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Krank zu sein bedarf es wenig

Von Werner Bartens

Was darf’s sein: Alzheimer, weibliche Unlust, Depression, Prä-Diabetes oder doch nur Cellulite? Diagnosen sind für alle da. Die Medizinwirtschaft ist darauf angewiesen, ständig neue Krankheiten zu erfinden oder bestehende Leiden auszuweiten. Gesund ist das nicht.

Das ABC der erfundenen Krankheiten buchstabiert sich so: Alzheimer, Burn-out, Cellulite. Für wen nichts Passendes dabei ist, der kann den Reigen der Modeleiden auch mit ADHS, Bluthochdruck und dem Chronischen Erschöpfungssyndrom beginnen. Für jeden Buchstaben des Alphabets lassen sich mühelos mehrere Einträge finden – über D wie Depression und S wie Sozialphobie bis hin zu Z wie Zappelbeinen, die Kenner allerdings als Restless Legs bezeichnen.

Moment, aber das gibt es doch alles! Die Nachbarin hat Alzheimer, der Onkel schluckt Blutdrucktabletten und der Kollege ist depressiv. Längst sind diese Diagnosen in den Alltagswortschatz wie auch in die ärztlichen Krankheitskataloge, Leitlinien und Abrechnungskodierungen eingegangen. Leugnen zwecklos. Etliche Medizinerkarrieren wurden mit der Erforschung von Wechseljahren und Schlafstörungen begründet. Was einst als normale Phase im Leben einer Frau galt, beziehungsweise als Variation der Nachtruhe, ist inzwischen ein verdächtiges Leiden. Es muss diagnostiziert, kontrolliert und therapiert werden.

Kinder sind besonders intensiver medizinischer Überwachung ausgesetzt. Was würden junge Eltern auch machen, wenn es nicht in vielen Kliniken Schreiambulanzen gäbe, in denen sie sich beruhigen lassen können, dass dem plärrenden Nachwuchs nichts fehlt? Kinderärzte spezialisieren sich neuerdings auf Ein- und Durchschlafstörungen, erforschen Teilleistungsschwächen und Schwerbegabungen, testen auf Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität. Durch diesen Parcours der drohenden Diagnosen kommen nur Kinder, deren Eltern noch wissen, dass Umwege die Ortskenntnis erhöhen, Lärm, Streit und Durcheinanderplappern ein Erkennungszeichen der 18-Monatigen bis 18-Jährigen sind und dass Lebensläufe nach Norm nur in der Phantasie von Personalchefs vorkommen.

Die Mechanismen der Krankheitserfinder und -dramatisierer funktionieren ähnlich, und sie funktionieren erstaunlich gut. Der Gesundheitsmarkt profitiert von einer Dreifaltigkeit der Bedürfnisse: Einer therapiesüchtigen Gesellschaft bietet eine boomende Befindlichkeitsindustrie Leiden und Leidensablass für jede Lebenslage. Pharmafirmen im Verein mit geschäftstüchtigen Ärzten helfen, Lebensläufe von der Wiege bis zur Bahre zu pathologisieren und die Menschen krankzureden. Unterschiede in der Entwicklung und Schwankungen der Leistung werden plötzlich als pathologisch definiert. Dieser Vorgang wird als Medikalisierung bezeichnet: Was früher als normal galt, wird von der Medizin neuerdings für abweichend und behandlungsbedürftig erklärt. Der englische Begriff „Disease Mongering“ trifft die Entwicklung noch besser; er bedeutet so viel wie „Handeln mit Krankheit“.

Das Perfide daran: Es gibt viele der Leiden tatsächlich. Aber sie treten längst nicht so gravierend oder verbreitet auf wie von interessierten Kreisen behauptet. Oft ist die Diagnose zwar nicht völliger Nonsens, aber eben doch zu großen Teilen ein Geschäftsmodell.

Nur wenige Erkrankungen sind komplette Neuerfindungen. Die ziemlich seltene frühe Glatzenbildung bei der Frau als therapiebedürftige Krankheit zu vermarkten, schlug fehl. Da half es auch nichts, dass die von der Pharmaindustrie beauftragte PR-Agentur bis zu 30 Prozent der Frauen als betroffen darstellte. Auch die – medizinisch völlig abstrusen – Wechseljahre des Mannes werden trotz intensiver Bemühungen der Urologen und Testosteronhersteller und einiger fehlgeleiteter Manager, die sich das Zeug spritzen lassen, nicht recht von der potentiellen Kundschaft akzeptiert.

Wirksamer ist es, neue Klienten für eine bestehende Krankheit zu gewinnen. Das einfachste Rezept: Grenzwerte senken. Natürlich gibt es Bluthochdruck und es ist schädlich für das Herz, wenn er dauerhaft 180/100 mm Hg beträgt. Das Gleiche gilt fürs Cholesterin und andere Blutfette, die in höchsten Konzentrationen die Arterien zukleistern können. Inzwischen haben Europas Kardiologen den Normbereich für Blutdruck und Cholesterin allerdings so weit gedrückt, dass 80 Prozent aller Erwachsenen behandlungsbedürftig wären, würden die Empfehlungen der Herzärzte berücksichtigt.

Vielversprechend ist auch der Versuch von Medizinern und Industrie, vor drohender Krankheit zu warnen, bevor es Anzeichen dafür gibt oder sie Beschwerden macht. Wehret den Anfängen! Inzwischen gibt es Prä-Diabetes, Prä-Hypertonie, Prä-Demenz und die Prä-Osteoporose. Wer trotz rigoros erniedrigter Grenzwerte noch ein normales Blutbild, normalen Blutdruck und Knochen und Nerven beisammen hat, der ist trotzdem ständig in Gefahr, so die Botschaft.

Solange die Medizin weiterhin fast ausschließlich nach den Kriterien von Markt und Wachstum bemessen und bezahlt wird, steigen nicht nur die Ausgaben unaufhörlich weiter, sondern es sind auch ständig neue Krankheiten und Diagnosen nötig. Das liegt in der Logik eines Medizinwirtschaftssystems, das permanent auf neue Angebote und eine Stimulation der Nachfrage angewiesen ist.

Werden zuvorderst marktwirtschaftliche Kriterien an die Heilkunde angelegt, führt dies dazu, dass munter weiter Krankheiten erfunden und Therapieempfehlungen ausgeweitet werden. Das ist zwar gelegentlich amüsant – eine Persiflage findet sich bei Youtube unter dem Suchwort „motivational deficiency disorder“ – meistens aber gefährlich. Denn die neuen Krankheiten ziehen neue Diagnosemethoden und Behandlungen nach sich, und dadurch werden die Menschen nicht gesünder, sondern kränker. Von den Hunderttausenden, die jedes Jahr in Deutschland mit Herzkathetern untersucht und behandelt werden, hätte nur jeder Vierte den Eingriff tatsächlich nötig. Bis zu 80 Prozent der Röntgen- und Kernspinaufnahmen bei Knie- und Rückenschmerzen sind überflüssig, bei Blutuntersuchungen ist es ebenso.

Aus Ängsten lässt sich besonders gut Kapital schlagen. Und Ängste haben die Menschen in den wohlhabenden Ländern genug. Angst vor dem Alter und vor zunehmender Vergesslichkeit. Angst vor Haarausfall und Übergewicht. Angst vor nachlassender Potenz und mangelnder Lust. Angst, irgendwann nicht mehr mithalten zu können, in der Leistung nachzulassen, durch das Raster zu fallen.

Keine Angst! Wir haben doch was dagegen. Beispiel Alzheimer. Natürlich gibt es zahlreiche Demenzformen, die besonders im Alter auftreten und mit Störungen des Gedächtnisses und dem Verfall anderer kognitiver Leistungen einhergehen. Im Herbst erscheint bei Kiepenheuer & Witsch das Buch „Vergiss Alzheimer!“. Die Journalistin Cornelia Stolze zeigt darin laut Eigenwerbung des Verlags, dass Alzheimer keine Krankheit ist, sondern ein „gezielt geschaffenes Konstrukt, mit dem sich Ängste schüren, Forschungsmittel mobilisieren, Karrieren beschleunigen, Gesunde zu Kranken erklären und riesige Märkte für Medikamente schaffen lassen“. Schließlich trifft die Angst vor dem Vergessen den Nerv alternder Gesellschaften.

Wem das zu reißerisch vorkommt, der sei auf das 2009 im Huber-Verlag erschienenen Buch „Mythos Alzheimer“ des renommierten Demenzforschers Peter Whitehouse verwiesen. Er beschreibt im Kapitel „Die Geburt des Alzheimer-Imperiums“, wie sich während seiner Arztlaufbahn der Begriff für kognitive Beeinträchtigungen von „Senilität“ über „senile Demenz“ hin zu „senile Demenz vom Alzheimertyp“ und „Alzheimerkrankheit und verwandte Störungen“ bis zur derzeit gültigen „Alzheimerkrankheit“ gewandelt habe. Hier geht es nicht nur um Terminologie. Von der „aggressiven Medikalisierung der Gehirnalterung“ profitieren laut Whitehouse Forschungseinrichtungen, einzelne Wissenschaftler und die Industrie, obwohl die Akteure „wissen, dass es keine singuläre Krankheit namens Alzheimer gibt und dass wir es mit einem komplexen, wissenschaftlich unpräzisen sozialen Konstrukt zu tun haben, für das es wohl niemals eine Heilung geben wird“.

Die Depression ist zweifellos ein fürchterliches Leiden. Mittlerweile wird sie allerdings bei zu vielen Menschen diagnostiziert – die Zahl der psychisch Kranken habe nicht zugenommen, wohl aber die derjenigen, die als solche behandelt werden, monieren kritische Mediziner. In ihrem Buch „The Loss of Sadness” (2007) beschreiben Allan Horwitz und Jerome Wakefield, wie Psychiatrie und Pharmaindustrie aus normaler Traurigkeit eine depressive Erkrankung gemacht haben. Verschreibungszahlen für Psychopharmaka spiegeln das wider: Mit Einführung der neuen Antidepressiva vom Typ SSRI in den achtziger und neunziger Jahren, deren Wirksamkeit zuletzt stark angezweifelt wurde, stieg auch die Zahl der angeblich Kranken. In den USA hat sich die Zahl derjenigen, die wegen einer Depression behandelt werden, allein in der Zeit von 1987 bis 1997 von 1,7 auf 6,3 Millionen fast vervierfacht.

Trotz der massiv gestiegenen Zahl an Depressiven wird das Leiden bei etlichen Betroffenen nicht erkannt; es gibt also ein Miteinander an Über- und Unterdiagnostik. Der Gesundheitswissenschaftler Norbert Schmacke warnt schon länger davor, dass sich die Behandlung mit Antidepressiva „zu einem modernen Nahrungsergänzungsbestandteil entwickelt, weil es am Ende nicht mehr gelingen wird, das normale Maß an schlechten Stimmungen von dem behandlungsbedürftigen Kern von Depressionen mit Krankheitswert abzugrenzen“.

Selbst harmlose Begriffe wie Cellulite haben eine erstaunliche Karriere hingelegt. Die Neuschöpfung von Nicole Ronsard, Betreiberin eines New Yorker Schönheitssalons, brachte seit 1973 werbewirksam die ebenso grundlosen wie häufigen Ängste vieler Frauen auf den Punkt. Da die Veränderungen an Beinen, Hüften und Po dem Relief einer Waffel nachempfunden sind, liegt der Verdacht nahe, dass hier tatsächlich Zellen pathologisch verändert sind. Und die meist umgangssprachlich als „Zellulitis“ beschriebene Metamorphose der weiblichen Weichteile klingt durch die medizinische Endung -itis nach einer Entzündung, die unbedingt behandelt werden sollte, bevor es zu spät ist. Mit nutzlosen Mitteln gegen die Hügel auf der Haut werden jährlich Millionenumsätze gemacht.

Der australische Medizinkritiker Ray Moynihan hat sich besonders intensiv mit der Branche der Krankheitshändler beschäftigt. In seinem Buch „Sex, Lies and Pharmaceuticals“ (2010) zeichnet er nach, wie die Arzneimittelindustrie Schwankungen der weiblichen Lust pathologisiert. Pharmafirmen unterstützten nicht nur die Erforschung des angeblichen Leidens „Female sexual dysfunction“, sondern die Pillenhersteller halfen entscheidend dabei mit, das entsprechende Krankheitsbild zu erfinden.

Je nach dem Stand der Arzneientwicklung änderte sich der Fokus. Wurden Mittel erforscht, die den Blutfluss steigerten, galt die „Insuffizienz“ der Vaginaldurchblutung als Ursache der vermeintlichen weiblichen Unlust. War hingegen ein Testosterongel für Frauen gerade der heiße Kandidat, wurde ihnen Hormon-„Mangel“ unterstellt. Als zuletzt ein Psychopharmakon erforscht wurde, das die Neurotransmitter im Gehirn beeinflusst, war die mangelhafte Libido der Frauen plötzlich in erster Linie Kopfsache und es galt, ein chemisches Problem im Hirn der Frau zu lösen. Um den Bedarf anzukurbeln, gaben die Arzneihersteller gelenkte Umfragen in Auftrag, wonach bis zu 60 Prozent der Frauen an sexueller Unlust litten und bezahlten Forscher für einseitige Expertenmeinungen.

Bisher ist der Erfolg der Kampagne verhalten, aber der Markt ist offen für weitere Krankheitsangebote. Schließlich gibt es keine Gesunden, nur Menschen, die noch nicht genug untersucht worden sind. Diagnosen sind für alle da.