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Wer schreit, verliert

Von Tina Stommel

Alleinerziehend und zwei Kinder: Die GA-Reportage über eine Bonner Familie

Vater, Mutter, Kind. So sieht es aus in der Weihnachtskrippe und im traditionellen Leben. In Deutschland gilt für mehr als eine Million Menschen ein anderes Modell: Sie sind alleinerziehend. Und meistens weiblich. Eine Woche lang hat GA-Redakteurin Tina Stommel eine von ihnen begleitet: Hanna, 35, aus Bonn, Mutter eines vier- und eines sechsjährigen Mädchens (Namen geändert).

1,6 Millionen Alleinerziehende in Deutschland. 8.437 in Bonn. Es sind zu 87 Prozent die Frauen, die die Elternrolle als Solisten ausfüllen. Die Gründe sind vielfältig, die Konsequenzen ebenso. Armut ist oft Thema. Überforderung immer.

Die Frau, die uns als Beispiel für mehr als eine Million Frauen in Deutschland dient, ist nicht arm. Aber sie spart jeden Tag. Der Vater ihrer Kinder betritt jedes zweite Wochenende die Bühne. Aber er lässt sie im Alltag allein. Sie hat einen Job, Freunde, Eltern. Sie hat eine Wohnung und kein Loch. Sie lebt kein Extrem, sie ist einfach die Eine von vielen. Ein paar Tage denkt sie darüber nach, ob sie eine Woche lang einen fremden Schatten in ihrem Alltag akzeptieren mag. Der auf ihrem Sofa schläft, von ihrem Teller isst, ihre Stimmung erlebt, ihre Worte belauscht, ihre Taten dokumentiert. Dann erklärt sich Hanna, Mutter von Mia (4) und Marie (6), einverstanden. Und der fremde Schatten zieht in Bonn-Ippendorf ein.

Allein ist hier keiner. Noch nicht. Es ist 17.30 Uhr, und die Erdgeschosswohnung ist voller Geräusche. Ein schwarzer Labradormischling stürzt sich auf den Gast, wird eingefangen von einer zarten Frau mit blondem Pferdeschwanz. Zwei Mädchen sitzen im Wohnzimmer. Und ein Großer sitzt da, dem die Kleinste wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Der Vater, leicht nervös. Mutter, Vater, Kinder, Hund. So bleibt es noch zehn Minuten. Dann ist der Vater weg und kommt nicht wieder.

Geheiratet wurde 2001. Und geplant: ein Kind, auf jeden Fall. Januar 2003: Marie kommt auf die Welt. April 2005: Mia ist auf dem Weg. Und ihr Vater beginnt eine Affäre mit einer anderen Frau. Herbst 2007: Peter zieht aus. Mia ist zwei, Marie ist vier, und Hanna ist alleinerziehend.

„Winkt ihr mir noch?“, fragt Peter die Mädchen, bevor er an diesem Sonntag sein Vorher-Zuhause verlässt. Seine Eltern haben die Wohnung gekauft, als er auszog. Hanna zahlt ihnen Miete. Weniger, als es an diesem Ort in Bonn üblich ist. Dennoch eigentlich zu viel in einer Situation, in der aus dem Wort „Gehalt“ plötzlich das Wort „Unterhalt“ wird.

Mia winkt dem Vater nicht. „Ich will nicht!“ schreit sie. So laut, dass sie eigentlich einen Strich verdient hätte. Auf dem roten Blatt an der Küchentür, wo geschrieben steht: „Wer schreit, verliert“. Darunter drei Namen: Hanna, Mia, Marie. Striche hat jede. Mia führt die Liste an.

18.30 Uhr. Zähneputzzeit. Drei Frauen am Waschbecken, neben ihnen ein Handtuchhalter, vier Figuren: Mutter, Vater, zwei Kinder. Im Gäste-WC hängen noch Fotos an der Wand, die zu den Handtuchhaltern passen. Letzte Spuren aus der Vorher-Zeit.

19.30 Uhr. Bett-geh-Zeit. Zwei kleine, müde Augenpaare, zwei quengelnde Münder. „Es herrscht immer Unruhe, wenn sie Peter außerhalb der vereinbarten Zeit sehen“, sagt Hanna. „Er hatte gestern Geburtstag, und sie haben nicht verstanden, warum sie nicht an seinem Geburtstag mit ihm zusammen sind, sondern erst einen Tag später.“ Am Tag selbst war „die Neue“ an Peters Seite. Für die Kinder gab es diesen Sonntagnachmittag, Kaffeetrinken mit Papa in der Waldau.

Eigentlich ist es so: Hanna liest aus einem Buch für beide vor. Heute ist es anders: Mutter plus Gast, macht zwei Bücher. Mia klettert der Fremden ungefragt auf den Schoß. Frauen ist sie gewohnt in ihrem Alltag. Es gibt zwei „Tanten“, Hannas Freundinnen „Krabbe“ und Judith. „Krabbe ist auch alleinerziehend“, sagt Hanna. „Wir sorgen dafür, dass wir dieselben freien Wochenenden haben, um uns treffen zu können, wenn die Kinder bei den Vätern sind.“

20.30 Uhr. Stille. Und zwei Becher Tee. „Es war sehr schwierig in der ersten Zeit, nachdem Peter plötzlich weg war“, sagt Hanna. „Die Kinder wollten ständig zu mir – und zu Papa.“ Zu Mama können sie immer. Um kurz vor 23 Uhr piepst sich in die nur vom Schnarchen des Hundes gefüllte Stille eine helle Stimme: „Mama!“ Tür auf, Tür zu. Mia ist bei Hanna im Bett.

5.45 Uhr. Hanna steht auf. Duschen, waschen, schminken – 15 Minuten bis zur ersten Kinderstimme: Mia ruft „Abputzen!“ aus dem Gästeklo. Die ältere Schwester muffelt dem neuen Tag entgegen. 6.30 Uhr. Der Frühstückstisch ist gedeckt. Mia quatscht, Marie schläft über der Müslischale beinahe wieder ein. 7.00 Uhr. Anziehen. Was anziehen? Was man will. Mia greift nach einem gestreiften Pulli. Der hat vorher Marie gehört, die ihn auch erkennt und sofort selber anziehen möchte. Er passt nur nicht mehr, und jetzt gibt’s Morgentränen, weil die Jüngere ihn trägt. Hanna räumt den Frühstückstisch ab, schmiert Brote, packt sie in die Kinderrucksäcke, schlägt Marie einen anderen Pulli vor, erinnert Mia daran, dass heute sie dran ist mit Hundfüttern, untersucht Maries Strümpfe – „ja, die kannst du nochmal anziehen“ –, kämmt sich die Haare, stellt die Kinderschuhe bereit, während zwei kleine Frauen vor dem Flurspiegel Haarspangen ausprobieren. 7.30 Uhr. „Mia, magst du schon mal deine Schuhe anziehen?“ 7.35 Uhr. „Marie, suchst du dir noch eine Mütze aus, bitte? Das ist sonst zu kalt.“ 7.45 Uhr. Mäntel schließen, Rucksäcke schultern, die eigene Tasche, den eigenen Mantel packen. Raus. 8 Uhr. Hanna, Mia, Marie kommen zu Fuß in Maries Schule an. Die wimmelt von morgentrunkenen Kindern und hektischen Eltern. 8.15 Uhr. Mit dem Auto geht’s zu Mias Kindergarten. Um 9 Uhr muss Anja an ihrem Arbeitsplatz sein. 30 Minuten Autofahrt. Um 8.20 Uhr steht sie ruhig vor der Pinwand des Kindergartens und sieht die Zettel durch. Mia ist für eine Bastelstunde am Donnerstag eingetragen. „Bitte alte Geschirrtücher mitbringen!“ „Geschirrtuch“, pflanzt Hanna murmelnd in ihr Gedächtnis. Mia will noch kuscheln. Mia hat noch eine Frage. Mia will noch was zeigen. 8.30 Uhr. Der Wagen springt röchelnd an. Bitte kein Stau jetzt. 9.05 Uhr. Geschafft.

Ausnahmslos Frauen stehen im Hof der Klinik und rauchen. Alte, mittelalte, junge. Sie alle eint die Sucht. Meist ist es der Alkohol, der ihr Leben zerstört hat. In einem Seitenflügel der Klinik gibt es auch einen Kinderraum. Viele Patientinnen hier sind wie Hanna: alleinerziehend.

Eine Woche vorher hat eine Patientin mitten im Gruppengespräch unter Hannas Leitung gerufen: „Ich halte es nicht mehr aus! Ich muss hier weg!“ Hanna hat versucht, sie zu beruhigen. Das war um 13 Uhr an einem Freitag. Um 13.30 Uhr musste sie los, Mia vom Kindergarten abholen, Marie von der Schule. „Ich hab’ mich das ganze Wochenende über gefragt, ob sie geblieben ist, die Frau.“ Ein Freundinnengespräch wäre jetzt gut Der Wunsch landet auf einer Liste, hinter „Mia“ und „Marie“.

13 Uhr. Der Wagen springt nicht an. 13.02 Uhr. „Am Donnerstagmorgen bringe ich ihn in die Werkstatt.“ 13.05 Uhr. Er springt an. 13.35 Uhr. Schnellen Schrittes die Treppen zur Kindertagesstätte hoch. Zuhören, antworten, gucken. Mia hat sich versteckt und will gesucht werden. Hanna denkt: „Marie“. Sie wartet schon in der Schule. Hanna sagt: „Ja sowas, wo ist denn bloß die Mia?“ 13.45 Uhr. Zwei Säcke mit Herbstlaub füllen den Kofferraum des Autos. Hanna hält am Bio-Container. Der Kofferraum wird leer, Mia klettert hinein, „Mia, komm da raus“, Geschrei, Mia will, dass einmal die Kofferraumtür zugeht, um das Gefühl auszukosten, dort hinten zu sitzen. Die Tür geht zu, die Tür geht auf. „Nochmal!“ – „Mia, Marie wartet schon.“ Geschrei. Tränen. Mia läuft weg. 14 Uhr. Wie war’s eigentlich im Job? „Die Patientin ist nicht gegangen, aber ... Mia, ich fahre jetzt los!“ Wie schnallt man ein Kind im Kindersitz fest, das nicht festgeschnallt werden will? 14.10 Uhr. Parkplatz vor der Schule. Mia will mit hinein. „Sie vermisst ihre Schwester sehr, seit die ein Schulkind ist“, sagt Hanna. „Vorher waren sie im selben Kindergarten und haben sich immer gesehen.“ 14.20 Uhr. Marie und Mia sitzen im Auto. Beide reden. Gleichzeitig. Und aus dem Kassettenrekorder plärrt die Geschichte von „Alice im Wunderland“.

14.30 Uhr. Mia ist verabredet mit einer Freundin. Sagt sie. Hanna ruft die Mutter an. Es stimmt, Mia wird erwartet. Marie will erzählen, von der Schule, von Igeln, „Mama, ich muss was über Igel aufschreiben!“ Was machen Igel so den ganzen Tag? 16 Uhr. Mia will abgeholt werden. 16.30 Uhr. Malen. 17 Uhr. E-Mails checken. Die Anwältin braucht noch Unterlagen für die anstehende Scheidung. Mia steht neben dem Schreibtischstuhl. „Ich will auch computern!“ – „Gleich“, sagt Hanna. 17.30 Uhr. Mia schreibt konzentriert Nonsens im Word-Programm. Hanna macht die Spülmaschine an. Marie hat ein „Freundinnen- Buch“ mitbekommen, da muss sie Fragen beantworten wie die: „Was wünschst du dir?“ – „Dass alle Leute immer nett sind und keiner weint“, schreibt Marie. 18 Uhr. Abendbrot. Es gibt keine Wurst, es war keine Zeit zum Wurst einkaufen heute. Marie will Wurst oder nichts. 18.30 Uhr. Zähneputzzeit, Bett-geh-Zeit, Vorlese- Zeit. 19.30 Uhr. Hanna räumt auf. Holt Wäsche aus dem Keller. Bügelt. Macht einen Einkaufszettel. Ist müde. Nein, die Patientin ist nicht abgehauen. „Sie hat sich wieder beruhigt. Aber ich war schon etwas hilflos.“ Es ist kein Job, bei dem man zum Dienstschluss den Stift fallen lässt und jeden weiteren Gedanken daran. Auch kein Job, der sich an einen Zeitplan hält. „20 Stunden in der Woche“ sieht der vor. 80 Überstunden hat Hanna seit Januar angehäuft – Stunden, in denen sie nicht zum Supermarkt konnte, nicht zur Bank, nicht zur Werkstatt, Stunden, derentwegen sie immer mal ein bisschen zu spät kam zu Mia und Marie. Es ist der Job, für den sie studiert hat.

22 Uhr. Schlafen. 22.30 Uhr. Mia will in Mamas Bett.

Irgendwie lebt die Zeit heute Diät. Hanna räumt bereits die Frühstücksteller zusammen, als Marie plötzlich sagt: „Ich will nicht in die Schule gehen.“ Mia ist ganz still und guckt Mama an. Mama hat keine Zeit. Und nimmt sie sich: „Warum willst du nicht in die Schule gehen?“ Pause. „Die Lehrerin mag ich nicht.“ – „Aber die hast du doch am Anfang so gerne gemocht.“ – „Jaaa ... ich will aber in den Kindergarten.“ – „Und was ist mit deinen neuen Freundinnen?“ – „...“. Hannas Gesicht ist Ruhe pur. Ein Sonntagsgesicht an einem viel zu kurzen Dienstagmorgen. „Weißt du was? Geh mal hin heute und merk dir den Tag über alles, was du in der Schule nicht magst. Das sammelst du alles auf, und wenn du zu Hause bist, dann sagst du’s mir. Sollen wir das so machen?“ Pause. Marie legt resolut die Hände auf den Tisch. „Ja!“ Springt auf, zieht sich an. Sie hat eine Aufgabe heute. Sie muss in die Schule.

Das Konto ist übrigens fast leer. Und ausgerechnet jetzt kommt die Rechnung der Offenen Ganztagsschule (OGS) für die Über-Mittags- Betreuung. Seit August haben der Kindergarten ebenso wie die Schule dieses Angebot. „Davor musste ich das Abholen an den zwei Tagen, an denen ich bis nachmittags arbeiten muss, über meine Mutter organisieren“, sagt Hanna. 450 Euro kostet die Über-Mittags-Betreuung für beide monatlich.

Hannas Leben ist, einzeln betrachtet, das ganz normale Leben. Alltagsfragen und -probleme. Aber eben nicht geteilt durch zwei. Jede Frage, jedes Problem ist Hannas Problem. Jede Zeit, die eines der Kinder oder beide brauchen, ist Hannas Zeit. Immer ist das so. „Im ersten Urlaub alleine mit den Kindern“, erzählt Hanna, „da hab’ ich mich Eltern aus dem Kindergarten angeschlossen, wir waren zelten in Holland. Nachmittags saßen die Frauen im Liegestuhl am Strand und klönten, die Väter bauten in der Zeit mit den Kindern Sandburgen. Ich war – Vater. Es gibt nur mich, also gibt es keine Pause.“

22 Uhr. Stille. Zeit. Am Schreibtisch ordnet Hanna die Unterlagen für morgen. In Troisdorf gibt sie immer mittwochs einen Erziehungsberatungskurs für Eltern. Ein Stapel oranges Papier liegt da, mehrfach kopiert für die teilnehmenden Eltern. Darauf ein Spruch. Er erinnert an die Situation, die sie heute an diesem hektischen Morgen mit dem kleinen Mädchen hatte, das nicht in die Schule wollte: „Wenn du es eilig hast, mache einen Umweg.“

14.30 Uhr. Der Wagen springt nicht an. 14.35 Uhr. Geht doch. Der Streckenplan nach Hannas Dienstschluss: Bank, Supermarkt, Schule, Kindergarten, Zuhause. Dazwischen ein paar Gedanken zu Hanna mal ganz allein und ihrer beruflichen Zukunft, die sich auf genau 10.000 Euro beziffert. So viel kostet die Fortbildung zur qualifizierten Suchttherapeutin, die nötig ist, um den Job in der Klinik auf Dauer zu behalten. „Ich würde sehr gern die Fortbildung machen“, sagt Hanna. „Aber von 10.000 Euro träume ich noch nicht mal.“ Und: Wie macht man eine Fortbildung, wenn zwei Kinder betreut sein wollen?

Ein Fall für die Familie. Jeder hat Familie. Mutter, Vater. Ob nun zusammen oder nicht, hier oder weiter weg, irgendwo ist sie doch, die Familie. In Hannas Fall in Niederkassel. Dort feiert Hannas Nichte Lena, die Tochter von Hannas älterer Schwester, an diesem Nachmittag ihren Geburtstag. 16.20 Uhr. Eine lange Kaffeetafel, am Kopf die Eltern. Es gibt Alexander, den Ältesten, Petra, die älteste Tochter und Hanna. Der Sohn lebt mit einem Mann zusammen, Hanna ist alleinerziehend, die Schwester ist verheiratet. Jeder hat Probleme. Jeder hilft sich selbst.

Wo muss man die eigenen Bedürfnisse zurückstellen, wo fangen die des anderen an? Wie laut muss man Alarm schlagen, um Hilfe zu bekommen? Und bei wem? Das klassische Familienmodell, in dem Hanna groß wurde, ist ohne den Inhalt aus Liebe, Fürsorge, Zusammenhalt nur eine leere Hülle. Vater, Mutter, Kind – ihre bloße Existenz macht das Zusammenleben noch nicht familiär.

20 Uhr, Niederkassel. Peter hat Mia und Marie von den Großeltern nach Hause gebracht. In einem Sportraum beginnt Hannas Erziehungsberatungskurs. Zwei Stunden lang tauschen sich ausnahmslos Mütter aus. Über Themen, die banal erscheinen und doch die ganz großen Sinnfragen enthalten. Was tun, wenn der eigene Job, der Haushalt, alles einen unter Druck setzt und ausgerechnet dann das Kind Aufmerksamkeit einfordert? Wie geht das eigentlich, „Familie“? „Grenzen setzen“, empfiehlt Hanna. „Regeln aufstellen – für alle, auch die Eltern.“ Alle Frauen im Beratungskurs haben einen Mann zu Hause. Keine spricht von ihm.

Es ist ein Tag, der sich eigentlich schon morgens für die Tonne empfiehlt. Hanna hat sich die Haare gewaschen. Das dauerte zehn Minuten zu lang. Dann kam Marie zu spät aus dem Bett. Schnellschnell wurden beide Mädchen ins Auto verfrachtet, auf dem Weg zum Job dann heiß der Gedanke: „Das Geschirrtuch!“ Heute ist Basteln im Kindergarten, und Mia hat kein Tuch, weil Hanna es vergessen hat. Der Arbeitstag endet mit einem Besuch in der Werkstatt. 800 Euro für einen gebrauchten Motor, der vielleicht noch etwas länger hält als der jetzige. 800 Euro gibt es nicht. 800 Euro können Hannas Leben wie ein Kartenhaus zusammenfallen lassen. Ohne Auto geht dieses Leben nicht.

Dabei liest sich Hannas finanzielle Situation gar nicht mal schlecht. Peter verdient überdurchschnittlich. Für sie und die Kinder zahlt er 1.600 Euro Unterhalt im Monat. Hinzu kommen 300 Euro Kindergeld. Minus monatlich 900 Euro Miete (warm), 450 Euro Über-Mittags-Betreuung, 134 Euro Rückzahlung des BaFöG und eines Kredits, mit dem damals das Auto gekauft wurde. 60 Euro für Ballettunterricht. 15 Euro für musikalische Früherziehung (Mia). Handy. Benzin. Versicherung. Hier ein Schulheft, dort neue Ballettschuhe, woanders ein Geschenk für den Kindergeburtstag. Was Hanna als Therapeutin verdient, sichert ihrem Zahlenwerk kein Plus, maximal eine Null am Monatsende, oft genug steht da ein Minus. „Das Leben mit Kindern kostet Geld“, sagt Hanna. „Am Ende bleiben mir 500 Euro für Lebensmittel, Kleidung, sonstiges.“

Immer wieder geistern Neuorganisationsgedanken durch Hannas Kopf. Sie könnte eine preiswertere, kleinere Wohnung suchen. „Daran denke ich auch oft, aber dann würde ich die Kinder aus ihrem gewohnten sozialen Umfeld reißen.“ Sie könnte einen Vollzeitjob annehmen. „Aber wer holt dann die Kinder von Schule und Kindergarten ab?“

16 Uhr. Duisdorf. Mia hat Ballett. Beide Mädchen sind dabei, Marie allein zu Haus – das geht mit sechs Jahren noch nicht. Die ältere Schwester will ein Eis. Es ist Winter, es ist kalt, der Tag war anstrengend und sorgenvoll, Hanna willigt ein: Unter der Weihnachtsbeleuchtung der Duisdorfer Fußgängerzone leckt ihre Älteste zehn Minuten später glückstrahlend an einer Kugel Erdbeereis. 17 Uhr. Ab nach Hause. Erst mal zum Auto. Das steht viel zu weit weg. Weder Mia noch Marie müssen verstehen, dass Hanna weiter weg parkt, weil es dort nichts kostet.

Und weder Mia noch Marie denken darüber nach, warum zum Basteln für den Schul-Basar eine Tüte Knete ausreichen muss, in der es nur noch Krümel gibt. Die Frage ist vielmehr: Welcher Krümel kann ein Weihnachtsmann- Mantelknopf werden? Kreativität ist mitunter, aus wenig viel zu machen. Kinder sind Meister darin.

Freier Tag. Als Hanna mittags von der Arbeit kommt, ist es still in der Wohnung. Peters Wochenende hat begonnen, er hat Mia und Marie vom Kindergarten abgeholt. Jedes zweite Wochenende ist das so. 14 Uhr. Mit Hund Blacky in den Wald, zwischen kahlen Bäumen werden Gedanken ausgesprochen, plötzliche, schnelle und langsame, oft gedachte. Peters neue Freundin macht Ernst. So sehr, dass Marie neulich gefragt hat, ob, wenn Papa heiratet, sie dann eine neue Mama hätte. „Ich hab’ ihr gesagt, dass ich immer ihre Mama bin.“ Kinder gehen großzügig mit der Ewigkeit um. Sie nehmen „immer“ als gegeben hin, hinterfragen nicht, zweifeln nicht. „Als Mama ein Baby war“, hat Mia an einem Abend in dieser Woche gesagt, „da war ich eine Seele im Himmel.“ – „Das hab’ ich ihr erzählt“, sagt Hanna verlegen, „weil sie mich gefragt hat, wo sie war, als ich klein war.“

Als Marie zur Welt kam, hörte Hanna mit ihrer Arbeit auf. Nach vier Monaten fing sie an, einmal die Woche einen Elternkurs zu geben. „Peter war zwiegespalten. Einerseits wollte er, dass ich den Haushalt erledige. Andererseits sagte er: Werd’ bloß nicht wie meine Mutter!’ Das war dann auch am Ende der Grund für die Trennung: Er sagte, er habe mich nur noch als Mutter gesehen, nicht mehr als Frau. Es ist einfach so: Wenn Kinder kommen, verändert sich die Beziehung radikal. Kinder brauchen die Erwachsenen. Sie sind auf sie angewiesen. Es wird ja besser, je älter sie werden, umso mehr nimmt die eigene Unabhängigkeit zu. Aber bis dahin muss man eben persönlich zurückstecken. Manchmal glaube ich, da sind Frauen einfach besser drin.“

Als Hanna mit Mia hochschwanger war, begann Peter die Affäre mit der anderen Frau. Als Hanna nach der Entbindung nach Hause kam, „da stand er im Wohnzimmer und sagte: ‚Ich hab’ das Gefühl, mein Leben ist vorbei. Ich stehe überhaupt nicht mehr im Mittelpunkt. Ich glaube, ich wäre der perfekte Vater für ein Kind gewesen.’ Ich hab’ erst ihn, dann Mia angesehen und gesagt: Das fällt dir aber ein bisschen spät ein.“

Zwei Jahre später zog Peter aus. Und Hanna? „Ehrlich gesagt, am Ende war es kein Schock. Ich hatte keine Angst, dass ich das nicht packe mit den Kindern. Am Ende bin ich, glaube ich, schon immer alleinerziehend gewesen.“

Ein neuer Mann – „muss nicht sein“, sagt Hanna. „Es wäre nett, was fürs Herz, aber eigentlich bin ich mit meinem Leben zufrieden. Ich liebe meine Kinder. Ich bin gerne Mutter. Und ich habe gute Freundinnen. Man bildet sich ein neues Netz.“ Was sie sich wünscht? „Finanzielle Unabhängigkeit von Peter“, kommt es sofort. „Aber solange die Kinder klein sind, kann ich mir den Wunsch nicht erfüllen, ohne die Kinder komplett fremdzuversorgen. Und das will ich nicht.“ Sicherheit – der andere große Wunsch. Wie lange sie ihren Job behält, was sie tut, wenn Peters neue Freundin schwanger wird und dadurch der Unterhalt für sie persönlich wegfällt – das sind Sorgen, die schon im neuen Jahr eingezogen sind, bevor der Silvester- Sektkorken knallt. Davor: Weihnachten. Das Fest der Familie. Ein, zwei Stunden sind Hanna, Mia, Marie und Peter zusammen. Dann geht Peter wieder weg. Hinterlässt eine Lücke. Sie ist einkalkuliert. Man springt eben drüber, auf die andere Seite. Und landet auf einem anderen Boden, der hält.

„Ich habe manchmal das Gefühl, ich komm’ alleine besser klar“, hat Hanna einmal gesagt in dieser Woche. „Weil: Dann weiß ich, ich bin allein, und stelle mich darauf ein. Wenn man immer denkt, es gibt ja noch den anderen, und man sich dann aber nicht auf ihn verlassen kann, dann ist das schwieriger als das Alleinsein.“

Ist der Status „Alleinerziehend“ also, wenn nicht erstrebenswert, so doch mitunter die bessere Alternative zum traditionellen Familienmodell? Ja – und nein. Wer keinen verlässlichen Partner an seiner Seite hat, verlässt sich besser nur auf sich. Zumal, wenn da Kinder sind, Menschen also, die sich gerade erst auf den Weg in ihr Leben machen. Die dazu Hilfe brauchen, Zeit, Verantwortung, Liebe, Regeln – und die sich auf diese Hilfe verlassen können müssen, bis sie sich selbst helfen können

Die Entscheidung, ob nun selbst getroffen oder von anderen, allein zu erziehen, muss keineswegs zu Armut, Einsamkeit, Unglück führen. Wozu sie sicher führt, ist Kampf. Alleinerziehende wie Hanna kämpfen jeden Tag, um die Bedürfnisse ihrer Kinder mit den Pflichten im Arbeitsleben und den Bedingungen ihrer Umwelt in einen halbwegs klingenden Kanon zu bringen.

Glücklich die Alleinerziehende, die im Ringen um ein funktionierendes Zeitmanagement auf ein Netz zurückgreifen kann. Das wird geknüpft aus der eigenen Familie oder Freunden. Nachbarn und Kollegen sind noch die Ausnahme in diesem Netz. Wer würde in unserer Gesellschaft wirklich und ehrlich spontan ein Nachbarkind hüten, weil dessen Mutter noch einmal kurz im Supermarkt etwas besorgen muss?

Wer die Situation Alleinerziehender in Deutschland betrachtet, der hat auf seiner Liste möglicher Lösungsansätze am Ende nicht nur „neue Gesetze!“ stehen – sondern auch den provozierenden Ansatz „neue Gesellschaft!“ Ein nebulöser Begriff, wabernd zwischen der Anerkennung alternativer Familienmodelle und grundsätzlichem sozialen Verhalten untereinander.

Ein frommer Wunsch, ein großer Wunsch – nicht nur fürs neue Jahr.

Mann, Vater - und dann? Alleinerziehende: Zahlen, Fakten und Analysen

Laut Familienreport 2009 des Bundesfamilienministeriums ziehen in Deutschland 1,6 Millionen Menschen ihre Kinder ohne Partner auf – in Bonn sind es laut Statistikamt 8.437. Das heißt: Jede fünfte deutsche Familie besteht aus Alleinerziehenden. Rund 87 Prozent aller Alleinerziehenden in Deutschland sind Frauen. Und rund 40 Prozent aller Alleinerziehenden, so steht es im Familienreport, leben von Hartz IV.

Armut in Deutschland trifft immer öfter Alleinerziehende. Das geht auch aus einer Studie des Bonner Instituts für Wissenschaft und Gesellschaft (IWG/2008) hervor: Von den mehr als eine Million Deutschen, die in den Jahren 1996 bis 2006 neu zu der Gruppe einkommensschwacher Bürger hinzukamen, sind 73 Prozent Alleinerziehende. Grund: die höheren Kosten einer doppelten Haushaltsführung. Für den gleichen Lebensstandard muss eine getrennt lebende Familie knapp 9.400 Euro mehr Einkommen pro Jahr zur Verfügung haben.

Die meisten Alleinerziehenden arbeiten auf Teilzeitbasis. Es sind in der Regel schlechter bezahlte Jobs – was nicht an mangelnder Qualifikation der Bewerber liegt: Alleinerziehende sind, das belegen sowohl Familienreport als auch IWG-Studie, zumeist gut ausgebildet. Zum Vergleich: Elf Prozent von ihnen sind Akademikerinnen, bei den mit Partner zusammenlebenden Müttern sind es 13 Prozent. Aber die besser bezahlten Jobs werden entweder nicht auf Teilzeitbasis angeboten oder bieten keine flexiblen Arbeitszeiten, wie Alleinerziehende sie benötigen.

Im öffentlichen Eindruck hat sich das Bild der Alleinerziehenden gewandelt – die Single-Mutter taucht als moderne starke Frau in Fernsehserien auf, die mit links alles bewältigt. Stark sind Alleinerziehende allerdings – weil sie müssen. Und sie stehen, wenn sie diesen Status bekommen, mitten im Leben: 70 Prozent aller deutschen Alleinerziehenden sind um die 35 Jahre alt.

Ihr Hauptproblem: Die Arbeitswelt fordert immer mehr Einsatz – gerade im Dienstleistungsgewerbe, in dem die meisten alleinerziehenden Frauen Beschäftigung suchen, Alltag. Auf der anderen Seite fehlt es an Betreuungsplätzen.

Die IWG-Studie kommt zu der Erkenntnis, dass die Zunahme Alleinerziehender „vorrangig auf bestimmte individuelle und gesellschaftliche Sicht- und Verhaltensweisen zurückzuführen“ sei, die „nach einem Höchstmaß an individueller Freiheit, Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit streben“. Drei Begriffe, die mit Kindern zumindest in den ersten Jahren nicht zu vereinbaren sind. Der Berliner Familienforscher, Professor Hans Bertram, sieht da besonders bei den Männern Lernbedarf: „Männer“, so Bertram, der auch als Berater des Bundesfamilienministeriums fungiert, „dürfen sich nicht länger ausklinken. Die Gesellschaft benötigt sie nicht nur für die Zeugung, sondern auch als Väter.“

General-Anzeiger, 29. Dezember 2009