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"Unser Sohn" Uwe Böhnhardt, der Terrorist

Von Per Hinrichs

Uwe Böhnhardt gehörte zum Neonazi-Trio aus Zwickau, war ein eiskalter Mörder. Seine Eltern kennen ihn noch als schlaksigen Teenie. Ein Besuch bei zwei verzweifelten Menschen.

Der Junge auf dem Foto wird 16 Jahre alt sein, wirkt beinahe verträumt, wie er sich auf dem Sofa fläzt, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Er schaut zum Fernseher, als blicke er sehnsüchtig in die Ferne. Auf einem anderen Bild thront er mit seiner Freundin auf einer Sitzgruppe, links und rechts umgeben von Freunden.

Das Pärchen in der Mitte hält sich an der Hand und lächelt ein bisschen verschüchtert in die Kamera, verliebte Teenager eben. Es sind Bilder vom Erwachsenwerden, von erster Liebe und Freundschaft. "Vielleicht ist es besser, dass er tot ist", sagt seine Mutter mit leiser Stimme und nimmt das Bild in die Hand. "Wir hätten doch nie gewusst, wie wir heute mit ihm umgehen sollen. Nach dem, was er getan hat." Die Bilder stammen aus dem Jahr 1996, sie zeigen Uwe Böhnhardt, der einmal zum Mörder werden wird, und Beate Zschäpe, seine Freundin und spätere Komplizin.

14 Banken überfallen und neun Menschen erschossen

Heute kennt jeder ihre Namen. Zusammen mit Uwe Mundlos gehörten sie zur Terror-Zelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU). 14 Banken sollen sie überfallen und neun Menschen erschossen haben. Und möglicherweise sind sie auch in den Polizistinnenmord von Heilbronn verwickelt. Sie ließen 2004 eine Nagelbombe in Köln hochgehen und haben offenbar ein Bekennervideo anfertigen lassen, in dem sie sich in einem zynischen Zeichentrickfilm ihrer Taten brüsten. Das Trio hat die mörderischste Serie von Attentaten der letzten zwanzig Jahre begangen, weshalb sie auch als Braune Armee Fraktion tituliert wurden.

Brigitte und Jürgen Böhnhardt, 67, sitzen in ihrer Wohnung in Jena-Lobeda, sanierte Platte, und ringen um Erklärungen. Sie hocken am Eichenesstisch, zwei Aquarellbilder hängen an der Wand, sie zeigen eine Seenlandschaft. Frau Böhnhardt hat Kaffee gekocht, eine Dose mit selbst gebackenen Keksen steht auf dem Tisch. "Thüringer backen gern." Sie wollen jetzt reden, sie wollen ein paar Dinge klarstellen, vor allem wollen sie zeigen, dass "er es gut hatte und wir uns um ihn gekümmert haben".

Es geht in diesem Gespräch um die Liebe der Eltern zu einem Kind, um Verstehen und Verzeihen, um die Suche nach der Ursache, wie aus dem schlaksigen Teenie ein eiskalter Mörder werden konnte. Es geht um Schuld und die Gefühle der Menschen, die Uwe am liebsten hatten, auch jetzt noch. "Man kann nichts dagegen tun, er ist ja unser Sohn", sagt Brigitte Böhnhardt.

Es spricht vor allem seine Mutter, sie redet klar, fast druckreif. Der Vater, ein drahtiger, sportlicher Mann, sitzt daneben, nickt, wirft manchmal etwas ein. Er ist 67 Jahre alt, Ingenieur und arbeitete jahrzehntelang bei Schott in der Entwicklungsabteilung. Böhnhardt wirkt schmal, fast asketisch. Er wandert bis zu 1000 Kilometer im Jahr, jede Woche ist er draußen, bei Wind und Wetter. Seine mahlenden Kiefer verraten, dass er das Gespräch genau mitverfolgt.

Die Böhnhardts wollen ihre Geschichte erzählen. Sie erheben nicht den Anspruch darauf, die Wahrheit zu erzählen, wie könnten sie das auch. Sie wollen vor allem eines klarmachen: dass auch ihre Familie zu den Opfern in dieser Sache gehört, dass sie nicht stellvertretend für ihren Sohn verurteilt werden können.

Älterer Bruder entwickelte sich ohne Probleme

Die Geschichte der Familie beginnt 1974 in Jena, als das junge Ehepaar Böhnhardt einen kleinen Lottogewinn erhält: Sie bekommen eine Vier-Raum-Wohnung in einem neuen Plattenbau zugeteilt: warmes Wasser, Heizung, zwei Balkone, siebter Stock. Es ist mitnichten ein Getto, in dem die Böhnhardts wohnen, vielmehr gilt die Wohnanlage als Vorzeigesiedlung, in der die Menschen gern wohnen, auch heute noch. Viele Studenten sind nach Lobeda gezogen, sie leben in WGs, die Straßenbahn braucht 15 Minuten bis zur Uni.

Als das Ehepaar mit dem Erstgeborenen in die Wohnung zog, war Nachwuchs fest eingeplant. "Uwe war ein Wunschkind und wurde von allen geliebt", erinnert sich seine Mutter. Bis zur sechsten Klasse schien alles problemlos zu verlaufen. "Wir waren immer hinterher, ich habe mich immer um Schule und Hausaufgaben gekümmert." Die 63-Jährige hat 40 Jahre lang als Lehrerin gearbeitet, in beiden Systemen. Sie wirkt nicht wie eine, die Probleme hat, sich vor einer Klasse durchzusetzen. "Man muss auch mal resolut sein können", sagt sie, und blickt über ihre randlose Brille hinweg. Uwes acht Jahre älterer Bruder entwickelt sich ohne Probleme.

"Es gab total frustrierte Eltern"

In der 7. Klasse bleibt Uwe sitzen und muss das Schuljahr wiederholen. Es ist der Sommer 1991, als eine neue Zeit anbricht und das gesamte Schulsystem der DDR bald abgeräumt werden soll wie ein alter Plattenbau in Lobeda. Auf einmal gibt es Gymnasiasten und Realschüler, Uwe muss raus aus seiner alten Schule, seine Freunde gehen aufs Gymnasium.

Die Pädagogin Böhnhardt sieht die Schulen im Chaos versinken. "Es gab total frustrierte Eltern, es gab total frustrierte Kinder", sagt sie. Die Erwachsenen lernen Arbeitsämter und betriebsbedingte Kündigungen kennen, die Kinder sitzen verunsicherten Lehrern gegenüber. Für die Böhnhardts geht "das gesamte soziale Gefüge der Familie an sich und der Gesellschaft zu Bruch". Dabei waren sie nie in der SED oder hingen der untergegangenen DDR an.

Im Herbst 1991 fängt der Junge an zu schwänzen. Zuerst nur ein paar Stunden, dann erscheint er tagelang nicht zum Unterricht. Die Eltern achten zwar darauf, dass er morgens früh aufsteht und in die Schule geht. Seine Mutter sieht vom Balkon herab, wie Uwe in die gegenüberliegende Schule einbiegt. Alles in Ordnung, so scheint es.

Aber er geht vorne hinein – und hinten wieder raus. Die Böhnhardts bekommen davon nichts mit, die Klassenlehrerin kennen sie gar nicht, sie sei meistens krank gewesen, erzählen sie.

Brigitte Böhnhardt weiß, dass es schwer ist, das Versäumte wieder aufzuholen. Uwe lernt andere Jungs kennen, die auch keine Lust haben, Mathe zu pauken oder Gedichte auswendig zu lernen. "Er war ja sehr groß und fand das gut, mit den Älteren herumzuhängen." Da fing es auch an mit den ersten Diebstählen. Bonbons in der Kaufhalle, Zigaretten im Laden. "Da begann unser sechsjähriger Kampf um den Jungen. Es brach für uns eine ganz, ganz harte Zeit an. Wir spürten einfach, dass er uns entglitt", sagt seine Mutter.

Er bricht in Kioske ein, Anfang 1992 kommt die Polizei zur ersten Hausdurchsuchung, um Diebesgut sicherzustellen. "Wir fielen aus allen Wolken", sagt sein Vater. Aber die Eheleute haben nach wie vor ein Vertrauensverhältnis zu ihrem Sohn, auch wenn er ihnen nicht alles erzählt. Wenn sie ihn zur Rede stellen, kommen ihm auch manchmal die Tränen. "Ich will das ja auch gar nicht", sagt er dann. Sie reden und diskutieren, sie argumentieren und streiten, aber Brigitte Böhnhardt besteht darauf, dass es immer friedlich und respektvoll zuging. "Wir hatten einen ordentlichen Umgangston, wir haben uns niemals beschimpft", erzählt sie.

Hilfe vom Jugendamt

Es gebe keine Drogenprobleme, keine Ehekrise, keinen Alkoholismus oder Arbeitslosigkeit, sagen sie, es gebe überhaupt keinen Grund, aus dem Lebensschema seiner Eltern auszuscheren. Uwe hat ein eigenes Zimmer mit Balkon, einen Fernseher, eine Stereoanlage und viele Freunde, doch der Junge driftet zusehends aus der Spur.

Der Lehrerin ist klar, dass Uwe die 7. Klasse nicht packen wird. Sie findet deutliche Worte im Halbjahreszeugnis: "Uwe hat noch nicht begriffen, dass seine Aufgabe darin besteht, die Schule zu besuchen und sich am Unterricht zu beteiligen." Seine Mutter sieht es noch drastischer. "Ich habe gesagt, wenn er in dieser Umgebung bleibt, geht es den Bach hinunter, dann wird er ein Krimineller", sagt Brigitte Böhnhardt.

Im Frühjahr 1992 gehen die Eltern zum Jugendamt. Leicht fällt ihnen das nicht, denn in ihren Augen ist es auch das Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit und Ohnmacht, eine persönliche Niederlage. Sie bekommen einen Platz in einem Kinderheim, 50 Kilometer von Jena entfernt. Dort wird Uwe morgens mit einem Kleinbus zur Schule gebracht und abends wieder abgeholt. Nur ein paar Monate bis zum Schuljahresende, denken die Eheleute, dann ist er wieder da. Dann hat er die Klasse vielleicht doch noch geschafft.

Ohne Zeugnis, ohne Abschluss

Doch Uwe schwänzt auch dort. Nach zwei Monaten müssen seine Eltern ihn wieder abholen, weil er zu viel versäumt hat. Ohne Zeugnis, ohne Abschluss fahren sie gemeinsam wieder nach Hause.

Mit Beginn der 8. Klasse kommt er zum Schuljahr 1992/93 in die Lernförderschule, er hat ja seine Schulpflicht noch nicht erfüllt. Er wäre normalerweise kein Hilfsschüler gewesen, wenn er nicht so viel gefehlt hätte, meint seine Mutter.

Zu Beginn ist der hochgewachsene Junge zwei Jahre älter als die anderen Schüler. Er mischt die Klasse auf, lässt sich bewundern, gibt den Kasper. Aber immerhin geht er einigermaßen regelmäßig hin. Dann naht der Jahreswechsel 1992/93, und er bricht mit seinen Freunden in die Schule ein und stiehlt Computer. Uwe fliegt von der Schule.

Erste Gewaltdelikte

Aus den Diebstählen, den Einbrüchen und ersten Gewaltdelikten bildet der Jugendrichter eine Gesamtstrafe: vier Monate Haft ohne Bewährung. Im Februar 1993 muss Uwe seine Strafe im Knast Hohenleuben antreten. Den Böhnhardts ist das sogar recht. "Es wurde auch mal Zeit, so ging es nicht weiter, er brauchte einen Schuss vor den Bug", sagt die Mutter.

Aber sie halten zu ihm. Jede Woche besuchen sie ihren jüngsten Sohn im Gefängnis, und nach jedem Besuch beeilt sich der 15-Jährige, schnell zurück in der Zelle zu sein, um seinen Eltern noch zum Abschied zuwinken zu können.

Der Junge erzählt schockierende Geschichten von Männern, die Mitgefangene mit einem Besenstiel quälen, um sie gefügig zu machen. "Das hat ihn sehr, sehr belastet", sagt die Mutter. Er berichtet, dass er von zwei Mithäftlingen beschützt wird. Er zeigt auf ein Tattoo, dass ein Gefangener auf seinem Unterschenkel gestochen hat. Es ist ein Schriftzeichen, das ihn als Mitglied zu einer Knast-Gruppe ausweist, wie ein Brandzeichen auf einem Herdentier. Sein Schutzwappen.

Kriminelle Karriere

Im Juni 1993 wird Uwe aus dem Gefängnis entlassen. Noch im August 1993 wird er erneut verurteilt, zu einem Jahr und zehn Monaten Haft, dieses Mal wegen gemeinschaftlichen Diebstahls, Fahren ohne Fahrerlaubnis und Widerstand gegen einen Vollstreckungsbeamten. Vier Monate später gibt es ein zweites Urteil: zwei Jahre wegen Erpressung und Körperverletzung. Die Akten wandern hin und her, ins Gefängnis muss er vorerst nicht.

Er hat keinen Abschluss, er hat ein ellenlanges Strafregister, umgibt sich mit den falschen Freunden und hat damit alle Voraussetzungen, eine kriminelle Karriere einzuschlagen. Aber der Junge entscheidet sich anscheinend für einen anderen Weg, so sehen es die Eltern.

Uwe absolviert ein Berufsvorbreitungsjahr, schließt es mit fünf Dreien und zwei Zweien ab und besucht anschließend das Berufsbildungszentrum Jena, um eine Ausbildung zum Hochbaufacharbeiter zu beginnen. Er hält zwei Jahre lang durch, besteht die Prüfung vor der Handelskammer, 81 von 100 möglichen Punkten, Gesamtnote "gut". So steht es in der Urkunde, ausgestellt am 27. Juni 1996. "Da begann für uns eine Zeit der Hoffnung", sagt sein Vater. Uwe bekommt sein Leben in den Griff – so schien es.

Eine brandgefährliche Mischung

Doch gerade in dieser Zeit, ab 1994 etwa, freundet er sich mit den Rechten an, geht in den Jugendclub von Winzerla neben seiner Schule und lernt Menschen wie den NPD-Funktionär Ralf Wohlleben und den arbeitslosen Rechtsextremisten Uwe Mundlos kennen. "Er hat nicht alles erzählt", sagen seine Eltern heute. "Er wollte uns nicht wehtun." So erklären sie es sich. Sie sehen nur die eine Seite ihres Sohnes, der ein Jugendzimmer mit Dutzenden Wimpeln des FC Carl Zeiss Jena bewohnt, dem sie verbieten, verdächtige Fahnen aufzuhängen und Rechtsrock zu hören. Und neben den Wimpeln hängt der Fan-Schal, den seine Mutter ihm gestrickt hat. "Da war er noch nichts rechts", glaubt sie.

Doch der Verfassungsschutz führt ihn bereits ab 1995 in seinem Informationssystem als Rechtsradikalen. Böhnhardt mischt kräftig mit, ist aktiv in der "Kameradschaft Jena" als Vize seines Kumpels André Kapke, der im Hochhaus nebenan wohnt. Mitte der 90er-Jahre besucht er Stammtische des "Thüringer Heimatschutzes" (THS), einer rechtsextremen Organisation. Er gilt als Waffennarr und gewaltbereit, als er mit der hasserfüllten Ideologie in Berührung kommt. Eine brandgefährliche Mischung.

Puppe von einer Autobahnbrücke gehängt

Uwe entwickelt ein zweites Leben. Die Eltern wollen es ihm abspenstig machen. Nach dem Ausbildungsabschluss kaufen sie ihm ein Auto, einen roten Hyundai, er sollte mobil sein, wenn er einen Job findet. Die Mutter hat einen Traum: "Er wird irgendwo auf eine Baustelle geschickt, ganz weit weg, möglichst noch in den alten Bundesländern, und lernt dort ein Mädchen kennen, verliebt sich und kriegt die Kurve. Die Eltern können doch reden, was sie wollen. Ein Mädchen macht da manchmal ganz viel aus."

Doch Uwe Böhnhardt findet keinen Job. Einmal fängt er zur Probe in einem Bauunternehmen in Eisenach an, wird krankgeschrieben und fliegt sofort wieder raus. Beim nächsten Job bleibt er auch nur ein halbes Jahr, schließlich landet er für eine Woche sogar in einer Drückerkolonne und verkauft Zeitschriften.

Eltern mochten seine Freundin Beate

Im Frühjahr 1997 kassiert er das nächste Urteil wegen Volksverhetzung, es geht um den Vertrieb von Rechtsrock-CDs. Dann soll er eine Puppe von einer Autobahnbrücke gehängt haben, auf der ein Judenstern klebte und die Aufschrift "Vorsicht, Bombe!".

Die Böhnhardts sind entsetzt, stellen ihn zur Rede, doch Uwe streitet alles ab. Ich war’s nicht, fertig. "Ich habe ihn gefragt: Kennst du denn überhaupt einen Juden, irgendeinen? Weißt du, wie sie aussehen? Erkennst du Juden? Wie kommst du denn auf diese Ideen?", fragt Frau Böhnhardt. "Ach Mutti, hör auf jetzt, ich geh jetzt hinter", erwiderte er nur. Dann steht er auf und geht "hinter", in sein Zimmer.

Beinahe täglich trifft er sich mit seinen arbeitslosen Freunden André Kapke, Uwe Mundlos und Ralf Wohlleben. Und mittlerweile ist auch seine Freundin Beate dabei, eine nettes Mädchen, wie die Eltern finden, sie mögen sie. Dass auch sie den rechten Wahnideen anhängt, wüssten sie nicht, sagen sie.

Wie sollen sie kämpfen?

Und dann geht es wieder von vorne los, das Nichtstun, das Warten, die Treffen mit den Freunden, die auch keine Perspektive sehen. Und von Führer, Volk und Vaterland schwafeln.

Die Eltern versuchen durchzudringen, sie reden auch viel mit Uwe Mundlos, der "intelligenter und vier Jahre älter war", wie sich Brigitte Böhnhardt erinnert. Er habe dann irgendwann gelächelt und gesagt: Ich glaube, wir hören jetzt auf mit der Diskussion. Mundlos sei ihm total überlegen gewesen, Uwe Böhnhardt habe alles geglaubt, was der große Uwe ihm gesagt hat, sind die Eltern überzeugt. Der eine ist der Kopf, der andere die Faust, denken sie.

Was sollen sie tun? Wie sollen sie kämpfen? Sollen sie überhaupt? Ein Richter knallt den Eltern bei einer Verhandlung in Gera an den Kopf: Warum schmeißen Sie den Kerl nicht raus? "Der konnte es nicht fassen, dass wir bei jedem Verhandlungstag dabei waren, um ihn moralisch zu unterstützen. Da habe ich gesagt: Glauben Sie wirklich, eine Mutter ist glücklicher, wenn ihr Sohn unter der Brücke lebt?"

Polizei kommt regelmäßig ins Haus

Wer hat recht: der Richter, der eine klare Abgrenzung vom faschistischen Gewalttäter fordert, oder die Mutter, die lieber in ihrem Zuhause auf den Sohn einwirken will? Wo muss Elternliebe an Grenzen stoßen, ab wann kann man seinem Kind nicht mehr verzeihen? Gibt es diese Grenze überhaupt? Und wenn ja, haben Böhnhardts sie nicht gesehen?

Die Polizei kommt nun regelmäßig ins Haus, sucht nach Waffen, Diebesgut und Propagandamaterial. Die Eltern fühlen sich bedrängt, ihnen wird ja nichts zur Last gelegt. Einmal holen die Beamten die Lehrerin aus der Schule, mitten im Unterricht, vor der Tür stehen Polizeiwagen. "Da habe ich gefragt: Empfinden Sie das nicht als Sippenhaft? Müssen Sie mich auch noch zerstören? Was habe ich denn getan?" Sie fühlt sich gekränkt, empfindet den Einsatz als eine "völlig unnötige Machtdemonstration". Aber die Eltern lassen Uwe weiter bei sich wohnen, weil sie ihn nicht völlig aus den Augen verlieren wollen. Sie wollen doch kämpfen.

Zurück bleiben seine Eltern

An 26. Januar 1998 verlieren sie den Kampf. Es ist die vorerst letzte Durchsuchung, bei der Uwe dabei ist. Zuerst filzen die Beamten die Wohnung und beschlagnahmen den Computer, ein bisschen Haushaltsknete und Isolierband. Dann gehen sie zunächst in eine Garage neben der Wohnung der Familie, in der sie nichts finden. Uwe Böhnhardt bringt die Beamten noch zu einem zweiten Garagenkomplex; dann verabschiedet er sich von den Fahndern. Ungehindert steigt er in sein Auto und fährt in aller Seelenruhe weg. Erst jetzt öffnen die ahnungslosen Polizisten die Garage – und finden eine funktionsfähige Rohrbombe mit etwa 1,5 Kilogramm TNT.

Die Staatsanwaltschaft schreibt ihn und weitere Verdächtige zur Fahndung aus, aber Uwe bleibt verschwunden. Ein Bekannter stellt irgendwann den Hyundai vor die Tür und wirft kommentarlos die Schlüssel in den Briefkasten. Das Leben im Untergrund beginnt. Und keine zwei Jahre später auch das Morden und Rauben, die Gründung der NSU.

Zurück bleiben seine Eltern, ratlos, was sie denken und fühlen sollen. "Er hatte zwei Leben, eins für zu Hause, eins für seine Freunde", sagt Brigitte Böhnhardt. "Er wollte uns nicht verletzen, er hat uns nichts erzählt."

Gegen die bürgerliche Existenz

In der Konsequenz hieße das: Uwe hatte eine Entscheidung getroffen. Gegen die bürgerliche Existenz, die ihm seine Eltern vorlebten, für ein Leben mit Gewalt und Freunden, die, genau wie er, zu allem bereit sind. Uwe bricht mit seinen Eltern. War es ihm zu Hause zu stickig geworden, zu eng? Oder hatte die Familie gegen die Freunde nie eine Chance? Und was wäre davon die tröstlichere Variante?

In der ersten Zeit haben die Eltern noch Kontakt mit dem Flüchtigen. Wenige Wochen nach seiner Flucht liegt ein Zettel im Briefkasten, darauf ist ein Ort vermerkt, eine Telefonzelle vor dem Arbeitsamt, ein Datum und eine Uhrzeit. Es würde dort klingeln.

Die Eltern stellen sich vor die Zelle, es klingelt und Uwe ist dran. "Für uns war das eine große Erleichterung, dass er wenigstens noch lebt", sagt sein Vater. Sofort versuchen die beiden, ihn zur Aufgabe zu überreden: Stellt euch, wir unterstützen euch, das hältst du durch. Uwe heult, sein Vater heult, seine Mutter. Aber er will nicht. Zwei bis drei Mal kommt so ein Kontakt zustande, dann bricht er ab.

Auf ein neues Leben gehofft

Sein Zimmer haben sie aus- und umgeräumt, alte Akten nach vielen Jahren weggeworfen. Seine Mutter malt sich aus, dass er aus Deutschland abgehauen ist, ganz weit weg lebt, in Australien oder so, vielleicht ganz neu angefangen hat. "Ich habe gehofft, dass er ein neues Leben hat. Dass er arbeitet, Geld verdient, vielleicht eine Familie gegründet hat. Damit habe ich mich auch getröstet, indem ich mir sagte: Okay, dann weißt du jetzt nichts davon, kannst nicht an seinem Leben teilnehmen, aber vielleicht geht’s ihm gut."

Am Samstag, den 5. November 2011, war die Flucht zu Ende, für Uwe und für seine Eltern. Morgens um sieben Uhr klingelte das Telefon. Frau Böhnhardt ging ran.

"Hallo, hier ist Beate", sagt eine Stimme."Wer?", fragt sie. "Ich bin’s, Beate. Beate Zschäpe." "Beate? Wie geht es Uwe?" "Der Uwe kommt nicht mehr." "Wollt ihr euch stellen? "Nein." "Ist er tot?" "Ja."  

Unser Uwe?

In den Nachrichten gibt es kein anderes Thema mehr. Die Eltern hören und lesen, sind verwirrt und ungläubig. Unser Uwe? Bald klingeln zwei Polizisten des LKA und fragen, wann die beiden Uwe das letzte Mal gesehen haben und dass er wahrscheinlich tot sei, die Identifizierung der Leiche stehe aber noch aus. Der andere Tote im Wohnmobil sei definitiv Mundlos.

Mit jedem Tag kommen neue Schreckensmeldungen über die NSU heraus, ihre Taten, ihre Helfer, die Polizeipannen, die Opfer, die Angehörigen. Es dauert lange, bis die Eltern sich eingestehen können, dass es wahr ist.

Dass Uwe wahrscheinlich mitgetötet hat, selbst Menschen ermordet hat. Das ist doch nicht mein Sohn, das geht nicht, denkt Brigitte Böhnhardt. "Aber nun muss ich es ja glauben." Und beim Blick auf die Jugendfotos, die noch vor ihr liegen, ist ihr das Unverständnis aus den blauen Augen zu lesen.

Sollen die Eltern um Verzeihung bitten?

Natürlich bleiben Fragen: Was genau wusste der Verfassungsschutz? Welche Pannen hat die Polizei zu verantworten? Hatten die drei womöglich Komplizen bei den Behörden, wurden sie gedeckt? Das sind Fragen, die sich stellen, und die Eltern klammern sich an diese Fragen, weil sie Linderung versprechen: Da gab es Mitwisser, Mittäter, vielleicht sogar Drahtzieher. Das waren nicht nur ihr Sohn und seine Freunde. "Das muss alles aufgeklärt werden!", fordert der Vater, und eine senkrecht verlaufende Zornesader auf seiner Stirn schwillt an.

Die Böhnhardts wissen auch, dass die Angehörigen der Opfer das schlimmste Schicksal erleiden mussten. Sie tun ihnen leid, sie haben harte Jahre hinter sich, sagen sie. Aber wie kann sie sich mit deren Leid auseinandersetzen? Sollen die Eltern um Verzeihung bitten? Können Sie das überhaupt? "Ich könnte das selber niemanden verzeihen, wenn man meinen Vater oder meinen Mann umbringen würde", sagt Brigitte Böhnhardt. "Außerdem haben wir ja nichts getan. Wie soll man so etwas denn verzeihen? Das tut mir so leid", sagt die Mutter.

"Da ist oftmals ein Chaos bei uns im Kopf"

Aber sie ist doch nicht schuldig, oder? Was will man ihnen denn vorwerfen, außer, dass die beiden ein Kind großgezogen haben, das bis zum 14.Lebensjahr funktioniert hat und dann nicht mehr? Kann man ihnen das vorwerfen? "Wissen Sie, wie schlimm das ist, sich vorzustellen: Das ist mein Sohn, der hat das gemacht? Das kann man niemandem begreiflich machen."

Seit diesem 5. November kreisen die Gedanken nur um die eine Frage: Warum? "Ich denke mal, das ist in dem Moment das Gefühl der absoluten Macht. Ich entscheide, wer lebt und wer nicht", sagt seine Mutter. Wieso hat er das gemacht? Sie schweigen, senken den Blick, die Schultern hängen herunter. "Da ist oftmals ein Chaos bei uns im Kopf", sagt sein Vater.

"Er bleibt unser Sohn"

An Uwe Böhnhardt erinnert nur noch wenig in der Wohnung. Ein paar selbst gebastelte Geschenke stehen im Wohnzimmer, Andenken an einen schüchternen Jungen. So war er auch, früher. "Fotos anzusehen ist schwer", sagt Brigitte Böhnhardt. "Wenn er leben würde ..." fängt sie an. "Wir könnten ihn wahrscheinlich nicht mehr drücken oder in den Arm nehmen, weil ich mir immer vorstelle, er hat Menschen getötet. Dann hätten wir ihn nicht mehr zurückgenommen und ihm geholfen."

Aber auch: "Er bleibt unser Sohn."

Aus dieser Zerrissenheit finden sie keinen Ausweg. Sie irren umher in einem Labyrinth aus Gefühlen, sie hasten durch Schuld, Abscheu, Verzweiflung und Trauer, alles mischt sich zu einem wabernden Gefühlsnebel und betäubt sie. Chaos im Kopf. Dürfen sie Uwe noch lieben – müssten sie ihn nicht verstoßen und ausgrenzen?

Trauerfeier im engsten Familienkreis

Das Ende mit Schrecken nimmt den Böhnhardts die Entscheidung ab, wie sie mit einem lebenden Uwe umgehen würden. "Wenn er im Gefängnis sitzen würde, hätte ich ja nicht mal gewusst, ob ich ihn sehen will, ob ich ihn besuchen will. Ich hätte mich immer entscheiden müssen: Will ich ihn sehen, nachdem, was er getan hat?" Sie überlegt kurz.

"Wahrscheinlich nicht." Wie sie mit dem toten Uwe umgehen werden, haben sie schon festgelegt, jedenfalls, was die Formalien angeht. Sie wollen eine Trauerfeier im engsten Familienkreis, die Urne wird in einem anonymen Gemeinschaftsgrab beigesetzt, ohne Namensschild. Niemand soll dabei sein, niemand wissen, wo er liegt. Es soll kein Wallfahrtsort für Rechte werden und kein Ort, an dem Linke etwas zerstören könnten.

"Ich muss da nicht jeden Tag hinlaufen, um zu trauern, ich denke sowieso jeden Tag an ihn", sagt seine Mutter.

Vielleicht können sie irgendwann mal vorbeigehen, hoffen die Eltern. "Es wird ja keine normale Trauer wie sonst, wenn jemand krank ist und stirbt, dafür ist das alles zu fürchterlich", sagt Brigitte Böhnhardt. "Wir müssen sehen, dass wir überleben." Ohne ihren Sohn. Und mit ihm.