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Und hatten den Tod an Bord

Von Holger Fröhlich

Johannes, der Skipper, macht sich mit einem bunten Haufen junger, abenteuerlustiger Idealisten auf den Weg über die Meere nach Südamerika. Sie planen ein Hilfsprojekt für Straßenkünstler. Vor der Küste von Marokko kommt es zur Katastrophe.

Johannes sitzt müde unter Deck, er friert und findet keine Ruhe. Es riecht nach Erbrochenem, den Eingang zur Kajüte versperrt eine stinkende Lache. Die ganze Nacht ist er durch den Sturm gefahren, er hat seit zwanzig Stunden nicht geschlafen. Sein Ziel ist Rabat, aber das ist noch sieben Stunden entfernt, und die Sonne geht schon unter. Vor ihm liegt der Hafen von Mehdiya. Er muss eine Entscheidung treffen.

Die Hafeneinfahrt von Mehdiya gilt als eine der gefährlichsten Nordafrikas. Zwischen den Molen schiebt sich der mächtige Fluss Sebou mit Gewalt unter den Atlantik, der seine Brandung Richtung Küste schlägt. Gemeinsam zermalmen sie jedes Jahr mindestens einen marokkanischen Fischkutter. Selbst erfahrene Segler fürchten die Einfahrt, die bei gutem Wetter nur zwei Stunden täglich in einer schmalen Rinne befahrbar ist. Bei Windstärke fünf schließt der Hafen und warnt die Schiffe mit einer roten Lampe, kaum stärker als eine deutsche Verkehrsampel.

Vor der Küste pflügt die "Taube" bei Windstärke acht durch den Atlantik. Die Seekarte ist vor Stunden mit einer Welle über Bord gegangen. Die Crew ist seekrank und hat mit Segeln so viel am Hut wie ihr Skipper Johannes mit Autorität. Hier soll demokratisch entschieden werden, und so stimmen sie ab, im Weißwasser vor Mehdiya, ob sie weiterfahren wie geplant oder ob sie der Verlockung nachgeben, im greifbar nahen Hafen endlich wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen und auszuschlafen. Sie geben der Verlockung nach.

Das rote Lämpchen vor dem Hafenrestaurant sehen sie nicht. Und auch nicht die Fischer am Strand, die wild mit den Armen rudern und heiser auf vielen Sprachen gegen den Wind in die Wellen schreien.

Unter Deck kämpft Johannes mit dem stotternden Motor. Das alte Ding will wieder nicht anspringen. Er sieht die Molen näher kommen, sie sind mittlerweile gleichauf. Vor der Küste steigt der Meeresboden schlagartig um elf Meter an und drückt die Wassermassen empor. Vor dem Achtmeter-Kahn werden aus Wellen Mauern. Vom Motor kommt noch immer nicht mehr als ein Würgen. Johannes will verhindern, dass sie auf Grund laufen, er kurbelt das Schwert hoch. Die "Taube" verliert ihren Schwerpunkt, die Wellen werfen sie wie Treibgut hin und her. Manche sind schon höher, als das Boot lang ist, und, schlimmer noch, sie beginnen zu brechen. Einer will einen Hilferuf absetzen, bleibt aber ungehört. Das Funkgerät ist außer Betrieb.

Gerade als der Motor anspringt und die Schiffsschraube sich zu drehen beginnt, kracht eine Welle aufs Deck, zerschlägt das ungeschützte Plexiglasfenster zur Kajüte. Wasser drückt herein, spült die Lache vom Eingang und reißt mit sich, was es kriegen kann. Dhara rennt nach oben. Jemand ruft "Where is Sol?", und ein anderer antwortet: "Sie ist hier!" Der Moment dehnt sich unwirklich lange, wie alter Schiffsteer. Dhara denkt noch darüber nach, warum Sören nicht auf Englisch antwortet, da wird sie mit der nächsten Welle in den schwarzen, januarkalten Atlantik gerissen. Sie bekommt eine Isomatte zu fassen, krallt sich an ihr fest. Die Brecher schlagen ihr blaue Flecken unter die Haut und reißen ihr die Klamotten fort. Doch von den hohen Wellenkämmen kann sie den Strand anpeilen. Sie hat seit einem Tag nichts gegessen oder getrunken. Nur gespuckt, immer wieder. Trotzdem schafft sie es an die rettende Küste. Als Einzige von sieben. Sol und eine slowenische Mitfahrerin werden Tage später gefunden, tot, von Johannes und den anderen drei fehlt jede Spur.

Auf einem normalen Schiff wäre Johannes, der Skipper, weitergefahren, und es hätte eine klare Hierarchie gegeben und keine Mehrheitsentscheide in stürmischer See. Aber die "Taube" war kein normales Schiff. Johannes entschied, dass alle zu entscheiden hätten. Keine Regeln. Es gab keinen Zeitplan, nur ein vages Ziel: Südamerika. Die Crew vertraute ihrem Steuermann mit den grünen Piratenaugen. Wie sollten sie sich auch eine Meinung bilden? Keiner von ihnen hatte Segelerfahrung. Johannes war der Einzige mit Sportbootführerschein. Er hatte ihn zwei Jahre zuvor extra für diese Fahrt gemacht, auf dem Bodensee, und die "Taube" in den vergangenen neun Monaten von Sønderborg in Dänemark bis nach Marokko gesteuert. 1800 Seemeilen weit. Er hatte den gefürchteten Golf von Biskaya gekreuzt, den Ärmelkanal bei Windstärke acht gequert und die Straße von Gibraltar durchsegelt.

Die Crew, die keine war, weil sie in jedem Hafen neu zusammengewürfelt wurde, vertraute ihrem Skipper, dem See-Nomaden, der auf dem Boot zu Hause war. Der es immer wieder schaffte, lastwagenweise Nahrungsspenden aufzutreiben, eine Sicherheitsfirma dazu überredete, ihnen sieben Schwimmwesten zu überlassen, und jeden Hafenmeister um den Finger wickelte, um die Liegegebühren zu sparen. Der immer Matetee trank und vor Energie und Begeisterungsfähigkeit überquoll und deshalb nicht in eine Wohnung mit anderen Menschen passte - denn jeder mag Begeisterung, aber nur sehr wenige halten sie dauerhaft aus. Seine Energie genügte, um das Projekt zu tragen. Sie war so überbordend, als hätte sie von ihrer kurzen Lebenszeit gewusst. Johannes wurde 24 Jahre alt.

Begonnen hat alles in der Steinlach 48, einem dieser Tübinger Häuser, das den Vermietern irgendwann entglitten ist. Einst vermietet an anständige Studenten, die sich ihre Mitbewohner selbst aussuchen durften, wird es zum linken Treffpunkt, und ehe der Vermieter Eigenbedarf sagen kann, steht der mittlerweile Kult gewordene Hausname an die Wände gesprüht, man wohnt zu dritt auf fünfzehn Quadratmetern im Keller, entsorgt das schimmelnde Geschirr auf dem Dachboden und sammelt Sperrmüll im einstigen Garten.

Dort sitzt also Johannes in der Küche, um den Kopf das rote Stirnband, das er immer trägt, weshalb ihn die einen Stirnband-Johannes nennen, in der Hand den Matetee, den er immer trinkt, weshalb ihn die anderen Matetee-Johannes nennen, und am Leib den Strickpullover, den er schon in der Schule trug, der ihm aber keinen Spitznamen eingebracht hat, und Johannes verkündet: Wir segeln nach Südamerika! Draußen verschwimmt der Gartenschrott im Nebel; es ist der 13. November 2006. Johannes und Lolo gründen den Verein "Migrobirdo", das Esperanto-Wort für "Wandervogel". Livi und Melina gehören zum engen Kreis. Livi soll den Kontakt zu brasilianischen Straßenkünstlern herstellen. Melina ist zwar schwanger, will aber trotzdem mit und ihr Kind auf See oder in einem Krankenhaus am Weg zur Welt bringen.

Ihrem Verein für Ökologie und Völkerverständigung geben sie das Motto "Segeln in/für eine andere Welt". Es klingt wie eine nette Idee, statt mit dem Flugzeug zum Zapatisten-Camp zu jetten, will Migrobirdo im Einklang mit der Natur, in angemessener Geschwindigkeit und mit minimalem Budget reisen, um vor Ort Hilfsprojekte zu unterstützen. Wer von dem Verein erfährt, belächelt die jungen Idealisten und wünscht wohlwollend gutes Gelingen.

Nach wenigen Wochen ist der Keller der Steinlach 48 verstopft. Säckeweise Linsen und Kokosflocken lagern dort, gespendet von Bio-Firmen. Jede Woche kochen sie von den Massen für Freunde und Freunde von Freunden. Doch der kostbare Proviant droht im feuchten Gemäuer zu vergammeln. Ein Boot muss her. Viel Geld ist nicht da, und so fällt die Wahl für die Atlantiküberquerung auf "ein billiges, verfallenes Schiffchen". Am 4. August 2007 ersteigert Johannes die "Taube" bei Ebay. Baujahr '71, Kaufpreis deutlich unter zweitausend Euro. "Nur für Bastler!", betont der Verkäufer. Als Mängel führt er auf der Auktionsseite an: Motor läuft nicht, Schwert sitzt fest, Elektronik funktioniert nicht, Rumpf hat ein Loch, Segel nicht vorhanden und, in großen Lettern: Das Boot ist nicht fahrtüchtig!

Migrobirdo hat sechs Wochen Zeit für die Reparatur. So lange hat der Vorbesitzer den Werftplatz für das Bastlerobjekt vorbezahlt. Kaum ein Außenstehender glaubt daran, dass die schrottreife "Taube" die Werft je verlassen wird. Manch einer räumt schon in Gedanken Platz frei im Garten der Steinlach 48. Für die Reparaturen hat der Verein kein Geld, dafür aber eine Menge zupackender Arme. Die schleifen den alten Lack runter, flicken das Loch im Rumpf, feilen das Schwert frei und bringen den Motor zum Laufen. Die Werftarbeiter staunen über den bunten, unorganisierten Haufen, warnen aber eindringlich davor, mit dem Kahn woanders als küstennah in der Ostsee zu segeln, sollte er überhaupt jemals schwimmen. Allmählich bildet sich in Tübingen ein kleiner Chor von ernsthaft Besorgten, der sich um den Vereinsblog schart wie um einen Weltempfänger im Kriegsgebiet.

Am 16. Oktober 2007 sticht die "Taube" in See. Im November soll die Reise zu den Kanaren beginnen, Migrobirdo liegt im Zeitplan. Zu Hause reibt man sich verwundert die Augen, kaum einer hatte geglaubt, dass sie je so weit kommen würden. Doch schon im Nord-Ostsee-Kanal verliert die Crew die Kontrolle über ihr Schiff und havariert beinahe. Der Chor schwillt mahnend an; Migrobirdo erkennt, dass es an Erfahrung fehlt, macht kehrt und fährt die "Taube" ins Winterlager nach Kappeln; der Chor wird leiser. Winterpause.

Für die Beteiligten von Migrobirdo geht das Leben weiter, während die "Taube" Winterschlaf hält. Perspektiven verschieben sich, die Vereinsspitze bröckelt. Melina hat ihr Kind in einem deutschen Krankenhaus bekommen und zieht mit ihrem Freund ins beschauliche Flensburg. Lolo studiert mittlerweile Geoökologie, und Livi ist Richtung Brasilien aufgebrochen.

Johannes, mit dem sie damals zusammen ist, reist ihr nach Spanien hinterher. Livi hat gerade Abitur gemacht, er will nicht, dass sie geht, und weiß doch, dass er sie nicht aufhalten kann. Er spricht von gemeinsamen Kindern; sie findet, dass er sich selbst noch wie ein Kind benimmt. In Granada verabschieden sie sich. Am nächsten Morgen fährt Livi per Anhalter auf einer Yacht nach Brasilien, Johannes zieht für immer auf die "Taube".

Johannes sagt: Alles kommt zur rechten Zeit zu dir. Sein bester Freund Mandus, mit dem er Bett und Müslischüssel teilt, weiß, dass diese Einstellung für ihn mehr ist als ein Spruch auf der Yogi-Tee-Packung. Johannes besitzt kaum etwas außer seinem Stirnband, dem Norwegerpulli, ordentlich Matetee und ein wenig Gras.

Alles andere verleiht, verschenkt oder verliert er. Manches kommt zurück, vieles nicht. Als er Mandus gerade zwei Stunden aus der Geographie-Vorlesung kennt, drückt er ihm seinen neuen Laptop in die Hand. Mandus ist sprachlos, die beiden werden Freunde. Irgendwann gibt er Johannes den Laptop zurück.

Als der viele Monate später in einem holländischen Hafen auf den frisch aus dem Knast entlassenen Markus trifft, der mit nicht mehr als einer verspiegelten Sonnenbrille und einer Menge Tätowierungen an Bord kommt, überlässt er auch ihm vor einem Landgang seinen Laptop und die Zugangsdaten zum Vereinskonto. Als er zurückkommt, fehlen Markus, der Laptop und 1000 Euro. Die kamen nicht zurück.

Als ihn sein bester Freund Mandus einmal fragt, was sein ärgster Feind sei, antwortet Johannes: Die Angst - sie sei die Wurzel allen Übels. Furchtlos bricht er bei der Burschenschaft Germania ein, um die Degensammlung zu klauen, und als er bei einer Castor-Demo mit auf die Polizeiwache muss, stopft er sich heimlich eine Polizeiweste in den Rucksack. Was er klaut, schenkt er weiter. Um Migrobirdo kümmert sich außer ihm keiner mehr; es wird allmählich allein sein Projekt.

Am 16. Mai 2008 sticht er mit der Taube in See, am Mast weht die jamaikanische Flagge. Auf dem Vereinsblog lesen die Besorgten: "Sobald der Wind zu stark wird, verkleinern wir die Segelfläche, nehmen die Segel notfalls ganz weg, so kann der Wind uns nichts mehr tun. Wenn das Boot voll Wasser schlagen sollte, schwimmt es trotzdem wie ein Floß weiter, wir können es leerschöpfen und weitersegeln." Johannes hat keine Angst, Kolumbus hat es ja auch geschafft.

Geplant war die Reise zu viert. Zwei erfahrene Segler sollten den anderen beiden alle wichtigen Handgriffe während der Fahrt beibringen. Doch der bunte Klecks, den die Taube in jeden Hafen schwemmt, in den sie einläuft, zieht immer mehr junge Menschen an, die für wenige Tage anheuern, um mitzufahren und mitzuleben. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. An Land verdienen sie ihr Geld mit Feuershows und selbstgemachtem Haarschmuck aus Telefondraht. Wer für zwei Tage mitfährt, der lernt nicht Segeln und bekommt selten eine Sicherheitseinweisung. Bald ist Johannes der einzige Segler an Bord, die Besatzung hat sich verdoppelt. Wieder hört man den mahnenden Chor aus Deutschland.

Im Hafen von Larache, dem letzten vor Mehdiya, ist die "Taube" nicht willkommen. Den marokkanischen Polizisten ist der barfüßige Haufen Wohlstandsabenteurer suspekt. Dreimal am Tag durchsuchen sie das bemalte Boot und seinen Regenbogen aus Klamotten und Geschirr, den die Crew am Kai trocknet und sortiert. Sie teilen sich zu siebt die enge Kajüte mit dem schmalen Doppelbett. Wie bei einem Geschicklichkeitsspiel schieben sie einen Rucksack nach oben, um unten wieder eine Kiste unterzubringen. Was nicht mehr in die Kajüte passt, stopfen sie unter das rote Rettungsboot an Deck. Mit dabei auch die kopierten Seekarten; für Originale war kein Geld da.

Johannes informiert sich über ein kostenloses Seewetterportal. Der Wind steht günstig für die Überfahrt nach Rabat. Danach soll er sich drehen - auf unbestimmte Zeit. Die Wetterdienste warnen aber auch vor Sturm und hohen Wellen. Im Hafen von Asilah war Johannes bereits mit einem Franzosen aneinandergeraten, der ihn am Weiterfahren hindern wollte und ihm dringend riet, bei hoher Dünung vor der Küste abzuwettern, statt in den Hafen einzulaufen.

Mit Blick auf die grimmigen Polizisten entschließt sich die Crew am 19. Januar, den Hafen von Larache zu verlassen. Um die Liegegebühren zu sparen, brechen sie um 22 Uhr auf. Sowohl Larache als auch der Hafen von Mehdiya sind zu diesem Zeitpunkt bereits geschlossen. Beim Auslaufen fahren sie überladen, aber frohen Mutes an den roten Signalfeuern vorbei. Bei Dunkelheit sind die nicht zu übersehen. Vielleicht wussten sie nicht, was sie bedeuten. Vielleicht haben sie sie ignoriert.

In der Nacht schlägt eine Welle auf das Deck, zerrt am Rettungsboot und entreißt ihm einige Seekarten. Was übrig bleibt, kommt zum Trocknen unter Deck. Die Seite über Mehdiya fehlt. Die ersten der Crew werden seekrank und übergeben sich.

Zwanzig Stunden später haben die Wellen noch zugenommen, die Molen von Mehdiya sind in Sichtweite. Drei Crewmitglieder ziehen ihre Schwimmwesten an. Ob Johannes in diesen Minuten Angst bekommt, kann keiner mehr sagen. Er ist erschöpft, als er das Schwert einholt. Er trägt keine Rettungsweste.

Der Chor hält den Atem an und bleibt stumm, bis der Atlantik ein leeres Rettungsboot auf den Strand von Mehdiya wirft.