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Lebenslänglich

Von Katrin Bischoff und Jens Blankennagel

28 Jahre lang fühlt sich René S. aus dem brandenburgischen Rathenow von seinen Eltern drangsaliert. Dann tötet er sie. Er wollte endlich seine Ruhe haben, sagt er.

RATHENOW. Er ist mager, blass, unscheinbar. Ein schüchterner junger Mann, der seinen Blick stets senkt, wenn er angesprochen wird. René S. hat immer bei seinen Eltern im brandenburgischen Rathenow gelebt. Sein enges Zimmer, in das gerade mal ein Bett, ein Schrank und ein Stuhl passen, liegt direkt neben dem Schlafzimmer der Eltern. Er besitzt noch nicht einmal einen eigenen Haustürschlüssel. Wenn René S. morgens zur Universität fährt, schließt sein Vater ihm das Tor auf und verriegelt es hinter ihm wieder. Abends lauert der Vater bereits hinter der Hecke, um seinen Sohn wieder ins Haus zu lassen. René S. hat noch nie Freunde gehabt oder eine Freundin. Er geht zu keiner Party, selbst die Semesterferien verbringt er mit den Eltern. Er lebt in diesem Haus fast wie in einem Gefängnis. Zweimal versucht er auszubrechen. Beim ersten Mal will er sich das Leben nehmen. Er scheitert. Beim zweiten Mal gelingt ihm der Ausbruch auf makabere Weise. Im Juni des vergangenen Jahres bringt er seine Eltern um und zerstückelt die Leichen mit einer Kettensäge.

René S. ist 28 Jahre alt. Seit vier Wochen muss er sich vor dem Landgericht in Potsdam wegen zweifachen Mordes verantworten. Auch an diesem Donnerstag führen ihn Justizbedienstete in Handschellen in den Saal. S. trägt die gleiche Kleidung wie an all den anderen Verhandlungstagen. Ein helles Sweatshirt und eine helle Hose. Er sitzt neben seinen beiden Verteidigern, den Mund zu einem Strich gepresst. Er hat gesagt, was gesagt werden musste.René S. hat nie geleugnet, seine Eltern getötet zu haben. Emotionslos hat er den Richtern von seinem fremdbestimmten Leben erzählt. Vom fehlenden Mut, einfach seine Sachen zu packen und weit weg von den Eltern sein eigenes Leben zu beginnen.

Diese Kälte

Es war kein Hass, der den intelligenten jungen Mann dazu brachte, Mutter und Vater zu töten. "Ich wollte nur endlich meine Ruhe haben", sagt René S. Selbst den Berliner Psychiater Alexander Böhle der ihn begutachtet hat, hat die Kälte des jungen Mannes überrascht. Unheimlich akribisch, ja zwanghaft habe S. von dem Geschehenen erzählt. Von den Taten, die niemand begreift, wenn er das Leben dieser Familie nicht kennt. "Ein trauriges Schicksal", sagt Böhle.

Das Doppelhaus in der Schillerstraße steht in der Waldstadt, die früher einmal Frontkämpfer-Siedlung hieß und für Invaliden des Ersten Weltkriegs gebaut wurde. René S. wird am 39. Geburtstag seines Vaters geboren - mit Klumpfüßen. Er bleibt zunächst im Krankenhaus, wird operiert. Ohne den ersehnten Erfolg. Noch heute ist er behindert.

Vater Detlef ist Schlosser in der Wohnungsverwaltung. Mutter Sabine, eine ehrgeizige Frau, hat Chemie studiert. Sie arbeitet im nahen Chemiefaserwerk als Abteilungsleiterin. Renés Eltern haben wenig Kontakt zu den Menschen in der Siedlung, niemand kommt, um ihnen zu der Geburt des Sohnes zu gratulieren. Sie zeigen das Baby auch nicht herum, wie es stolze Eltern tun. Die Nachbarn wundern sich nur, dass der Kinderwagen stundenlang im Garten steht und sich niemand um das weinende Kind kümmert.

Der Junge wächst allein auf. Nie darf René S. in einen Kindergarten. Seine Mutter erzieht ihn zu Hause nach Lehrbüchern, sie wacht wie eine Glucke über ihn, sie ruft ihn Hasilocke. Auch in der Schule findet er keine Spielkameraden. Seine Eltern bringen ihn zum Unterricht und holen ihn wieder ab. Mitschüler hänseln ihn wegen seiner Behinderung. Auf dem Schulhof ist er immer allein. Nie wird er zu einem Kindergeburtstag eingeladen. Aber René ist ein guter Schüler. Seine Mutter ist zufrieden. Renés Notendurchschnitt liegt bei 1,2. In der fünften Klasse rutscht er auf 1,5 ab. Für seine Mutter eine Katastrophe. Sie kontrolliert nun noch stärker die Hausaufgaben des Sohnes, geht den Lehrstoff noch einmal durch. Das lässt erst nach, als der Junge aufs Gymnasium kommt.

Da sind seine Eltern längst arbeitslos. Sie sind im neuen System nie angekommen. "Die haben sich immer auf der Verliererseite gesehen", sagt der Nachbar aus dem Doppelhaus. Sie leben spartanisch, sie fahren nie in den Urlaub. Die Mutter hortet Konserven im Keller, die sie billig erworben hat. Die Schränke sind übervoll mit alten Kleidern der Schwiegereltern. Auch René S. läuft in Jogginganzügen herum und in Hosen, die ihm viel zu kurz sind. "Es ist mir ein Rätsel, wie man einen jungen Mann so auf die Straße lassen konnte", sagt ein anderer Nachbar.

Sabine und Detlef S. projizieren all ihre Hoffnungen auf den einzigen Sohn. Der soll es mal besser haben. René liebt Mathematik und Informatik. Zu Hause programmiert er Computerspiele. Er baut sich eine eigene Homepage auf, nennt sich dort Softwareexperte. Am liebsten aber möchte er Chirurg werden. Seine Mutter ist dagegen.

Sabine S. ist eine verbitterte, zänkische Frau geworden, die sich immer öfter mit den Nachbarn anlegt und sie wegen Kleinigkeiten anzeigt. Widerspruch lässt sie nicht zu. Ihr Sohn soll einmal einen ehrbaren und sicheren Beruf ausüben, soll Anwalt werden. Wenn er in Potsdam Jura studiert, kann er sogar weiter zu Hause wohnen. Und die Nachbarn werden sich wundern, wenn René sie einmal als Anwalt vertritt. Das Jura-Studium ist kein Wunsch der Mutter, es ist ein Befehl.

Der Sohn gehorcht. Mutter und Vater sind dabei, als er sich an der Uni einschreibt. Sie sind immer an der Seite ihres Sohnes. Selbst zum Arzt darf der junge Mann nicht alleine gehen. Behandlungen oder Gespräche unter vier Augen gibt es nicht. "René hat nie etwas gesagt, wenn er hier war", erinnert sich der Hausarzt der Familie. "Für ihn hat immer die Mutter gesprochen."

17 lange Semester quält er sich durch ein Studium, in dem die angehenden Juristen argumentieren und streiten müssen. S. kann das nicht, niemand hat ihm beigebracht, wie man eine eigene Meinung vertritt. Doch er traut sich nicht, einen Schlussstrich zu ziehen. "Ich habe immer gelernt, zu Ende zu führen, was ich angefangen habe", erklärt er. Zu Hause lügt er, dass er bereits das erste Staatsexamen abgelegt hat. Er zweigt von seinen Ersparnissen heimlich 15000 Euro ab für Computertechnik. Er träumt von einem Leben, das er nicht leben darf.

Der Student sieht nur eine Möglichkeit auszubrechen. Am 20. November 2009 kauft er sich ein Küchenmesser, schleicht sich auf den Dachboden der juristischen Fakultät, schneidet sich eine Pulsader auf und wartet, bis kein Blut mehr kommt. Dann ruft er den Notarzt.

Eine Woche bleibt René S. im Krankenhaus. Die Ärzte schreiben in ihren Bericht, dass sich die Eltern bei einem Besuch sehr betroffen, aber auch hilfsbereit gegenüber dem Sohn gezeigt hätten. Eine Fassade, wie der Psychiater Böhle sagt. In Wirklichkeit sind sie tief enttäuscht. Für sie ist eine Welt zusammengebrochen.

René S. fasst Mut und bricht das Studium ab. Aber er kehrt auch wieder zurück in die Familienfestung. Für seine Eltern ist er nun der "Versager vom Dienst". Weihnachten, Silvester und der gemeinsame Geburtstag mit dem Vater fallen aus. "Mutti war nicht in Stimmung", sagt René S. Und selbst der sonst so zurückhaltende Vater demütigt ihn schwer. Der Opa habe es im Zweiten Weltkrieg immerhin geschafft, sich umzubringen, sagt er zum Sohn.

René S. bleibt nicht untätig. Er bewirbt sich, will eine Ausbildung zum Finanzwirt machen. Er wird schließlich zu einem Bewerbungsgespräch nach Hamburg eingeladen. Für ihn ist es die letzte Chance zu entkommen. Am Tag der Reise, es ist der 9. Juni 2010, ist er guter Dinge. Doch schon beim Frühstück nörgelt der Vater, weil er ihn zum Bahnhof fahren soll: Nur seinetwegen müsse er so früh aufstehen, das sei doch sowieso sinnlos. Die Mutter schläft noch, als die Männer in den Keller hinabsteigen. Detlef S. will Kartoffeln holen, er nimmt ein Küchenmesser mit, um den Kartoffelsack aufzuschneiden. René S. braucht die Kühltasche. Im Keller fängt der Vater wieder an, seinem Sohn Vorhaltungen zu machen. Der kann es nicht mehr hören. "Sei ruhig", sagt er noch. Umsonst. Der Vater redet weiter. Es ist zu viel. "Bei mir hat es klick gemacht", sagt René S. Er greift nach dem Küchenmesser und sticht zu, immer wieder.

Erst im Bad kommt er wieder zu sich, er zieht sein durchgeschwitztes T-Shirt aus und denkt, dass er packen muss. Er will in sein Zimmer. Da wird seine Mutter wach, sie ruft ihn zu sich. "Suchst du deine Sachen zusammen?", fragt sie. Wozu? Die Fahrt sei reine Geldverschwendung. René S. kann es nicht mehr hören. Er will weg. Doch die Mutter ruft ihm hinterher, dass sie noch nicht fertig sei. "Es war dieselbe Leier wie im Keller", sagt René S. Aus dem Nachbarraum holt er einen Hammer. Er schlägt der Mutter mit mindestens fünf Schlägen den Kopf ein.

Für den Kriminalpsychologen Rudolf Egg passen die Taten durchaus in das Klischee vom ruhigen, verschlossenen Täter, von dem die Nachbarn später sagen: Das hätte ich nie gedacht, der war doch so nett. "Es gab offenbar einen enormen Wutstau bei dem jungen Mann, der sich Bahn gebrochen hat", sagt Egg. Wie bei jungen Amokläufern, die sich nie akzeptiert gefühlt haben. Sie fallen in der Schule nicht auf, sie werden übersehen, weil sie nicht aggressiv sind und nicht gebändigt werden müssen. "Wahrscheinlich gäbe es viel mehr solcher Täter, würden sie sich nicht vorher umbringen", sagt Egg. So wie es S. vergeblich versucht hat.

Der Kauf der Kettensäge

Der führt nun seine Tat zu Ende. Obwohl es für ihn laut Böhle "ein Horror" gewesen sein muss, funktioniert er wie ein Roboter. Erst wickelt er die Leichen in Malerfolie. Dann fährt er zum Bahnhof, nimmt den nächsten Zug nach Hamburg, schläft im Hotel und steht am nächsten Morgen pünktlich in der Finanzverwaltung. Gruppengespräche folgen, dann ein einstündiges Einzelgespräch. Gegen Mittag sitzt er wieder im Zug nach Rathenow.

Dann geht es weiter, immer weiter: Er kauft eine Kettensäge, macht Probeschnitte an Holzbalken, dann am linken Fuß des Vaters. Er zerlegt die Eltern, kauft sich einen Fernseher, um die Fußball-WM zu sehen. Weil die Leichen in der Sommerhitze schon stinken, stellt er im Haus Duftkerzen auf. Er schläft kaum, recherchiert im Internet, wie Krematorien funktionieren. Nachts verbrennt er die Reste des Vaters, am Tag zerstückelt er die Mutter. Den Nachbarn erzählt er, seine Eltern seien verreist. Doch die glauben ihm nach vier Wochen nicht mehr und holen die Polizei. Die findet Leichenteile der Mutter in zwei Plastikfässern im Schuppen. S. kommt in Haft. Erstmals seit Wochen kann er wieder schlafen.

Der Ausbruch aus dem elterlichen Gefängnis endet für René S. wieder hinter verschlossenen Türen. Gestern verurteilt ihn das Gericht wegen zweifachen Mordes. Lebenslänglich lautet die Strafe, die er nun in einem echten Gefängnis absitzen muss. Es sei ein Urteil, das man nicht unbedingt als befriedigend empfinden müsse, sagt der Richter.