Empfehlen Sie uns weiter
  • Zu Ihrer Information

    Wenn Sie diesen Button anklicken, werden persönliche Daten an Facebook übertragen. Sind Sie damit einverstanden?

  • Zu Ihrer Information

    Wenn Sie diesen Button anklicken, werden persönliche Daten an Twitter übertragen. Sind Sie damit einverstanden?

  • Zu Ihrer Information

    Hier können Sie mittels unseres Service-Formular eine Seite empfehlen. Es werden keine persönlichen Daten gespeichert.

Gegen die Wand

Von Deike Diening

Ihr Haus soll aufgestockt und modernisiert werden, Fenster wurden zugemauert. Umliegende Häuser sind bereits saniert. Doch die Mieter der Calvinstraße 21 in Moabit wehren sich.

Ist Weiß weiß und Schwarz schwarz? Roman Czapara ist sich nicht mehr so sicher. Er fällt in den schwarzen Ledersessel in seinem Wohnzimmer. Die Vasen weiß, das Gesteck silbern, der Teppich hellgrau, der Tisch marmoriert, so zeigen sich hier alle Variationen von Grau.

Es fällt etwas weniger Licht als gewöhnlich auf die Gesichter der Anwesenden, denn draußen vor dem großen Fenster zum Balkon knattert ein Transparent: „Wir lassen uns nicht Luxussanieren“.

Im Schatten ihres eigenen Protestes sitzen das Ehepaar Hanna und Roman Czapara, Eva Bugenhagen und Helga Brandenburger, die nun schon seit Jahren abendfüllend mit ihrem Mietverhältnis beschäftigt sind.

Es hat ihren Kreislauf durcheinandergebracht, sie zweifeln lassen, aus ihnen andere Menschen gemacht. Nicht nur aus Helga Brandenburger, die von allen Geschichten die spektakulärste erlebt.

Als Brandenburger, 1. OG rechts, im April 2010 vom Arzt kommt, mitten am Tag, sind ihre Küche und ihr Bad stockdunkel. Sie öffnet das Fenster in der Küche und legt ihre Hand auf massiven Stein. Dasselbe im Bad.

Brandenburger, im Mieterverein seit 1989, hat in zwei Zimmern kein Tageslicht mehr. Nebenan steht jetzt ein Neubau. Die Originalküche aus den Sechzigern, auf der Küchenarbeitsplatte Paniermehl, Weintrauben, Kiwi, liegt im Dunkeln für immer. Belüftung: keine. „Wie das geht? Ganz einfach: Fenster auf im Schlaf- und Wohnzimmer, Querlüftung beim Braten und Brutzeln“, sagt sie. Dasselbe beim Duschen. Bei jeder Temperatur.

Wie froh ist sie jetzt, dass sie nie in eine neue Küche investiert hat. Sie würde sie ja gar nicht mehr sehen. Sie kauft stattdessen eine Energiesparleuchte, die Tag und Nacht brennt und mindert die Miete um 20 Prozent.

Schlimm finden die Mieter weniger, dass ihr Eigentümer nebenan einen Neubau errichtet hat, auf der anderen Seite ein 60er-Jahre-Haus luxussaniert und das Haus um die Ecke aufgestockt hat. Umzingelt vom Hochpreissegment stellen sie fest, dass man mit ihnen offenbar umspringen darf, als hätten sie nicht Jahrzehnte pünktlich ihre Miete gezahlt. Dass sie jetzt als Verweigerer dastehen. Wie konnte es so weit kommen?

Roman Czapara, Ruderer, Gewinner der Goldmedaille für Polen im Zweier bei der Jugendweltmeisterschaft von 1977, zieht mit seiner Frau Hanna, Krankenschwester, 1988 „in eine vergessene Ecke von Moabit“: Calvinstraße 21, 3. OG links. Den Sohn, drei Jahre alt, schicken sie in den Kindergarten gegenüber.

Bundespräsident Richard von Weizsäcker wohnt in der Villa Hammerschmidt in Bonn. Die Frauen tragen Schulterpolster. Eberhard Diepgen regiert Berlin. Regelmäßig, doch unverbindlich, grüßen Czaparas die Nachbarn: Salomon, Obradovic, Wassermann, Peters, Hoffmann, Chluba, Schulz und Wobst. Da sind auch die Brandenburgers, deren Tochter Helga sie oft besucht. Und die Bugenhagens, die mit ihrer 17-jährigen Tochter Eva schon 1961 eingezogen sind, als das Haus gerade fertig war.

Vierzig Jahre lang klappt die Tür des Hauses auf und zu. Der Teenager Eva Bugenhagen wird erwachsen und Finanzbeamtin. Der Sohn der Czaparas zieht aus, um zu studieren. Helga Brandenburger übernimmt nach dem Tod der Eltern deren Wohnung. Wenn Eva Bugenhagen von ihren weiten Reisen in die Calvinstraße zurückkehrt, macht sie sich die Wohnung hübsch: Vorwerk-Teppich, Fliegengittertür, Lampen auf dem Balkon. Sie mag Schmuck, Bilder und gute Kleidung. Ihre Freunde nennen sie manchmal „Luxusweib“. Sie steckt schätzungsweise 10.000 bis 15.000 Euro ins Bad, sagt sie, ein Hängeklo soll es schon sein.

Im August 2001 informiert der Vermieter, die Alexandra-Stiftung, Evangelisches Wohnungsunternehmen, über den Verkauf der Wohnanlagen Melanchthonstraße 17/18 und Calvinstraße 21 an die „Team 2 Gesellschaft für Stadtentwicklung mbH“ zum Ende des Monats. „Daueraufträge ändern Sie bitte zum Oktober“ und „für die Zukunft alles Gute“.

Tatsächlich beginnt von nun an eine andere Geschichte. Bald kommt den Mietern zum ersten Mal etwas komisch vor.

Sie erfahren, dass bei der Team 2 GmbH, vertreten durch Günter Stach, offenbar gepfändet wird. Ihr Geld überweisen sie von nun an auf ein Pfändungskonto. Ein Pfändungs- und Überweisungsbeschluss des Amtsgericht Tübingen hält fest: Forderungen der Alexandra-Stiftung von insgesamt 42.408,89 Euro, Versäumnisurteil des Landgerichts Tübingen vom 1. Juli 2002. Auch andere Gläubiger warten auf Geld: Dem Land Berlin schuldet Team 2, vertreten durch Günter Stach, 3470,70 Euro. 2006 ergeht vom Amtsgericht Biberach ein Pfändungsbeschluss in der Zwangsvollstreckungssache der Mittelbrandenburgischen Sparkasse in Potsdam, Zahlungsanspruch an die Team 2 GmbH: 50.000 Euro.

Warum das Bezirksamt sich nicht zuständig fühlt

Als das Haus zum 15. November 2002 an die Bouchner GbR, Düsseldorf, verkauft wird, atmen die Mieter auf. Die nächsten Jahre werden ruhiger. Berlin ist Hauptstadt. Bundespräsident Johannes Rau amtiert schräg gegenüber im Schloss Bellevue. Ihre vergessene Ecke heißt jetzt „Wasserlage“.

2008 wird das Haus von der „Terrial Stadtentwicklungen GmbH“ gekauft, Sitz Biberach an der Riß, der Gegenstand: „Durchführung von Projekten der Stadtentwicklung insbesondere durch das Entkernen von Stadtquartieren ...“ Es ist exakt der gleiche Unternehmensgegenstand, der im Handelsregister bis dahin für die Team 2 angegeben war.

Und merkwürdigerweise taucht auch wieder auf: Günter Stach. Im Hausflur informiert ein Blatt: „Bauherr: Terrial, Günter Stach“, dann eine Handynummer. Es ist dieselbe Nummer, die derjenige anrufen muss, der sich bei Immoscout24 für eine Wohnung der Terrial interessiert. Stach bezieht zunächst im obersten Stock in der Calvinstraße 21 ein Büro. Die Mieter treffen ihn auf der Straße.

Die Mieter sagen nie „Terrial“. Sie sagen immer: „der Stach“. Günter Stach. Den sie kennen und nicht kennen. Denn es ist für sie Stach, der diesem Mietverhältnis nun seinen Charakter aufdrückt. Stach, das Schlossgespenst. Geschäftsführer oder nicht.

Günter Stach taucht im Handelsregisterauszug der „Terrial“ nicht auf, Geschäftsführer ist ein gewisser Ulrich Köder. Eigentümerin ist Nicola Schneider-Neudeck, Architektin, Examensnote 1,0, ambitionierte Bauten im Süden der Republik. Die Beziehung zwischen Stach und Schneider-Neudeck sei, sagen die Mieter, von solcher Natur, dass darüber zu berichten ihre Privatsphäre berührt.

Die Mieter lernen: GmbHs kommen und gehen, „der Stach“ aber bleibt. Die „Terrial“ besitzt nun die nebeneinander liegenden Häuser Melanchthonstraße 17 und 18, das Eckgrundstück 16, auf dem ein Neubau entsteht, die Calvinstraße 21 und die Calvinstraße 20a und 20b.

Das Ehepaar Wobst zieht im Oktober 2008 nach Marienfelde, nach Jahrzehnten im EG rechts. Nebenan ist die Ausschachtung für den Neubau abgeschlossen. Modernisierungen und eine Aufstockung ihres Gebäudes werden angekündigt. Währenddessen kämpfen Roman und Hanna Czapara vor Gericht darum, dass ihre schimmeligen, ausgebrochenen Fenster instand gesetzt werden.

Die ehemalige Wohnung von Wobst wird für einen neuen Eingang durchstoßen. Neben dem Treppenaufgang liegt jetzt die Toilette der Bauarbeiter. Der Eingang ist provisorisch, die Tür meist offen. Und im April kommt Helga Brandenburger von ihrem Arztbesuch in eine dunkle Wohnung zurück.

Im Namen des Volkes! Instandsetzung der Fenster! Urteil vom 8. Juli 2010 für die Czaparas.

Jeder kämpft auf seine Weise. Aber irgendwann sitzen die übrig gebliebenen Mieter im Wohnzimmer der Czaparas zusammen und erkennen sich: Aus Frau Brandenburger, Frau Bugenhagen, Frau und Herrn Czapara werden Helga, Eva, Hanna und Roman. Von nun an umarmen sie sich zur Begrüßung. Jeder von ihnen braucht Halt.

Sie fragen sich, auf welcher Rechtsgrundlage es möglich ist, dass ein Vermieter seinem Mieter die Fenster zumauert. Und sie wundern sich auch, dass im Bezirksamt niemand aufmerksam wird.

Carsten Spallek, Baustadtrat im Bezirksamt Mitte, möchte nicht sagen, wie viele Grundstücke die Terrial besitzt. Nur, dass die Menge erheblich sei, gut zweistellig, die Terrial sei „groß unterwegs“. „Ich könnte noch viel mehr herausfinden, aber das würde ich Ihnen nicht sagen.“

Und dann erklärt Spallek, in welcher Hinsicht das Bezirksamt für die vermauerten Fenster der Helga Brandenburger nicht zuständig sei. Er verweist auf die soziale Marktwirtschaft. Wenn einer Geld für drei Häuser nebeneinander habe, könne man nichts machen. Neubau, „das muss möglich sein.“

Die Fenster der Frau Brandenburger sind dem Bauordnungsrecht entglitten. Es regelt den Lückenschluss und die Fensterrechte zwischen Eigentümern. Häufig sind diese Rechte im Grundbuch eingetragen. „Hier ist aber der besondere Fall, dass der Eigentümer des benachbarten Grundstücks derselbe ist.“ Es wurde also auch kein Eigentümer geschädigt.

Und die Mieterin? Ihren Anspruch müsse sie zivilrechtlich gegenüber dem Vermieter geltend machen. Bauordnungsrechtlich bleibe dem Bezirksamt nur, „wenn wir davon Kenntnis haben“, die Nachrüstung mit einer Belüftung anzuordnen. Seines Wissens sei das geschehen. Später revidiert Spallek: Eine Nachrüstung sei nicht angeordnet, da keine „Mängelanzeige“ vorliege. Offiziell weiß das Bezirksamt nämlich von gar nichts. Und rät: „Die Mieterin sollte einmal ihrem Rechtsanwalt Bescheid sagen.“

Anwalt: Investor ist einzigartig in seiner Plumpheit

Eines abends badet Hanna Czapara ihre Enkelin. Die greift mit ihren anderthalb Jahren immer wieder in den Wasserstrahl. Doch wenn sie ihre Hand öffnet, ist nichts mehr darin. Die Enkelin ist fasziniert.

So ist es hier, denkt die Großmutter, auf Knien vor der Wanne. Man greift nach etwas, öffnet die Hand, und hat nichts in der Hand. „Ein Phantom“ sei ihr Vermieter. Viele schickten erfolglos Einschreiben nach Biberach, an den offiziellen Sitz der Firma Terrial, doch die Briefe sind ungeöffnet wieder zurückgekommen mit dem Vermerk: „Nicht abgeholt“.

Einer, den das überhaupt nicht wundert, ist der Anwalt Moritz Heusinger. Heusinger lernt Günter Stach 2001 kennen, als der in seinen Häusern Anklamer Straße 1 und Brunnenstraße 183 in Mitte seine Mieter loswerden will. Mit rabiaten Methoden. Die Team 2 GmbH hatte mit einigen Mietern in der Anklamer Straße 1 Aufhebungsverträge ausgehandelt. Zugesagte Entschädigungen waren aber nicht gezahlt worden, weshalb Heusinger einen Vollstreckungsbescheid beantragte.

„Und plötzlich war er untergetaucht“, sagt Heusinger: Postalisch nicht mehr zu erreichen, in Berlin nicht mehr gemeldet. Pfänden unmöglich.

Zu einem Ortstermin in der Brunnenstraße 183 ruft Heusinger also den Gerichtsvollzieher herbei: „Taschenpfändung.“ Anwalt Heusinger brennt sich die Szene ein, wie der Investor auf der Flucht vor dem Gerichtsvollzieher die Brunnenstraße hinunter rennt.

Heusinger vertritt öfter Mieter gegen Investoren, aber Stach sei damals einzigartig in seiner Plumpheit gewesen. Heute würden ganz andere Methoden angewandt: In eine leere Wohnung setzt man zum Beispiel viele Monteure. Einzige Bedingung: sich im Treppenhaus möglichst schlecht zu benehmen. Viele Mieter zögen dann ganz von alleine aus.

Bilder vom Kiez Lehrter Straße in Moabit

Erst als die Bewohner der Calvinstraße sich auf Initiative eines Mieters aus der Melanchthonstraße 17 treffen, stellen sie fest, dass sie nicht allein sind. Sie erkennen ein System. Auch nebenan führen viele Mieter Prozesse, es gibt Räumungsklagen, Streit um Miete und Nebenkosten, die Mieter sind verschüchtert. Sie erzählen sich, wie Stach sie einzeln abfange. „Es ist eine ganz einfache Methode“, sagt Czapara: „Man schreibt keinen Brief. Man schaut, wenn der Mieter allein ist.“ Stach habe dann gefragt, wann sie ausziehen, hier werde kernsaniert. „Sehen Sie, so schnell geht das“, habe er zu Helga Brandenburger gesagt, nachdem ihre Fenster zugemauert waren. Da sind die Alten mit Stock, die nicht weg können, deren Herz zu rasen beginnt. Die ihre Lebenszeit vom Ende herunterrechnen und feststellen: Bleiben lohnt nicht.

Die Bewohner reagieren unterschiedlich auf Druck. Eva Bugenhagen muss öfter auf ihr Hängeklo. Hanna Czapara wird flattrig. Bis ihre Hausärztin irgendwann ein Herz auf ihren Rezeptblock malt. Da schreibt sie hinein: „Du lebst jetzt.“

Und es stimmt ja. Sie beschließt, nicht schon heute eine bange Zukunft zu durchleiden. Von da an fühlt sie sich ruhiger. Sie ist jetzt ein großes Schiff, das auf See träge wogt. Briefe öffnet sie mechanisch. Sieht, was zu tun ist. Hält Fristen ein. Antwortet. Benachrichtigt den Anwalt.

Roman Czapara, von großer Statur, glaubt, dass sich viele Dinge von Mann zu Mann lösen lassen. Er schaut Stach auf der Straße in die Augen. Stach, sagt er, lasse den Blick zuerst sinken.

„Unser Nervenzusammenbruch ist deren einzige Chance“, sagt seine Frau.

Die Mieter verändern sich. Denn sie werden Beweise brauchen, dass ihre Mietminderung rechtens war. Jeder Tag ist ein Beweis. Tagebuch, Fotos, eine Tabelle mit Uhrzeiten, Zeugen für Baulärm und Dreck. Wenn man einmal anfängt, wird die Tabelle immer größer. Czaparas träumen von einem jungen, ehrgeizigen Juristen, der sich ihre Sache zu eigen macht.

Das Amtsgericht Tiergarten weist im Urteil vom 9. Februar 2011 die Klage von Nicola Schneider-Neudeck gegen einen Mieter in der Melanchthonstraße 18 ab. Sie hatte Architektenleistungen und Baumaßnahmen unrechtmäßig auf die Miete aufgeschlagen.

Am selben Tag wird das Urteil vom 20. Januar 2011 gegen Günter Stach rechtskräftig: Die Wirtschaftssache, übergeben an die Staatsanwaltschaft Ravensburg 2009, ist erledigt. Günter Stach wird verurteilt zu einer Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 60 Euro. Tatvorwurf: Insolvenzverschleppung. Außerdem wurde für die Jahre 2005 bis 2009 für die Team 2 GmbH keine Bilanz erstellt.

Günter Stach ist jetzt vorbestraft.

Mieter fotografieren ihr Haus täglich

Das Ehepaar Salomon, 2. OG links, zieht im Sommer aus. Czaparas jedoch streichen ihre Wohnung neu. „Es ist nicht das Geld“, sagen sie. Für den Fall der Fälle haben sie ihre Mietminderungen zur Seite gelegt. Sie könnten jederzeit überweisen. Aber warum sollten sie?

Es ärgert sie, dass immer so getan wird, als ginge es um Arm oder Reich, das stadtweite Problem von Renditedrückern immer nur auf die soziale Frage reduziert wird. Tatsächlich entmannt, ohne es noch selbst zu merken, wirken dagegen Stadt und Bezirk, die, zurückgezogen auf Formalien, zulassen, dass Unternehmer sie vor vollendete Tatsachen stellen.

Eine Nacht lang näht Hanna Czapara Bettlaken zu Transparenten. Sie hat das noch nie gemacht. Es ist nicht ihre Ausdrucksform. Es ist das letzte Mittel. Protest am 1. September. Reden, Gesang, Straßensperrung. Das Transparent „Wir lassen uns nicht Luxussanieren“ befestigen Czaparas später an ihrem Balkon. Für den Fall, dass jemand aufmerksam wird. Vielleicht ein Bezirksamtsmitarbeiter.

Man wird auch auf sie aufmerksam, aber anders, als sie denken: Weil Transparente die Ausdrucksform der Linken sind, gelten sie nun als Verweigerer. Als Kämpfer gegen eine „erfreuliche“ Entwicklung Berlins oder gleich den ganzen Kapitalismus. Eine politische Rhetorik springt reflexhaft an, zuverlässig wie ein Notstromaggregat. Die Krankenschwester, die ehemalige Sekretärin, die Finanzbeamtin a.D. haben wohl etwas gegen Eigentum.

„Alles wegen der Transparente,“ sagt Hanna Czapara und schwebt in ihren weichen Ballerinas zum Laptop. Darin gespeichert sind 300 Beweisfotos. Im Bad Marmor auf Maß. Mietzahlungen immer pünktlich. Ein Lebenswandel, den auch Konservative für respektabel halten. Einen Farbbeutel haben sie nie geworfen.

„Sie sprechen mit einem Mietnomaden“, sagt Czapara jetzt gerne am Telefon, er ist nach 23 Jahren gekündigt worden, aber noch immer hier. „Ist Weiß weiß und Schwarz schwarz?“

Die Mieter beschäftigen jetzt zwei Anwälte. Täglich fotografieren sie ihr Haus. Roman Czapara verweist auf die Komik der Sache. Denn der Vermieter will nun eine Kündigung, eine Räumungsklage und den Umzug in eine Umsetzwohnung gleichzeitig durchsetzen.

Der Vermieter interpretiert die Mietminderung der Parteien als Mietschulden. Im Januar erhalten alle sechs verbliebenen Mieter eine Ladung vor Gericht: 21. Februar, Amtsgericht Tiergarten. Vorläufiger Streitwert bei Czaparas: 6958,22 Euro. Bald landet ein weiterer Brief bei Eva Bugenhagen: Es gebe eine Umsetzwohnung in der Calvinstraße 20, 55 Quadratmeter, saniert, der Umzug werde am 2. Februar ab 8 Uhr durchgeführt. Bewundernd sagt Czapara: „Nicht jeder Kabarettist käme auf diese Idee.“

Günter Stach steht für ein Gespräch nicht zur Verfügung, verweist aber auf den Geschäftsführer der Terrial, Ulrich Köder, der zu Fragen Stellung nimmt. Er verweist auf die gültige Baugenehmigung für den Neubau, der jetzt vor Helga Brandenburgers Fenster steht. Diese habe eine Lüftung – ein tapeziertes Lüftungsrohr durch ihr Schlafzimmer – abgelehnt. Ebenso eine etwas kleinere, aber teurere Ersatzwohnung im Nachbarhaus. Allen Mietern seien Entschädigungszahlungen angeboten worden, zwei hätten sie angenommen. Die verbliebenen Mieter hätten jedoch Verhandlungen abgeblockt. Keiner der Mieter, schreibt er, habe sich je eine der bereitgehaltenen Umsetzwohnungen angeschaut.

Die Mieter sagen, die Entschädigungen seien zu gering und die Umsetzwohnungen zu teuer. Der Berliner Mieterverein publiziert die extremen Mietsteigerungen von 4,97 Euro pro Quadratmeter, die für die Calvinstraße 21 angekündigt sind: Rekord, sagt der Geschäftsführer. Sowas ist ihm noch nicht untergekommen. Roman Czapara sagt: „Ich gehe nicht wie ein Verbrecher, wenn ich schon gehen muss.“ Er will ein Urteil. Er will auch wissen, ob man das alles mit ihnen machen darf.

Roman Czapara, ehemaliger Ruderer, zog mit seiner Frau 1988 in eine vergessene Ecke von Moabit. Der Sohn, der gegenüber in den Kindergarten ging, wurde Philosoph und Dozent, Forschungsschwerpunkt: Erkenntnistheorie.

„Warum, Papa?“ fragt er. Es ist ja nicht so, als ob sie weit weg nach Hellersdorf müssten. Andere Mieter sind auch untergekommen, „verdrängt“ zum Teil in bessere Wohnungen: nach Marienfelde, zu Verwandten nach Westdeutschland, im Hansaviertel „viel besser jetzt“, eine gar in der Calvinstraße, viele in Moabit, nur eine Partei auf dem Friedhof, ewiger Friede.

„Warum?“, fragt der Sohn. „Weil ich so konstruiert bin“, sagt der Vater.P.S. Am 21. Februar fand im Amtsgericht Tiergarten die Verhandlung über die Räumungsklagen gegen die Mieter statt. Der Richter hielt die Mietminderung der Mieter für rechtens und die Räumungsklagen für nicht berechtigt. Ein Urteil wird für April erwartet.