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Geliebter Vater

Von Matthias Drobinski

Im Sommer 2000 erschießen die Neonazis aus Zwickau den Blumenhändler Enver Simsek. Seine Tochter Semiya ist da 14. Sie erlebt, wie der Tote nicht betrauert, sondern jahrelang verdächtigt wird. Eine unfassbare Geschichte aus Deutschland.

Dieser wunderbare Sommer ist ihr in Erinnerung geblieben. Du arbeitest zu viel, haben sie dem Vater gesagt. Immer nur das Geschäft, der Blumenhandel – und wir, die Familie? Ist doch alles für euch, hat Enver Simsek gesagt. Fürs Internat, für die Zukunft, das Haus in der Türkei, die Träume so fern. Und dann gibt er sich doch einen Ruck und nimmt sechs Wochen frei, den Juli bis weit in den August hinein, die ganzen Sommerferien lang. Sie fahren durch Deutschland, die Eltern, die beiden Kinder. Ihr sollt das Land kennenlernen, sagt er. Sie übernachten bei Verwandten, Fleisch und Fisch liegen auf dem Grill; grillen kann keiner wie Enver Simsek. Jeden Montag fährt er nach Venlo in die Niederlande, Blumen ersteigern, auch in diesen Ferien, denn das überlässt er ungern anderen. Dienstags ist er dann wieder da, und der Himmel ist hoch und hell in diesen letzten gemeinsamen Tagen.

Die Details des 9. September 2000 dagegen verklumpen sich in der Erinnerung von Semiya Simsek zum Albtraum. Es ist Samstagnacht, sie ist im Internat in Aschaffenburg, 14 Jahre alt. Sie wird geweckt, der Onkel werde sie gleich abholen, heißt es. Sie fahren nach Nürnberg, Papa ist krank, sagt der Onkel.

Sie steht dann in der neonbeleuchteten Betriebsamkeit der Intensivstation und weiß nicht, wie ihr geschieht; die Mutter wird gerade von der Polizei verhört. Sie darf ans Krankenbett, sie sieht das zerstörte Gesicht des Vaters. Der Boden schwankt. Am Montag dann stellen die Ärzte die Herz-Lungen-Maschine ab. Acht Schüsse haben Enver Simsek, den Blumengroßhändler aus dem hessischen Schlüchtern, getötet. Geschossen haben vermutlich zwei Personen aus einer Pistole des Kalibers 6,35 und einer Ceska 83 auf den 39 Jahre alten Mann, der in einer Parkbucht an der Ausfallstraße Blumen verkaufte, er war eingesprungen für seinen kranken Verkäufer.

Enver Simsek ist das erste Opfer einer in der Bundesrepublik beispiellosen Mordserie. Erst jetzt, elf Jahre später, weiß seine Tochter, dass die Täter mutmaßlich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardtheißen. Dass sie aus Fremdenhass töteten, dass ihr Vater offenbar sterben musste, weil er dunkle Haare und dunkle Augen hatte und einen Namen, der fremd klingt in Deutschland. Sie weiß seit einem Monat, dass die Familie recht hatte, als sie dies vermutete. An jenem Freitag, da dies offenbar wird, ist die Familie vor dem Fernseher versammelt, das Fußball-Länderspiel Kroatien-Türkei fängt gleich an. Dann platzt die Nachricht herein: Die Mörder sind gefunden. Es ist eine Wahrheit, die frei und krank macht.

Die Trauer um den Vater beginnt von neuem; hinzu kommt nun der Zorn auf die Ermittler, die bis zuletzt an dem Verdacht festhielten, die Opfer könnten sich die Taten selber zuzuschreiben haben. Drei Wochen konnte Semiya nicht arbeiten, jetzt tastet sie sich ins Leben zurück. Geht schon, sagt sie.

Es ist schlimm, wenn einem der Vater stirbt; es ist doppelt schlimm, wenn er Opfer eines Verbrechens wird, das in die Hülle des Privaten eindringt und zerstört, was da sicher zu sein schien. Noch einmal traumatisierend ist es, wenn die Opfer einer solchen Tat nicht Opfer sein dürfen. Wenn ihnen statt Mitleid und Solidarität Distanz und Misstrauen entgegenschlagen, wenn kein Kriseninterventionsteam kommt und nicht die Opferschützer vom Weißen Ring vor der Tür stehen, sondern der nächste Kriminalkommissar mit dem nächsten Verhör.

Das Misstrauen spaltet die Verwandtschaft, zerstört Freundschaften, kriecht am Ende in einen selber: War mein Vater der, als den ich ihn kannte?

Semiya Simsek ist jetzt 25 Jahre alt und eine hübsche Frau mit langen Haaren. In einer Jugendeinrichtung in Frankfurt hat sich die Sozialpädagogin jene Mischung aus Charme und Resolutheit zugelegt, die man braucht, um dort zu bestehen. Sie hat nördlich der Stadt eine Zwei-Zimmer-Wohnung gemietet und fliederfarbene Blumen auf die Wand gegenüber der fliederfarbenen Einbauküche geklebt; zwei Cousinen haben heute hier übernachtet und kabbeln sich mit Semyas Bruder, der zum Frühstück gekommen ist. Sie hält die Familie zusammen. Die Mutter ist jetzt oft in der Türkei, in dem Haus, das ihr Mann gebaut hat und in dessen Garten nun so viele Blumen blühen. Enver Simsek hat die Blumen geliebt, mit denen er handelte, sagt die Tochter. Und dass zum Glück die Antidepressiva jetzt bei der Mutter gut wirken.

Familienfotos. Auf dem blassgelben Plastikdeckel des Albums ein Aufkleber mit schmutzigem Rand: „Kripo Nürnberg. K 42. Objekt 15.“ Es war alles beschlagnahmt, sagt Semiya Simsek. Ein schmaler Mann sitzt da ein bisschen schüchtern und schaut ernst in die Kamera, seine Tochter auf dem Schoß, dahinter seine Frau mit dem Kleinen, selbstsicherer. „Letztlich wusste meine Mutter, wo es lang ging“, sagt die Tochter.

Enver Simsek zieht 1986 seiner Frau hinterher nach Deutschland, da ist sie schwanger. Er arbeitet fleißig in seiner neuen Heimat. Jeden Montag sitzt er in Venlo im Aktionsraum der Blumenbörse, der einem Hörsaal gleicht; vorne zeigt einer die Blumen, dann zählt die große Uhr an der Stirnseite rückwärts, je länger man wartet, desto niedriger ist der Preis, wartet man zu lange, sind die Blumen weg. Man muss sich auskennen und gute Nerven haben. Enver Simsek kann das. Erst kauft er nur für sein kleines Geschäft in Schlüchtern, bald beliefert er auch andere.

Die Fotos im Album erzählen vom Aufstieg in türkische Bürgerlichkeit. Ein Picknick auf hessischer Streuobstwiese, im Hintergrund beugt sich Enver Simsek im lachsfarbenen Hemd über den Grill. Eine staubige Baustelle in der Türkei: das Traumhaus. Eltern, Kinder, Onkel, Tanten beim abendlichen Fastenbrechen im Ramadan vor gutem Geschirr. Enver Simsek hat an Umfang und Selbstbewusstsein zugelegt; da lächelt einer in die Kamera, der etwas vorzuweisen hat.

Dann das Ehepaar bei der Hadsch, der Wallfahrt nach Mekka, sie mit Schleier, er im weißen Gewand, beide sich zärtlich berührend. Er war ein frommer Mann, sagt die Tochter, Alkohol hat er nicht angerührt, die Familie war das Wichtigste, und hilfsbereit war er auch. „Am Samstag kann ich nicht arbeiten“, sagt in jenem September einer seiner Blumenhändler. Kein Problem. Enver Simsek springt ein. Sein Tod, ein furchtbarer Zufall.

Da liegt also ein Mann zwischen Rosen, Tulpen und Narzissen in seinem Blut und gibt den Ermittlern Rätsel auf. Das Geld, das hinten im Mercedes-Lieferwagen liegt, haben die Täter nicht mitgenommen, ein Raubmord kommt nicht in Frage. Eine Beziehungstat? Eifersucht, Habgier, Neid, das ist oft ein Grund, warum ein Mensch den anderen tötet. Enver Simsek ist das erste Opfer der Mordserie. So kann man verstehen, dass die Kriminalpolizei in jede Richtung ermittelt.

Aber auf diese Art und Weise?

Envers Frau und die Mutter sollen den Mann beiseitegeschafft haben, um das Geschäft zu übernehmen, lautet der Verdacht, gedeckt ist er durch nichts. Als die Tochter in Nürnberg auf der Intensivstation vor ihrem sterbenden Vater steht, gilt die Mutter als Hauptverdächtige. Die These zerschlägt sich. Aber sie wirkt. Die Familie des Vaters nimmt Abstand von der Familie der Mutter, bis heute.

Wenn ein Mensch getötet wird, muss der Staat die Tat aufklären, mit aller Kraft, sonst bricht er sein Versprechen, Leben und Würde der Menschen zu schützen. Wenn so wenig klar ist wie nach den Schüssen von Nürnberg, muss die Staatsanwaltschaft, wie es heißt, in alle Richtungen ermitteln. Gibt es eine Geliebte, Schulden, dunkle Geschäfte? Oder wollte jemand nur deshalb seinen Tod, weil er Menschen, die aussehen wie Enver Simsek, für lebensunwert hält?

Auch darüber denken die Ermittler offenbar am Anfang nach. Zumal es bald weitere Tote gibt, die die These vom ausländerfeindlichen Motiv stützen könnten. Die Kugeln aus der Ceska treffen einen Schichtarbeiter, der in einer Schneiderei aushilft; nichts verbindet ihn mit Enver Simsek, außer: der Herkunft aus der Türkei. Es stirbt ein Obsthändler in Hamburg-Bahrenfeld und einer in München, dann ein Türke, der in Rostock in einem Döner-Imbiss aushilft. „Für uns Türken war klar, hier hasst einer Ausländer“, sagt Semiya Simsek. Wo die Botschaft ankommen sollte, kommt sie an, auch ohne Selbstbezichtigungsschreiben: Fürchtet euch. Ihr seid gemeint.

Die Polizei aber verfolgt eine andere Spur. Mordopfer Nummer drei hat Freunde im Hamburger Milieu, er selber ist allerdings nie angezeigt worden. Und Mordopfer fünf hielt sich illegal in Deutschland auf, hier vermuten die Polizisten Verbindungen in die Rauschgiftszene. Irgendeine türkische Mafia hat hier die Hände im Spiel, heißt es. Der tote Blumenhändler, brachte er nur Tulpen mit aus Venlo? Vom vierten Mord an fehlen die Patronenhülsen – deutet das nicht auf einen Profikiller hin? Wenn man sieht, was man sehen will, dann ordnen sich die Details. Der nächste Mord geschieht wieder an einem Dönerstand; in der Nähe des Tatortes in Nürnberg werden verdächtige Männer mit Fahrrädern gesehen. Türkische Drogenhändler aus den Niederlanden, mutmaßt die Polizei. In den Medien taucht das Wort vom „Dönerkiller“ auf; das klingt billig und fettig. Der nächste Tote ist ein Grieche, Theodoros Boulgarides. Eine Zeitung titelt: „Türken-Mafia schlug wieder zu.“

Die Rauschgift-Mafia. Die Blumen-Mafia. „Haben Sie schon einmal vom Blumenschmuggel gehört?“ fragt Semiya Simsek und schüttelt den Kopf. Später die Internet-Mafia, weil ein Mann im Internetcafé stirbt. Und dann die Wett-Mafia – die 160 Beamten, die zwischenzeitlich in dem Fall ermitteln, entdecken unter den Bekannten eines Bekannten eines Opfers einen, der Beziehungen ins Fußball-Zocker-Milieu hat.

So stirbt auch die bürgerliche Ehre des Enver Simsek, auch die der Witwe, auch die der Kinder. Alles wird nach Rauschgift abgesucht. Zu Semiyas Mutter kommen Polizisten, legen das Foto einer blonden Frau vor: Das sei die Freundin ihres Mannes. Zwei Kinder habe sie von ihm. Haben Sie das nicht gewusst? Sie könne sich das nicht vorstellen, sagt die Mutter, aber wenn es so sei, würde sie diese Frau gerne kennenlernen, dann müsse doch jetzt den Kindern geholfen werden. Sie hört nie wieder etwas von der angeblichen Geliebten. Wohl aber später, dass auch den anderen Frauen der Mordopfer Fotos von blonden Frauen vorgelegt wurden. Mal ist es eine Geliebte, mal eine Prostituierte.

Normale Ermittlungen, hilflose Beamte, Ausländerfeindlichkeit? „Immer wurde uns vorgeworfen, dass wir nichts sagen, eine Mauer des Schweigens aufbauen“, sagt Semiya Simsek, „weil wir Türken sind. Dabei hatten wir doch tatsächlich nichts zu erzählen.“ Wobei es stimme, dass viele Türken schweigsam würden, wenn die Polizei an der Tür klingelt. In der Türkei ist die Polizei berüchtigt.

Oliver Bendixen, Polizeireporter des Bayerischen Rundfunks, hat im Frühjahr 2010, knapp zehn Jahre nach dem ersten Mord, Fahnder befragt, wie sie die Mordserie einschätzen; die Sendung, die daraus entstand, ist ein Zeitdokument. Ein einziger Polizist sagt, dass er einen ausländerfeindlichen Hintergrund vermute. Die anderen verfolgen andere Thesen. Ein Profiler aus Baden-Württemberg, der sich mit der Psychologie der Täter beschäftigt, sieht die Sache so: Da gibt es eine kriminelle Organisation, innerhalb der „ein sehr rigider Ehrenkodex beziehungsweise ein rigides inneres Gesetz besteht“. Die Opfer haben irgendwie mit dieser Organisation zusammengearbeitet und dann einen Fehler gemacht, der „möglicherweise dem Opfer hinsichtlich seiner Bedeutung auch gar nie so richtig bewusst war.“ Wegen dieses Ehrenkodexes habe das Opfer sterben müssen.

Wie das ist, elf Jahre mit dem falschen Verdacht gegen den toten Vater zu leben? Semiya Simsek zieht die Pulloverärmel über die Hände. Dann erzählt sie. Von der Angst, die niemand ihr nimmt, dass der Mörder auch zu ihnen kommen könnte. Wenn sie als Jugendliche abends mit Freundinnen ausgeht, ruft die Mutter immer wieder an, bis sie genervt das Handy ausschaltet, was die Mutter an den Rand des Wahnsinns treibt. Sie erzählt vom wirtschaftlichen Niedergang: Ein Onkel übernimmt das Geschäft, glücklos. Wer kauft bei einem, dem man Mafia-Kontakte nachsagt? Und sie erzählt, wie die Leute tuscheln. Bis Semiya nur noch sagt: Mein Vater ist tot, wenn einer fragt. Mehr nicht. Es ist eine Jugend ohne einen Vater, den sie bewundern kann.

„Gehen wir spazieren?“ fragt sie.

Sie muss raus, bevor ihr die Geschichte wieder zu nahe kommt, dabei hatte sie einigermaßen Frieden gemacht mit ihr. Es war ein Psychopath, der Ausländer hasste, hat sie sich gesagt. Und 2006, als die Mordserie endete, ist er gestorben. Damit kann sie damals leben. 2006 demonstrieren die Angehörigen des letzten Mordopfers aus Kassel, weil sie finden, dass die Polizei zu lasch und in die falsche Richtung ermittelt. Semiya fährt hin, redet mit Journalisten, tritt im Fernsehen auf. Sie nimmt ihre Geschichte in die Hand.   Nur jetzt, da sich alles offenbart, hat sie sie nicht mehr im Griff, die Geschichte vom grausamen Tod ihres geliebten Vaters, des Blumenhändlers Enver Simsek.

Jetzt, wo Bundespräsident Christian Wulff sie einlädt und ihr zuhört. Jetzt, wo der türkische Außenminister sie trifft. Und während des Spaziergangs der türkische Konsul anruft, ob auch alles in Ordnung sei.

Semiya Simsek sagt: Mein Vertrauen ist weg. Das Vertrauen in das Land, in die Polizei. Sie hat das Video angesehen, das die Mörder ihres Vaters produziert haben, sie hat, präsentiert von Paulchen Panther, Enver Simsek da liegen sehen, ihren Vater in seinem Blut; sie hätte es besser nicht getan. Auch die Angst ist wieder da vor Nachahmern, „bei den Neonazis sind die toten Terroristen doch Helden“, sagt sie. Sie überlegt, in die Türkei zu ziehen, in dieses fremde vertraute Land, für ein paar Jahre.

Eines aber möchte sie auf jeden Fall: Als Nebenklägerin Beate Zschäpe in die Augen sehen, der Überlebenden des Terror-Trios. Und ihr nur eine Frage stellen: Warum habt ihr das getan?

Die Täter sind wohl gefunden. Es ist dies nun eine Wahrheit, die frei macht – und krank.

Jetzt lädt der Bundespräsident sie ein und hört zu. Sie sagt: „Mein Vertrauen ist weg.“

Jeder Name ein Opfer, ein Leid. Langsam wird klar, wie sehr die Hinterbliebenen durch die falschen Ermittlungen verstört wurden.