Empfehlen Sie uns weiter
  • Zu Ihrer Information

    Wenn Sie diesen Button anklicken, werden persönliche Daten an Facebook übertragen. Sind Sie damit einverstanden?

  • Zu Ihrer Information

    Wenn Sie diesen Button anklicken, werden persönliche Daten an Twitter übertragen. Sind Sie damit einverstanden?

  • Zu Ihrer Information

    Hier können Sie mittels unseres Service-Formular eine Seite empfehlen. Es werden keine persönlichen Daten gespeichert.

Warum ist es so schwer, erwachsen zu werden?

Von Raoul Löbbert

Der Krieg zwischen den Generationen wird heftiger. Die Piratenpartei verdankt ihm ihren Aufstieg. Hier treffen zwei Christ & Welt-Redakteure mit ihren unterschiedlichen Lebensgeschichten aufeinander: Raoul Löbbert (34) weigert sich, groß zu werden. Sein Kollege Andreas Öhler (53) erzählt, warum er nie jung sein wollte. (s. Link: Die Nacht, in der meine Kindheit endet

Es stimmt, ich weigere mich, erwachsen zu sein. Ich weigere mich, eines Morgens aufzuwachen und die Antworten auf die Fragen zu kennen, die ich bis dahin noch nicht gestellt habe. Ich weigere mich, mir die Welt passend zu machen, als wäre sie eine Hose, die am Bund ein bisschen kneift. Ich will, dass sie mir ein Rätsel bleibt. Ich will sie entdecken wie ein Kind. Ich will naiv sein. Ich will Menschen grundlos mögen oder auch nicht mögen. Ich will ungestraft ungerecht sein dürfen – verdammt!

Ginge es nach mir, wäre ich wie Michel aus Lönneberga für immer zehn Jahre alt, würde Milch aus der Kanne trinken und bis ans Ende aller Tage über grüne Wiesen hüpfen. Ich hätte einen Schuppen, dort würde ich sitzen, wenn ich etwas ausgefressen hätte. Ich würde warten, Holzmännchen schnitzen, die mir gleichen, und mich großartig dabei fühlen. Beschützt.

Doch leider geht es nicht nach mir. Ich weiß nicht, wie alt Michel heute wäre. Älter als ich, und ich bin 34. Sicher hätte er Kinder, vielleicht Enkel, vielleicht hätte er mit elf angefangen, Roth-Händle ohne Filter zu rauchen, und wäre mit Anfang 40 an einem Lungenkarzinom gestorben. Wie auch immer. Für uns, die wir als erste Generation mit dem Fernseher groß wurden, wird er stets Michel sein, der Lausbub, der Frechdachs, der Ist-er-nicht-süß. Ja, wir haben unsere Erinnerungen aus dem Fernsehen. Kein Partysmalltalk in einer mit Großstadt-Thirtysomethings vollgestopften Single-Apartmentküche, der nicht beim A-Team landet, bei der schwülen Coolness von Thomas Magnums Pornoschnauzer oder dem ungelösten Mysterium des Universums: Warum nur spricht David Hasselhoff mit seinem Sportwagen „Kitt“? Und noch mysteriöser: Warum antwortet „Kitt“ ihm auch noch? So hat jeder seine Fortsetzungserinnerung, und meine heißt eben Michel.

Vielleicht, weil ich um Lönneberga betrogen wurde. Vielleicht, weil ich auf dem Land groß wurde (was der Städter Land nennt) und dennoch keine Wiesen mehr kenne, die nicht auf Golfplatzniveau gemäht sind, keine Kühe, die nicht nur zur Zierde in der Landschaft stehen, keine Milch, die nicht entkeimt und entfettet in Pappbacksteine gepresst ist. Dabei wollten meine Eltern es mir zum Geschenk machen, mein Lönneberga. Es war ihr Traum.

Sie lernten sich 1969 kennen, aber die Welt verändern wollten sie trotzdem nie. Sie studierten nicht, sie arbeiteten, sie arbeiteten hart in jungen Jahren, denn sie kamen aus kleinen Verhältnissen. Sie wollten nicht mehr, als irgendwann einen Pflock in die Wildnis hauen und sagen: Das gehört mir, hier gehöre ich hin, hier baue ich mein Fertighaus. Und das taten sie. Dumm nur, dass Tausende andere stadtflüchtige und zu Geld gekommene Nicht-68er es ihnen gleichtaten und schon bald in ihren Reihenhausgärten rohes Fleisch grillten, das sie nicht erlegt, nicht überfahren, sondern aus der Discountertiefkühltruhe gefischt hatten. Und ich saß im Wohnzimmer und schaute mir Astrid-Lindgren-Wiederholungen an.

Das Land verschwand, es blieb das Versprechen: Streng dich an, arbeite hart, dann bekommst auch du sie, die Insel mit Garten für dich, deine Frau, deine 1,4 Durchschnitts-Kinder. Mit diesem Versprechen wuchsen wir auf, wir, die wir heute im Bahnhofkiosk verschämt durch Hochglanzmagazine wie „Landlust“, „Beef“ oder „Nido“ blättern. Die wir im Szene-Café im gentrifizierten Großstadt-In-Viertel hektoliterweise Landliebe-Milch aus der Glasflasche in unseren schreienden Friedrich-Maximilian pumpen, bis der kleine Friedrich-Maximilian aufgrund einer akuten Laktoseintoleranz die ganze schöne Landliebe über seinen ach so süßen Matrosenanzug kotzt. Ja, wir sind nostalgisch, ich und meine Generation. Auch wenn ich mich bislang nicht in einem Friedrich-Maximilian selbst verwirklicht habe, um ihn mit meiner ungeteilten Liebe und Wehmut zu behelligen. Doch das geht mittlerweile noch mit 40 oder mit 50, das ist die neue Zeit und ich bin eines ihrer Kinder.

Ich habe eine Single-Apartment-Wohnung in Citylage, zu wenig Füße für all meine Sneakers, einen Akazienholzesstisch (massiv!) für sechs Personen, an dem ich morgens meist alleine esse, und eine Stereoanlage, mit der man den ganzen Block um den Schlaf bringen kann, die ich aber doch nur so weit aufdrehe, wie ich meine, keinen zu stören. Ahnte ich nicht, dass ich irgendwann heiraten, Kinder kriegen und ein Leben lang grün oder CDU wählen werde, hätte ich gar nichts. Dann würde ich alles niederbrennen und würde Straßenmusikant. Bis dahin jedoch bleibt das Verlangen. Nach dem Pflock, dem Land, dem Ort, wo man hingehört, nach der Sicherheit.

Aber warum? Ich habe alles richtig gemacht. Ich habe Abitur gemacht, studiert, im Ausland gelebt und so viele Praktika durchgestanden wie Heidi Klum Schwangerschaften. Aber was heißt das schon? Was Hans erreichte, erreicht Hänschen heute nimmermehr. Wer nicht mobil ist und flexibel, geht unter, wurde uns beigebracht. Aber sind wir flexibel, ist das auch keine Garantie auf die Insel mit Garten. Außerdem vertragen sich Mobilität und Heimat wie Feuer und Wasser, und im Zweifelsfall sind wir lieber mobil als geborgen. Vielleicht schweift bald schon mein Blick vor einem Arbeitstag im 23. Stock eines New Yorker Bürogebäudes über den im Sonnenaufgang erwachenden Central Park: so viel Grün. Vielleicht grapschen meine rissigen Billigspülmittel-Hände demnächst aber auch auf einem Kleinstadt-Wühltisch nach Hartz-IV-Haute-Couture von C&A. Wer weiß das schon? Alles ist möglich, seit die Sicherheit zwischen den Achtzigern und heute abgesetzt wurde wie David Hasselhoff und Kitt.

Seither regieren Zufall und Schicksal. Sie lassen sich nicht eliminieren mit einem perfekten Lebenslauf. Ja, es kann bös’ mit uns ausgehen, und wir wissen es. Deshalb betrügen wir die Zeit. Wer nur genug Zeit hat, denken wir,kann alles schaffen. Deshalb versuchen wir die Zeit anzuhalten. Schaue ich in den Spiegel, steht dort ein Junge, der partout nicht erwachsen sein will. Stonewashed Jeans. Minutiös verwuschelte Haare, ich sehe aus wie ein aus dem Bett gefallener Zehnjähriger. Ja, ich bin süchtig nach Jugend, nach dem süßen Gift, von dem uns die Personaler abhängig machen. Denn in der Arbeitswelt von heute ist Erfahrung nichts wert, da ist Alter gleich Bewegungslosigkeit, da muss der Zauber des Aufbruchs ewig währen.

Was für ein Bullshit! Ich habe ihn geglaubt, weil nichts heute so jung macht wie die Angst zu versagen. Doch das ist vorbei: Ich weigere mich, jung sein zu wollen. Ich sitze an meinem Akazienesstisch, es ist 23.06 Uhr und ich weigere mich. Ich weigere mich, so verdammt verwuschelt zu sein. Für jedes graue Haar will ich eine Neujahrsrakete in den Nachthimmel schießen. Ich will auf die Straße rennen, ich will allen Late-Night-Joggern ihre Pulsmesser und Stirnlämpchen entreißen, ich will sie anbrüllen: Auch du bist sterblich! Ein typischer Fall von 23.06-Uhr-Tapferkeit. Keine Sorge, das geht vorbei. Und dann um 23.11 Uhr die Erkenntnis: Ich bin nicht mehr jung. Zweieinhalb Minuten Verzweiflung, schließlich eine gen Himmel gerichtete Thirtysomething-Faust: Erwachsen sein will ich dennoch nicht!

Weil es hart ist. Unendlich hart. Und man kann strampeln und sich wehren, man wird es dennoch. Und es hat nichts mit dem Alter zu tun und nichts mit dem Schicksal eines Durchschnittsarbeitnehmers im Jugendwahn. Es ist das Schicksal an sich, es springt einen an, wenn man es am wenigsten erwartet, dann kommt der Schwinger und man fällt: sieben, acht, neun, aus. Dann liegst du und es beugt sich über dich, das Erwachsenwerden, und grinst dich an. Und auch das ist ein Auf- oder Ausbruch, aber er hat nichts Zauberhaftes, nichts Romantisches, nichts, das sich für einen Lebenslauf verwerten ließe. Und es trifft jeden, selbst meinen Michel, egal, über wie viele güllegedüngte Sommerwiesen er hüpft, egal, aus wie vielen bazillenschleudernden Milchkannen er trinkt, egal, wie sehr er glaubt, dass es immer so weitergeht.

Irgendwann kommt er, der Anruf. Dann düst Michel nach Hause. Und da steht der Rettungswagen vor der Insel mit Garten. Und seine Mutter sitzt im Wohnzimmer und schaut hinaus zum Fenster – so viel Grün – und kann nicht mehr. Und es sind nur zwei Rettungssanitäter da. Und sie fragen Michel, ob er ihnen helfen kann. Weil sie es nicht schaffen, aus dem Garten zu tragen, was einmal sein Vater war. Hinein in ein Fertighaus, das sein Vater baute, als er zwei Jahre jünger war als Michel jetzt, das er zuletzt kaum mehr verließ, weil er krank war, seit Langem, wo er das Essen kochte für Michel und dessen Mutter. Denn sie arbeitete, und er blieb daheim. Die ganze Zeit war er da. Und jetzt ist er weg und sie wollen, dass ich ihn trage. Ich soll die Arme nehmen, sie die Beine. Da sagt Michel das Einzige, was man in so einer Situation sagen kann. Er sagt: Nein!

Es war der schönste April seit Jahren. Dann beerdigten sie meinen Vater und es regnete in Strömen.

Nach dem großen Regen steht Michel in der Straßenbahn, es muss ja irgendwie weitergehen. Die Bahn ist voll und sie hat Verspätung. Es ist heiß, und es ist nichts weiter. Gar nichts. Und doch schlägt Michel den Kopf gegen die Scheibe, ganz sanft, damit niemand es hört und wenige sehen, dass er nicht mehr weiterkann. Er möchte am liebsten weinen wie ein Kind, er will wieder Kind sein ganz und gar. Das ist er, der Moment, in dem Michel merkt, es kommt nicht schlimmer, nie mehr, in dem er aufsteht bei neun und zu sich sagt: Ab hier schaffe ich es. Allein. Er hat es ja schon geschafft. Bis zu diesem Punkt.

Christ und Welt, Ausgabe 41/2011