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Für eine Handvoll Scheine: ein Nachmittag im Steintorviertel

Von Philip Eppelsheim

Frank Hanebuth ist der Präsident. Götz-Werner von Fromberg ist der Anwalt. Philip Eppelsheim ist der Reporter. Wer hält "das schönste Rotlichtviertel Deutschlands" zusammen? Die Hells Angels. Mit Essen, Trinken und Frauen werden Millionen gemacht

Am 11. August druckte die Frankfurter Allgemeine Zeitung auf der Seite 3 einen Artikel über die "Erbfreundschaften in Hannover". Anlass war der Urlaub des Bundespräsidenten Christian Wulff und seiner Gattin Bettina in der Villa von Carsten Maschmeyer auf Mallorca. "Wo verlaufen die Grenzen zwischen Freundschaft und Kumpanei?", fragte Robert von Lucius. Zu den Erbfreunden zählte unser Autor den Gründer des Finanzdienstleisters AWD, Maschmeyer, Gerhard Schröder, Rechtsanwalt Götz-Werner von Fromberg, Christian Wulff, Sigmar Gabriel, prominente Ärzte, Musiker der "Scorpions" und andere. Einen Absatz seines Artikels widmete Lucius der "grauen Eminenz von Hannover", Götz von Fromberg, und dessen Beziehung zu Frank Hanebuth, dem "Präsidenten" der Hells Angels von Hannover, zugleich dem mutmaßlich einflussreichsten Hells Angel in Deutschland. Lucius' Stück berichtete von den legendären Herrenabenden bei von Fromberg und über die "Welt des Glamours".

    Der Artikel erregte Aufsehen noch an höchster Stelle. Einwendungen wurden erhoben. Gerhard Schröder bestand auf einer Richtigstellung.

    Außerdem kam zwei Tage nach Veröffentlichung des Artikels ein anonymer Brief: an Robert von Lucius, adressiert allerdings an die Frankfurter Redaktion. Das Kuvert, normale Größe, fand sich im Postkoffer, mit dem Material zwischen der Frankfurter und der Berliner Redaktion ausgetauscht wird. Es war nicht frankiert und vollkommen durchsichtig, transparenter noch als Butterbrotpapier, so dass man schon von außen den gedruckten Text auf dem gleichfalls durchsichtigen Zettel lesen konnte, der in dem Kuvert lag: "Danke, dass wir Frankfurter das gegen die Hannoveraner geschafft haben. Auf weitere gute Zusammenarbeit". Vielleicht noch interessanter als der Zettel war das Geld in dem Umschlag, ebenfalls von außen gut zu sehen: pinkfarbene 500-Euro-Scheine, gleich zwanzig Stück. Also 10 000 Euro in bar. Über den Hintergrund kann man nur spekulieren. Über eines nicht: Dem anonymen Absender fällt es nicht schwer, 10 000 Euro für obskure Zwecke auszugeben.

    Nun aber zurück nach Hannover. Szenenwechsel.

    Ende August verschwand Gerhard Schröder von der Website der Kanzlei von Fromberg. Im Mai noch hatten die Medien selten versäumt, beide Namen zu erwähnen. Damals hatten die beiden mächtigsten Rockergangs in Deutschland, Bandidos und Hells Angels, die Republik unter sich aufgeteilt. Sie vereinbarten wie Entspannungspolitiker, künftig "in friedlicher Koexistenz miteinander zu leben und sich gegenseitig zu respektieren und zu achten, ohne dass es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt". Seitdem gibt es keine Toten mehr.

    Von Fromberg hatte die "Moderation" dieses "Friedensgipfels" übernommen. Für die Hells Angels waren sein Freund Hanebuth, der Pressesprecher "Django" und ein "Lobo" in die Kanzlei gekommen, für die Bandidos sprachen Peter Maczollek, ein "Less" und ein "Batzen". In der Mitte saß von Fromberg. Am Ende zischte, wer's mochte, ein Bier, und von Fromberg rauchte auf seinem Balkonterritorium eine Friedenszigarre. Presse, Funk und Fernsehen nahmen regen Anteil, und so wurde aus Gerhard Schröder zusehends ein Altkanzler mit Freund: von Fromberg. Und der war ein Anwalt mit Freund: Hanebuth.

    Diese beiden wollte ich treffen. Eine Anfrage über das Kontaktformular der Hells Angels Hannover blieb unbeantwortet, ebenso meine E-Mail an den Moderator der Homepage, "Maxe". Er ist seit langem Weggefährte Hanebuths und, wenn man so will, ein bekannter Mann: Er gehörte zu den Hooligans, die während der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich den Polizisten Nivel zum Krüppel geprügelt hatten.

    Also Fehlanzeige. Schließlich kam über den Chef der Hells Angels Stuttgart die E-Mail-Adresse von Django - einem deutschen Hells Angel der ersten Stunde. Er reagierte auf meine Anfrage. Nachdem ich ihm einen Fragenkatalog zugesandt hatte, vereinbarten wir ein Treffen für Dienstagnachmittag in der "Sansibar" im Steintorviertel - dem Rotlichtmilieu, inzwischen auch der Partymeile von Hannover.

    Meile ist eigentlich zu viel gesagt. Ein Rechteck zwischen Reuterstraße, Goethestraße, Reitwallstraße und Am Marstall. Geteilt von der Scholvinstraße. Bordelle, Stripbars, Clubs, Kneipen, ein Tattoo- und Supportladen der Hells Angels - alles liegt dicht gedrängt, alles gehört zusammen. Neben den Türen liegen die "Steintor-News" wie Speisekarten. Die Kiez-Zeitschrift erzählt von "mega Kultpartys" in den Clubs, zeigt lachende, betrunkene Gesichter von jungen Leuten, was im vergangenen Monat an Partys los war, welche Prominenten sich blicken ließen - und was der laufende Monat so zu bieten hat. Auf den hinteren Seiten preisen die Bordelle und Stripbars den Service und die Dienste ihrer "internationalen Frauen". Für den Dezember verkündet das Blatt einen Weltrekordversuch: "Am 3.12.2010 von 11 bis 0.00 Uhr will eine Frau min. 146 Männer kostenlos oral befriedigen und damit den Weltrekord nach Hannover holen." Und: "Wir brauchen eure Hilfe!!!"

    Tagsüber ist das Steintorviertel fast verwaist. Einige Männer verschwinden durch die Bordelltüren. Ab und an stöckelt eine Prostituierte durch die grauen Gassen. Im Tattoo- und Supportladen der Hells Angels wechseln sich tätowierte Mädchen und glatzköpfige Anaboliker damit ab, Klamotten, Zigaretten, Bier, Likör und Tätowierungen an Mann und Frau zu bringen. Erst abends belebt sich die Straße, vor allem am Wochenende. Partyvolk und Freier - manchmal in ein und derselben Person - drängen sich vor den Läden. In einem Eckhaus liegt die "Sansibar", der alte Stammclub der Angels, Knotenpunkt des Viertels. Daneben warten Taxis vor dem "Little Italy". Das Restaurant erstreckt sich über zwei Gebäude; sie gehören von Fromberg. Betrieben wird das Lokal, so heißt es, von Neapolitanern. Die Wände zieren Bilder von Mafiosi mit Hüten, an den Tischen trifft sich die hannoversche Schickeria.

    Und, nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden, Kriminelle: Einbrecher aus dem Kosovo, Drogenhändler aus der Türkei, alles, was in der Unterwelt der Landeshauptstadt - oder der Norddeutschen Tiefebene - Rang hat, aber gewöhnlich keinen Namen. Man feiert hier gemeinsam, obere und untere Zehntausend, es ist anregend anrüchig, und manche reiche Frau nimmt schon mal einen harten Mann mit nach Hause. An einem Wochenende findet die Al Capone Party statt, am anderen kommt "Kanzler DJ" Michael Gürth; der heißt so, weil er 2004 auf Gerhard Schröders Geburtstagsparty auflegte.

    Fast jeden Abend kommt auch Hanebuth mit dem dunklen Dodge-Pickup aus dem Speckgürtel ins Milieu gefahren; nachts ist er am Steintor unterwegs. Er schart seine Fußtruppen um sich und schlendert die Straßen entlang: ein kahler Riese. Erst vormittags wanken die letzten Partyhungrigen nach Hause. Das ganz glitschige Milieu liegt auf der anderen Straßenseite: Im "Columbus" haben Tag und Stunde ausgedient, dort hängen rund um die Uhr traurige Figuren auf den Barhockern.

    Jetzt, am Nachmittag, haben die Türsteher frei. Vor der "Sansibar" steht ein totes Motorrad. Über der Tür prangt ein großes Herz, "True Love" steht drauf.

    Frank Hanebuth ist noch nicht da. Im Clubraum schaufeln breite Männer die Biervorräte für die nächste Feier hinter den Tresen. Django lehnt daran, er redet mit einem anderen Rocker. Sie sind aus Bremen gekommen. Django trägt einen grau gemaserten Bart und seine Hornbrille wie Sympathie. Er begrüßt mich mit Handschlag, dann wendet er sich wieder dem anderen Rocker zu.

    Der hat sich in Schweigen gehüllt. Er schaut mich an. Die ganze Zeit, ununterbrochen. Vielleicht soll er auf Hanebuth aufpassen.

    Django ruft Hanebuth an, sagt ihm, dass ich da bin. Fünf Minuten lässt Hanebuth mich warten, dann betritt er die "Sansibar", und er ist wirklich groß. Vielleicht zwei Meter. Kahl geschoren, Mongolenbart. Die Fleecejacke macht ihn noch breiter. Er war mal Profiboxer. Schwergewicht. Hanebuth trainierte in der "Ritze" auf der Reeperbahn. Er hätte als Boxer Karriere machen können, aber er wählte einen anderen Weg - und machte eine andere Karriere. Trotzdem, er könnte immer noch jederzeit in den Ring steigen. Die Muskeln verbeulen seine Jacke.

    Er beachtet mich nicht, als er die "Sansibar" betritt, grüßt die Männer an den Bierkisten, dann Django und den stummen Rocker. Erst dann wendet er sich an mich: Also was soll das jetzt? Warum jetzt? Gereizt.

    Ich sage etwas, egal, er wendet sich wieder Django zu. Wir sollten ins Little Italy gehen. Das ist keine Frage, sondern ein Befehl.

    Hanebuth geht voran, betritt das Restaurant. Ich bleibe kurz draußen, rauche. Django und der stumme Rocker bleiben bei mir, bis Hanebuth sie hereinbellt.

    Im Little Italy zeigt Hanebuth, dass er nur wenig Zeit hat. Sein Handy klingelt alle paar Minuten. Ja, in einer halben Stunde werde er kommen, sagt Hanebuth. Auf meine Fragen antwortet er kurz angebunden, immer nur das Nötigste, Ein-Satz-Antworten, Ein-Wort-Sätze, ab und an steht er auf und geht telefonieren. Er lächelt nicht. Er hat auf all das keine Lust. Doch er bleibt, bis ich das Gespräch beende.

    Neben mir sitzt der stumme Rocker und guckt mich unverwandt an.

    Frank Hanebuth stammt aus einer bürgerlichen Familie. Sein Vater arbeitete als Schulrektor, seine Mutter als Chefsekretärin. Er selbst machte eine Handwerkslehre. 1983 fing er im Steintorviertel an, mit achtzehn. "Ich habe in einer Bierbar den Tresen gemacht", sagt er. "Dann suchten sie einen Wirtschafter." Das sind in Bordellen die Jungs für alles. Das Steintorviertel war damals ein Sumpf aus Puffs, Animierbars und Stripschuppen - ohne Party, ohne Schick und Mick. Als Rausschmeißer bekam Hanebuth bald Probleme mit dem Gesetz. Schon während seines ersten Jahres im Viertel lernte er von Fromberg kennen, der mehrere deutsche Kiezgrößen vertrat. Hanebuths Eltern hatten von Fromberg beauftragt, ihren Sohn zu verteidigen, der Schwierigkeiten wegen eines "typischen Türsteherdelikts" hatte. Das war der Keim einer Freundschaft, die hielt. Zugleich erkannten die deutschen Kiezgrößen das "Potential" von Hanebuth, von "Boxer-Frank": seine Kraft, seine Gestalt. Ob sie auch seine Intelligenz erkannten? Jedenfalls hatte er schnell mächtige Fürsprecher. Er machte sich einen Namen im Milieu.

    In den neunziger Jahren änderten sich in den Rotlichtvierteln Deutschlands die Machtverhältnisse. Russen, Jugoslawen, Albaner und Kurden drängten ins Geschäft. Diese Gangs setzten sich brutal durch, vor allem die Albaner schreckten vor keiner Grausamkeit zurück. Mancherorts fragte sich die Polizei, ob sie in der Vergangenheit zu massiv gegen die deutschen Zuhälter vorgegangen war. Zerschlägt die Polizei eine Bande, nehmen andere die leeren Plätze ein. Welches Übel ist das kleinere? Wer macht weniger Probleme? In Hannover kämpften Kurden und Albaner um die Marktanteile an Glücksspiel, Schutzgeld, Drogen und Frauen, sprich: Menschenhandel. Auf den Straßen wurde gestochen, geschossen, gestorben.

    1995 geschah zweierlei. Es gab einen neuen Polizeipräsidenten in Hannover, Hans-Dieter Klosa. Und Frank Hanebuth wurde ein Bones. Die Bones waren damals Deutschlands mächtigste Motorradgang. Hanebuth und ein halbes Dutzend Männer aus dem Milieu gründeten ein sogenanntes "Chapter", eine Art Rocker-Ortsverein. Viele Mitglieder kamen aus dem Milieu. "Ihr Arbeitsfeld: Prostitution, Schutzgelderpressung, Hehlerei, Drogen-, Waffen- und Menschenhandel", schreibt "Bad Boy Uli" in seinem Buch "Höllenritt". Auch er war ein Bordellbetreiber wie Hanebuth. "Seit ich ein Bones war, liefen meine Geschäfte noch besser. Ich hatte viele neue Kontakte hinzugewonnen und konnte meine Mädchen mit anderen Puffs austauschen."

    Wenn Hanebuth die Bones nach Hannover rief, kamen 250 Männer auf schwarzen Motorrädern, in schwarzen Kutten mit der Knochenhand auf dem Rücken. Wer sich fortan mit Hanebuth und seinen Freunden anlegte, bekam es auch mit diesen Rockern zu tun.

    Seine Macht wuchs. Zugleich zeigte die Polizei, wie man so schön sagt, im Steintorviertel "Präsenz". Nachdem ein Kurde in einem Eiscafé einen Kosovo-Albaner umgebracht hatte - der dritte Tote in gut einem Jahr -, patrouillierten Polizisten mit Maschinenpistolen durch's Rechteck. "Schönwetterpolizei reicht im Kampf gegen die Killerkommandos der Mafia nicht aus", dröhnte Klosa. CDU-Landeschef Christian Wulff geißelte das Steintorviertel als "Eldorado der Organisierten Kriminalität". Hanebuth und die Polizei räumten es auf. Es war das Ende der Bandenkriege in Hannover. Seitdem ist klar, wer das Sagen hat.

    Ich frage Hanebuth, wie man es schafft, Ruhe in ein Milieu zu bekommen, in dem gemordet wird. Er sagt, man habe sich mit den Albanern und Kurden an einen Tisch gesetzt und diplomatisch miteinander gesprochen.

    Reden reicht? "Die machen ihre Sache und wir unsere. Irgendwann muss man miteinander reden. Und die Konflikte wurden damals auch aufgebauscht."

    Dann telefoniert er wieder. Ich hatte mehrere Clubbesitzer um ein Gespräch gebeten. Zwei hatten einem Treffen zugestimmt, einer den Termin dann wieder abgesagt, nachdem er erfahren hatte, dass ich mit Hanebuth spreche: "So wie ich mitbekommen habe, gab's eine andere Terminvereinbarung mit allen Nachbarn am Dienstag. Wann genau ist es?" Von der Vereinbarung wusste ich noch nichts. Was er meinte, erfahre ich jetzt. Hanebuth ruft die Clubbesitzer an. Sie sollen anschließend mit mir sprechen.

    Schon 1999 hatte Hanebuth den Plan, Clubs in das Milieu zu holen - und mit ihnen die feierwütige Partyszene anzulocken. "Unsere Intention war, dass die Leute herkommen und bleiben. Sie sollten essen, trinken und - ficken." Bei Intention ist er noch ruppig, bei ficken feixt er, Django und der Stumme feixen mit.

    Von Fromberg wandte sich in jenen Gründertagen an den Präventivrat von Hannover, trug vor, wie man das Steintorviertel befrieden und modernisieren könne. Im Februar 1999 schrieb er als Anwalt von Hanebuth und anderen Bordellbetreibern einen Brief an Oberbürgermeister Schmalstieg und Polizeipräsident Klosa. Er warb dafür, eine "ausländerrechtlich unbedenkliche Regelung" für die Prostituierten zu finden. Sonst bestehe die Gefahr, dass eine Kontrolle nicht mehr möglich sei: "Die Bordellbetreiber werden also die Häuser verlassen, die Eigentümer werden neu vermieten oder verkaufen; es bedarf keiner großen Phantasie, um herauszufinden, wer dann in das hannoversche Steintor-Milieu einzieht." Von Fromberg beendete seinen Brief mit den Worten: "Ich möchte allerdings erreichen, Konflikte, die ich befürchte und deren Ursache ich erläutern kann, zu vermeiden. Das kann jetzt noch gelingen, viel Zeit bleibt aber nicht." Auch damals schon ein Friedensschluss.

    Und noch einer: Hanebuth verhandelte im gleichen Jahr mit der mächtigsten Rocker-Gang der Welt. Mit den Hells Angels. Hanebuth sagt, er wollte über den Tellerrand schauen. "Profit- und Expansionsgründe" nennt Bad Boy Uli das. Die Bones waren zwar Deutschlands mächtigste Motorradgang, aber die Hells Angels waren international.

    Im November 1999 gab es eine Party im Clubhaus der Bones um Hanebuth. Sie legten ihre Kutten mit der Knochenhand ab und zogen sich die mit dem geflügelten Totenkopf über. "The World is not enough", verkündeten die Hells Angels und feierten den Zusammenschluss mit einer Anzeige im Szenemagazin "Bikers News". Das ist seit 1980 ein Sprachrohr der Rockerszene - seit es mit Udo Lindenberg auf dem Cover zum ersten Mal erschien. Danach waren meistens nackte Frauen drauf, an Motorrädern.

    Die Gang war schon vor zehn Jahren die am schnellsten wachsende kriminelle Organisation auf der Welt. In Skandinavien und in Kanada hatten Hells Angels mit anderen Motorradgangs blutige Kriege ausgetragen. Mehr als 100 Personen waren dabei getötet worden. Es ging um die Herrschaft über Prostituierte und Drogen.

    "Ich bin kein anderer Mensch geworden, nur weil ich ein Angel bin", sagt Hanebuth. 2000 kam der erste Club in das Steintorviertel, das erste glitzernde Steinchen der kleinen Amüsiermeile, auf der regelmäßig auch große Feste gefeiert werden, mit Zehntausenden, organisiert von Hanebuth, überwacht von seinem schon 1993 zusammen mit dem Bordellbetreiber und Rocker Wolfgang Heer gegründeten Sicherheitsdienst "GAB-Security". Diese Männer hat Hanebuth überall im Quartier vor den Türen stehen. Und wieder: Wer sich mit einem anlegt, legt sich mit allen an.

    Im November 2000 durchsuchten 400 Polizisten 29 Bordelle, Wohnungen und Firmen in Norddeutschland. Frank Hanebuth und sechs weitere Männer wurden festgenommen. Ihnen wurden Körperverletzung, Erpressung, Menschenhandel und Zuhälterei vorgeworfen. Im August 2001 mussten sich die Männer vor dem Landgericht Hamburg verantworten. Laut Anklage war der Hamburger Zuhälter S. Mitglied der Hells Angels in Hannover geworden. Die Männer schleusten Frauen aus Osteuropa, Thailand und Südamerika ein, nahmen ihnen die Pässe ab, zwangen sie zur Prostitution, versklavten sie. Innerhalb eines knappen Jahres nahmen die geständigen Angeklagten einen zweistelligen Millionenbetrag ein.

    Gestanden hatten sechs; sie erhielten eine geringere Strafe. Einer gestand nicht: Frank Hanebuth, der von Fromberg verteidigt wurde. Die Staatsanwaltschaft hatte in ihm einen "Unternehmensberater" gesehen; zu Unrecht, sagt Hanebuth. Die Hamburger Richter stellten das Verfahren gegen ihn ein, aber in Hannover, wo ebenfalls gegen ihn prozessiert wurde, bekam er in anderer Sache eine harte Strafe. Er hatte einen Rocker fast totgeschlagen. Dreieinhalb Jahre lautete das Urteil. Danach ist Hanebuth strafrechtlich nicht mehr in Erscheinung getreten. "Wir haben einige, die gesessen haben, man lernt, dass es nichts bringt. Man lernt aus Fehlern", sagt er. Die Polizei Hannover sagt: "Wir haben keine Erkenntnisse, dass die Hells Angels in Hannover aktuell als verbrecherische Organisation einzustufen sind."

    Hanebuth verwandelte das Steintorviertel weiter in ein Spaßgebiet. Wellen des Spaßes schwappten in die Lokalpresse, die fand Hanebuth gut, die Entwicklung löblich. Weitere Clubs folgten. Prominente, Musiker, Sportler, Journalisten feierten im Steintorviertel. Auch Spenden wurden gesammelt. Beispielsweise schrieben die Steintor-News im Februar 2005 stolz: "Das Geld bekam die Gertrud-Foerstner-Stiftung zugunsten Alzheimer Patienten. Schirmherrin ist Martina von Fromberg, die Frau von Hannovers Promi Anwalt Götz von Fromberg. Beide feiern, genau wie ihre Tochter Nina, gerne am Kiez - daher lag es nahe, die Stiftung von Martina von Fromberg zu unterstützen."

    2005 machte das Steintorviertel noch einmal negative Schlagzeilen. Als die Öffentlichkeit von der VW-Affäre erfuhr. Fünf Jahre zuvor hatte ein auf Hanebuth angesetzter V-Mann der Polizei berichtet, dass ein Bordellbetreiber Sex-Partys für VW-Manager organisiere. Manche Mühlen mahlen langsam - bis endlich auch die Öffentlichkeit von den Treffen der VW-Manager mit den Prostituierten aus dem Steintorviertel oder dem Edelbordell "Chateau am Schwanensee" erfuhr. Dort, in Isernhagen nördlich der Landeshauptstadt, hatten erst die Bones und dann die Hells Angels das Sagen.

    Die Presse nennt Hanebuth längst "Steintor-König". Und im Blick auf die Hansestadt Hamburg verkündete er Anfang dieses Jahres: "Das Hamburger Milieu vertraut uns. Da, wo wir sind, herrschen klare, gradlinige Verhältnisse. Wir haben in Hamburg seit Jahrzehnten die Vorherrschaft, sehr großen Einfluss." Er tue nichts Illegales, betreibe Bars und Bordelle und zahle seine Steuern.

    In der Türkei posierte Hanebuth neben Neco A., dem Anführer der neugegründeten Hells Angels Türkei. Neco A. verbreitete in den neunziger Jahren als Rotlichtpate in Köln Furcht und Schrecken. Er saß unter anderem wegen Menschenhandels im Gefängnis. "The World is not enough", verkünden auch die türkischen Rocker.

    Kurz bevor Hanebuth geht und sich an einen Nachbartisch zu einer Frau mit Kind setzt, die Beine ausstreckt und entspannt, kurz davor also sagt Hanebuth noch, das Steintorviertel sei das schönste Rotlichtviertel in Deutschland. "Die Wirte halten zusammen. Wir sind eine Interessengemeinschaft." Er sei weder der König des Viertels noch der Chef. "Ich habe einfach nur Erfahrung, und man hat Vertrauen zu mir."

    Dann gibt Hanebuth mir die Hand: Nachher triffst du dich ja noch mit Fromberg.

    Die Clubbesitzer kommen. Sie erzählen von der Partymeile, von ihren Läden. Sie sagen, das Gerede mit der Herrschaft der Hells Angels sei Quatsch. Hanebuth verlässt schließlich das Lokal. Nein, er sei nicht der Chef, sagen die Clubbesitzer. Ab und an betreten Kieztypen das Little Italy und fragen, wo der Chef ist. Die Kellner schicken sie Richtung "Sansibar", zu Hanebuth.

    Von Fromberg zu treffen war einfacher.

    Er hatte sich sofort gemeldet, sagte, dass er eigentlich nicht mehr über Hells Angels und Hanebuth sprechen wolle, war dann aber doch mit einem Treffen einverstanden. Am frühen Abend stehe ich vor seiner Kanzlei an der piekfeinen Adenauerallee. Die Räume befinden sich in einer weißen Villa. Eine Sekretärin führt mich zu einem roten Ledersofa, bringt Kaffee. Sie telefoniert, fragt, wo der Chef sei. Dann entschuldigt sie sich. Es dauere noch ein wenig. Notartermin. Doch es gibt allerhand zu sehen: Schröder in Öl blickt von der Wand. Ein Autogramm von Mohammed Ali wartet auf Bewunderer. In Vitrinen hängen ein Boxer-Mantel von Henry Maske und ein Mantel mit Boxhandschuhen von Dariusz Michalczewski. Für meinen Freund Götz.

    Auftritt Fromberg. Eine ebenso mächtige Figur wie Hanebuth, aber auf eine andere Art. Hanebuth war verschlossen, von Fromberg lacht mich an. Seine Gesichtszüge wandern freundlich, eine einnehmende Fülle aus weißen Bartstoppeln, weißem Haar und geröteter Haut. Hanebuth war muskelbepackt, von Fromberg ist weich. Sein Körper wirkt verletzlich, aber er umgibt sich mit einem Kraftfeld der Macht, das undurchdringlicher sein mag als Hanebuths Körperpanzer. Von Fromberg geleitet mich in sein Büro. Im Regal steht ein knappes Dutzend Ordner mit der Aufschrift "Presse".

    1975 wurde er Anwalt in Hannover. Er war 26 Jahre alt, und er war ein Freund von Gerhard Schröder. Im Referendariat hatten sie sich kennengelernt. Sie spielten im "Verein Fußball spielender Juristen" - Fromberg als linker Verteidiger, seine Stärke: das Zerstören; Schröder als Mittelstürmer, der in jeden Ball ging. Abends gingen sie ins "Plümecke", aßen Currywurst, tranken Bier, spielten Skat. Fromberg vertrat bald bekannte Rotlichtgrößen in Hannover, deren Bordelle als "deutsche Topadressen" gelten. Das Milieu lernte, dem jungen Anwalt zu vertrauen.

    Von Fromberg erzählt, wie er den Männern im Milieu geraten habe, alle Geschäfte vernünftig zu regeln, sich Häuser zu kaufen, das Geld anzulegen. Warum? Weil einer, der was habe, auch etwas zu verlieren habe. "Der Versuch war, das Milieu aus der Schmuddelecke rauszuholen in ein ganz normales Wirtschaftsleben. Wenn man legal genug Geld verdient, braucht man keine Straftaten zu begehen", sagt von Fromberg. Man dürfe von außen nicht undifferenziert gegen die Geschäfte im Milieu wettern. "Man muss sich entscheiden: Will man das oder will man es nicht. Will man Frieden, oder will man vielleicht doch lieber Krieg?"

    Er kenne keinen Hells Angel "näher persönlich", außer Hanebuth, sagt von Fromberg. Hanebuth sei der einzige Bezugspunkt. Aber eines wisse er: Hanebuth sei ein Garant dafür, dass es im hannoverschen Milieu ruhig bleibe. "Allerdings begrüße ich genau so die Präsenz der Polizei, die dort für Recht und Ordnung sorgt." Gemeinsam sind sie stark.

    Schon früh nannte die Presse Götz von Fromberg "Staranwalt". Und immer ist da die Verbindung zu Schröder. 1996, nach der Trennung von Hiltrud, wohnte Schröder bei Fromberg. Von Fromberg war Trauzeuge bei Schröders Hochzeit mit Doris. Mit Schröder feierte er dessen Wahlsieg 1998. In seinem ersten Kanzlerurlaub besuchte Schröder den Freund in dessen Haus in Marbella. Noch immer treffen sich die beiden, gehen essen und trinken Wein. Als von Fromberg 1999 seine famose Kanzlei in der Adenauerallee eröffnete, lud er Schröder zur Eröffnungsfeier ein. Und seinen Freund Hanebuth.

    Von Frombergs Handy klingelt. Hanebuth ruft an. "Der ist gerade hier", sagt von Fromberg. "Wie ist es bei dir gelaufen?" Dann ist das Telefonat beendet.

    Von Fromberg sagt, er habe keine Lust mehr, sich im Milieu zu engagieren. Er habe lange genug Herzblut gelassen. Nun sei er bereit für die Ersatzbank. Von Fromberg beklagt sich, dass immer mehr Menschen ihn als Hells-Angel-Anwalt bezeichnen. "Da ist keiner, der gesagt hat: Mensch, toll, was der versucht hat." Manche Medien würden einseitig auf ihn draufhauen, "anstatt zu überlegen: Vielleicht ist das doch ganz gut. Da ist Stimmung, hübsche Mädchen, es fühlen sich alle wohl, und alles ist friedlich. Man muss sich doch überlegen, wer kommen würde, wenn Hanebuth weg wäre." Nur wenige hätten positiv bewertet, dass er den Friedensvertrag zwischen Hells Angels und Bandidos moderiert habe. "Da habe ich Tote verhindert." Und es liege auch an ihm, dass die Hells Angels in Hannover nie etwas mit Drogen zu tun gehabt hätten. "Ich hasse Drogen. Ich habe mal gesagt, wenn das einer von meinen Freunden oder näheren Bekannten macht: sofort weg."

    Die Herrenabende von Fromberg sind berühmt. Zu den Feiern kam in den vergangenen Jahren nahezu alles, was Rang und auch Namen hat. Ein "Netzwerk aus hannoverschen Alphamännchen" heißt die Runde, die sich bei Fromberg trifft. "Maschseemafia" ist ein anderer geläufiger Ausdruck. Und "Wohnzimmer der Macht". Solange Schröder Kanzler war, kam keiner mehr aus dem Milieu. Wegen der Fotografen.

    Und Hanebuth kam erst, wenn die Politiker gegangen waren. Er rief von Fromberg vorher an und fragte ihn, ob es jetzt in Ordnung sei. Hanebuth sei sein Freund, sagt von Fromberg, dazu stehe er. "Ich verstecke meine Freunde nicht."

    Wieder klingelt sein Telefon. Diesmal ist Schröder am anderen Ende. Von Fromberg und er verabreden sich, plaudern über Fußball und Wein.

    Zum F.A.Z.-Artikel mit den "Erbfreundschaften" sagt von Fromberg, er selbst sei ja noch ganz gut weggekommen, als Mann, der sich "ein äußerst vielfältiges und interessantes Netzwerk" aufgebaut habe. "Und seien wir doch mal ehrlich: Netzwerke stören nur denjenigen, der sie nicht hat." Nicht großgeschrieben.

    So kann man das sehen. Der Aufenthalt im Steintorviertel war wirklich aufschlussreich. Auch weil mir ein Gesprächspartner aus der Szene - sein Name bleibt hier unerwähnt - einen väterlichen Rat mitgab: Ich soll vorsichtig sein mit dem, was ich schreibe. Man habe so schnell ein Messer im Rücken. Ich sei doch jung. Ich wolle doch noch ein schönes, langes Leben. Manche Leute seien unberechenbar. Die könnten schon für 5000 Euro jemanden umbringen lassen.

    5000 Euro, zehn Fünfhunderter. Viel ist das nicht, für manche Leute.

Sonntagszeitung vom 28. November 2010