direktorin Halima und Rafi zu sich ins Büro bestellt. Es ist das erste Mal seit ihrer Festnahme, das sich die beiden Liebenden wiedersehen. Sie sitzen auf Polstermöbeln, mustern einander, hören, was die Direktorin über die bevorstehende Entlassung zu sagen hat, und sind verblüfft. Wie sehr sie die Gefangenschaft verändert hat! „Halima ist jetzt ganz anders“, sagt Rafi hinterher verunsichert. „Sie war so still. Das ist nicht das Mädchen, das ich kenne.“ Er hat sie heiter in Erinnerung. Am Telefon hatte sie damals mit ihm oft herumgealbert.

Auch Halima ist von Rafi überrascht. Das Gefängnis, erzählt sie ihren Freundinnen in der Zelle, hat einen anderen aus ihm gemacht. „Wie der mit der Direktorin reden konnte. So selbstbewusst.“ Halima sagt über sich, die Anstalt habe ihren Lebensmut zerstört. „Ich werde nie wieder wie früher.“ Rafi tröstet sich und schiebt Zweifel beiseite. Sobald sie hier raus ist, glaubt er, wird sie wieder ganz die Alte sein.

„Ich habe große Angst“, sagt am selben Abend die Psychologin Saliha, die Halima betreut. Ihr Vater ist von Rafi bei seinem letzten Besuch in der Anstalt belauscht worden, wie er zum wiederholten Mal einem Wärter verriet:„Ich mach das jetzt, damit sie rauskommt. Aber das Mädchen muss sterben.“

In der Nacht können beide nicht schlafen. Rafi redet mit seinem besten Freund, einem 14-jährigen Dieb, der sich in der Anstalt ohne ihn schutzlos fühlt. Die Jungs weinen. Halima schläft nicht, weil zur Aufregung auch noch ihre Regel kommt. Unterleibskrämpfe, schmerzhaft wie nie zuvor.

„Fühlst du auch das Glück, das ich fühle?“, flüstert Rafi am nächsten Morgen in ein schneeweißes Handy. Er hat einen Wachmann bestochen, um Halima anrufen zu können. Sie wiederum hat der alten Jontab Geld zugesteckt, um telefonieren zu können. „Was machst du? Stehst oder sitzt du?“ Jedes Mal, wenn einer der Wächter in den Raum kommt, verbirgt er das Telefon in der hohlen Hand. „Erinnerst du dich, dass ich dir gesagt habe, eines Tages kommen wir raus. Heute ist dieser Tag.“

Das Räderwerk der Traditionen beginnt endlich wieder zu greifen, seine Regeln und Bräuche, erleichtert weiß jeder, was bei den Hochzeitsvorbereitungen zu tun ist. Daheim hat Rafis Familie ein Zimmer mit neuen cremefarbenen Wandbehängen dekoriert. Hier sollen die Frischvermählten die ersten Nächte verbringen. Die Tanten kaufen Bonbons und Schokolade, mit denen der Weg ins Haus bestreut wird. Cousinen gehen auf den Markt, um Fleisch und Gemüse fürs Festmahl zu holen. Idyllisch liegt das Lehmhaus an einem kleinen Fluss, der sich durchs Viertel windet. Die Baumschule des Onkels ist gleich nebenan. Nach dem Winter beginnen aus den Kiefern überall zarte Triebe zu brechen. „Ich werde mein Leben geben, um meinen Neffen vor Halimas Vater zu schützen“, sagt sein Onkel in einer ruhigeren Minute. „Aber wenn Rafi noch ein Mal Schande über uns bringt, breche ich mit ihm.“

Rafis älterer Bruder ist für die Hochzeit aus Kabul zurückgekehrt. Er wirkt bleich und in sich gekehrt. Seit einigen Monaten fährt er als Lastwagenfahrer Mineralwasser zwischen Herat und der Hauptstadt hin und her. Als Maurergehilfe verdient er zu wenig, um die Brautsteuer Halimas zu bezahlen. Eine riskante Arbeit. Er zeigt Bilder, die er auf der Fahrt mit dem Handy machte. Wrack ausgebrannter Lkws. Die Armee fackelt nahe Kandahar Opiumfelder ab. Taliban beschießen die Truppen. Rafis Bruder fand sich auf der Straße plötzlich zwischen den Fronten. „Drei meiner Freunde haben sie in den letzten zwei Monaten getötet.“ Zwei schlugen sie auf der Straße den Kopf ab, den anderen banden sie ans Lenkrad und zündeten den Wagen an. Die Mutter sorgt sich jetzt um beide Brüder.

An dem Tag, an dem die Welt in ihre Ordnung zurückgehoben werden soll, der Tag der Hochzeit und der Haftentlassung, füllt sich das Gefängnis mit den Mitgliedern beider Familien. In Festtagstracht treten sie durch das einzige Tor in der Mauer. Rafis Mutter unter der Burka, Onkels und Tanten, der ältere Bruder, der Imam, der die Trauung vornehmen soll, die Anwältinnen, von denen aber Jamila Khisrawi fehlt. Sie musste ihre Mutter für eine Notoperation nach Pakistan bringen.

Halima probiert in ihrer Zelle ein lachsfarbenes Hochzeitskleid ein, eng geschnitten, dazu Stöckelschuhe, ein Geschenk ihrer älteren Schwester. So unsichtbar die Mädchen in Herat sonst sein sollen, so herausfordernd stellen sie bei der Hochzeit ihre Körper zur Schau. „Ich zieh das nicht an!“, schreit Halima. „Das sitzt viel zu eng!“ Zwei Freundinnen umsorgen sie, stimmen sie um, packen ihre Koffer, legen alles säuberlich zusammen, schließen die Arme um Halima. Dann wird sie herausgeführt, vor das Zimmer der Direktorin, wo die anderen warten. Rafi, in weißen Kleidern, die Brust goldbestickt, läuft nervös den Gang auf und ab.

Die Direktorin tritt aus der Tür, das Kinn hat sie ganz nach oben gezogen, was kein gutes Zeichen ist. Noch am Vortag bestand sie darauf, die Zeremonie in ihrem Büro abzuhalten, als Wertschätzung für geleistete Arbeit. Jetzt sagt sie: „Das alles ist illegal!“ Anwältinnen und Direktorin stehen zwischen dem Brautpaar und brüllen sich an. „Du Dreckstück!“, schreit sie Jontab, die alte Wärterin, an. „Bring das Mädchen wieder in die Zelle!“ Warum Halimas Vater nicht da ist, ruft die Direktorin, obwohl sie um die Probleme weiß. Ein Onkel Halimas ist von ihm beauftragt worden, das akzeptiert die Direktorin nicht. Der Onkel ruft Halimas Vater an. Sie haben Glück. Es klingelt, und laut verkündet er es vor allen. „Ich bin mit der Heirat einverstanden.“ Trotzdem verweigert die Direktorin die Zeremonie. In Wahrheit verfolgt sie eigene Interessen. Schon frühmorgens schickte sie ihren Buchhalter in Rafis Zelle. Wem Gutes widerfahre, solle auch anderen Gutes tun, ließ sie ausrichten. 300 Euro forderte die Direktorin von Rafis Familie. Der Junge lehnte ab, zu viele Schulden habe sein Onkel für ihn gemacht.

Die Hochzeit platzt. Halima wird in ihre Zelle zurückgeführt und bricht dort zusammen. Das Mädchen kriecht unter das Bettlaken, weint. Ihre Freundinnen, die sonst streiten und zetern, streicheln sie jetzt flüsternd. Sie bestäuben die Weinende mit Parfüm. Die Anwältinnen ringen mit der Direktorin hinter verschlossener Tür. Eine Stunde lang, danach stürmen sie heraus, mit hochroten Gesichtern. „Vielleicht hat sie einen Handel mit dem Vater gemacht,“ vermuten sie, „das wäre nicht das erste Mal.“ Immer wieder, das wissen Frauenrechtlerinnen in Herat, entlässt die Anstaltsleitung Mädchen vorzeitig und übergibt sie den Familien, die ihnen nach dem Leben trachten. Es soll Staatsanwälte geben, die sie decken, und die Hälfte der Bestechungssummen erhalten. Das Jugendgefängnis ist eine Anlage zur Abschöpfung von Korruptionsgeldern.

„Ich liebe dich wie meinen Sohn“, sagt die Direktorin zu Rafi, als er sich von ihr verabschiedet, immer noch in weißen Hochzeitskleidern. Der Kommandant der Wachleute breitet grinsend die Arme aus. „Kein Geschenk?“ Die Direktorin steht daneben und lässt ihn gewähren. Rafi entschuldigt sich, er sei pleite, dann beeilt er sich hinauszukommen, nach zehn Monaten. Als die Familie in der Registratur steht, wo sich Besucher ein- und austragen müssen, sagt der Pförtner, ein Hazara, zu Halimas Onkel. „Wie wagst du es, eins unserer Mädchen an Tadschiken zu verheiraten! Hast du schon vergessen, was die uns angetan haben?“ Der Onkel schweigt.

In dieser Geschichte, in der es so viel Glück gibt wie Unglück, ist es großes Glück, dass die Familien auch bis zum nächsten Morgen nicht die Geduld verlieren. In den Fluren des Familiengerichts treffen sie wieder aufeinander. Die Anwältinnen wollen die Trauung hier vollziehen lassen. Die Gerichtsbeamten sind freundlich, wollen aber die Personalausweise der Brautleute sehen – die weder Rafi noch Halima haben. Die in Afghanistan nur ganz wenige haben. Die Beamten verweisen auf die Beamten der Bezirksverwaltung. Die jedoch wollen die Papiere jedoch nur gegen Bestechung ausstellen. Ein zweites Mal droht die Hochzeit zu scheitern.

„Machen wir es doch einfach bei uns zu Hause“, schlägt jetzt Rafis Onkel vor. Halimas Onkel stimmt zu, auch die Anwältinnen nicken. „Warum nicht? Eine Nikah“, sagen sie. Es ist die althergebrachte Art in Afghanistan zu heiraten. Dazu braucht es nur den Imam. Drei Suren, die dreimal wiederholte Zustimmung der Brautleute. Eine Sache von zwei Minuten. Die Anwältinnen hatten die Ehe aus Angst vor dem wankelmütigen Vater Halimas offiziell beurkunden lassen wollen, was sich jetzt als fast unmöglich erweist. Die beiden Familien wenden sich ab von den Institutionen des neuen Staates, von all seinen Paragrafen und Klauseln, den aktengestopften Büros und zahllosen Stempelkissen, die ihnen letztlich völlig nutzlos sind.

Im Taxi des Onkels fährt Halima in die Freiheit. Der Wind weht durch das offene Fenster. Er lässt Halimas Kopftuch an den Rändern flattern. Er streicht ihr über das Gesicht, sie legt den Kopf auf die Schulter ihrer Tante. Rafi sitzt vorne links, er lacht über das ganze Gesicht. Für einen Moment sind die Morddrohungen des Vaters vergessen. Der Wagen ist an den Flanken verrostet, die Reifen sind ohne Profil. Der gelbe Lack ist in breiten Streifen abgeplatzt, doch für Halima und Rafi könnte es kein schöneres Hochzeitsauto sein.

Rafi will sich eine Arbeit als Lastwagenfahrer suchen, wie sein Bruder, trotz der Gefahr durch die Taliban. Die Schulden müssen abgetragen werden. Halima möchte an die Universität  in Herat Computerwissenschaft studieren, vielleicht. Sie ist nun die Einzige in Rafis Familie, die schreiben kann. Die nächsten Wochen wird das Paar nicht aus dem Haus gehen, aus Angst vor Halimas Vater.

Der Imam hebt die Arme, Rafi tut es ihm nach, Halima sitzt nebenan im Zimmer der Frauen. Sie hört durch die Wand das Rezitieren der Koransuren und beginnt zu weinen. Halimas Onkel geht vom Zimmer des Bräutigams in das der Braut und fragt sie, ob er in ihrem Namen zustimmen könne. Sie sagt: „Ja.“ Er zählt das Brautgeld, das Rafis Onkel mitgebracht hat. Ein Vertrag wird aufgesetzt, auf der Seite eines Schulheftes, und der Erhalt des Geldes bestätigt. Sie unterschreiben mit ihren Fingerabdrücken, beide Onkel, Rafi und Halima. Das wichtigste Dokument ihres Lebens. Vier blaue Flecken, dicht im Kern, an den Rändern auslaufend, schön wie Sternennebel.

Dann sitzen sie endlich nebeneinander, zum ersten Mal seit ihrer Flucht, für das Hochzeitsfoto. Fast können sie sich mit den Knien berühren. Rafis Familie macht sich Sorgen, die beiden könnten sich bald entzweien. Sie fragen sich, ob Halima zu den Frauen des Hauses passt. Hoffentlich, sagen sie, ist das nicht bloß eine Verrücktheit zweier Kinder, sondern tiefe Liebe, hoffentlich ist nicht alles längst vorbei. Rafi starrt in die Kamera. Halima schaut zu Boden. Klick. Beim zweiten Foto hebt sie den Kopf ein bisschen. Klick. Bei der dritten Aufnahme lächelt sie.

Dann lächeln beide zusammen.