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"Alles ist sonnenschön!"

Von Uwe Hildebrandt

Der Anlageberater lenkt sich in der Branumschweiger Strandbar Okercabana vom Ärger mit seinen Chefs und Kunden ab. Archiv-Foto: Jörg Scheibe

Wie sieht's aus mit Lehman Brothers? "Alles ist sonnenschön!"

US-Investmentbank wird direkt vor ihrer Pleite noch gut bewertet - 81-Jährige kauft Papiere in gutem Glauben

Was bisher geschah: Felix Meisbach, 42, ist in der Braunschweiger Bankfiliale für kleine Kunden zuständig. Er bekommt Druck von seinen Chefs: Er soll mehr Neukunden werben und Lehman-Brothers-Zertifikate verkaufen, weil seine Bank diese im Eigenbestand hat und loswerden will. Doch Lehman gerät in immer größere Turbulenzen.

Freitag, 12. September 2008

Gleich bei Dienstantritt klingelt Felix Meisbachs Telefon. Am Apparat ist ein Kollege aus Hannover - der Millionärsberater, der sich im Finanzdeutsch Private-Wealth-Banker nennt. Er regt sich darüber auf, dass Meisbach seinen Top-Kunden Leisler nicht an die Abteilung abtreten will, die für die Schönen und Reichen zuständig ist.

"Der Kunde will nicht", lässt der Braunschweiger Berater ihn abblitzen. Sein Kollege gleitet ins Allgemeine ab, Meisbach ist erleichtert. "Wir müssen professioneller werden, auch Sie Meisbach!", sagt der Hannoveraner. Er mache sich Sorgen über das Rating seiner Bank, also deren Klassifizierung durch spezielle Institute: "Das ist eine Überlebensfrage für uns."

Die "Ratingagenturen" bewerten die Kreditwürdigkeit von Unternehmen. Entscheidend ist die Buchstabenkombination, die vergeben wird: Dreimal A steht für die beste Qualität, ein A ist auch noch gut. D steht für zahlungsunfähig.

Meisbach weiß, wie wichtig ein gutes Rating ist. Aber er weiß auch, wie fragwürdig die Bewertungen der Rating-Agenturen sind. 2001 hatten sie dem US-Energieriesen Enron noch fünf Tage vor seiner Insolvenz beste Bonität, also Zahlungsfähigkeit, bescheinigt. Außerdem werden die Agenturen von denen finanziert, die sie bewerten müssen...

"Wo wir gerade dabei sind: Wir sollen ja Lehman-Brothers-Zertifikate verkaufen, aber man hört da ja eine Menge...", merkt Meisbach an. Sein Hannoveraner Kollege braucht eine Weile, um die Bewertungen durchzuschauen: "Keine Panik, Meisbach! Lehman ist immer noch bestens geratet - ein ,A? bei Standard & Poor?s, ,A2? bei Moody's und bei Fitch Ratings ist es ,A+?. Alles sonnenschön."

Meisbach ist beruhigt. Er muss auflegen, denn Sunny von der Infotheke führt eine langjährige Kundin an seinen Schreibtisch. Meisbach hilft der 81-Jährigen, mit der er am Montag den Termin vereinbart hatte, aus dem Mantel. "Na, sind Sie ein Sommermensch?", fragt er die Kundin zu Beginn.

Nach einer kleinen Unterhaltung über die Großwetterlage steigt er in die Beratung ein: "Ihre Bundesschatzbriefe laufen aus", sagt er zu der 81-Jährigen, "wir können ja mal was anderes machen". Die Kundin schaut Meisbach an. "Haben Sie denn was mit schönen Zinsen, wo ich dran komme? Vielleicht mache ich noch eine Kreuzfahrt mit meinem Enkelsohn." Meisbach antwortet freundlich: "Das hört sich ja toll an."

Der Anlageberater weiß sofort, dass für die Kundin jetzt ein Tagesgeld am besten wäre: Halbwegs guter Zinssatz, ständig verfügbar. Es gibt nur einen Haken: Ein Tagesgeld bringt ihn auf seinem Provisionskonto nicht voran. Die Bank verdient hier an der Differenz zwischen dem Sparzins, den sie zahlt, und dem höheren Kreditzins, den sie einnimmt. Meisbach denkt an sein Jahressoll und den 10  000-Euro-Bonus, den er einfahren will. "Wir haben tolle Schuldverschreibungen, da wird ihr Geld ganz schnell mehr", sagt er: "Man nennt die auch Zertifikate."

Die alte Frau runzelt die Stirn: "Was soll das sein?" Meisbach legt ihr ein Faltblatt hin, das seine Bank zu dem Zertifikat gestaltet hat. Die 81-Jährige würde nie auf die Idee kommen, dass das Ganze etwas mit Amerika und Holland zu tun hat.

"Durch dieses Zertifikat ist es möglich, dass auch unsere Kleinanleger an komplizierten Wachstumsmärkten teilhaben", sagt Meisbach. Die Kundin blättert das Faltblatt durch und liest den Satz: "Die Anleihe gewährt Ihnen die Chance auf attraktive jährliche Kuponzahlungen auch bei stagnierenden Ständen der Indizes." Die 81-Jährige weiß nicht, worum es geht. Aber sie versteht, dass man damit Geld verdienen kann.

"Ich vertraue Ihnen ja, können Sie mir das empfehlen?", fragt sie. Meisbach bekommt ein bisschen Magengrummeln, aber dann antwortet er: "Voll und ganz." Der Anlageberater weiß, dass diese Zertifikate sich besonders gut an ältere Menschen verkaufen lassen, die nicht so kritisch nachfragen. Er weiß auch: In ihrer Heimat, den USA, dürfen die Investment-Banker diese Produkte nicht verkaufen. Deshalb gibt es den Lehman-Brothers-Ableger in Holland. Von dort aus geht es auf Beutezug in Europa.

"Und das ist auch sicher?", fragt die 81-Jährige noch. Meisbach antwortet abgebrüht: "Der Dax wird ja niemals mehr als 30 Prozent fallen. Und schauen Sie hier im Faltblatt: ,Eine Rückzahlung zum Ende der Laufzeit erfolgt zu mindestens 100 Prozent des Nennbetrags.?"

Das Gesicht der Kundin hellt sich auf, Meisbach kocht sie weiter mit Argumenten weich. Er ist sich seiner Sache so sicher, dass er auch den Herausgeber des Zertifikats nennt: "Die Bank Lehman", er spricht den Namen diesmal deutsch aus, "ist eine der größten Investment-Banken, die hat zwei Weltwirtschaftskrisen überstanden, die lässt man nie pleite gehen. Der US-Staat hat ja schon Bear Stearns, Fannie Mae und Freddie Mac gerettet. Das Ganze ist aktuell mit einem ,A? getestet, also richtig gut."

Ein Autoverkäufer informiert ja auch nicht von sich aus darüber, dass der Wagen in der Pannenstatistik schlecht wegkommt, denkt sich Meisbach. "Ich weiß nicht, wer diese Fannie und Freddie sind, aber das hört sich ja prima an", sagt die 81-Jährige. Sie kauft für 10  000 Euro die "Anleihe".

Dass sie nun schon 60 Prozent ihres Ersparten in Aktien, Fonds und Zertifikaten angelegt hat, ist der Dame nicht klar. Dabei hatte sie doch immer betont, sehr sicherheitsbewusst zu sein.

Meisbach hatte in seiner Ausbildung einmal eine ganz andere Faustformel gelernt: "Der Aktien- beziehungsweise Risiko-Anteil in Prozent sollte nur so groß sein wie die Lebenserwartung eines Menschen." Doch diese Kundin würde keine 60 Jahre mehr leben - bei einem Kurseinbruch fehlt ihr die Zeit, um eine Erholung an der Börse abzuwarten.

"Die Faustformel ist veraltet", redet sich der Berater ein. Immerhin: Er verzichtet darauf, seiner Kundin einen Bausparvertrag aufzuschwatzen. "Falls Sie zufrieden waren, habe ich noch eine Frage", sagt er am Schluss: "Haben Sie eine Bekannte, an die ich mich mal mit einem Anlagevorschlag wenden könnte?" Der Anlageberater hasst es, sich selbst anzupreisen. Er will Produkte über den grünen Klee loben, aber nicht sich selbst. Erst ziert sich die 81-Jährige, dann rückt sie zwei Namen von Freundinnen heraus.

Als sie sich von ihrem Platz erhebt, sagt sie noch: "Zu Ihnen komme ich immer gerne", und es sind diese Worte, bei denen sich das schlechte Gewissen wie ein Nagel in Meisbachs Kopf bohrt.

Ausnahmsweise gehen die Kollegen einmal an einem Freitag gemeinsam Mittagessen. Und ausnahmsweise geht Felix Meisbach diesmal mit. Eigentlich findet er es unmöglich, dass die anderen immer in eine benachbarte Kantine gehen. "Ihr seid Banker und seid trotzdem tierisch knauserig", schimpft er dann. Meisbach schätzt gehobene Küche, speist lieber im Restaurant, gerne auch allein.

Aber heute gibt es viel Gesprächsstoff. Auch Jörn Danowitsch ist dabei, ein Eigenbrödler im Team, der früher riesige Abschlüsse hatte und große Boni eingefahren hat. Seit einem Jahr schwächelt der 46-Jährige allerdings. Die Kollegen halten ihn für ausgebrannt, Burnout. "Du machst den Team-Schnitt kaputt", hatte ihm Felix Meisbach einmal ins Gesicht gesagt. Aber der Kollege hatte nur mit den Schultern gezuckt und "Mein Ding" gesagt. Seitdem begegnen sich die beiden nur noch reserviert.

"Wenn jetzt der Finanzmarkt in den Keller saust, wie sollen wir da unsere Abschlüsse schaffen", sagt Meisbachs Kollegin Monika, während sie Kassler mit Sauerkraut isst. "Am Ende schaffen wir unser Jahressoll nicht und verlieren unsere Boni. Nicht dass wieder wir die Angeschmierten sind!"

Danowitsch schwenkt gleich drauf ein: "Die setzen in Braunschweig und Hannover Paläste und Vorstandsetagen für zig Millionen hin, und wir Berater-Huren sollen immer unglaublichere Abschlüsse hinzaubern, um alles zu finanzieren." Das ganze System sei doch krank. Keiner könne ständig 10 oder 20 Prozent Rendite einfahren, wenn die Wirtschaft nur um 2 oder 3 Prozent wachse.

"Malt doch nicht so schwarz", fällt Meisbach ihm beschwichtigend ins Wort: "Es ruckelt sich schon alles wieder zurecht!" Er wird nächstes Mal nicht mit in die Kantine kommen, beschließt er.

Für den Nachmittag hat er sich mit einem Freund in der Braunschweiger Strandbar Okercabana verabredet. Der Kumpel, ein Bausparberater, klagt darüber, wie er seine Kunden mit Riester- und Lebensversicherungen "abzocken" muss: "Neuerdings muss ich sogar zwei Sterbegeld-Versicherungen pro Monat verkaufen!"

Meisbach wird wirsch: "Ich will davon nichts mehr hören!" Er will seinen Frieden haben, bestellt ein zweites Weizenbier. Die beiden schauen still einer Gruppe Kanuten auf der Oker hinterher. Für Meisbach ist es die Ruhe vor dem Sturm.

Ausblick: In der fünften und letzten Folge lesen Sie, was sich in der Bankfiliale an dem Tag ereignet, an dem Lehman Brothers Insolvenz anmeldet. Die Vorgesetzten fürchten Prozesse, Kunden sind empört.

Braunschweiger Zeitung 16. April 2009