Empfehlen Sie uns weiter
  • Zu Ihrer Information

    Wenn Sie diesen Button anklicken, werden persönliche Daten an Facebook übertragen. Sind Sie damit einverstanden?

  • Zu Ihrer Information

    Wenn Sie diesen Button anklicken, werden persönliche Daten an Twitter übertragen. Sind Sie damit einverstanden?

  • Zu Ihrer Information

    Hier können Sie mittels unseres Service-Formular eine Seite empfehlen. Es werden keine persönlichen Daten gespeichert.

Das Kartenspiel mit dem Fluss

Von Jan Sternberg

Der Fischer Wolfgang Schröder macht das Beste aus dem, was die Havel hergibt: Wollhandkrabben haben ihm seinen Betrieb gerettet. Jetzt versucht er, die Brasse zurück auf den Speiseplan zu bringen.

Krabbelnd, kratzend, vielbeinig schabend versuchen die Wollhandkrabben ihrem Gefängnis zu entkommen, der Plastikwanne auf dem Boden von Wolfgang Schröders Fischerkahn. Keine Chance. Der 45-Jährige stülpt ein Netz über die Wanne und fährt zur nächsten Reuse. Er sucht sicheren Stand in seinem Metallkahn, zieht das Netz ganz an Bord. An das Tau am Ende des Netzes hat er einen schweren Stein geknüpft, der hält es am Grund der Elbe, die hier schnell durch die weite Wiesenlandschaft bei Havelberg (Altmark) fließt. Gegen den Strom wandern die Wollhandkrabben, von ihren Laichplätzen im Brackwasser der Elbmündung bis hinein in die Havel und weiter Richtung Potsdam und Berlin.

In Elbe und Havel aber liegen Wolfgang Schröders Reusen, aus einem speziellen, widerstandsfähigen Kunststoffgeflecht, das den scharfen behaarten Scheren der Krabben widerstehen kann. Hunderte Flusskilometer legen die Krabben auf ihren acht Beinen zurück, die kleinen Tiere wandern flussaufwärts, nach vier bis fünf Jahren sind sie geschlechtsreif und lassen sich wieder Richtung Mündung treiben. Das ist schon eine beeindruckende Strecke für ein Tier, das maximal 30 Zentimeter misst. Aber die Wollhandkrabbe hat einen noch viel weiteren Weg zurückgelegt – sie kommt ursprünglich aus China, aus der Mündung des Jangtse. Wahrscheinlich fuhren Krabbenlarven als blinde Passagiere im Ballastwasser von Frachtschiffen mit. Seit 100 Jahren jedenfalls macht sich die Wollhandkrabbe als unerwünschter Einwanderer in deutschen Flüssen breit. In manchen Jahren sammeln sich Tausende der Tiere an Schleusen und Wehren, die ihren Weg versperren.

Lange Zeit haben Fischer und Angler versucht, die Fremden zu verdrängen. Sie hatten keine Chance. Die Krabben knacken konventionelle Reusen und fressen die Fische darin an, sie knabbern an Ködern, sie sind flink, wendig und widerstandsfähig. Seit kurzem haben die Fischer aufgehört, die Tiere zu verfluchen. Sie verkaufen sie jetzt. Wolfgang Schröder hat seinen alten Liefer-Transporter über und über mit Krabben-Aufklebern verziert. „Die Wollhandkrabbe hat sich vom Schädling zum Wirtschaftsfaktor entwickelt“, sagt Lars Dettmann vom Landesfischereiverband Brandenburg. Zur Fischerei von Wolfgang Schröder in Strodehne (Havelland) kommen asiatische Händler aus Berlin und anderen Großstädten, europaweit. Sie verkaufen die Tiere an Asia-Restaurants, dort stehen sie auf der Speisekarte oder dienen als Grundlage für Fischsauce, die besonders in der vietnamesischen Küche beliebt ist. Vereinzelt aber schafften es seine Elbe-Krabben sogar nach China. Bis zu 25 US-Dollar verlangten Restaurants dort pro Krabbe – eine Delikatesse. „Die wollen aber nur die großen Tiere“, sagt Schröder. Jetzt, im Frühsommer, wandern die Krabben noch aufwärts, es sind eher die kleinen Tiere, die in seinen Reusen hängenbleiben. Dennoch plant ein Wiener Händler, Schröders Krabben nach Taiwan zu verkaufen. Lebend, in einer Styroporkiste auf Stroh, so schaffen es die Tiere bis in ihre ursprüngliche Heimatregion – wenn sie ständig gekühlt werden. „Der muss sich erst mal um die Exportpapiere kümmern, dann sehen wir weiter.“ Schröder ist pragmatisch. Kein Grund, sich verrückt zu machen wegen Taiwan.

Wolfgang Schröder ist Binnenfischer in vierter Generation. Außerhalb des Dorfes Strodehne liegt seine Fischerei einsam an der Havel. Ein Wohnhaus, ein Arbeitsgebäude, ein Schuppen, eine alte Windmühle und überall Reusen, Netze, Ölhosen, Kähne. Ein Ort, ein Beruf, eine Lebensweise, die man nicht so einfach aufgibt. Und die nur zu halten ist, wenn man sich verändert und schaut, was um einen herum passiert. „Fischerei ist ein Lotteriespiel“, sagt Schröder und hat damit natürlich Recht, schließlich weiß er vorher nie, was sich in den Reusen angesammelt hat, die er alle drei, vier Tage kontrolliert. Aber eigentlich ist Fischerei, wie Schröder sie betreibt, eher ein Kartenspiel. Der Fluss teilt aus, und du musst das Spiel annehmen. Den Rest bestimmt der Markt, geprägt von Tiefkühlware und Dumpingpreisen. Nur Nischen bleiben. Die Krabben hat Schröder weggeworfen, als sie Anfang der 1990er Jahre immer mehr wurden. Bis dann die ersten Händler auf seinem Hof standen. 20 Tonnen gingen in den guten Jahren weg, alle zwei Tage ist Schröder rausgefahren, hat 500, 600 Kilo an Bord gewuchtet. Seit kurzem kommen weniger Krabbler den Fluss hoch. Schröder weiß nicht, warum, er fischt jetzt nur noch fünf Tonnen jährlich, 80 Kilo waren es an diesem Tag.

Einige davon landen in Berlin-Lichtenberg, Dong Xuan Center, Halle 3. Das vietnamesische Großhandelscenter im unscheinbaren Ost-Berliner Gewerbegebiet ist fester Anlaufpunkt für asiatische Händler aus ganz Mitteleuropa. Auf dem Grund eines leeren Fischbeckens im Asia-Supermarkt sitzen Dutzende apathischer kleiner Wollhandkrabben, das Kilo für 6,50 Euro, „aus deutscher Binnenfischerei“, steht auf dem Preisschild. Damit sind sie die am wenigsten exotische Ware zwischen Mangonektar-Dosen und riesigen Duft-reis-Säcken aus Südostasien. Ein regionales Produkt der Globalisierung.

Deren Missverständnisse sind dann eine Halle weiter zu erleben. Die Kellnerin im Restaurant Linh Chi Quán wird von äußerst reizenden Kicheranfällen geschüttelt, die Verständigung über die Elb-Krabben gelingt dazwischen allerdings nur sehr schleppend. Schließlich steht – zum Spezialitätenpreis – ein ganzer Teller in Teig gebackener Krabbler auf dem Tisch. Das weiße Fleisch schmeckt zart und fest, doch es dominieren gräuliche Stücke, die modrig riechen und Sumpfgeschmack verbreiten. Wollhandkrabben – nicht unbedingt ein Leckerbissen für jeden Tag.

Fischer Schröder hätte zwar nichts dagegen, wenn seine Krabben nach Taiwan fliegen würden. Aber die großen Ströme des globalen Fischhandels gehen in die andere Richtung und machen ihm das Geschäft schwer. Der Pangasius aus Vietnam verstopft hiesige Speisekarten, und wenn in den Restaurants der Region „Havelzander“ angeboten wird, stammt er laut Schröder meistens aus Russland. Schröder aber landet tonnenweise Weißfisch an, Brassen vor allem, die vor zwei Generationen noch jeder kannte und heute niemand mehr. Fischer werden entschädigt, wenn sie die gefangenen Tiere entsorgen. Schröder schüttelt den Kopf. Er will sie auf den Markt bringen. Regionale Produkte, das ist sein Strohhalm, sein Credo. Deswegen arbeitet er auch eng mit Naturschützern zusammen.

Zufällig fährt gerade Rocco Buchta vom Naturschutzbund (Nabu) auf den Hof. Er leitet die Renaturierung der Unteren Havel. Der Fluss ist keine Schifffahrtsstraße mehr, sondern lebendiges Gewässer mit Nebenarmen und Überschwemmungsgebieten. Schröder unterstützt das Prestigeprojekt, hofft auf Touristen, die Natur erleben und Natur probieren wollen. Regelmäßig fährt er Bundes- und Landespolitiker in seinem Fischerkahn über den Fluss, Buchta und er leisten Überzeugungsarbeit. Bei den Brassen aber steht Schröder erst ganz am Anfang. „Die vielen kleinen Gräten sind schuld, daher will die Fische keiner“, sagt er, „aber das Problem ist gelöst.“ Eine unscheinbare aber dennoch sündhaft teure Schneidemaschine hat Schröder sich angeschafft, sie teilt das Brassenfilet einseitig in kleine Streifen, die Gräten sind entschärft. Schröder brät die Brasse an, lädt zur Kostprobe, sieht sich schnell bestätigt. „Jetzt müssten wir nur noch einen guten Preis am Markt bekommen. Aber langsam geht es los“, sagt Schröder. Das Telefon klingelt, ein Restaurant aus dem Westhavelland ordert Hecht und Brassen. Als Ein-Mann-Betrieb hat es Schröder schwer, aktiv nach Kunden zu suchen. Große Binnenfischerbetriebe aus der Müritz oder der Uckermark haben Verkäufer, die den ganzen Tag Telefon und Mails beantworten können. Schröder ist Fischer, kein Verkäufer. Er geht zwar auch an Bord seines Kahns ans Handy, aber zum Laptop-Fischer wird er nicht mehr. „Nach einem Zwölf-Stunden-Tag gucke ich nicht mehr in den Computer“, schnaubt er.

Schon bald könnte Schröder der letzte Fischer auf der unteren Havel sein. Viele andere kennt er noch aus den Genossenschaftszeiten der DDR. Nach der Wende ging jeder seine eigenen Wege, nun sind die meisten bereits im Rentenalter, machen dicht, verpachten ihre Fischereirechte. Schröder ist 20 Jahre jünger. Er vermietet Kanus, bietet geführte Touren an. Ein weiteres Standbein, eine Ausweichmöglichkeit vielleicht. Längst nicht so spannend wie die Lotterie der Reusen, das Kartenspiel mit dem Fluss.