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Josef zieht in den Krieg

Von Klaus Brandt

Zwei Jahre nach dem Abitur schockiert der gebürtige Dortmunder Josef D. seine früheren Mitschüler aus dem Französisch-Leistungskurs: Während sie im Wohnzimmer ihres Sprachlehrers mit einem Bier in der Hand Wiedersehen feiern, geht er fast jede Stunde zur Toilette, rollt seinen Teppich aus und fällt vor Allah auf die Knie. Seine alten Freunde erkennen ihn kaum wieder, auch wegen des langen Bartes in seinem Gesicht.

Heute, gut zehn Jahre später, ist Josef D. verschwunden. Langjährige Wegbegleiter wissen nicht wo er ist, seine frühere Freundin tappt genauso im Dunkeln wie Polizei, Verfassungsschutz und Geheimdienst. Josef D., zuletzt wohnhaft in Lünen, ist weg.

Der 30-Jährige ist einer der meistgefürchteten Terrorverdächtigen mit deutschem Pass. Ein Dschihadist, dem Sicherheitsexperten jederzeit einen todbringenden Anschlag zutrauen. Überall auf der Welt. Nach Recherchen der WAZ ist Josef D. in den Heiligen Krieg gezogen.

„Der hier?“, fragt Hans-Jürgen Czischke, Rektor des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums in Lünen, und guckt über den Rand seiner Brille, als er auf den Jungen zeigt, der rechts auf dem Gruppenbild zu sehen ist. Seine Stimme hat einen ungläubigen, fast verbittenden Unterton, der klingt wie: Der doch nicht. Doch. Genau der. Das ist Josef. „Ein sehr höflicher Junge“, erinnert sich Czischke, „auffallend höflich“.

Heute steht der nette Josef auf einer geheimen Gefährder-Liste des Bundeskriminalamtes (BKA). Gefährder sind Personen, die der Staat für fähig hält, ihr eigenes und das Leben anderer bei einem Attentat auszulöschen. Rund 130 islamistische Gefährder gibt es nach Angaben des Bundesinnenministeriums in Deutschland. Es sind radikale Extremisten, die Sicherheitsexperten den Schweiß auf die Stirn treiben: untergetauschte Terroristen wie Said B., der mutmaßlich mitverantwortlich für die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA ist. Oder wie die Brüder Mounir und Yassin C., zwei Salafisten, die Deutschland regelmäßig mit Attentaten drohen.

Nach Recherchen der WAZ taucht Josef D. heute in diesem Kreis des Terrors auf.

Dabei deutet zunächst nichts in diesem Leben in eine extreme Richtung. Josef D. wird in Dortmund als zweites von vier Kindern geboren. Sein Vater ist Arzt, hat eine Praxis im Dortmunder Norden. Er stammt aus Palästina. Die Mutter kümmert sich um die Kinder. Sie wurde als Christin getauft. Die Familie wohnt in Lünen. Das Reihenhaus mit dem kleinen Garten hintendran, ein Stadtteil-Idyll: Vor der Haustür grüßt ein Gartenzwerg, auf der Fußmatte stehen Birkenstock-Latschen. Zur Schule läuft Josef knapp sieben Minuten. Er lernt gerne und gut. Ein weltoffener Junge, mit Sinn für Toleranz und Gerechtigkeit, ohne Schranke im Kopf.

Mit 15 engagiert er sich im Religionsunterricht für die Neugestaltung des alten jüdischen Friedhofes in Lünen. „Vom Schweigen und Totschweigen“ heißt das Projekt. Josef ist eine treibende Kraft. Er trifft Ignatz Bubiz, damals Chef des Zentralrates der Juden in Deutschland, und den Landesrabbiner Henry G. Brandt, hört ihnen zu, tauscht sich aus. Der Beitrag seiner Gruppe gewinnt einen Preis beim bundesweiten Schülerwettbewerb zur politischen Bildung. Und die Stadt Lünen zeichnet das Projekt mit dem Heinrich-Bußmann-Preis aus, benannt nach einem Widerstandskämpfer, den Nazis im KZ Dachau zu Tode gefoltert haben.

Josef D. ist kein Musterschüler, sondern einer, den die meisten mögen. Vor allem wegen seines Unterhaltungswertes. Wo er ist, ist gute Laune. „Ein total lustiger Typ.“ „Witzig und amüsant.“ „Im positiven Sinne verrückt.“ „Super nett.“ „Sehr beliebt.“ „Einer, den man nur gerne haben kann.“ Das sagen seine ehemaligen Mitschüler. Es gibt nicht viele in dem Abi-Jahrgang, über die so gut gesprochen wird. „Dieses ansteckende Lachen von ihm, das vergesse ich nicht“, sagt eine Schulfreundin.

Diese Lebensfreude will er behalten. „Noch im hohen Alter möchte ich viele Leute zum Lachen bringen und selbst eine lustige Natur bleiben“, schreibt Josef 2001 in die Abi-Zeitschrift. Er denkt sozial, stützt und schützt die Schwachen. „Ausgeglichenheit und das Gefühl, vielen Menschen das Leben verbessert und denen geholfen zu haben, die Hilfe dringend benötigen“, danach strebe er. Seine Träume: Sport studieren, am Strand liegen, im Meer baden, tanzen.

Es kommt anders.

Nach dem Abitur ist Schluss mit lustig. Josef verändert sich. Äußerlich und innerlich. Eine rasche Wandlung. Sie fällt auf. Der akkurate Kurzhaarschnitt, das gepflegte Auftreten, die sportliche Kleidung – das alles legt Josef ab. Weggefährten sind irritiert. „Als ich ihn in der Stadt traf, mit dem weißen Gewand bis auf die Schuhe, dem langen Bart und dieser Kopfbedeckung, das war schon krass“, sagt ein enger Schulfreund. Josef verliert seine Leichtigkeit. Er wird zunehmend spröder, redet immer häufiger vom Islam, auch immer eindringlicher. „Dass es etwas sehr Schönes sei, hat er gesagt“, erinnert sich eine Freundin. Ein Kumpel von damals sagt: „Erst haben wir uns über darüber amüsiert. Dann haben wir uns gewundert, mit welcher Ernsthaftigkeit er es betreibt.“

Es – das ist der Glaube an Allah. Es wird sein neuer Fixpunkt, ein stärkerer als jeder andere zuvor. Der Glaube wird Josef D. von allem entfernen, was bis dahin erstrebenswert erscheint. Und von allen wegziehen, die ihm am Herzen liegen: von Freunden und Bekannten, selbst von seiner Familie, dem Vater und der Mutter, der Schwester und den Brüdern.

Familie D. könnte vielleicht einiges sagen über ihren Sohn, über seinen Weg in den Terror. Sie will aber nicht darüber reden. Persönliche, schriftliche und telefonische Anläufe der WAZ werden abgeblockt. Vielleicht aus Selbstschutz, vielleicht weil der Schmerz zu groß ist, vielleicht aus anderen Gründen. Die Familie schweigt.

In demselben Dortmunder Haus, in dem Josefs Vater, Dr. Tarek* D., als Arzt praktiziert, befindet sich eine Moschee. Betreiber ist eine Gemeinde aus dem Verband der Islamischen Kulturzentren e.V. (VIKZ). Eine Gemeinde, die als sehr religiös gilt. Ein „Verein zur Förderung der Integration und Bildung“ bietet Schulungen in der Gebetsstätte an, unter anderem Korankurse und „Unterweisung in religiösem Grundwissen“. Ob Josef D. an solchen Veranstaltungen teilgenommen hat, ist ungewiss. Der Vorsitzende des Moscheevereins ist nicht erreichbar. Anfragen an die Gemeinde bleiben ohne Antworten.

Sicher ist, „dass Josef immer mehr vom Islamismus eingenommen wird“, wie Freunde bemerken. Eine schleichende Radikalisierung nimmt ihren Lauf. Als er neue Anhänger für seinen Glauben anwirbt, gerät Josef D. ins Visier der Polizei. Im März 2005 treffen ihn Beamte des Staatsschutzes in der Gelsenkirchener Innenstadt. Dort sind Missionare der islamistischen Bewegung Tablighi Jamaat (TJ) unterwegs. Die Organisation strebt eine Islamisierung der Gesellschaft an und sucht Mitstreiter. Josef D. ist in Begleitung eines Mannes, der als Sympathisant militanter Islamisten gilt und in der Anti-Terror-Datei von Bund und Ländern als „relevante Person“ auftaucht: Ali R. aus Essen. Er soll einige Glaubenskrieger für den Dschihad rekrutiert haben. Als Ali R. im Sommer 2009 festgenommen wird, finden Ermittler bei ihm Dutzende von al-Qaida-Videos und Anleitungen zum Bombenbasteln.

In diesem Sommer 2009 setzt sich Josef D. aus Deutschland ab. Am 18. Juni kauft er Flugtickets in einem türkischen Reisebüro in Frankfurt/Main. Das belegen Unterlagen, die der WAZ vorliegen. Der Bund finanziert seine Ausreise mit: Anfang des Jahres hat D. letztmalig Hartz IV beantragt. Sechs Monate bekommt er staatliches Geld. Josef D. verlässt Deutschland nicht alleine. An seiner Seite ist Mohamed H., ein Deutsch-Marokkaner aus Mülheim.

Am 21. Juni steigen die beiden erst in eine Lufthansa-Maschine von Düsseldorf nach München, nehmen dann den Flug LH 3352 nach Istanbul. Vom Atatürk-Airport fliegen sie noch am selben Tag weiter nach Mashad im Iran. In der Drei-Millionen-Stadt, einer heiligen Stätte des schiitischen Islam, trennen sich nach Recherchen der WAZ ihre Wege. Josef D. verabschiedet sich von Mohamed H.; er wolle jetzt Arabisch lernen, heißt es.

Mohamed H. kommt nicht weit. Drei Monate später wird er an der afghanisch-pakistanischen Grenze verhaftet. Er hat eine Waffe und einen gefälschten Ausweis bei sich. Ursprünglich habe Josef D. geplant, „nach Tschetschenien zu gehen, um sich dort dem Dschihad anzuschließen“, gibt Mohamed H. bei einer Vernehmung zu Protokoll.

Tatsächlich hat D. ein anderes Ziel. Ehe er es anvisiert, ruft er noch einmal zu Hause an. Mitte Juli 2009 hat er seinen Vater am Telefon. Er sei in der Türkei, sagt er ihm. Dies sei das letzte Mal gewesen, dass er von Josef gehört habe, sagt der Vater später Ermittlern des Landeskriminalamtes (LKA). „Ihm ist klar, dass sein Sohn in den bewaffneten Kampf gezogen ist“, sagt ein Beamter.

Josef D. geht ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet. In der Region Waziristan, dem Rückzugsraum von al-Qaida, durchläuft er eine Kampf- und Waffenausbildung in einem Terrorcamp. Für militante Islamisten ist das eine Art Ritterschlag. Nur einzelne Handverlesene haben es aus den Missionarsseminaren der Tablighi Jamaat in die Ausbildungslager für auserwählte Gotteskrieger geschafft.

In den Bergketten am Hindukusch verlieren deutsche Behörden und Geheimdienste seine Spur. Nach Informationen der WAZ schließt sich Josef D. den „Deutschen Taliban Mudschaheddin“ (DTM) an, einer Splittergruppe deutscher Dschihadisten, die aus der türkisch und usbekisch dominierten „Islamischen Jihad Union“ (IJU) hervorgegangen ist. Es sind die Kämpfer um den deutschen Terroristen Eric Breininger, einen selbsternannten Selbstmordattentäter, der Ende April 2010 bei einem Feuergefecht mit pakistanischen Truppen getötet wird.

Josef D. hat bislang alles überlebt. Er tarnt sich gut. Ein arabischer Kampfname, den nahezu jeder Glaubenskrieger trägt, ist bis heute von ihm nicht bekannt. Er taucht auch in keinem der Internet-Videos auf, die Dschihadisten gerne als Kriegserklärung ins Netz stellen. So bleibt er für deutsche Sicherheitsbehörden ein Phantom. Sein Aufenthaltsort sei „weiterhin nicht bekannt“, heißt es in einem LKA-Dokument von 2011.

Diese Ungewissheit beunruhigt Ermittler. Josef D. könne „jederzeit zuschlagen“, sagt einer und spricht von einem „Katz-und-Maus-Spiel“ – mit möglicherweise wechselnden Rollen. Und mit offenem Ausgang: „Er kann verhaftet oder von einer amerikanischen Drohne getötet werden. Oder er verübt einen Anschlag.“ Denkbare Ziele gebe es nicht nur im Ausland. „Er hat alles, was ein potenzieller Attentäter braucht“, sagt ein besorgter Fahnder: „Er kennt sich mit Waffen und Sprengstoff aus. Er hat das Elend in Afghanistan erlebt. Und er hätte gute Chancen, bei einer erneuten Einreise nach Deutschland durchs Suchraster zu fallen.“ Josef D. wäre nicht der erste Terrorverdächtige, der durch das nationale Sicherheitsnetz schlüpft.

Die „potenzielle Zeitbombe“ alarmiert nicht nur Sicherheitskreise in Berlin. „Die USA schauen mit großer Aufmerksamkeit auf den Fall“, sagt der Terrorismusexperte Guido Steinberg. Der amerikanische Geheimdienst CIA habe Josef D. „ziemlich sicher“ auf dem Schirm. „Es gibt keinen Kämpfer, um den sie sich nicht kümmern, wenn er einmal unterwegs ist“, sagt Steinberg. Das BKA hat erst kürzlich von neuen Erkenntnissen der US-Dienste profitiert. Nach aktuellen Informationen der WAZ gibt es frische Hinweise darauf, dass Josef D. ein neues Operationsgebiet ansteuert. „Der Zug der Zeit geht nach Somalia“, sagt ein Eingeweihter, „oder in den Jemen.“

Zurück bleiben ratlose, betroffene Weggefährten. „Um den hat sich keiner Sorgen gemacht, so lustig wie er war. Das mit dem Islam, das haben wir nicht ernst genommen“, sagt ein Kumpel aus dem Abi-Jahrgang. Das Gefühl, vielleicht nicht genau hingesehen, nicht richtig zugehört, irgendetwas versäumt zu haben – es brennt einigen auf der Seele. Josefs Weg in den Terror spült nicht nur Erinnerungen hoch, auch Fragen, Selbstzweifel. „Es lässt mich nicht los“, schreibt eine enge Bekannte. Erst will sie über den Fall reden, dann zieht sie die Zusage zurück, sie könne einfach nicht, denn: „Ganz plötzlich ist eine Aussage da, die zwar nicht das ganze Leben ändert, aber doch die Sichtweise und die Prioritäten neu ordnet."

Verschwommene Bilder werden wieder scharf gestellt. Die Abi-Zeitschrift aus Josef D.s Jahrgang heißt „LabiRINTH“. Ein Foto in dieser Zeitschrift stammt von einem Schulausflug. Es zeigt ein Paar; das Mädchen hat den Arm um Josefs Schulter gelegt, die beiden wirken vertraut und entspannt. Zwei Jahre nach dem Schnappschuss trifft das Mädchen Josef wieder. Es ist eine verstörende Begegnung: „Er hat mir nicht mehr die Hand gegeben, weil er Frauen nicht mehr berühren durfte. Das war für mich der Moment, in dem ich mir gesagt habe: Hier läuft etwas falsch.“

Josef D. hat sich verlaufen.*

(Name geändert)