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Der Alte

von Silke Burmester

Der Lehrer Fritz Fegebank geht in Pension. Sehr zum Bedauern seiner Schüler. Was ist sein Geheimnis?

Es klopft an der Scheibe. Fritz Fegebank geht zum Fenster, schiebt die Gardine beiseite, lächelt und nickt. Dann sagt er laut: »Ich mach auf!« Er geht durchs Lehrerzimmer, durchquert die Pausenhalle und öffnet die Eingangstür. Draußen steht ein junger Mann, Mitte zwanzig vielleicht. Es ist Freitag, der 25. Dezember 2009. Es könnte auch Neujahr sein oder Ostersonntag, ein Tag in den Sommerferien oder Himmelfahrt. Fritz Fegebank war im vergangenen Jahr an 361 Tagen in der Schule.

»Ich habe Ihr Auto gesehen, da hab ich gedacht, ich komm mal vorbei.« Fritz Fegebank freut sich über jeden, der ans Fenster klopft. Und es klopft oft jemand. Schüler und Schülerinnen, die irgendwann mal bei ihm Unterricht hatten. Sie kommen und plaudern ein bisschen, erzählen von ihrem Studium, den ehemaligen Mitschülern, fragen, wie es um Werder Bremen stehe.

»Abi 2003«, sagt Fritz Fegebank, nachdem der junge Mann gegangen ist, dann macht er sich wieder an seine Arbeit und kontrolliert, ob alle 160 Abiturienten die Prüfungsauflagen erfüllt haben. Ob der Notendurchschnitt stimmt, die Zahl der Fehlstunden nicht zu hoch ist. Rund 2500 junge Menschen haben während seiner Dienstjahre am Hamburger Gymnasium Buckhorn, im wohlhabenden Stadtteil Volksdorf gelegen, das Abitur gemacht, Fritz Fegebank kennt sie alle. »Ich muss kurz die Stimme hören, dann fällt mir der Name und der Jahrgang wieder ein.« Und die Abi-Note. Im Kollegium vermuten sie, dass er ein fotografisches Gedächtnis habe. Oder ein Superhirn.

Wenn Fritz Fegebank, 65, Oberstufenkoordinator und Lehrer für Latein, Geschichte und Philosophie, Leiter der Schach-AG und des Mädchenfußballs, diesen Sommer in das versetzt wird, was er »Zwangsruhestand« nennt, war er 40 Jahre im Dienst. Zwei Tage hat er wegen Krankheit gefehlt, und wenn der Direktor ihn nicht überredet hätte, noch zu Hause zu bleiben, wäre er schon nach einem Tag wieder erschienen. Die Hüftoperation hat er in die großen Ferien gelegt, ausnahmslos ist er im Anzug erschienen, und Klausuren hat er grundsätzlich in der nächsten Unterrichtsstunde zurückgegeben. Außer wenn die schon am nächsten Schultag war und Werder Bremen ein Heimspiel hatte. In Ordnern hat er die Artikel der wichtigsten Zeitungen und Zeitschriften zu Themen wie »Französische Revolution« oder »Kosovo« archiviert, jeder Artikel exakt am Schriftbild entlang ausgeschnitten, mit zwei Zentimeter Abstand nach oben aufgeklebt, jedes Blatt in einer Klarsichthülle. Zum Nahostkonflikt hat er seit den sechziger Jahren bis heute angeblich alles abgeheftet, was stern, Spiegel oder die ZEIT gedruckt haben. Oder auch mal das »Antiimperialistische Bulletin«. Acht Ordner hat er zu diesem Thema zu Hause im Regal, in Werder-Grün. Nie würde er einen Tropfen Alkohol trinken, und eine Schmerztablette bekäme der Arzt wohl erst in Fegebank hinein, wenn der sich nicht mehr wehren könnte. Ein Handy ist ebenso tabu, wie der Computer gemieden wird, wo es nur geht.

Seine Bilanz nach 40 Jahren Schuldienst, 38 davon am Gymnasium Buckhorn, könnte sich sehen lassen, wäre da nicht dieser eine Tag, der alles versaut hat, der der Dienstzeit ihre Vollkommenheit genommen hat. Der die »weiße Weste schmutzig gemacht hat«, wie er sagt. Der Tag, an dem Fritz Fegebank zu spät war. Drei Minuten. Es war der 1. März 1994. »Zu spät ist zu spät«, sagt er, stolpert dabei über den spitzen Stein, und noch immer schwingt in seinen Worten der Ärger über die Umstände mit, über den völlig überraschenden Stau auf der Landstraße zwischen Bargteheide und Hamburg.

Seit der Hüftoperation vor drei Jahren bewegt sich Fritz Fegebank etwas steif durch die Schule, ein Mann im dunklen Anzug, der den Kopf mit dem dünnen, grauen Haarkranz meist etwas vorbeugt. Kenner der US-Fernsehserie Die Simpsons fühlen sich an Mr. Burns, den Besitzer des Atomkraftwerks, erinnert, und tatsächlich kann Fegebank ähnlich grummelig durch sein Refugium streifen wie Burns. Auf der Spitze der langen und etwas krummen Nase trägt er meist seine Brille mit halben Gläsern, die den Eindruck vermittelt, ihm entgehe nichts, weil er doppelt wahrnimmt: durch die Gläser und obendrüber.

Er sei für seine Starrköpfigkeit berühmt, so heißt es in der Schule. Ein verschrobener, schrulliger alter Lehrer, könnte man meinen. Einer, der die Jugend mit seiner Pedanterie quält. Ein Lehrer, dessen Pensionierung die Schüler entgegenfiebern, weil sie froh sind, den alten Knacker loszuwerden: School’s out for ever, Mr. Fegebank!

Die Realität sieht anders aus. Fritz Fegebank, der Pedant, der Preuße, der Hundertprozentige, ist der beliebteste Lehrer am Gymnasium Buckhorn. Manche Schüler sagen, er sei der beste. Die Abiturienten 2009 haben ein Bild für ihre Zuneigung gefunden:

Zum Abschied haben sie an der Außenfassade der Schule und im Innenhof jeweils ein Riesentransparent angebracht. Auf beide hatten sie das Abbild des Lehrers gemalt.

Monatelang tobte in Hamburg der Kampf ums Schulsystem. Der Reformentwurf des schwarz-grünen Senats hat die Eltern aus den reicheren Vierteln auf den Plan gerufen, in einer Volksabstimmung haben die Hamburger den Regierungsplänen, die Grundschule zu verlängern, eine Abfuhr erteilt. Eine Debatte, aus der Fritz Fegebank sich heraushält – seine Tochter Katharina ist Landesvorsitzende der Hamburger Grünen. Nur so viel lässt die Diplomatie zu: »Ich bin gern Gymnasiallehrer.« Während alle sich die Köpfe heiß reden, ob das gemeinsame Lernen der Grundschule vier oder sechs Jahre währen soll, Kinder Gemeinsamkeit oder Selektion brauchen, verschwindet aus dem Blick, was die Kinder mehr prägt als die Größe der Lerngruppe oder die Dauer des Miteinanders – die Lehrerpersönlichkeit. Der Mensch, an den man sich auch nach 30 Jahren noch erinnert, weil er es verstanden hat, zu berühren, ohne an Respekt einzubüßen. Jemand, der Wege aufgezeigt hat. Einer wie Fritz Fegebank. Einer, dem es egal ist, welche methodischen Feinsinnigkeiten gerade angesagt sind, der danach handelt, was sein Bauch und sein Verstand ihm sagen, nicht das pädagogische Lehrbuch. Einer, von dem die Schüler lernen können, was es heißt, Lehrer zu sein.

Maria Zuse, seit sechs Jahren Lehrerin für Deutsch und Englisch am Gymnasium Buckhorn, hat in Fritz Fegebank denjenigen gefunden, der ihr auch heute noch ein Vorbild ist. »Ich weiß nicht, ob er methodisch ein guter Lehrer ist«, sagt sie, »aber das ist mir auch wurscht. Ich bewundere die Absolutheit, mit der er seiner Berufung, Lehrer zu sein, gefolgt ist. Weil er alles, was er sagt, lebt. Weil er für alles jederzeit einsteht und dadurch so echt und wahrhaftig ist, dass er ein absolutes Vorbild ist.« Wenn man mit Maria Zuse über den Abschied von Fritz Fegebank spricht, das Ausscheiden eines Mannes aus dem Lehrbetrieb, der mehr als jeder andere gegeben hat, dann merkt man, wie wichtig er für diese Schule ist. »Ich weiß nicht, wer ihn ersetzen soll«, sagt sie. »Da ist niemand. Niemand, der so eine Größe hat.«

Es ist April, die Schülerinnen und Schüler des Abschlussjahrgangs drängen lärmend in den Raum, aus dem allgemeinen Gewirr erhebt sich eine Frage: »Und«, ruft ein Schüler, »hat Bremen gewonnen?« Dann schallt es provozierend durch den Raum: »Bremen hat verloren!« Egal wo Fegebank auftaucht, jede Klasse weiß um seine Treue zu Werder Bremen, und keine Gelegenheit wird ausgelassen, ihn mit der schlechten Saison der Mannschaft zu necken. »Wenn Sie Ihr Abitur schaffen wollen, halten Sie jetzt die Klappe!«, sagt Fegebank.

In dem Kurs, der in wenigen Wochen die Schule abschließen wird, steht »Ethik und Leben« auf dem Lehrplan. Die Hausaufgabe war, den Grundkonflikt der Gentechnik zu erläutern. Hannah trägt ihre Gedanken vor. Als sie von »Moral« spricht, fragt Fegebank nach, was sie meint. Sie kommt ins Stottern. »Lass dich nicht in die Enge treiben!«, fordert er sie auf, und es ist eines der seltenen Male, dass er einen Oberstufenschüler duzt. Ab der elften Klasse werden die Schüler gesiezt.

Fegebank will die Positionen der Einzelnen hören. Geduldig lässt er jeden noch so kompliziert argumentierenden und sich wiederholenden Schüler ausreden, sammelt, ohne inhaltlich zu kommentieren oder sich anmerken zu lassen, was er von den mitunter kruden Aussagen hält. Einzig die Vorbringung von Valentin, genmanipulierter Mais könne sich zu einer fliegenden Rasse entwickeln, die Fleisch fresse und so zur Bedrohung werde, lässt er mit einem »Ihre Beispiele sind mal wieder Weltklasse!« ins Leere laufen.

Für jemanden, der nicht täglich mit 17- und 18-Jährigen zu tun hat, klingen die ernsthaft vorgebrachten und zum Teil von gänzlicher Unkenntnis getragenen Wortmeldungen so, als würden junge Leute »erwachsen« spielen. Ihr Lehrer empfindet das nicht so: »Man muss Schüler immer ernst nehmen. Schon mit der ersten Klasse, die ich übernommen habe, war mir klar: Das sind junge erwachsene Leute, was die sagen, beschäftigt dich.«

Wolfgang Gerhardt ist Schulleiter am Gymnasium Buckhorn, und er glaubt, hier liege einer der Schlüssel zu Fegebanks Beliebtheit. »Das Betörende an seinem Unterricht ist, dass er ein ganz hohes Maß an Ernsthaftigkeit einfordert. Er geht mit einem sehr hohen Ansatz und Einsatz an den Unterricht heran. Das überträgt sich auf die Schüler. Deshalb sind sie auch bereit, bei ihm mehr zu leisten.« Das zeige sich etwa im Zustandekommen eines Latein- Leistungskurses. »Den gibt es kaum noch an Hamburger Schulen.« Dass die Schüler ihn wollen, da ist sich Gerhardt sicher, »liegt an Fegebanks Person. Denn das ist ein wirklich harter Kurs.« Und dass er stattfindet, selbst wenn sich nur sieben Interessenten finden, geht gleichfalls auf das Konto des Lateiners, denn er unterrichtet auch »über den Durst«, wie Lehrer es nennen, wenn das Stundensoll erfüllt ist und ihre Arbeit nicht bezahlt wird.

Pädagogische Vorbilder hat Fegebank nicht. Aber er bewundert Friedrich den Großen. Egal in wie viele Kriege der sein Volk getrieben hat, wie unsinnig seine Härte gegenüber seinen Soldaten war, wie eigennützig seine Reformen, Fritz Fegebank ist zutiefst berührt von dem König, der das halbe Jahr durch sein Reich gereist ist, um mit den Menschen zu sprechen, zu schauen, was sie brauchen, und Lösungen für ihre Probleme zu finden. Der sich selbst nicht schonte, auf den üblichen Prunk verzichtete und am Ende eines kampfreichen Tages noch Muße fand, zu philosophieren. Fegebank ist es wichtig, den Herrscher im Kontext seiner Zeit zu sehen und sich bewusst zu machen, wie ungewöhnlich seine liberalen, aufklärerischen Gedanken damals waren.

Fritz Fegebank gibt gern den harten Knochen, sagt, er sei ein 68er, »aber von der anderen Seite«. Antwortet, wenn ein Schüler sagt, rechts von ihm sei ja nur noch die Wand: »Ich bin die Wand.« Doch hinter dem harten Knochen verbirgt sich ein Menschenfreund: Egal ob Lehrer oder Schüler – alle loben sein offenes Ohr, die Möglichkeit, zu ihm kommen zu können, egal, wie viel Arbeit er gerade hat, anrufen zu können, egal, wie spät es ist.

Wer heute von der Uni kommt, hat gelernt, eine klare Zielsetzung für die Unterrichtsstunde vorzugeben und die Schüler in ein methodisches Arbeiten einzuführen, bei dem der Lehrer im Hintergrund bleibt. Wer das nicht draufhat, kann sein zweites Staatsexamen vergessen. Fritz Fegebank könnte demnach sein zweites Staatsexamen vergessen. Sein Unterricht ist frontal und lehrerzentriert. Übel nimmt ihm das keiner. Er überzeugt durch seine Person. »Er kann durch seine enorme Sachkenntnis und sein übergreifendes Allgemeinwissen begeistern«, sagt Schulleiter Gerhardt. »Das ist etwas, was häufig zu kurz kommt. In Geschichte etwa lässt er kunsthistorische, gesellschaftspolitische und weltpolitische Aspekte einfließen und kann in kurzer Zeit sehr viel vermitteln.« Das fessle die Schüler so, dass das Allheilmittel Methodik in den Hintergrund trete. Tatsächlich ist es gerade seine Persönlichkeit, die ihm den Respekt einbringt. Fegebank gilt als geradlinig und äußerst fair. Die Schüler wissen, woran sie bei ihm sind. »Eine seiner Stärken ist es, niemanden abzuurteilen«, sagt Gerhardt. Fegebank gibt jedem die Chance, sich aus einer Senke hochzuarbeiten. »Das ist nichts Selbstverständliches. Viele Schüler leiden darunter, dass sie in einer Schublade landen, aus der sie nicht mehr herauskommen.«

Damit die Schüler die Chance bekommen, sich hochzuarbeiten, »vergibt« Fritz Fegebank keine Noten, er »errechnet« sie. Nach jeder Unterrichtsstunde macht er sich Notizen über die Leistung eines jeden Schülers. In einem ausgeklügelten Zeichensystem von Miniaturwellen, -punkten, -pfeilen und -zahlen notiert er die Beteiligung des Schülers und die Qualität seiner Ausführungen. Wie oft hat sich einer gemeldet, ohne dranzukommen? Wurde lediglich paraphrasiert? Wurde ein neuer Gedanke beigetragen?

Eine Transferleistung erbracht? War die Leistung konstant? Kein unentschuldigtes Fehlen entgeht seinem System, jedes Schwächeln, jede Glanzleistung findet Eingang. Für die Bewertung von Klausuren entwirft er ein Übersichtsblatt, in das jeder Gedanke des Schülers, jedes Argument, jeder Aspekt der Arbeit eingetragen, ausgewertet und für den Schüler als Kommentar festgehalten wird. Das dauert, manchmal bis zu drei Stunden pro Klausur.

»Man muss bei ihm nicht gut sein, damit er einen mag«, sagt Kerstin Gerdes, die 1977 in seiner ersten Abiturklasse ihren Abschluss machte. »Man muss sich nur Mühe geben.« Das war damals so, das ist heute so. »Wenn er die spürt, dann kämpft er für und mit jedem einzelnen Schüler.«

Kämpfen, das ist für Fritz Fegebank ein Leitgedanke. »Ich reg mich auf, wenn jemand sagt: Wir machen alle mal Fehler. Fehler machen ist das eine«, sagt der Pädagoge und bekommt einen mürrischen Tonfall. »Das andere ist der Umgang damit.« Für ihn gilt, die Verantwortung für das Handeln zu übernehmen. Und nicht, wie die Politiker es vormachen, nur das zuzugeben, was schon erwiesen ist.

»Die unbedingte Pflicht, die ontologische Position, die sagt mir sehr zu«, führt er aus und bekommt eine weiche Stimme. Auch Platon unterrichte er viel. Die idealistische Position. Und auf einmal offenbart der Mann, der sofort knurrig wird, wenn man ihm zu nahe kommt, was sein Herz bewegt. Ein tief verankerter Idealismus: »Wenn ich ein Multiplikatoreffekt bin, und Schüler sehen ein, dass die Ehrlichkeit besser ist als die Lüge, dann erwarte ich von ihnen, dass sie weitere Multiplikatoreffekte sind und dass wir vielleicht in ein paar Hundert Jahren den Menschen haben, den wir uns heute erdenken.« Man wähnt ihn auf einem guten Weg. Wenn er über den Hof geht, schlägt ihm ein »Guten Tag, Herr Fegebank« nach dem anderen entgegen. Von Jungen, die sich so cool geben, dass man nicht davon ausgehen muss, dass sie ihrer Mutter Guten Morgen sagen.

Natürlich hat er auch mal Ärger mit einzelnen Schülern gehabt, nie aber mit einer ganzen Klasse. Er weiß nicht, was die anderen Lehrer anstellen, um es sich mit einer Klasse zu verderben oder ein Burn-out zu bekommen. »Schule, das ist kein Stress. Das ist Hobby. Stress ist Werder Bremen.«

»Ich glaube«, sagt die Lehrerin Maria Zuse, »dass der Beruf große Gefahr läuft, dass ihn letztendlich die falschen Menschen ergreifen. Weil sie falsche Vorstellungen haben.« Weil der Beamtenstatus das Leben sichert, das Salär ordentlich ist. »Ich glaube, man muss authentisch sein. Und das auch vor der Klasse aushalten können. Kollegen, die das nicht mitbringen, versuchen ihren Stand durch Methodik und Didaktik zu sichern. Das wird wie eine Maske vorgeschoben, hinter der der Mensch zurücktritt.«

Dennis Beckmann, 30, ist seit drei Jahren am Buckhorn-Gymnasium. Er ist der Vertreter einer neuen Lehrergeneration, die auf das setzt, was Fegebank abschätzig »Ditschgeräte« nennt. Beckmann hat den Einsatz des Smartboards an der Schule, einer mit dem Computer verbundenen elektronischen Tafel, maßgeblich vorangetrieben, schult mittlerweile Lehrer in ihrer Benutzung. Dass Fritz Fegebank dennoch stolz sagt: »Mit ihm haben wir einen guten Fang gemacht!«, hat vor allem mit Beckmanns Engagement zu tun. »Wir wussten sehr schnell, den wollen wir behalten«, sagt der Mann, der in 40 Jahren Schuldienst ein sicheres Gespür für diejenigen entwickelt hat, die das Potenzial haben, eine richtig gute Lehrkraft zu werden.

Engagiert zu sein, für Schüler zu kämpfen, sich mit den Kollegen anzulegen, wenn sie einen Schüler unfair behandeln, ihm keine Chance mehr geben wollen, ist das eine. Das andere ist, zur Feier anlässlich des 40-jährigen Bestehens des Gymnasiums morgens um fünf zu den Vorbereitungen zu kommen und nachts um drei zu gehen oder jeden Samstagvormittag auf dem Sportplatz zu stehen und »Mädchenfußball« zu geben und über Jahrzehnte eine Schach-AG zu betreuen. Ob seine Frau ihn nicht vermisse, wurde Fritz Fegebank einmal von Schülern gefragt, erzählt Claudius Kahl aus der Oberstufe. Die Antwort, typisch Fegebank: »Nee, der hab ich ja ein Foto von mir gegeben.«

»Mir ist klar, dass ich das hier nur so intensiv machen kann, weil meine Frau mir den Rücken freihält«, sagt der Rund-um-die-Uhr-Lehrer. Und sie? »Ich hatte immer den Traum von einem Haus, Garten und Kindern«, erzählt die besonnen und gleichzeitig lebenslustig wirkende Jutta Fegebank, die so gar nicht zu dem blassen, oft griesgrämig schauenden Mann passen will. »Kannste haben«, habe er damals gesagt, »aber ich mach da nichts.«

Bei der Aufteilung ist es geblieben. Oft genug ist Jutta Fegebank allein mit ihren Kindern Katharina, Friedrich-Alexander und Bernd-Wilhelm in den Urlaub an die See gefahren, nur übers Wochenende kam der Vater vorbei. »Dennoch war er immer da für uns«, sagt seine Tochter Katharina Fegebank. »Egal was ist, man kann ihn immer anrufen, und er hilft.« Klar war aber auch, dass es noch andere Kinder gibt. Die in der Schule. Eifersüchtig war sie nicht. Sie kannte es nicht anders.

Nach seiner Pensionierung werde er seine Frau mehr unterstützen, sagt Fegebank pflichtschuldigst. Es klingt nach der Absichtserklärung eines Menschen, der die Hoffnung nicht aufgegeben hat, irgendwie noch aus der Nummer rauszukommen.

Die Pensionierung. Seit Monaten macht ihm die Entlassung aus dem Schuldienst zu schaffen. Dennoch hat er ein großes Fest geplant, 485 Schüler. Er hat nur die eingeladen, mit denen er näher zu tun hatte. Und dann noch etwa 100 Lehrer. Zwei Zelte hat er dafür gemietet und Spanferkel bestellt. »Ehemaligentreffen« nennt Fritz Fegebank, was jeder andere »Abschiedsfest« nennen würde. Wenn er von den Vorbereitungen spricht, wird er leise und langsamer. Schnell möchte er das Gespräch abbrechen oder woandershin lenken. Es wirkt, als würde Fritz Fegebank seine eigene Beerdigung vorbereiten.

Die Schule will ihn weiter beschäftigen. »Wir können es uns nicht leisten, auf solche wertvollen Lehrer und Charakterköpfe zu verzichten«, sagt der Direktor. Den Mädchenfußball und die Schach-AG wird er weiter betreuen und einspringen, wenn Kollegen ausfallen. Das geht, dafür gibt es einen Honorartopf. Aber es wird nicht dasselbe sein. Das weiß Gerhardt, das weiß Fegebank.

Anfang Juli war es dann so weit. Ein paar Tage nach seinem »Ehemaligentreffen« wurde Fritz Fegebank offiziell aus dem Schuldienst verabschiedet. Auch Direktor Wolfgang Gerhardt, der an eine deutsche Schule nach Spanien geht, nahm seinen Abschied, doch das ist irgendwie untergegangen. Es war der Tag des Fritz Fegebank. Die Kollegen hatten ihm einen Thron gebaut, in Werder-Grün, und sein Leben als Quiz inszeniert. Zu einer Frage gehörte ein Foto aus den siebziger Jahren. Es zeigte sechs Schüler, dazu wurden fünf Geburtsdaten genannt. Das fehlende Datum nannte Fritz Fegebank, ohne zu zögern.

ZEITmagazin Nr. 31 vom 29.07.2010