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Nie wieder Katz und Maus

Von Wulf Schmiese

Wollte Michael Glos wirklich zurücktreten? Sollte der Brief, den er Seehofer schrieb, nur ein Warnschuss sein, wie die Kanzlerin im ersten Augenblick vermutete? Jedenfalls war es ein Schuss, der sich auch gegen ihn selbst richtete.

Erst hinter Beelitz, wo der Spargel wächst, wagt Michael Glos Vollgas zu geben.

Sechzehn Jahre lang wurde er chauffiert, er ist noch unsicher am Steuer. Heimlich macht Deutschlands Wirtschaftsminister auf der A 9 eine Probefahrt in dem Dreier-BMW, den er sich kaufen will - "für die Zeit danach". Es ist der 5. Februar. In einer Woche wird Glos nicht mehr Minister sein, doch das weiß er noch nicht. Zwar ist sein Rücktrittschreiben längst verfasst. Es gibt etliche Ausdrucke - bei ihm zu Hause in Unterfranken, im Berliner Ministerbüro, im Abgeordnetenbüro. Sogar auf der A 9 hat er an diesem Nachmittag ein Exemplar dabei. Trotzdem ahnt er nicht, dass er nur sieben Tage später zur selben Stunde auf genau dieser Autobahn in dem schwarzen BMW von Berlin nach Hause fahren wird. Richtung Süden, Richtung Freiheit.

"Freiheit, Einheit, Demokratie" steht auf dem Brief, den Glos bereits seit einem Monat in all seinen Büros griffbereit hält wie eine Zyankalikapsel für den Tag seines Abgangs. Im Briefkopf prangt der Bundesadler und daneben dreizeilig: Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie. "An den Parteivorsitzenden der CSU Ministerpräsident Horst Seehofer" ist der Brief adressiert. In der Datumszeile steht "Januar 2009", für den genauen Tag sind zwei Leerstellen freigelassen. Die zwölf Sätze an Seehofer, mit denen Glos aus "dem Höhepunkt meines politischen Lebens" scheiden wird, schließen mit: "Ich bitte dich" - und "dich" ist kleingeschrieben - "mich von meinen Ministerpflichten zu entbinden". Nur die Unterschrift von Glos fehlt noch an diesem Donnerstagnachmittag auf der Autobahn.

Einen anderen Brief hatte Minister Glos einen Tag vor seiner Probefahrt abgeschickt.

Am Freitag werden die Zeitungen viel daraus zitieren. Er ging an einen Berliner Polizisten, mit dem Glos am Dienstag Ärger hatte. Da wartete der kasachische Präsident Nasarbajew beim deutsch-kasachischen Wirtschaftsforum auf Glos, der die Kanzlerin vertreten sollte. Ein Polizist aber verweigerte dem Bundeswirtschaftsminister den Zutritt zum Tagungsort. Hier sei abgesperrt, sagte der Polizist, höchste Sicherheitsstufe, alles dicht. Es half nichts, dass der Fahrer von Glos dem Polizisten klarmachen wollte, wen er da im Auto hat. "Det is mir schnuppe", zitiert später die "Bild"-Zeitung den Polizisten. Und sie schreibt auch, dass der Minister schließlich zu Fuß weitergegangen sei, dem Polizisten mit dem Ende von dessen Karriere gedroht habe, während die Staatskarosse dem Mann über den Fuß gerollt sei.

Er sei "in Eile" gewesen, schrieb Glos dem Polizisten tags drauf. "Falls ich unwirsch reagiert haben sollte, bedauere ich dies." Die bösen Schlagzeilen folgen am Freitag trotzdem. "Riesen-Streit mit Polizisten", trompetet die "Bild"-Zeitung. "Minister ohne Respekt vor der Staatsgewalt" titelt die "tageszeitung" über einem Porträt. Glos ist gekränkt. Alles sei falsch dargestellt, wehrt er sich. Er hält es nicht für seine Art, sich mit den Kleinen anzulegen. Lieber geht er die Großen an. Den Kanzler Schröder nahm er sich vor, den Außenminister Fischer nannte er stolz seinen Feind. Auch innerhalb der eigenen Regierung scheut er keinen Streit, immer wieder greift er seinen Erzrivalen Sigmar Gabriel an, den Umweltminister. Selbst vor Bundeskanzlerin Merkel macht er nicht halt. Vor einigen Wochen erst tadelte er sie, "bei der Lösung der Bankenkrise den öffentlichen Einsatz des Wirtschaftsministers wenig gefordert" zu haben.

Nun muss er lesen, dass er einem kleinen Ordnungshüter den Fuß habe plattfahren lassen. Dabei hatte Glos nie Wert gelegt auf Dienstlimousinen und den Ministerstatus. Sein Vorgänger Clement von der SPD wurde in großer Kolonne chauffiert, mit Blaulicht, wie er es aus der Zeit als Ministerpräsident kannte. Glos lehnt das vom ersten Tag an ab. "Bodenständig" wie eh und je will er sich als Minister geben. Den Skiurlaub verbringt er ohne Entourage. In der Therme von Bad Reichenhall verlässt er in Badehose und ganz ohne Bodyguard das Becken. "Ist das nicht der Glos?", hört seine Frau Ilse einen Badegast fragen und einen anderen antworten: "Quatsch, der dürfte doch hier gar nicht sein ohne Sicherheit." Solche Geschichten über sich mag Glos. Nun aber steht die vom gereizten und überforderten Minister in jedem Freitagsblatt. Einen Tag später wird er zurücktreten. Aber das ahnt er immer noch nicht.

Den Samstag beginnt Glos daheim im fränkischen Prichsenstadt. Regen ist

angekündigt, aber noch ist es trocken. Gemeinsam mit seiner Frau geht Glos anderthalb Stunden laufen mit Stöcken. Nordic Walking im Steigerwald, dort, wo Glos inmitten der Weinberge seinen 60. Geburtstag feierte. Da war er noch kein Minister, sondern der ewige CSU-Landesgruppenchef, ein einflussreicher, mächtiger Strippenzieher. Glos erzählte damals stolz, dass er nie das Datum vergessen werde, an dem er sein liebstes Amt antrat: "Am 22. Januar 1993, als Bill Clinton amerikanischer Präsident wurde." Hunderte Geburtstagsgäste waren versammelt zu seinem Sechzigsten auf Schloss Castell, um den Glos Michel zu ehren, den Müllermeister, der es ohne Studium aus eigener Kraft geschafft hatte nach ganz oben in die Politik. Helmut Kohl hielt die Laudatio. Mehr als vier Jahre ist das jetzt her, und Glos gab sich noch jugendlich. Von seiner Ilse ließ er sich das Haar regelmäßig braun tönen.

Das Grau ließ er erst zu, als er Minister wurde. Inzwischen ist er fast weiß geworden. Er hat das Amt nie gewollt. Reingelegt fühlte er sich von Edmund Stoiber, der das Wirtschaftsministerium für sich maßschneidern ließ, nur um dann über Nacht den Wechsel nach Berlin abzusagen. Glos hatte seinen Parteivorsitzenden während der Koalitionsverhandlungen gewarnt, mit dem Griff nach dem Wirtschaftsministerium einen schweren Fehler zu machen: "Was um Himmels willen willst du damit?" Doch Stoiber ließ sich nicht beirren. Wie im Rausch sei er ihm vorgekommen, "voller Hybris", sagt Glos. Unter einem Kanzler Schröder, der sich damals auch noch weiter in diesem Amt sah, wollte Stoiber Vizekanzler sein, der Mann für die Zukunft Deutschlands. Dem Bildungsressort handelte er die Technologiezuständigkeit ab, was Glos für "Stuss" hielt. "Da kannst du dich mit Astronauten fotografieren lassen und mit Förderprogrammen herumschlagen. Bewegen aber kannst du nur etwas, wenn du die Energiepolitik hast." Doch die blieb im Umweltressort - und wurde später steter Streitpunkt zwischen Glos und Gabriel.

Glos wehrte sich gegen das Ministeramt, schlug Erwin Huber vor. Stoiber aber beharrte. Glos bezog ein weitgehend entkerntes Ministerium, so kam es ihm vor. Da Stoibers Stab einziehen sollte, waren viele Mitarbeiter ins Arbeitsministerium geflüchtet, das nun nicht mehr dazugehörte. Glos fühlte sich von den Verbliebenen feindselig empfangen. Vierzig Jahre hatte es dort keinen Minister der Union gegeben, nie einen von der CSU. "Die wundern sich, dass ich nicht in Lederhosen komme", scherzte der Minister verbittert. Als ihn kurz nach seiner Vereidigung im November 2005 jemand voller Spott in der Stimme begrüßte: "Oh, Guten Abend, Herr Bundeswirtschaftsminister", erwiderte Glos gequält: "Verarschen kann ich mich alleine."

Sein alter Lehrmeister Franz Josef Strauß hatte einst zu ihm gesagt: "Wenn man einem Rennpferd die Vorderbeine zusammenbindet, darf man sich nicht wundern, wenn es keinen Sieg bringt." Glos empfand das falsch zugeschnittene Ministerium als seine Fessel - und die große Koalition, in der marktwirtschaftlich saubere Wirtschaftspolitik unmöglich sei. "Liebe in den Zeiten der Cholera" nennt er das Bündnis mit der SPD. Es dauert Jahre, bis er seine Vertrauten an die Schaltstellen des Ministeriums gesetzt hat. Als Minister reist er viel, ist er der erste Deutsche von Rang, der in Bagdad deutsche Unternehmer an die frischen Quellen des Irak führt. Daheim kämpft er für den Mittelstand, aus dem er selbst kommt. Vorstandsbosse liegen ihm nicht. Viele hält er für Lackaffen, die nie richtig gearbeitet hätten. Sein Einfluss im Kabinett bleibt jedoch gering. Zweimal nur durfte er bei Koalitionsgesprächen teilnehmen: Als es um den Steinkohleausstieg ging, den er durchsetzte; und als jetzt im Januar das Konjunkturpaket II verhandelt wurde. Da erstritt er Hilfen für das Handwerk. Bis dahin wollte er durchhalten im Amt. Deswegen schrieb er schon mal "Januar" in die Datumszeile seines Rücktrittbriefs. Die Luft war da schon längst raus, sagen Glos-Freunde.

Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Fritz Kuhn nannte Glos im Bundestag "eine Schlaftablette auf zwei Beinen". Die Empörung in der Union hielt sich in Grenzen. Der Wirtschaftsminister sei ein Problem, sagten sie in der Partei, er spiele in der größten Wirtschaftskrise seit dem Krieg keine Rolle. Glos bekommt die Sprüche mit. Niemand nennt ihn einen Erben Ludwig Erhards, den er fleißig zitiert. Sein anderer Vorgänger Lambsdorff von der FDP wird heute noch "der Marktgraf" genannt. Glos nennen sie bestenfalls "politisches Urviech". Er merkt, dass seit Seehofers Amtsantritt als CSU-Vorsitzender im Oktober viel über die "Verjüngung" der CSU gesprochen wird. Seehofer nennt das sein "oberstes Ziel", spricht von "meiner Vision für die CSU", er setzt auf den 30 bis 40 Jahre alten Nachwuchs. In der bayerischen Landesregierung ist außer Seehofer selbst kaum einer älter als fünfzig.

Der Kanzlerin und auch anderen im Kabinett fällt auf, dass Glos in den letzten Wochen oft über das Alter zu scherzen versucht. Er fragt in mancher Runde: "Darf man hier mit über sechzig eigentlich noch sein?" Auch in seinem Rücktrittsschreiben wird das Alter Thema sein. "Da ich in diesem Jahr mein 65.jähriges Lebensjahr vollende, entspricht es meiner Lebensplanung nach dem 28. September keinem Kabinett mehr anzugehören", beginnt der zweite Absatz. Dieser Satz wird sein Verbleiben an der Macht unmöglich machen.

Als Glos am Morgen jenes 7. Februar, dem Samstag in den fränkischen Weinbergen, mit seiner Frau nach Hause gestapft kommt, ruft ihn der Sprecher seines Ministeriums an. Glos hatte der "Bild"-Zeitung ein Interview für die Montagsausgabe gegeben. Der Sprecher hat ihm die vorkorrigierte Form gefaxt und bittet den Minister, sie zu prüfen. Glos streicht Sätze und fügt andere hinzu. Doch das Gespräch wird nie in Druck gehen. Denn im Faxgerät findet Glos kurz darauf einen Presseartikel des "Donaukuriers", der Heimatzeitung Seehofers. Darin liest er, dass Seehofer sein Amt bereits einem anderen angetragen habe, dass er den CSU-Schatzmeister, Professor Thomas Bauer, zum Wirtschaftsminister machen wolle. Denn er, Glos, sei "politisch schwer angeschlagen". Glos hat keinen Zweifel mehr, dass es nun so weit ist. Seehofer will ihn abschießen. Gemocht haben sich die beiden nie. Anfang Dezember hatte Seehofer ihm ein Interview schwer verübelt, in dem er unabgestimmt die Senkung des Krankenkassenbeitrags gefordert hatte. Nun also wollte er ihn weghaben.

Glos fährt noch zu einer CSU-Bezirksvorstandssitzung in Kitzing, doch sein Entschluss steht fest. Zurück in Prichsenstadt streicht er den "Januar" in der Datumszeile seines lange vorbereiteten Briefs an Seehofer und schreibt von Hand: "7.2." darüber. "Lieber Horst", fügt er noch ein, an den er das Fax senden wird. Doch wohin genau? Glos hat keine Nummer parat, und die Staatskanzlei in München weigert sich, seinem Sprecher die direkte Fax-Nummer des Ministerpräsidenten zu geben. Die Büroleiterin von Glos gibt aus dem Skiurlaub in Böhmen eine private Fax-Nummer Seehofers durch. Glos faxt dorthin und auch an irgendeine Nummer der Staatskanzlei. Außerdem auch an die "Bild am Sonntag", die er bittet, noch damit zu warten, die Nachricht an die Agenturen zu geben. Dann ruft er Angela Merkel an. Die Bundeskanzlerin wird gerade von der Münchner Sicherheitskonferenz zum Flughafen gefahren. Sie bittet Glos, seinen Entschluss zu überdenken. Sie kennt das Schreiben nicht, sie glaubt, er wolle nur einen Warnschuss abgeben. Glos sagt: "Die Kugel ist aus dem Rohr."

Die Kanzlerin ist noch in der Luft, als Seehofer die ersten Meldungen über das Fax zugetragen werden. Auch der ist auf der Sicherheitskonferenz. Der Ministerpräsident verlässt im Laufschritt den Bayerischen Hof, kann Glos aber nicht telefonisch erreichen. Die beiden werden erst am Abend miteinander sprechen. Seehofer nimmt das Rücktrittsgesuch nicht an. Später sagt er, er habe das Fax in der Staatskanzlei nicht finden können. Erst nach einem Anruf bei seiner Frau in Ingolstadt habe er den Wortlaut gekannt. Inzwischen hat auch die Kanzlerin den Text. Wer so etwas schreibt, ist amtsmüde und nicht haltbar - das sagt sie Seehofer und auch, dass sie seinen Professor Bauer nicht als Nachfolger akzeptieren werde. Sie einigen sich auf zwei andere Namen: entweder Karl Theodor zu Guttenberg, der eben erst CSU-Generalsekretär wurde, oder Georg Fahrenschon, Seehofers Finanzminister. Beide sind jung, um die vierzig Jahre alt.

Michael Glos geht am Abend auf den "Ball des Sports" in Wiesbaden. Seine Frau wollte seit langem dorthin. An seinen Ehrentisch strömen Neugierige, darunter Friedrich Merz und Roland Koch. Glos scherzt, man möge von Kondolenzbesuchen absehen. Er lässt offen, ob er doch Minister bleibt. Er genießt es, Seehofer zuvorgekommen zu sein. Am Sonntagnachmitag geht er noch auf den Neujahrsempfang der Strauß-Tochter Monika Hohlmeier in München. Erst am Abend trifft er sich dann mit Seehofer und dem CSULandesgruppenchef Ramsauer in der Staatskanzlei. Dort wird über Guttenberg als Nachfolger entschieden.

Am Montag erläutert Glos vor der CSU-Landesgruppe seinen Entschluss. Seine kritischen Worte über die Kanzlerin werden sofort nach draußen getragen, vor allem von den Jungen. Glos sagt später, das sei eine Schweinerei, so etwas hätte es zu seiner Zeit nicht gegeben. Nicht Frau Merkel, sondern Seehofer sei der Hauptgrund seines Gehens, erfahren andere. Der spiele mit Menschen Katz und Maus. Aber mit ihm, Michael Glos, werde er das nie wieder tun.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. Februar 2009