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Tobs Ohnmacht

Von Susanne Lenz

In einer Fabrik in Kambodscha fertigt eine junge Frau Kleidung für H&M und Bennetton. Es kommt vor, dass sie dabei das Bewusstsein verliert. Die Geschichte einer Näherin aus dem 21. Jahrhundert.

Susanne LenzTobs OhnmachtIn einer Fabrik in Kambodscha fertigt eine junge Frau Kleidung für H&M und Bennetton. Es kommt vor, dass sie dabei das Bewusstsein verliert. Die Geschichte einer Näherin aus dem 21. JahrhundertEs geschah gegen neun Uhr, an einem  Donnerstagmorgen. Chea Tob war seit eineinhalb Stunden bei der Arbeit. Sie saß an der Nähmaschine und nähte einen Ärmel an einen Pullover. Sie kann sich erinnern, dass es ein heller Pullover war. Ganz weich sei er gewesen. EinWollfusel habe sich gelöst und sei in ihre Nase geflogen. Das passiert oft. Sie bekommt dann nicht gut Luft. Plötzlich habe sie vier Kolleginnen  ohnmächtig warden sehen.Nicht alle gleichzeitig. Erst sank eine auf ihrem Stuhl zusammen, dann dienächste. Es war wie eineWelle. Sie erreichte auch Tob. Ihr wurde schwarz vor Augen.

Als sie zu sich kam, lag sie vor dem Fabrikgebäude im Gras. Chea Tob weiß nicht, wie sie dorthin gekommen ist. Sie weiß nicht, wie lange die Ohnmacht gedauert hat. Vielleicht nur ein paar Minuten. Siekam nicht  ins Krankenhaus wie die ernsten Fälle. „Die, die lange nicht aufgewacht sind“, wie Chea Tob es nennt. Sie ist einfach aufgestanden und nach Hause gegangen, niemand hat auf sie geachtet, amnächsten Morgen war sie wieder pünktlich an  ihremArbeitsplatz.

Es verloren an diesemTag Ende August fast 200 Arbeiterinnen der M&V Kleiderfabrik in der Provinz Kampong Chhnang in Kambodscha  ihr Bewusstsein. Zwei Tage zuvor waren es schon einmal fast hundert gewesen. Kurz nach den Vorfällen gab das Arbeitsministerium eine Zahl für das vergangeneJahr heraus: In Kambodschas Kleiderfabriken gab es allein im Jahr 2010 1500 Ohnmachten. Bei CheaTob war es die dritte.

Es ist möglich, dass der helle Pullover, an dem CheaTob an diesem Morgen arbeitete, für die  schwedische Marke H&M bestimmt war. Das sagte jedenfalls ein Mitarbeiter der  in Hongkong beheimateten Firma M&V kurz nach demVorfall der Zeitung Phnom Penh Post in Kambodschas Hauptstadt. Seinen Namen wollte er aber nicht nennen. Und heute gibt niemand in der Firma mehr Auskunft. Anrufe bleiben unbeantwortet.Man  kann die Fabrik nicht besuchen.

Vielleicht war es auch kein Pullover für H&M, vielleicht sollte er für eine der anderen Marken sein, für die bei M&V produziert wird, für Kookai, Mark & Spencer oder Benneton. Chea Tob und ihre Kolleginnen wissen nicht, für wen sie nähen. Es gibt kein H&M-Geschäft in Kambodscha. Chea Tob kennt diese Kette nicht, die in Europa so beliebt ist, weil man dort modische Kleidung kaufen kann, die nicht viel kostet. Chea Tob trägt T-Shirts und Hosen, die keine Marke haben, genäht von Schneidern auf dem Markt oder am Straßenrand. Sie denkt nicht darüber nach, für wen die Kleidung bestimmt ist, die sie macht. Sie sagt, dass es in den Ländern kalt sein müsse. Sie nähe immer nur Pullover und Mäntel.

Chea Tob ist eine kleine, zierliche Frau mit einem breiten, hübschen Gesicht. Sie ist 23 Jahre alt, aber sie sieht aus wie ein Mädchen. Sie spricht leise und senkt oft die Augen. Sie ist schüchtern, aber  einverstanden, von sich zu erzählen.Nur ihren richtigen Namen möchte sie nicht öffentlich preisgeben. Sie hat Angst, sie könnte ihren Arbeitsplatz verlieren.

Chea Tob ist das zehnte von zwölf Geschwistern. Die Eltern waren Bauern. Früher hat sie in der Landwirtschaft geholfen. Ihr Gesicht hellt sich auf, wenn sie erzählt, wie sie Vogelscheuchen für die Reisfelder gebaut  hat und morgens vor der Schule aufstand, um das Gemüse zu gießen. Siesagt, dass sie sich auf den Feldern frei gefühlt habe. „In der Fabrik dürfen wir nicht miteinander sprechen.“

Sieben Jahre lang ging Chea Tob in die Schule, sie hat  keinen Abschluss, keine Ausbildung. „Wir sind arm“, sagt sie. Als der Vater starb, landete die Verantwortung für die jüngeren Geschwister, den elternlosen Neffen und die Mutter bei CheaTob. Die älteren Geschwister hatten selbst schon eigene Familien zu versorgen.Von einer anderen jungen Frau aus ihrem Dorf erfuhr sie von M&V. Sie fuhr hin und wurde eingestellt. Nur ihren Ausweis musste sie vorlegen, als Beweis, dass sie schon über 18 ist. Sie war 21.

Chea Tobs Grundgehalt liegt bei 61 Dollar im Monat.Die Arbeitswoche hat regulär sechs Tage, 48  Stunden, das macht einen Stundenlohn von 31,7 Dollarcent. Jeden Monat gibt sie ihrer Familie 30 oder 40 Dollar. 30 oder 35 Dollar behält sie für sich selbst. Das ist auch in Kambodscha sehr wenig Geld. Ein Kilo Reis kostet einen dreiviertel Dollar, zehn Eier fast eineinhalb Dollar. Tob hungert nicht, aber sie kannsich nicht gut ernähren. Obst oder Fleisch kauft sie fast nie.

In Kambodscha gibt es rund 300 Kleiderfabriken, etwa 350 000 Menschen arbeiten dort, meist junge, ungelernte Frauen vom Land. Wie Chea Tob. Manche ihrer Kolleginnen haben den Dorfvorsteher bestochen, das Geburtsdatum  in ihrem Ausweis zu fälschen, damit sie schon mit 15 oder 16 arbeiten konnten. Oder sie haben den Ausweis einer älteren Schwester benutzt. Die Arbeit bei M&V ist begehrt.

70 Kleidungsstücke sind Chea Tobs tägliches Soll, 140 Ärmel, die sie annähen muss. Sie sagt, dass es schwer sei, dieses Soll zu erfüllen, aber dass denen, die es nicht schaffen, die Kündigung drohe. Siemacht  jeden Tag  mindestens drei Überstunden, arbeitet an sechs Tagen in der Woche elfeinhalb Stunden, dazu fast jeden Sonntag, um mehr zu verdienen. In der Halle fünf, in der sie arbeitet, sei es heiß. Und ihr werde noch heißer, wenn so ein schwerer Mantel auf ihren Knien liege, während sie daran nähe. Sie sagt, dass es keine Ventilatoren gebe. Und dass gegen die Mäuseplage in der Fabrik mit Gift vorgegangen werde. Tob erzählt all das nicht von sich aus. Sie antwortet auf Fragen. Es kommt ihr nicht in den Sinn zu beschreiben, wie schlecht sie es hat. Sie rebelliert nicht. Das Wichtigste ist, dass sie in der Fabrik Geld verdient. Deshalb ist es eine gute Arbeit. Und die Ohnmachten? „Ich bin schwach“, sagt sie. „Und ich habe solche Angst bekommen, als die Kolleginnen umgefallen sind.“ Sie sucht die Gründe beisich. Sie denkt, sie müsse nur stärker werden, furchtloser, dann werde alles gut.

Kurz nach den Ohnmachten bei M&V hat die Regierung eine Untersuchungskommission gebildet. Ihr gehörten Beamte der Ministerien für Arbeit, Industrie und Umwelt an, ein Arzt sowie Mitglieder derGewerkschaften und der Provinzregierung. In ihrem Bericht steht, dass es viele Gründe gibt. In denWerkhallen seien zu viele Arbeiterinnen untergebracht, manche hätten einen unangenehmen Geruchwahrgenommen, bevor sie umgekippt seien, sagen die Gewerkschafter. Der Arzt und die  Regierungsbeamten sagen, dass die Ohnmachten auch psychologisch begründet seien. Die Arbeiterinnen seien in Panik geraten. Einig waren sich alle darin, dass die Frauen sich schlecht ernährenund zu vieleÜberstunden machen, die Gewerkschaft sprach von erzwungenen Überstunden. Um mehr Geld zu verdienen, würden die Frauen nicht auf ihre Gesundheit achten.

Sie habe Glück, sagt CheaTob. Ihr Leiter zwinge sie nicht zu Überstunden. Sie arbeite nie bis elf Uhr nachts, wie manche der Kolleginnen. Sie mache auch keine Nachtschichten. Alles sei freiwillig. Sie lächelt und sagt immer wieder, dass sie sehr froh sei, in der Fabrik arbeiten zu können. Froh,weil sie so ihrer Familie helfen könne.

Das Dorf, in dem Chea Tobs Familie wohnt, liegt eine gute Stunde von der Fabrik entfernt. Auf halber Strecke biegt der kleine Bus von der asphaltierten Straße in einen unbefestigten Weg voller Schlaglöcher ein. Die Stromleitung macht diese Kurve nicht mit. Sie führt weiter gerade aus. Der Wagen hält vor einer Hütte auf Stelzen, ein Bretterboden, Dach und Wände aus Palmblättern, dahinter Felder. Es ist die ärmste Art der Behausung in den Dörfern Kambodschas. Es ist Tobs Elternhaus.

Eine kleine Frau in traditioneller Bluse und  langem Rock kommt Tob entgegen, ihre Mutter. Sie wirkt älter als 61. Sie hat ihr Leben lang auf dem Feld gearbeitet und zwölf Kinder großgezogen. Keine Umarmung,keine Berührung, kein Wort. Beide lächeln. Tob legt ihre Tasche auf die Bambuspritsche vor dem Haus, sie nimmt Reis aus einem Plastiksack und wäscht ihn. Dann macht sie Feuer. Sie fügt sich ein, alssei sie nie weg gewesen. Als es um sechs dunkel wird, schließt Makara, Tobs kleine Schwester, eine Neonröhre an eine Batterie an. Makara lacht viel, sie ist lebendiger als Tob, übermütig. Eine Stunde gibt es jetzt noch Licht. Es ist achtUhr, als alle sich nebeneinander auf die Matte unter dem einzigen Moskitonetz legen. Die Matte istvielleicht zweieinhalb Meter lang, nicht gepolstert, geflochten aus Kunststofffasern, made in Thailand. Für jeden gibt es ein kleines Kissen, eine Decke gibt es nicht. Umgezogen haben sichTob und ihre Familie gleich nach dem Abendessen, nachdem sie sich an der Wasserpumpe vor dem Haus gewaschen haben. Nur Da,Tobs Bruder, hat seine zerrisseneHose anbehalten  und ist zum Fallenaufstellen in die Felder gegangen.

Tob, Makara und ihre Mutter unterhalten sich noch. Makara sagt, dass jemand sie heiraten wolle, aber dass er kein Geld habe, die Hochzeit auszurichten. Tob undMakara kichern. Es ist ein Witz, der  Traum eines jungenMädchens. Dann sind nur noch die Grillen zu hören und das Rauschen der Palmblätter, durch die der Wind fährt. Mitten in der Nacht fängt die Mutter an, leise mit Tob zu sprechen.Tob macht die Taschenlampe an. Am Morgen sagt sie, dass ihre Mutter Bauchschmerzen hatte. Sie habe diese Schmerzen seit Jahren. Die Medizin kostet zehn Dollar im Monat. Die Tabletten hängen in einem Plastiksäckchen an einem buddhistischen Heiligenbild an der Hüttenwand.

Der Bruder kommt morgens mit einem Bambusbehälter voller brauner Frösch wieder. Normalerweise verkauft er sie, Frösche warden gern gegessen in Kambodscha. Aber heute isst die Familie sie selbst. Dahackt ihnen die Füße ab und häutet sie. Ein Schnitt, und er holt die Innereien heraus. Das Herz pocht noch eine Zeitlang. Die Mutter stampft Gewürze für das Curry in einem hölzernen Mörser. In der  gelbgrünen Paste werden die Frösche gekocht.Die Mutter sagt, dass dieMagenschmerzen nicht so stark sind, wenn sie Fleisch isst. AmVormittag gehen die Geschwister Fische in den Kanälen zwischen den Reisfeldern fangen.Tob und ihr Bruder schlagen mit Stöcken auf das Wasser, um die Fische ins Netz zu treiben. Das Wasser spritzt, Tob lacht. Im Netz sind viele Fische, die größten einen Finger lang. Da sagt, dass es in der Trockenzeit, die im Dezember beginnt, keine Fische gebe. Die Kanäle trocknen dann allmählich aus.Dann kommt die Zeit, in der sie zum Reis nur Gemüse und Eier essen.

Seit Generationen lebt Tobs Familie im Dorf. Sie haben Felder hier. Doch der Reis, den sie ernten, reicht nur für fünf oder sechs Monate. Sie brauchen Geld für Bratöl, Seife, ab und zu ein Kleidungsstück, sie müssen die Batterie aufladen, die das Licht gibt. Manchmal gehen Makara und Da in den Wald und holen Holz, das sie verkaufen.Die Mutter trägt ihr ganzes Geld in einem Beutel, den sie unter ihrem Rock  verwahrt. Aber auch mit dem,was Tob verdient, ist oft nicht genug da.

Tob hat der Mutter ihre Ohnmachten verschwiegen. Doch eine Frau aus dem Dorf, die auch bei M&V arbeitet, hat es ihr erzählt. Tobs Mutter sagt, dass sie nicht essen konnte, als sie von Tobs Ohnmacht erfahren hat. „Meine Tochter ist schwach und ängstigt sich leicht.“ Auch ihr kommt es nicht in den Sinn, die Fabrik verantwortlich zu machen und Tob von dort wegzuholen. Die Mutter sagt, dass sie hier morgens nur an den Morgen denken und Nachmittags an den Nachmittag. 

Kampong Chhnang, das ist dünn besiedeltes, flaches Land. Es gibt nur eine Stadt, die auch Kampong Chhnang heißt, und Provinzhauptstadt ist. Die meisten Menschen leben in den Dörfern, zwischen Reisfeldern und Zuckerpalmen. Die Felder werden mit Hilfe von Wasserbüffeln bestellt. Kaum einBauer hat eine Pflügemaschine oder einen Traktor. In den meisten Dörfern gibt es keinen Strom, kein fließendesWasser.

Vor zwei Jahren ist am nächsten Marktflecken, einer Ansammlung von flachen Häusern um einen  überdachten Markt, im Auftrag der Provinzregierung eine Schule gebaut worden. Damals haben die Geschwister hier Steine geschleppt und fast zwei Dollar amTag verdient.Aber die Schule ist längst fertig. Bezahlte regelmäßige Arbeit für Menschen, die nichts gelernt haben, ist schwer zu finden. Makara und Da sagen, dass sie am liebsten später auch bei M&V arbeiten würden. Sie sagen, dass sie keine Angst vor den Ohnmachten haben. „Ich bin stark“, sagt Makara. „Und wenn ich meine Mutter vermisse, kann ich sie besuchen.“ Es ist nicht die Stadt, die sie lockt, die Unabhängigkeit. Sie würden gerne im Dorf bleiben,aber sie verdienen hier einfach nicht genug. Da sagt, dass es nicht genug Frösche zum Fangen gibt.Mindestens einmal in der Woche komme er mit leerem Behälter zurück. Wie sie sich ihr Leben vorstellen? Ob sie eine Familie haben wollen? Makara nickt heftig. Da sagt nur: „Wir sind arm.“ Und: „Ich werde bei M&V glücklich sein.“

Es ist kurz nach halb zwölf Uhr mittags in der Stadt Kampong Chhnang. Zwei Sicherheitskräfte von M&V in blauen Uniformen schieben das vielleicht fünfzehn Meter lange Metalltor beiseite. Es gibt nur diesen einen großen Zugang. Arbeiterinnen verlassen die Fabrik. Es sind hunderte gleichzeitig, die hinaus auf die Straße kommen. Sie gehen langsam, niemand drängelt, sie sprechen, lachen. Eine Menschenmasse, ein Bild wie aus dem19. Jahrhundert. Zwanzig Minuten dauert es, bis der Strom dünner wird. Man sieht jetzt durch das Tor auf das Fabrikgelände. Lange, weiß getünchte Hallen mit blauen Wellblechdächern.Davor eine Grasfläche, ein paar Palmen. Im hellen Sonnenlicht ein freundlicher Anblick.

CheaTob geht zu den Ständen an der Zufahrtsstraße. Essen wird hier verkauft, T-Shirts, Blusen,  Telefonkarten. Auf einem Tisch liegen Plastiktüten, gefüllt mit Suppe, in der ein paar Stücke Karotte und Kohl schwimmen. Eine Tüte kostet 500 Riel, etwa 12 Cent. Am Nebentisch wird eine Handvoll gekochter Reis in Tüten für sieben Cent verkauft. Es gibt geröstete Erdnüsse, gekochte Maiskolben, kleine Kuchen. Chea Tob kauft zwei gegrillte Frösche. Sie kosten tausend Riel, einen Vierteldollar. Sie sagt, dass indem gekauften Essen oft Sand ist. Dass die Verkäuferinnen das schlechteste Gemüse nehmen. „Das, was man den Schweinen gibt.“ Aber mittags hat sie keine Zeit zu kochen. Zu den Fröschen isst sie Reis, der vom Abendessen übriggeblieben ist. Chea Tob wohnt nicht weit von hier. Sie muss nicht den Pausenraum in Anspruch nehmen, den die Fabrik den Arbeitern zur Verfügung stellt, ein vielleicht fünfzig Meter langer Raum an der Fabrikmauer, an dessen Längsseiten sich zwei schmale Betonbänke entlang ziehen.Die schmale Bank ist schnell voll. Die jungen Frauen essen und schwatzen. Bald ist der Boden übersät von Plastiktüten und Essensresten, nach denen Hunde gierig schnappen. Läden am Straßenrandhaben in ihren Hinterräumen große Bambuspritschen aufgestellt. Hier können sich Arbeiterinnen für  einen halben Dollar im Monat in der Pause hinlegen. Die Pritschen sind alle belegt. Manche Frauen  haben die Augen geschlossen. Manche unterhalten sich. Mit ihren bunten Kleidern und den Hüten sehen sie aus wie Strandgäste.

Es gibt Untersuchungen von Wirtschaftswissenschaftlern aus Japan, denUSA und England, aus denen hervorgeht, dass die Bekleidungsindustrie in Kambodscha zur Reduzierung der Armut beiträgt. Die britische Ökonomin Joan Robinson schrieb vor fast einem halben Jahrhundert: „Das Elend, von Kapitalisten ausgebeutet zuwerden, ist gar nichts gegen das Elend, überhaupt nicht ausgebeutet zu werden.“ Vielleicht wird der Zynismus, der in Robinsons Satz zu stecken scheint, unter dem Umstandder Armut zu einer ArtWahrheit.

Wie die meisten bei M&V hat auch Chea Tob keinen unbefristeten Vertrag. Mal wird sie für vier Monate angestellt, mal für sechs. Sie weiß nie, ob es weitergeht. Nach zwei Jahren ununterbrochener befristeter Verträge muss der Arbeitgeber laut Gesetz unbefristet anstellen.Doch bei M&V gibt es Arbeiterinnen, die seit zehn Jahren dort arbeiten und immer noch keinen unbefristeten Vertrag haben. Chea Tob sagt, dass sie vielleicht einen bekommen könne, wenn sie sehr lange, sehr gut arbeiten würde.

An einem Samstag nach der Arbeit geht sie zu einer Gewerkschaftsveranstaltung. Eine Kollegin hat sie dorthin geschickt. Chea Tob weiß nicht so recht, was ihr das bringen soll. Sie sagt, dass die  ewerkschaftimmer wieder unbefristete Verträge für die Arbeiterinnen fordert, aber dass M&V nicht darauf reagiert. Sie sieht, dass die Gewerkschaft schwach ist und M&V stark.Wenn sie etwas sagen würde, dann beträfe es die monatliche Zulage von sieben Dollar für regelmäßiges Erscheinen am Arbeitsplatz. Wer zwei Tage hintereinander frei nimmt, dem wird die Zulage gestrichen. Chea Tob verliert jedes Mal sieben Dollar, wenn sie nach Hause fährt.

Tob nimmt auf dem Boden eines Lagerraums voller Säcke mit Knoblauch Platz, zusammen mit 60  anderen. „Niemand kann auch zu Überstunden zwingen“, sagt die Gewerkschafterin. Als sie fragt, wer  von den Anwesenden in Ohnmacht gefallen sei, hebt Chea Tob die Hand.Zwei andere auch. Dann macht die Frau von der Gewerkschaft ein Ratespiel, bei dem man Seifen gewinnen kann.

Nach der Gewerkschaftsveranstaltung kauft Chea Tob ein BündelWasserspinat für das Abendessen. Der Weg zu ihrer Unterkunft ist ein Pfad, der jetzt in der Regenzeit schlammig ist. Er führt an der Fabrikmauerentlang. Wenn die Mauer zu Ende ist, wird es ganz dunkel. Eine langgezogene gelbe Baracke steht auf einem mit Gras bewachsenen Grundstück. Hier ist das Zimmer, das jetzt Chea Tobs Zuhause ist.

Wenn man die Tür aufmacht, fällt man man fast auf die Bambuspritsche, vielleicht zweimal zwei Meter groß. Sie füllt das Zimmer fast ganz aus. Zu viert schlafen sie hier. Sie teilen sich die zwanzig Dollar Miete. Neben der Pritsche ist an zwei Seiten ein halber Meter Platz. An einer Bambusstange hängen Hosen und T-Shirts.Unter demBett stehen Kochtöpfe. Eine Flasche Haarschampoo, Seife, Körperlotion liegen in einem kleinen Plastikkorb. Die Wände, die den Raum von den anderen Zimmern trennen,reichen nicht bis zur Decke.Unter dem Wellblechdach  hängt eine Energiesparbirne. Wenn man von den Fahrten in ihr Dorf absieht, findet in diesem Raum und der Fabrik Chea Tobs ganzes Leben statt.Chea Tob schlingt ihren Fabrikausweis um das Gitter des einzigen Fensters. Ihr weißes T-Shirt und die Jeans tauscht sie gegen einen gelben Schlafanzug mit weißen Katzengesichtern. Wie ein müdes Kind sieht sie jetzt aus.

Die Küche hat ein Dach aus Palmblättern, an einer Seite hängt eine Neonröhre, in vier Reihen stehen kleine tönerne Herde. Chea Tob nimmt etwas Papier, ein paar Holzscheite und macht Feuer. Sie putzt das Gemüse, eine ihrer Mitbewohnerinnen hackt Knoblauch, eine andere drückt Limonen aus und  vermischt den Saft mit Salz. In einem Topf kocht Reis. Die Grillen sind laut, Frösche quaken. Am Himmel steht ein Halbmond. Die jungen Frauen sprechen leise miteinander. „Hast du schon etwas zu tun?“ – „Nein? Dann brate diesen Fisch.“ - „Wir essen jeden Tag Eier, deshalb sehen unsere Gesichter schon wie Eier aus.“ Sie lachen. Es ist die schönste Zeit ihres Tages.

In kleinen Schüsseln kommt das Essen auf den Tisch. Es ist eine Bambuspritsche, die vor der Baracke steht. Zu acht sitzen sie dort und teilen ihr Essen. Um neun Uhr ist Schlafenszeit. Manchmal wird es zehn,wenn die Vermieterin, die auch in der Baracke wohnt, sie fernsehen lässt. Dann leihen sie sich eine DVD aus. Am liebsten sehen sie Filme, in denen es um Liebe geht. Chea Tob sagt, dass sie nicht heiratenmöchte und keine Kinder haben will. Sie muss  ja in der Fabrik Geld verdienen, wie soll sie das machen mit Kindern? Wenn sie einen  Wunsch frei hätte? „Genug Geld, genug Essen in der Familie. Das ist alles.“

Aber vielleicht ist da doch mehr. Sie hat sich rötliche Strähnen in die Haare gemacht, die Fingernägel schwarz lackiert. Und in ihrem Zimmer hängt an der kahlenWand neben der  harten Pritsche ein einziges, aus einer Zeitung herausgeschnittenes Bild. Es zeigt ein Bett mit vielen Kissen, einer dicken Matratze und einem geblümten violetten Überwurf. Das Bett sieht so weich aus.

Bei H&M gibt es einen Bereich mit dem Namen„corporate responsibility“, den man mit  Firmenverantwortung übersetzen könnte. Dort kümmert man sich um die Qualität der Produkte, um Umweltstandards bei der Produktion und umdie Arbeitsbedingungen bei den Zulieferern wie M&V. Nach den Ohnmachten hat H&M eine Untersuchung veranlasst. Die befragten Arbeiterinnen klagten über Kopfschmerzen, Schwindel, Angst, Ausschläge und Muskelkrämpfe. Als Ursachen werden Überarbeitung,schlechte Ernährung, die Hitze von teilweise über 35 Grad, der autoritäre Führungsstil in der Fabrik undÜberstunden genannt, die durch die Angst vor demVerlust der Arbeit erzwungen würden. Auch hättendie Arbeiter keine formale Möglichkeit, sich zu beschweren.Das Wohlergehen der Arbeiter sei H&M sehr wichtig, teilt die H&M-Pressestelle mit. Doch H&M sei nicht der einzige Käufer und müsse sich mit den anderen abstimmen. Wenn man das liest, bekommt man den Eindruck, dass sich nicht viel ändern wird für Chea Tob und ihre Kolleginnen. Der Fabrik ist der Bericht von H&M zugesandt worden. Man erwarte nun einen Handlungsplan.

M&V hat indessen schon eigene Maßnahmen getroffen. Es wird jetzt in der Fabrik Musik gespielt. Es seien romantische Lieder, sagt Chea Tob. Kambodschanische Stücke. Ihnen sei gesagt worden, dass sie nicht in Panik geraten würden, wenn sie diese Musik hörten. Und dass die Ohmachten dann ausblieben. 

Berliner Zeitung Magazin, 5./6. November 2011