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Das Ende der Kindheit

Von Melanie Mühl

Eine Lebensgemeinschaft als Organismus, das war das Versprechen, das die Odenwaldschule einst gab. Der Missbrauchsskandal hat es zerstört. Jeder misstraut jetzt jedem. Elf Tage in einem kranken Haus.

Am zweiten Tag ist Clemens Kuby da. Ein Lehrer hat ihn eingeladen. Er steht in einem Klassenzimmer vor gut zwanzig Schülern, die meisten aus der Oberstufe, mehr Jungen als Mädchen. Clemens Kuby ist Anfang sechzig, mit grauem Haar und breitem Lächeln, selbst wenn es gar nichts zu lächeln gibt. Er ist ein ehemaliger Schüler der Odenwaldschule, er glaubt an Reinkarnation und hat die Europäische Akademie der Selbstheilung gegründet. Und er verspricht traumatisierten Menschen Rettung. Heute ist er nach Ober-Hambach gekommen, um seine alte Schule zu retten. Es geht um Missbrauch, seit Wochen geht es um nichts anderes hier. Sein Vortrag heißt "Für eine glückliche Kindheit ist es nie zu spät".

    Das Problem ist vielleicht gar nicht, dass die Schüler nach Monaten des Medienrummels eine solche Erklärung bekommen. Das Problem ist, dass es eine der wenigen ist, die sie überhaupt bekommen.

    Am Tag danach eilt eine verstörte Schülerin im Speisesaal zum Tisch der Direktorin Margarita Kaufmann. Sie ist noch nicht einmal fünfzehn Jahre alt. Sie erzählt von Clemens Kuby. Er hat den Schülern erklärt, warum ein Vater sein Kind missbraucht. Der Vater war vielleicht in einem früheren Leben im Krieg. Jetzt sieht er in seinem Kind den Feind. Und missbraucht es.

    Die Odenwaldschule ist ein von Hügeln beschützter Ort. Wie zu groß geratene Hexenhäuschen mit spitzen Dächern, Erkern und kleinen Fenstern verteilen sich die Gebäude in der Landschaft. Breite Wege verbinden sie miteinander. Alle tragen einen Namen, Herderhaus oder Goethehaus. Die meisten sind mit dunklem Holz verkleidet, das oft verwittert ist. Der lichte Wald schiebt sich nah an sie heran. Hier oben ist die Luft drei, vier Grad kühler als unten in Heppenheim, weshalb der Schlaf besonders tief sein soll. Die Sonne scheint, über allem liegt Friedlichkeit. Und dann dieser Satz: "Wir sind es den Opfern schuldig, jedes Verbrechen aufzuklären." Es ist der Satz von Margarita Kaufmann, der Direktorin der Odenwaldschule. Diese Frau, sagen manche, zerstört gerade die Schule. Sie behauptet, die Schule zu retten. Aber vielleicht glaubt sie, die Schule dafür zerstören zu müssen.

    Margarita Kaufmanns Büro befindet sich im langgezogenen Hauptgebäude. Auf dem Konferenztisch stehen Blumen und ein Obstkorb, durch die Fensterfront fällt der Blick auf den zentralen Platz mit Holzbänken unter einer Linde. Alle Wege laufen dort zusammen. Die Schuleinfahrt wird gerade erneuert, das Hauptgebäude renoviert. Der Lärm mache sie wahnsinnig, sagt Margarita Kaufmann. Seit 2007 ist sie hier Direktorin. Sie sagt, sie halte das nicht mehr aus, sie halte das alles nicht mehr aus. Sie weint.

    Vor zwei Monaten kam der Missbrauchsskandal ans Licht. Im Juli feiert die Odenwaldschule ihr hundertjähriges Jubiläum, was bedeutet, dass sie eine große Feier ausrichten wollte; angesehene Menschen sollten von überall her anreisen und Reden halten. Am Ende hätten sie angestoßen auf die Odenwaldschule. Bei dieser Vorstellung hat sich einigen Missbrauchsopfern der Magen umgedreht. Deshalb schweigen sie nicht mehr: nicht über Gerold Becker, der die Schule von 1972 bis 1985 leitete und sich von Schülern befriedigen ließ; nicht über die vielen anderen Täter, die Schüler sexuell benutzten. Mittlerweile sind es mehr als vierzig Opfer. Es gab dreizehn Ermittlungsverfahren, von denen sieben inzwischen eingestellt worden sind. Nun wird noch gegen sechs ehemalige Lehrer und einen Schüler ermittelt. Verbrechen soll es bis in die neunziger Jahre gegeben haben. An der Odenwaldschule hatte der Missbrauch System, aber er wurde jahrzehntelang verschwiegen.

    Margarita Kaufmann ist eine selbstbewusste Frau. Sie ist kräftig gebaut, trägt Hosenanzüge und Seidentücher, ihr dunkelblondes Haar ist zu einem Bob geschnitten, die Lippen sind rot geschminkt. Nichts an ihr ist nachlässig. Ihre Herzlichkeit fällt auf, sie legt ihre Hand gern auf die Schulter anderer Menschen, aber ohne aufdringlich zu werden. Margarita Kaufmann wirkt wie jemand, der sich in der Welt gut zurechtfindet. Man wundert sich, dass sie sich an einen Ort zurückgezogen hat, der einer Insel gleicht. Sie hat in Freiburg Romanistik und Germanistik studiert und für die Konrad-Adenauer-Stiftung in Lima gearbeitet, war häufig in Mexiko und Brasilien, zog nach Paris, wo sie eine Stelle bei der Unesco antrat. Jetzt ist sie in Ober-Hambach.

    Sie sagt, alles müsse auf den Tisch. Niemand dürfe das Geschehene verdrängen und die finstere Zeit verharmlosen. So tritt Margarita Kaufmann nach außen und nach innen auf. Nach außen ist sie die Heldin der Aufklärung. Nach innen ist sie die Unheilstifterin. Jedenfalls empfindet sie das so. Sie hat das Gefühl, dass es im Kollegium Lehrer gibt, die sich gegen die Aufklärung wehren, die die Wahrheit von sich fortschieben. Als wäre der systematische Missbrauch eine lästige Episode gewesen. Und diese Lehrer, die auf irgendeine Weise mit der Vergangenheit und den Tätern verbunden seien, würden sie ablehnen. Täglich spüre sie Feindseligkeit. Und diese lauernden Blicke. Es sei die schwerste Zeit ihres Lebens.

    Es ist 11.15 Uhr, die Teekonferenz beginnt. Margarita Kaufmann betritt den Konferenzraum im Hauptgebäude, die meisten Lehrer und Vertreter des Schülerparlaments sind bereits da. Manche Schüler summen ein Lied, ständig hört man es in diesen Tagen, es ist ein Lied von Clemens Kuby und heißt "Körperzellenrock". Im vergangenen Sommer wurde es tausendfach im Internet verschickt. Es gibt dazu ein lustiges Video bei Youtube, auf dem sich Clemens Kuby gemeinsam mit alten Frauen im Kreis dreht und den Satz "Jede Zelle meines Körpers ist glücklich" singt.

    Die Lehrer unterscheiden sich von den Schülern im Grunde nur durch ihr Alter, gekleidet sind sie genauso locker, sie tragen Jeans, Shirts, bequem sitzende Pullover. Manche haben Sandalen mit Socken an, niemand trägt Krawatte. Selbst die Bewegungen ähneln sich in der Lässigkeit. Der Konferenzraum hat nichts Freundliches, die Decke hängt niedrig, die Tische folgen keiner Ordnung, auf ihnen stehen Kannen und Tassen, Äpfel und Teller mit Wurstbroten. Obwohl draußen die Sonne scheint, brennt drinnen Licht. Mehr als fünfzig Menschen sitzen eng zusammen, manche drehen einander den Rücken zu, so dass nicht jeder jedem in die Augen sehen kann. Es ist ein Ort, der trennt, anstatt zu verbinden.

    Vorn, neben Margarita Kaufmann, nimmt die Konferenzleiterin Platz und liest den Spruch des Tages vor. Er stammt von Dostojewskij: "Nicht der Verstand ist die Hauptsache, sondern das, was ihn lenkt - die Natur, das Herz, die edlen Instinkte, die Entwicklung." Es folgen die Krankmeldungen aus der Krankenstation und den Familien. Wer etwas sagen will, hebt die Hand. Lehrer melden Beurlaubungswünsche ihrer Schüler an, von denen einer die Kommunion seines Bruders feiern möchte. Schüler, die sich am Wochenende bis zum Umfallen betrunken haben, bekommen Alkoholverbot. Eine Lehrerin sagt: "Ich bin psychisch am Ende, ich halte die Stimmung im Kollegium nicht mehr aus. Wir müssen uns wieder mit Respekt begegnen." Im Herderhaus hat am 20. April ein Achtklässler "Happy birthday, Adolf" gesungen. Dann gehen alle auseinander, als wäre nichts gewesen.

    Man muss einige Tage in der Odenwaldschule verbringen, bis man auch an dem Schulalltagsverhalten abliest, dass etwas nicht stimmt. Erst kommt man nicht darauf, und plötzlich begreift man: Kaum jemand lacht. Man sieht keine Lehrer, die in der Sonne zusammen stehen und plaudern. Wenn man zu einer Gruppe tritt, die sich unterhält, bricht oft das Gespräch ab. Der Missbrauchsskandal hat die Illusion der Harmonie zerstört. Jeder misstraut jedem. Eine Schule als Lebensgemeinschaft, als Organismus: Das war das Versprechen der Landschulbewegung. In Ober-Hambach gilt jetzt: Keine Zelle dieses Körpers ist glücklich.

    "Es gibt vier Gruppen", sagt ein Lehrer über das Kollegium. Über die Gruppenzugehörigkeit entscheidet die Biographie. Länger als zwanzig Jahre an der Schule, das ist die eine Gruppe, zehn Jahre die zweite, nach 2000 eingestellt die dritte, das sind die Guten. Wer mit Missbrauchsopfern gesprochen hat, zählt zur vierten Gruppe. Wo einst Vertrauen herrschte, hat sich Misstrauen breitgemacht. Dieses Misstrauen wird nicht immer direkt ausgesprochen, aber es steht immer zwischen den Menschen. Eine Lehrerin sagt: "Ich weiß nicht mehr, wer Freund ist und wer Feind."

    Das Ehepaar Albers wohnt abgelegen in einem zweistöckigen Neubau, dem Bäcker-Schmitt-Haus. Ihr Wohnzimmer ist mit Teppichen ausgelegt, man sitzt in Korbstühlen. Draußen ist alles grün. Marlen Albers leitet die Bibliothek im Goethehaus, Erich Albers unterrichtet Geschichte und Kunst in der Oberstufe. Im Obergeschoss leben zehn Schüler, von der siebten Klasse bis zur Oberstufe, sieben Mädchen, drei Jungen. Erich und Marlen Albers sind ihre Familienhäupter, so heißen die Lehrer, die mit Schülern zusammenleben. Es ist durchaus erwünscht, dass sie die Schüler auch unterrichten.

    Auf die Odenwaldschule gehen 220 Schüler, dabei hätte sie Platz für 240. Knapp ein Drittel der Kinder sind Jugendamtskinder. Sie kommen aus Verhältnissen, in denen nichts Bestand hat, in denen es oft keine Liebe gibt, kein Vertrauen, keinen Schutz. 2200 Euro kostet das Internat im Monat, die Klassen sind klein, oft sitzen in ihnen nicht mehr als fünfzehn Schüler. Sie können ihr Abitur hier machen, einen Hauptschul- oder Realschulabschluss. Sie können auch eine Ausbildung zum chemisch-technischen Assistenten oder informationstechnischen Assistenten absolvieren oder eine Lehre als Schreiner und Schlosser. Die Odenwaldschule fördert experimentelles Lernen, und wenn ein Lehrer davon überzeugt ist, dass seine Schüler den Stoff besser im Wald kapieren, unterrichtet er sie dort.

    Marlen und Erich Albers sind seit dreiundzwanzig Jahren an der Odenwaldschule. "Wir gehören zu den Bösen", sagen sie. Es soll wie ein Spaß klingen, aber es klingt resigniert. Die Albers waren zwar nicht zu Gerold Beckers Zeiten da, aber schon 1999, als die "Frankfurter Rundschau" einen großen Artikel über sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule druckte und Becker als Hauptbeschuldigten nannte. Seltsamerweise blieb damals der Skandal aus, die übrigen Medien berichteten nicht, die CDU versank in der Spendenaffäre, die Sache verlief irgendwie im Sand.

    Die Odenwaldschule begegnete Erich Albers im Fernsehen. In einer Quizsendung traten Schüler und Lehrer gegeneinander an. Er sagt: "Mir hat ihr lockerer Umgang gefallen." Er mochte die Vorstellung, dass die Odenwaldschule ein Raum ist, in dem der Mensch als Ganzes gesehen wird. Dafür ist Nähe Voraussetzung, weshalb Schüler und Lehrer zusammenleben. Auch diese Vorstellung mochte Erich Albers. Damit nichts Trennendes zwischen Lehrern und Schülern steht, duzt man sich. Erich Albers sagt: "Wir sind auf gleicher Augenhöhe." Die Noten vergeben trotzdem die Lehrer.

    Bevor der Missbrauchsskandal über die Odenwaldschule hereinbrach, war die Welt der Albers in Ordnung. Erich Albers sagt: "Wir sind sieben Tage die Woche da, wir kümmern uns, wir machen alles. Wir waren stolz darauf, Teil dieser Schule zu sein. Wir sind es immer noch." Die Albers sagen: "Auf einmal bekommen wir zu hören, dass unsere enge Arbeit mit den Kindern hochgefährlich ist." Von einer "schwülen Umgebung" sei in einer Zeitung die Rede gewesen. Die Albers glauben an das System, haben immer noch Kontakt mit Altschülern. Marlen Albers sagt: "Es gibt Kinder, die waren sieben Jahre bei uns in der Familie. Die sind wie die eigenen. Ich bin auf ihrer Hochzeit gewesen und habe genauso geweint wie die Mutter." Erich Albers sagt: "Wir kriegen jetzt die Schläge für etwas, was vor dreißig Jahren passiert ist."

    Fortsetzung auf Seite 33.

    Die Albers sind für die Aufklärung des Missbrauchs, aber der Schatten, der auf die Odenwaldschule fällt, fällt auch auf ihr Leben, da diese Schule ihr Leben ist. Dieses Leben steht auf einmal in Frage.

    Jeden Tag hören sie den Vorwurf: "War- um habt ihr geschwiegen? Warum habt ihr nichts getan?" Dieser Vorwurf kommt nicht nur von außen, er kommt auch von innen. Die Albers sagen, sie hätten 1999 gedacht, es handele sich um Einzelfälle. Viele dachten das. Damals stand in der Zeitung, dass es keine Einzelfälle sind.

    Am neunten Tag konferiert der Vertrauensrat. Margarita Kaufmann, sieben Lehrer und der Geschäftsführer Meto Salijevic treffen sich im Büro der Direktorin. Die Stimmung ist schlecht, die Gesichter sind besorgt. "Der Träger der Jugendhilfe ist unzufrieden mit der Informationspolitik der Odenwaldschule im Zusammenhang mit den Missbrauchsvorfällen", sagt Margarita Kaufmann. Neue Details über den Missbrauchsskandal möchte er nicht mehr aus der Presse, sondern von der Schule erfahren. Die Ämter bemängelten auch den Zustand der Gebäude. Die müssten dringend saniert werden. Außerdem fehlten klar definierte Standards bei der Familienführung. Wie alles umgesetzt werden soll, sagt sie nicht. Der Landrat des Kreises Bergstraße, Matthias Wilkes, wird so bald keine Kinder mehr über das Jugendamt schicken. Margarita Kaufmann sagt: "Wenn wir die Jugendamtskinder verlieren, ist die Schule am Ende."

    Vor dem Missbrauchsskandal war die Odenwaldschule eine Festung. Was in ihr passierte, drang nicht nach außen, weil der OSO-Geist die Gemeinschaft zusammenhielt. "OSO-Geist", dieses Wort wurde betont. Der Leitspruch lautet: "Werde, der du bist." Eine Lehrerin sagt: "Hier leben besondere Menschen mit tiefen Landschaften zusammen." Das ist eine schöne Idee, weil jeder Mensch gern besonders sein möchte. Sich von der Gemeinschaft abzuwenden würde bedeuten, sich selbst nicht mehr als besonders wahrzunehmen. Das macht die Gemeinschaft so verschworen. Aber die Odenwaldschule ist keine Festung mehr. Die Menschen beäugen einander, sie fragen sich: Wer wusste von den Verbrechen? Wer steht mit wem in Kontakt? Wer hat weggeschaut? Wer deckt wen?

    Für die, denen es um Macht geht, die in den Trägerverein oder den Vorstand wollen, ist der Zeitpunkt günstig. In der Mehrheit sind es Altschüler. Ein Lehrer sagt: "Es gibt Altschüler, die den Missbrauchsskandal benutzen, um sich an der Schule zu rächen." Die Angst vor Altschülern ist groß im Moment. Vor Altschülern wie Boris Avenarius.

    Boris Avenarius, Anfang fünfzig, groß, dunkelhaarig, jovial. Einen, der sich rächen will, stellt man sich anders vor. Er ist ausgesprochen höflich und gekleidet, als sei er unterwegs in die Oper. Boris Avenarius ist Missbrauchsopfer. Der Lehrer J. K. hat sich an ihm vergangen. Er kam Ende der sechziger Jahre an die Odenwaldschule, unterrichtete Mathematik und Erdkunde, und er hatte einen VW-Bus. Im VW-Bus nahm er seine Schüler zu Ausflügen mit, um sie zu missbrauchen.

    Bis vor kurzem stand Boris Avenarius noch hinter J. K., er nannte ihn seinen "Gottvater". Als der von den Vorwürfen gegen ihn erfuhr, half ihm Avenarius beim Verfassen eines Briefs an Margarita Kaufmann. J. K. hat das Leben von Boris Avenarius nicht zerstört, aber das anderer Menschen. Boris Avenarius hat mit Betroffenen gesprochen. Erst da hat er wohl verstanden, dass ihm großes Unrecht widerfahren und J. K. ein Verbrecher ist. Jetzt steht er hinter den Opfern.

    Nicht, dass er eine zentrale Anlaufstelle wäre. Er hilft, wo er helfen kann, hört zu, kümmert sich um Krankenversicherungen, einen Therapiebeginn. "Die Täter sind mir eigentlich vollkommen egal, es geht mir nur um die Opfer." Boris Avenarius schreibt gern im Internetforum der OSO, aber er hetzt dort nicht, er stärkt Frau Kaufmann den Rücken. Er sagt: "Die bisherigen Reaktionen des Trägervereins, des Altschülervereins oder des Geschäftsführers vermitteln mir den Eindruck, dass wir nicht ernst genommen werden." Mag sein, dass Boris Avenarius seine Rolle herunterspielt. Er kann etwas bewegen, aber er kann die Schule nicht zu Fall bringen. Er sagt: "Niemand muss vor mir Angst haben." Boris Avenarius hat keine Macht. "Leute wie Amelie Fried, Philipp Sturz, Adrian Koerfer, Dirk Salmon, Johannes von Dohnanyi, Regina Bappert und Sascha Zumbusch können mehr bewegen als ich."

    Aber das ist egal, die Odenwaldschule zerfällt, jeder hat Angst. Zum Beispiel davor, dass Boris Avenarius doch Missbrauchsopfer um sich sammeln und einzelne Lehrer im Forum denunzieren könnte.

    Die Lehrer sagen: "Wir brauchen Hilfe von außen." Es kommen Berater, Psychologen, Psychoanalytiker, Supervisoren, Altschüler wie Clemens Kuby. Sie kommen und gehen, keiner bleibt, nur die Verstörung.

    Am zehnten Tag ist Stephan Becker da. Er ist groß und massiv und bester Laune, er blickt zufrieden um sich, in der Hand eine Ledertasche. Stephan Becker ist Altschüler und Psychoanalytiker, auch er will seiner Schule helfen. Aber er ist auch der Sohn des Bildungspolitikers Hellmut Becker. Der war Gerold Beckers Mentor, er wusste, dass dieser Knaben sexuell missbrauchte, und empfahl ihm eine Therapie. Die Konferenz, vor der Stephan Becker jetzt mit einem freundlichen Gesicht steht, weiß nicht, wer Stephan Beckers Vater ist. Frau Kaufmann stellt Stephan Becker als Psychoanalytiker und Altschüler vor, den Rest verschweigt sie. Sie denkt, Stephan Becker steht auf ihrer Seite.

    Dass er eigene Interessen verfolgt, hat Margarita Kaufmann nicht erkannt. Stephan Becker redet mit einer schönen, dunklen Stimme auf die Konferenz ein, gegen die Spaltung, für seine Hilfe. Er wolle die Menschen wieder zueinanderführen. Die Konferenz ist misstrauisch, man sieht es in den Gesichtern der Lehrer, sie legen ihre Stirn in Falten, schütteln den Kopf, blicken irritiert um sich. Ein Lehrer sagt: "Wenn wir uns von einem Altschüler beraten lassen und die Presse erfährt davon, heißt es wieder, wir wollen nicht wirklich aufklären." Nicken. Wenige Lehrer sehen das anders. Trotzdem versucht Stephan Becker die Konferenz zu überzeugen. "Ich bin nicht im Altschülerverein", sagt er, als würde das irgendetwas ändern. Später entscheidet sich die Konferenz gegen Stephan Becker. Margarita Kaufmann schreibt ihm dazu einen knappen Brief, Stephan Becker antwortet ihr mit einem langen.

    Er wirft ihr vor, dass sie die Schule zerstöre und ihre traumatische Vaterbeziehung an der Schule abarbeite. Margarita Kaufmann hat ihm von ihrem Vater erzählt, und nun schreibt er: "Es bereitete und bereitet mir . . . große Sorgen, dass Sie seit Wochen täglich einen symbolischen Overkill gegen Gerold Becker und andere mutmaßliche Verbrecher sexueller Misshandlungen an Kindern und Jugendlichen loslassen, ohne dass nur ein einziger Fall mit der notwendigen fachlichen und sachlichen Sorgfalt abgeklärt wurde. Es leuchtet mir ein, dass jeder Schlag gegen Gerold Becker als Deckerinnerung sich auf Ihren Vater bezieht und diesen mittreffen soll. Sie sollten sofort aufhören, in Sachen ,Aufarbeitung' tätig zu sein ..."

    Margarita Kaufmann antwortet Stephan Becker nicht, er streut daraufhin seinen Brief. Darin steht auch folgender Satz: "Gerne stehe ich Ihnen bei Bedarf weiter zur Verfügung. Ich helfe auch gerne, wenn diese ärgerlichen neuerlichen Vorwürfe gegen Sie, Sie hätten ,drei Schüler im Alter von 16 Jahren sexuell missbraucht' und den abhängigsten dann später geheiratet, zu klären wären."

    So kommt ein Gerücht in die Welt. Margarita Kaufmann sagt, sie habe ihren Ehemann damals nur wenige Wochen unterrichtet und keine intime Beziehung mit ihm gehabt.

    Sätze, die man in diesen Tagen immer wieder von Lehrern hört, die damit aber nicht zitiert werden wollen: "Frau Kaufmann mag unsere Schule nicht." "Sie steht nicht hinter uns." "Sie will, dass Köpfe rollen." "Sie spricht mit jedem: mit Missbrauchsopfern, mit Altschülern, mit der Presse. Aber mit uns spricht sie nicht." "Sie macht uns Angst, dass die Schule pleitegeht." "Sie will bestimmte Kollegen loswerden." "Seit 1999 ist viel passiert. Wir haben einen Ausschuss gegen sexualisierte Gewalt eingerichtet. Die Familienhäupter treffen sich regelmäßig. Es waren Drogenberater hier. Aber wenn man das sagt, heißt es gleich, man will vertuschen."

    Frau Kaufmann sagt: "Es ist mein fester Wille, die Schule wieder auf gute und solide Beine zu stellen." Aber sie sagt auch: "Oft habe ich das Gefühl mangelnder Loyalität." Von allen Häusern der Odenwaldschule steht ihres am besten Platz. Ein steiler Wiesenpfad führt zu ihm hinauf; oben angelangt, überblickt man die Gegend. Im weitläufigen Garten liegt ein Schäferhund. Margarita Kaufmann lebt mit fünf Schülern hier, zwei davon sind ihre eigenen Kinder: ein hübsches dreizehnjähriges Mädchen und ein sechzehnjähriger Junge. Ihr Mann, der einige Jahre jünger ist als sie, arbeitet als Banker in Frankfurt und ist nur am Wochenende da.

    Bis 2007 war Margarita Kaufmann Kulturbürgermeisterin von Friedrichshafen, acht Jahre ist die Politik ihr Geschäft gewesen. Sie sagt: "Ich sah zu der damaligen Zeit keine Perspektive für mich." Sie hatte zwei Angebote, als Oberbürgermeisterin zu kandidieren, die sie ablehnte. Irgendwann hat sie dieses ständige Absichern nach allen Seiten, das die Politik mit sich bringt, nicht mehr ertragen. Eine Freundin schwärmte ihr von der Odenwaldschule vor. Ihr Sohn, ein schwieriges Kind, das überall gescheitert sei, habe es dort geschafft.

    Das Vorstellungsgespräch fand an einem grauen, verregneten Tag statt. Margarita Kaufmann erinnert sich noch, wie sie über das Gelände ging, es erschien ihr verwahrlost. "Ich hatte den Eindruck, es braucht eine weibliche Hand, um das Ganze zu pflegen."

    Margarita Kaufmann hat sich eine andere Schule vorgestellt. Internationaler. Elitärer. Schicker. Mit einigen jüdischen Schülern. Eine Schule, an der Disziplin herrscht. An der sich Lehrer nicht wie Schüler und Schüler nicht wie "Müslis" kleiden. Eine Schule mit weniger Alternativen. Sie wünsche sich mehr gutaussehende, wohlerzogene Kinder aus gutem Hause, das sagt sie einmal beim Mittagessen. "Mir fehlen an manchen Stellen Professionalität und das Fachwissen von Experten." Es ist nicht ganz klar, ob Margarita Kaufmann nicht richtig hingesehen hat, als sie sich bewarb, oder ob sie das, was sie sah, nicht sehen wollte.

    Ob einem schon aufgefallen sei, dass hier ständig gegessen werde? Und dass es Lehrer gebe, die beim Blockhaus mit den Schülern rauchten und tränken?

    Margarita Kaufmann möchte, dass man die Odenwaldschule mit ihren Augen sieht. Wahrscheinlich erzählt sie deshalb so erstaunliche Geschichten. Es seien schon Schüler zu ihr gekommen, die sich über die zwanglose Sommerkleidung des Kollegiums beschwert hätten: Das sei nicht die Schule der hängenden Gärten, sondern der hängenden Brüste.

    Margarita Kaufmann war erst kurz Direktorin der Odenwaldschule, da musste ein Lehrer gehen. Wolfgang Görner unterrichtete und betreute eine Familie, in der ein Junge sich wie ein Punk kleidete und wegen mangelnder Körperhygiene Görner irritierte. Er zwang den Siebzehnjährigen zum Duschen. Görner befahl ihm, sich im Genitalbereich zu waschen. Die OSO-Familie sah dabei zu. Die Schule stellte Görner frei und zahlte ihm eine hohe Abfindung.

    Als Nächstes stellte Frau Kaufmann die Personalunion von Erziehern und Lehrern in Frage. Das sei das Alleinstellungsmerkmal der Odenwaldschule, antwortete das Kollegium. Margarita Kaufmann ist der Meinung, dass die Odenwaldschule ein Problem mit der Nähe und Distanz zwischen Lehrern und Schülern hat. Die enge Beziehung zwischen beiden berge die Gefahr emotionaler Abhängigkeit. Manche Lehrer wollten von den Kindern wie Eltern geliebt werden. Es dürfe nicht sein, dass ein Kind aus Angst, sein Oberhaupt zu verletzen, die Familie nicht wechsele. Das komme vor. Bisher dürfen die Schüler an jedem dritten Wochenende nach Hause fahren. Margarita Kaufmann will, dass sie es in Zukunft an jedem zweiten dürfen, wogegen sich Lehrer wehren. Die seien eifersüchtig auf die richtigen Eltern, sagt Margarita Kaufmann. Ein Lehrer sagt: "Wir sind doch kein Hotel, wo man ein und aus geht, wie es einem passt."

    Margarita Kaufmann war erst eine kurze Zeit an der Odenwaldschule, da bewarb sie sich auf eine Stelle in Norddeutschland. Es hat nicht geklappt.

    Erich Albers betritt einen Raum nicht unbemerkt. Er gehört zu den Lehrern, mit denen man sich früher wegen ihrer polternden Art ungern anlegte. Seine Frau ist anders, zurückhaltender. Sie ist groß, blond und stämmig, doch ihre Erscheinung verbirgt ihre Verletzlichkeit nicht. Seit Wochen schläft Marlen Albers schlecht, unter ihre Augen haben sich tiefe Ringe gegraben.

    Am 8. April hat ihr Mann einen offenen Brief geschrieben. "Bei allen Fehlern, die Institutionen und Personen der Odenwaldschule im Umgang mit dem Thema ,sexueller Missbrauch' in Vergangenheit und Gegenwart begangen haben, fällt doch inzwischen auf, mit welcher Gnadenlosigkeit die Gerechten, Wissenden und Guten gegen die Ungerechten, Unerleuchteten und Schlechten zu Felde ziehen." Für ihre Machtspiele benutzten sie die Presse, sie instrumentalisierten sie mit gezielten Mitteilungen. "Es gibt inzwischen neben traumatisierten Opfern von sexuellem Missbrauch eine traumatisierte Institution . . . Es ist mir klar, dass ich jetzt durch diese Stellungnahme zu den Bösen gezählt werde, der letztlich nur rückhaltlose Aufarbeitung etc. verhindern wolle." Erich Albers fällt niemand ein, mit dem er reden könnte, würde plötzlich er in die Schusslinie geraten, weil er Angst hätte, seinen Namen am nächsten Tag in der Zeitung zu lesen.

    Die Albers fragen sich: Wer muss als Nächstes gehen? Die, die schon unter Becker da waren? Sie, die schon 1999 da waren?

    Vor kurzem musste Reimund Bommes die Schule verlassen, das Gelände darf er nicht mehr betreten. Er entdeckte die E-Mail des Missbrauchsopfers Helga M. im Trash-Ordner der Schule, wo sie wegen eines Schreibfehlers gelandet war, und leitete Ausschnitte daraus an den Beschuldigten J. K., der seit Jahren in Rente ist, weiter. Bommes war Lehrer und Vorsitzender des Betriebsrats sowie der Teekonferenz. Kein Lehrer, der etwas Schlechtes sagt über ihn, alle mochten Reimund Bommes. Frau Kaufmann wollte über seine Absetzung abstimmen lassen, tat es dann allerdings lieber doch nicht.

    Erich Albers ist eng mit Bommes befreundet, er hätte nicht gegen ihn stimmen wollen.

    Margarita Kaufmann hat einem die Türen geöffnet. So weit, dass sie während dieser Tage darüber manchmal selbst erschrocken gewesen ist. Was will sie? Die Rettung oder den Untergang? Vielleicht weiß sie es längst und will es sich selbst nur nicht eingestehen.

    Am letzten Tag sitzt man auf den Holzbänken unter der Linde. Über einem ein blauer, wolkenloser Himmel. Schüler laufen vorbei, allein, in Gruppen, einige lachen, einige schweigen. Es ist kurz vor halb zwei, um halb zwei gibt es Mittagessen. Man sieht den Schülern nicht an, dass ihre Schule untergeht. Man fragt sie. Sie sagen: "Wir wollen unsere Schule zurück." "Das, was damals passiert ist, hat nichts mit unserer Schule zu tun." "Ich habe Angst, dass die Schule schließt." "Die Lehrer müssen sich wieder vertragen."

    Aber sie rebellieren nicht. Sie verhalten sich wie Kinder, deren Eltern sich bekriegen, aber sich nicht scheiden lassen. Diesen Krieg spüren die Kinder jeden Tag. Sie spüren auch die Traurigkeit und die Angst von Menschen, bei denen alles auf dem Spiel steht. Sie sitzen ja beim Frühstück, Mittagessen, Abendessen mit diesen Menschen zusammen. Leben mit ihnen in Familien. Eine Schülerin sagt: "Einmal hat ein Lehrer im Unterricht geweint." Aber die Schüler konnten den Lehrer nicht trösten, weil eigentlich sie es sind, die getröstet werden müssen. Sie wünschen sich, dass alles wieder gut wird.

    Manchmal ist es eben doch zu spät für eine glückliche Kindheit.

Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 117 vom 22. Mai 2010