Empfehlen Sie uns weiter
  • Zu Ihrer Information

    Wenn Sie diesen Button anklicken, werden persönliche Daten an Facebook übertragen. Sind Sie damit einverstanden?

  • Zu Ihrer Information

    Wenn Sie diesen Button anklicken, werden persönliche Daten an Twitter übertragen. Sind Sie damit einverstanden?

  • Zu Ihrer Information

    Hier können Sie mittels unseres Service-Formular eine Seite empfehlen. Es werden keine persönlichen Daten gespeichert.

Schluss mit der Geschmacklosigkeit!

Von Jacob Strobel y Serra

Wir essen zu billig. Und wir denken zu wenig über unser Essen nach. Das ist dereigentliche, der permanente Lebensmittelskandal. Ein Aufschrei am Rande derVerzweiflung.

Jeder, der gerne reist und gerne isst, kann Geschichten erzählen von kulinarischenErweckungserlebnissen am Straßenrand, von Garküchen und Trottoirrestaurants inHanoi oder Kyoto, Bangkok oder Kanton, die aus nichts anderem als einem Eisentopfmit glühenden Kohlen, einem großen Kessel mit brodelnder Brühe, ein paarPlastikschemeln bestehen. Hier hockt man in Feinschmeckers Himmelreich, das seinePforten niemals schließen möge, knackt unter Sternen und Tamarinden Krebse undLangusten, zahlt lächerliche fünf, sechs Euro, die man für ein Spottgeld hält. Und dannkommt man nach Hause zurück, sieht im Vorbeigehen, was wirklich billig ist: Döner für2,80 Euro, Currywurst für 2,20 oder McDonald's-Plastikpampe für 1,99 - und fragt sich,ob wir noch ganz bei Trost sind, so billig und so schlecht zu essen.

Beim Essen verhalten wir uns wie die drei berühmten buddhistischen Affen, die nichtsSchlechtes sehen, nichts Schlechtes hören und nichts Schlechtes sagen wollen; nur dasswir nicht weise sind. Denn wir sehen nicht, dass wir uns von Ramsch ernähren. Wirwollen nicht hören, welcher Dreck in unserer Nahrung steckt. Und wir sagen nichts,weder anklagend noch selbstkritisch, wenn wir uns von der Nahrungsmittelindustrie mitfalschen Versprechungen in die Falle locken lassen.

Deutschland erlebt einen wunderbaren Boom der Feinschmeckerei. Doch gleichzeitighaben ganze Bevölkerungsschichten, ganze Generationen es in ihrer Geizgeilheit undihrem Küchenanalphabetismus fast verlernt, dass gutes Essen gutes Geld kostet undbilliges Essen niemals gut sein kann, sondern bestenfalls nicht gefährlich ist. Sie sindbereit, für das Fünfundsechzig-Minuten-Konzert eines kapriziösen Popsternchensdreistellige Summen auszugeben. Das gleiche Geld in ein zehngängigesDegustationsmenü zu stecken, halten viele aber für pervers und dekadent - und machenohne Wimpernzucken einen Familienausflug in den Freizeitpark, der nicht viel billiger istals ein Besuch im Sternerestaurant mit Kind und Kegel. Und immer wieder hört man vonsolchen Menschen die Klage, dass sie sich Bio-Lebensmittel nicht leisten könnten. Essind dieselben Menschen, die dafür sorgen, dass eine Firma wie Apple dank ihreriPhones und iPads in einem einzigen Quartal einen Gewinn von dreizehn Milliarden Dollarmacht.

In Deutschland kann man einen Becher Joghurt für neunzehn Cent, einen Liter Milchfür 49 Cent, ein halbes Pfund Butter für 79 Cent und einen Liter Wein für 1,39 Eurokaufen, hergestellt von einer Lebensmittelindustrie, die uns ihre Dumpingware mit fastdrei Milliarden Euro Werbeausgaben pro Jahr schmackhaft macht, bereitgestellt von denvier großen Lebensmittelhändlern Edeka, Lidl, Aldi und Rewe, die 85 Prozent desMarktes kontrollieren, mit dramatisch steigender Tendenz.

Gerade einmal zehn Prozent aller Konsumausgaben reservieren die Deutschen für dasEssen, während es in Italien und Spanien knapp fünfzehn und in Frankreich 13,4Prozent sind. Es geht aber noch schlimmer: In den Vereinigten Staaten, demkulinarischen Reich des Schreckens und der Finsternis, sind es laut Vereinten Nationen6,9 Prozent. Dahin dürfen wir nie kommen, doch wir sind auf dem besten Weg dorthin.Denn für die Hälfte aller Deutschen ist nach einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung der Preis das einzige Kriterium beim Essenskauf, und das, obwohlLebensmittel in Deutschland vor allem wegen der Discounter-Diktatur ohnehin schonfünfzehn bis zwanzig Prozent billiger sind als bei unseren europäischen Nachbarn.

Das alles führt dazu, dass Deutschland eine kulinarische Existenz voller Paradoxienan der Grenze zur Schizophrenie führt. Die Menschen haben immer mehr Sehnsuchtnach Natürlichkeit und unverfälschtem Essen; gleichzeitig steigt der Anteil anConvenience Food unaufhaltsam. Sie schauen ganzen Brigaden von Fernsehköchen beider Arbeit zu und essen dabei Industrie-Pizza, die teurer ist als selbstgemachte. ZweiDrittel der Babynahrung sind Bioprodukte, weil Babys nur das Beste bekommen sollen;doch der Gesamtanteil von ökologisch angebauten Lebensmitteln liegt bei kaum mehrals drei Prozent, weil es selbständig denkenden Menschen offenbar gleichgültig ist, wieungesund sie sich ernähren.

Viele Autofahrer halten Biosprit für Teufelszeug, weil sie Angst um die Gesundheit desMotors in ihrem Wagen haben; doch bei ihrem eigenen Motor, ihrem Körper, machen siesich kaum jemals solche fürsorglichen Gedanken. Es ist ein Unglück, doch so ist es: Dieüberwältigende Mehrheit der Deutschen gibt deutlich mehr Geld für Motorenöl als fürSalatöl aus.

All die Lebensmittelskandale scheuchen uns auf. Sie rütteln uns aber nicht wach, weilwir gar nicht wahrhaben wollen, dass unsere tatsächliche Gesundheitsgefährdung durcheine Charge vergifteten Putenfleischs oder eine Lieferung vergammeltenSchweineschnitzels nach aller Wahrscheinlichkeitsrechnung marginal ist. Das sind nurdie Spitzen des wahren, des permanenten Skandals, des eigentlichen Eisbergs. DerSchaden, der Tag für Tag durch Fastfood, Softdrinks und Chipstüten angerichtet wird,lässt alles Dioxin zur Lappalie schrumpfen. Unsere Tragödie ist nicht ein einzelnerüberhöhter Grenzwert, sondern die Tatsache, dass etwa in Niedersachsen drei Viertelder Masthühner mit Medikamenten traktiert und in deutschen Ställen jedes Jahr mehrals 800 Tonnen Antibiotika verfüttert werden, fast dreimal mehr, als Menscheneinnehmen; dass Hühner heute in dreißig Tagen von vierzig auf 1600 GrammLebendgewicht geprügelt werden, während sie früher für ein Kilogramm zwei Monatebrauchten; dass nur 0,8 Prozent der deutschen Hähnchen von Biohöfen stammten; dassHackfleisch billiger ist als Katzenfutter; dass wir die Drei-Affen-Übung perfektionierthaben, dass wir weder sehen noch hören wollen und stattdessen immer dasselbe sagen:Die Politik muss uns besser schützen. Und die Lebensmittelindustrie muss besserkontrolliert werden.

Vielleicht ist das der größte Skandal: dass wir die Verantwortung für unser eigenesWohl so leichtfertig an die Politik und die Industrie delegieren, obwohl nur zehn Prozentder Bevölkerung noch glauben, Politik und Industrie gingen bei Lebensmittelnverantwortungsvoll mit unserer Gesundheit um. Warum benutzen wir nicht unsereigenes Gehirn? Warum weigern wir uns, darüber nachzudenken, wie ein Preis von 99Cent für ein Pfund Hackfleisch zustande kommt? Warum begreifen wir nicht, was füreine Demütigung, was für eine Selbstkastrierung das Wort "Verbraucher" ist?

Essen und Ernährung sind bei uns viel zu selten Kopf-Fragen. Es ist kein Wunder,dass wir keine nennenswerte Gastrosophie und kaum gastronomische Literatur haben,sondern nur die ewigen, dummen Vorurteile vom vollen Bauch, der nicht gern studiert.Wir machen uns keine Gedanken darüber, welches Essen für uns am besten undbekömmlichsten ist, welche Effekte Nahrung auf unseren Körper hat, wie die Küche zumOrt der Lust wird - und verraten damit Jahrtausende zivilisatorischer Errungenschaften.Wir hören längst nicht mehr auf Ärztegourmets wie Hippokrates oder Galen vonPergamon, die sagten: "Das Essen sei deine Medizin, und die Medizin sei dein Essen."

Stattdessen völlen wir bis zur Besinnungslosigkeit und kippen dann einen Magenbitterhinterher. Oder wir gehen den Sirenenrufen der Nahrungsmittelindustrie auf den Leimund kaufen Zuckerbombenjoghurts als Verdauungsförderer. Oder wir versuchen, dasgrassierende Übergewicht und seine Folgen medikamentös in Schach zu halten. Warumverschreiben Ärzte blutdrucksenkende Mittel und nicht Gemüse?

Dabei ist die Lösung so einfach und so lustvoll dazu. Sie heißt Geschmack. GutesEssen schmeckt gut, schlechtes Essen schmeckt scheußlich - Industriekarottenschmecken wie Seife, Billighühner wie nasse Pappe, Massenzuchtfische wieDämmmaterial aus dem Baumarkt. Ein mieses Steak ersäuft beim Anbraten im eigenenWasser, Steinwolletomaten kann man bei geschlossenen Augen überhaupt nicht alsTomaten identifizieren, und manches Tiefkühlfrikassee scheint vollständig ausanorganischen Materialien zu bestehen.

Benzinwucherpreise sind schrecklich. Aber warum regen wir uns nicht genausolautstark über Analogkäse, Garnelenfälschungen und Fleischabfallschinken auf? Warumlassen wir es zu, dass unsere Kinder niemals lernen, was guter Geschmack ist, weil wirnicht für sie kochen, weil wir ihnen das Kochen nicht beibringen, weil sie in Kindergärtenund Schulkantinen aufgewärmten Fertigfraß bekommen, weil es in den meistenRestaurants als Kindermenü Pommes mit Currywurst gibt anstatt das Erwachsenenessenen miniature wie in Frankreich oder Italien? Das zu tolerieren ist ein Verbrechen gegenden eigenen Nachwuchs, denn Geschmackserziehung ist ein Pflichtfach allerErziehungsberechtigten und aller pädagogischer Anstalten.

Man muss kein Extremist sein, um auf den rechten Pfad zurückzukehren. Radikaler,von inquisitorischem Ethos befeuerter Vegetarismus ist keine Lösung des Problems, undBücher wie Karen Duves "Anständig essen" oder Jonathan Safran Foers "Tiere essen"vertreten Extrempositionen, die niemals gesellschaftlicher Konsens werden können.Auch Zeitgeistkinder wie die modisch-moralischen "Lohas", die einen "Lifestyle of Healthand Sustainability" pflegen und in Gute-Gewissen-Gegenden wie Prenzlauer Bergbesonders üppig gedeihen, werden es sich vermutlich immer in der Nische gemütlichmachen. Es geht beim guten Essen um Geschmack. Und damit um Glück undGesundheit. Einfacher als auf dem Teller bekommen wir das nirgendwo.