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Theater im Schnellkochtopf

Von Johannes Bruggaier

Zwei Regisseure wollen die Kunst in den Bremer Jugendknast bringen – doch am Ende sind sie als Seelsorger gefragt.

Plötzlich ist alles still. Nur Enricos Stimme hallt von den Wänden wider: „Der glaubt, weil er für eine gefickte Zeitung schreibt, kann er scheiß Sprüche machen!“ Sein Körper schiebt sich zur Stuhlkante vor, Augen können tatsächlich blitzen, im Zweifel einfach ducken, ein Blick zum Gefängnishandy, für Alarm Taste drücken.

Dies ist die Geschichte von zwei Männern, die Kunst in den Jugendknast bringen wollen. Und es ist die Geschichte von acht Jugendlichen, die ganz andere Sorgen haben. Sie beginnt im Verwaltungstrakt der Justizvollzugsanstalt Bremen-Oslebshausen, ein mächtiger Backsteinbau aus dem 19. Jahrhundert, ehrfurchtgebietend. Dort, im kalten Flur, beschließen die Theaterkünstler Alexander Hauer (41 Jahre) und Felix Reisel (33), noch einmal auf Toilette zu gehen. Nicht einfach so, sondern ganz bewusst, als letzte Handlung vor dem Einsatz. Es ist, als wollten sie in einen Krieg ziehen.

„Man sollte“, erklärt Reisel mit belegter Stimme, „den Gefangenen niemals alleine begegnen. Mindestens zu zweit.“ Fünf oder auch nur drei Minuten Probe, ergänzt Hauer: Wenn ihnen das gelinge, wäre viel erreicht. Nur fünf Minuten Theater? Und danach? Hauer räuspert sich. „Abwarten“, raunt er. Seine Gesichtszüge sind angespannt, und es scheint, als spräche er nicht allein zu seinem Begleiter von der Presse, sondern ein bisschen auch zu sich selbst.

Rund 40 junge Männer sind im Jugendknast Oslebshausen inhaftiert. Acht von ihnen haben sich gemeldet: zur freiwilligen Teilnahme an einem Theaterprojekt. „Venice Beach“ lautet der Titel des Stücks, Hauer und Reisel haben es sich ausgedacht. Um den Knast soll es darin gehen, um Kraft und um Angst – so ist der Plan.

Ein Wärter öffnet die Tür. Die Wände sind hoch und kahl, auf dem Boden liegt graues PVC, in der Mitte steht ein Tischfußballspiel.Sie sind schon da.

Zum Beispiel Samir* mit den ernsten dunklen Augen. Dragan, ein stämmiger Draufgänger mit lauter Stimme. Oder auch Enrico, ein drahtiger Mann mit undurchsichtigem Mienenspiel.

„Wir haben euch etwas mitgebracht“, ruft Hauer. Er will gut gelaunt klingen. „Utensilien für unsere Koch-Szene. Wir können auf der Bühne einen Protein-Shake mixen.“ Es hat nicht den Anschein, als habe man darauf gewartet. „Protein-Shake? Und sonst nix zu essen?“, fragt Dragan gereizt. „Ihr wisst doch“, beschwichtigt Hauer: Nahrungsmittel mitbringen, das dürfen sie nicht. „Gefickt, ey!“, schreit Dragan und lacht. „Nix zu fressen, aber ‘n Shake fürs Theater!“ Vier bedienen den Kickertisch, drei erzählen sich Witze. „Helft ihr mir und Samir, den Tisch rüberzutragen?“, ruft Hauer freundlich. „Dragan, du vielleicht?“ – „Nenn‘ mich Führer!“ – „Also gut. Führer, könntest du?“ – „Ich hab‘ keinen Bock auf die Kinderkacke, Mann!“ Die Frage ist nicht, wie gut die Theatervorstellung wird. Die Frage ist, ob sie überhaupt zustande kommt.

Zuletzt, sagt Hauer, habe er im Erwachsenenvollzug gearbeitet. Dort sei ein Bewusstsein für den Wert der Übung spürbar gewesen: Theater spielen, um sich selbst die Eignung zu beweisen für das Leben nach der Haft. Die Gefangenen im Jugendknast sind höchstens 21 Jahre alt. Man denkt in diesem Alter nicht so sehr an die Zukunft, mehr an den Moment. „Wir können nichts anderes nehmen als das, was sie uns geben“, sagt Hauer. Viel ist es nicht, was sie geben.

Einer von ihnen erklärt sich bereit, den Koch zu spielen. Stellt sich an den Tisch, mixt den Protein-Shake. Dragan filmt ihn mit einer Kamera aus Luft – bis zur Premiere soll eine echte her. Und Samir spielt den Moderator: interviewt den Koch, begrüßt die Gäste. Für fünf Minuten haben drei Darsteller etwas getan, was sich mit gutem Willen als Probe bezeichnen ließe. Aber Knast, Kraft und Angst? Es bleibt viel zu tun, bis dieses Dreigestirn sichtbar wird.

Reisel ist trotzdem glücklich. Fünf Minuten, das sei schon was: „Wenn Enrico jetzt noch einen Text auf Band spricht, sodass wir ihn bei der Premiere abspielen können, dann ist der Tag gerettet.“Plötzlich der Ansturm auf den Mann von der Presse. Alle acht auf einmal. „Wissen Sie, was Sie schreiben müssen?“, fragt Enrico erregt und diktiert gleich die Antwort auf seine Frage. Dass ein Wärter ihn „scheiß Zigeuner“ genannt habe. Dass man hier Arrest bekomme, für Delikte, die nicht bewiesen seien. Dass sie ihm den Fernseher weggenommen hätten.

Reisel, der eben noch so optimistisch schien, wendet sich resigniert ab. Hauer sendet ihm wissende Blicke zu. Die Probe, sie scheint beendet.

„Ist alles wahr, was Enrico sagt!“, pflichtet ihm Dragan hastig bei. Das alles und noch viel mehr. Nur vier Scheiben Brot zum Abendessen. Heroinsüchtige, die kein Methadon bekommen. „Was gibt’s noch? Was gibt’s noch?“, ruft Dragan und ringt mit den Händen, als versuche er, die Missstände aus der Luft einzufangen. „Wir schlafen gleich neben der Toilette!“, schreit jemand: „Wo schon tausend Leute reingekackt haben!“ Hungerstreik und Selbstmorde habe es schon gegeben, aus Verzweiflung über die Zustände. „Erzählen Sie das den Menschen!“, befiehlt Enrico: „Sie sind für uns ein Licht in der Dunkelheit, eine Hoffnung!“ So sieht er das.

„Er hat seinen Text noch nicht auf Band gesprochen“, murmelt Reisel. Doch an Theater mag jetzt niemand mehr denken. Oder vielmehr: an „Venice Beach“. Denn Theater, meint Hauer, spielen diese Jugendlichen rund um die Uhr. Ihre Gesten, ihre Posen: eine einzige große Inszenierung, gelernt auf Hinterhöfen und in Tiefgaragen. Wozu da noch auf Regisseure hören? „Mal ehrlich“, sagt Dragan. Ein gutes Stück müsste von drei Dingen handeln: „vom Knast, von Kraft, von Angst. Nich‘ so ‘ne Kinderkacke wie das hier.“

Nein, sie brauchen Alexander Hauer und Felix Reisel nicht mehr als Lehrmeister. Von jetzt an brauchen sie die beiden als Menschen. Sozialarbeit statt Theaterregie, zuhören, statt Anweisungen geben.

Dass sich überhaupt jemand für sie interessiere: Das sei es nämlich, was ihnen eine Perspektive gebe, sagt Samir leise und blickt zu Boden. „Ich dachte nach dem ersten Mal, die kommen nie wieder.“ Die Intention des Stücks – völlig egal. Er sagt das so: „Intention“ und „Perspektive“.

Und dann erzählt Samir von seinem Studium. Tagsüber Vorlesungen an der Uni, ausgerechnet Jura. Abends in den Knast. Noch acht Monate, dann sei seine Strafe von zweieinhalb Jahren abgesessen. Er ringt mit den Worten, wenn er beschreiben will, was dieses Leben mit ihm macht. Was hier passiere, sagt er schließlich, versuche er im Gefängnis zu lassen. „Schwierig ist“ – Samir blickt diskret um sich – „schwierig ist es immer, wenn man sich anpassen muss. Wenn man seine Persönlichkeit nicht entfalten kann.“ Er fügt eine Pause hinzu, blickt zu Boden. Dann sagt er: „Schwerer Raub. Wir hatten einen Goldkurier überfallen.“ Einfach in die falschen Kreise geraten? Samir neigt seinen Kopf, was Bestätigung und Bedauern gleichermaßen zu bedeuten scheint.Manchmal, sagt Hauer, erinnere ihn der Knast an einen Schnellkochtopf. Bis zum Anschlag rage der Messstab heraus, ein ständiger Überdruck, erzeugt aus einem Stau aus Frust und Sehnsucht.

Man muss mit diesem Überdruck arbeiten. Und auf das Sicherheitsventil vertrauen, das vor einer Explosion schützt: ein Gefängnishandy mit Alarmfunktion. Man sollte es aber keinesfalls erwähnen. Eine knappe Bemerkung darüber genügt, damit aus dem „Licht in der Dunkelheit“ der Mann von der „gefickten Zeitung“ wird. „Das war ein scheiß Spruch!“, schnarrt Enrico, und er sieht dabei nicht entspannt aus. „Hey, mach‘ ihm keine Angst, Alter!“, ruft Dragan und lacht. „Dann soll er die Scheiße zurücknehmen, sonst gibt’s was auf die Fresse!“ Wird gemacht, es gibt nichts auf die Fresse. Vorerst.

„Den Text, Enrico?“, fragt Reisel vorsichtig und hält ihm ein Mikrofon hin. Doch Enrico will jetzt etwas ganz anderes erzählen. Nämlich, dass er sein Kind vermisse. Und dass er kaputt gehe im Knast. 17 Kilo habe er abgenommen, seine Mutter frage ihn schon, woher seine schlechte Aussprache komme. „Ich glaub‘, ich hab‘ schon ‘nen Haftschaden“, sagt Enrico leise und blickt Reisel lange an. Er wirkt auf einmal sehr verletzlich, als gewinne in ihm das Kind die Oberhand über den starken Mann. Nach einem kurzen Schweigen fügt er hinzu: „War echt scheiße vorhin, das mit dem Knasthandy.“ Und nach noch einer Pause: „Aber ist okay.“ Dann greift er zum Mikrofon. Und spricht seinen Text hinein. Fehlerlos. Die Tür geht auf, der Wärter tritt ein: Schlussakt einer Theaterprobe im Jugendknast.

Sie können nur nehmen, was die Gefangenen ihnen geben, hatten Hauer und Reisel erklärt. Am Ende haben die Gefangenen genommen, was ihnen die Regisseure gaben.

„Wir glauben an eine gelungene Premiere“, sagt Hauer, als der Pförtner hinter ihm das Gefängnistor schließt. Es ist schon dunkel geworden und kalt an diesem Wintertag. „Gelungen“ bedeute, dass die kriminellen Jugendlichen auf der Bühne einen Adrenalinschub verspüren. Diesmal nicht aus Angst vor Entdeckung: „sondern aus Angst, gesehen zu werden“.

*Namen der Inhaftierten geändert.