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Ein Baum – ein Dorf

Von Stefan Sessler

Das Dorf Niclasreuth im Landkreis Ebersberg hat so seinen eigenen Rhythmus: Ein neuer Maibaum wird nur alle 50 Jahre aufgestellt. Heute ist es wieder so weit, und im Dorf geht es hoch her. Vom letzten Mal, das war 1959, erzählen sie sich noch heute. Ein Ortstermin.

Niclasreuth – Quirin Kaiser darf nicht in die Kirche. Nach Hause kommen soll er auch nicht. Das haben sie ihm verboten, seine Frau Korona und seine Enkelin. Alles wegen der Sache, die schon 50 Jahre her ist. Ihretwegen herrscht Ausnahmezustand in Niclasreuth, sagen die Jungen. So viel los wie heuer ist im Dorf nur jedes halbe Jahrhundert. Aber Kaiser, 77, kennt das ja schon. Er geht ins Wirtshaus. „Erna, mach uns einen Schnaps“, sagt er und stützt seinen Ellenbogen auf die Lehne der Holzbank.

Es gibt sogar zwei Gründe, warum in Niclasreuth Ausnahmezustand herrscht. Für den einen ist Kaiser direkt verantwortlich, beim anderen hat er Beihilfe geleistet. Kaiser feiert bald Goldene Hochzeit. Ein großes Ereignis in Niclasreuth, wo es 200 Menschen, drei Straßenlaternen und ein paar Dutzend Kühe gibt. Noch ungewöhnlicher ist das, was am 1. Mai hier passiert. Dann wird der Maibaum aufgestellt. Zum dritten Mal überhaupt in der Geschichte des Dorfes. In Niclasreuth gibt es nur alle 50 Jahre einen Maibaum. 1909, 1959, heuer.

Kaiser kippt seinen Birnenschnaps. Er hat weiße Haare, fünf Enkelkinder und eine Frau, die ihm Wollpullover strickt. Bei der 1200-Jahr-Feier seines Dorfes, da war er Mitte 40, hat er im Sackhüpfen gewonnen. Ein Mann wie ein Gebirgsbach. Eigenwillig und eiskalt. Ein bayerisches Urviech. Alle im Dorf wissen, dass er überrascht werden soll zur Goldenen Hochzeit, auch er selbst. „Aber den bringt nichts aus der Ruhe“, sagt die Wirtin mit dem streng nach hinten gekämmten Haar. Die Männer um ihn herum nicken anerkennend. Sie wissen: Bald muss er zum Pfarrer. Und am 1. Mai zum Baum.

Manche im Dorf leben seit ein paar Wochen nur für den Baum, gehen nicht mehr ins Fußballtraining und sorgen dafür, dass immer genügend kühles Bier, genügend Debreziner im Kühlschrank liegen, im „Maibaumstüberl“, das sie für die Festtage zusammengezimmert haben. Im Stüberl findet der Niclasreuther Ausnahmezustand statt. Hier hat der Kiesgruben-Charly kürzlich sogar seinen Hochzeitsvertrag unterschrieben. „Trauung hat ewig Bestand, ohne Gewährleistung“, steht darauf. Manchmal gehen die Feste im Maibaumstüberl von 17 Uhr bis 14 Uhr. Am Stück. Ganz Niclasreuth hat fürs Stüberl gespendet. Eine Familie das Holz, andere die Eckbank, den Ofen, die Regale, den Dart-Automaten, den Kühlschrank.

Damals vor 50 Jahren, kurz nach seiner Hochzeit, hat Kaiser den Maibaum gestrichen. Weiß und blau. Er war 1959 schon dabei, aber warum es diesen 50-Jahres-Rhythmus gibt, weiß Kaiser auch nicht so recht, weiß keiner. „Im Wirtshaus ham’s scheinbar richtig gsuffa.“ Aber öfter aufstellen, vielleicht alle zehn Jahre, findet der gelernte Schreiner schwierig. Zeitlich gesehen. „Sonst wird es zu viel, wir haben ja auch noch das Gartenfest.“ Außerdem muss Kaiser ja ins Wirtshaus, jeden Sonntag um halb 9 ist Frühschoppen. Gute Feste müssen sparsam, aber dann richtig gefeiert werden. So wie 2009.

In Bayern steht in jedem noch so kleinen Dorf ein Maibaum. Es geht um Tradition, um Gemeinschaft. Manchmal geht es um mehr. Vielleicht ist es auch ein Test, ob das Dorf noch funktioniert. Und in Niclasreuth, einem Ortsteil von Aßling, findet der Maibaum-Test nur alle 50 Jahre statt.

Öfter brauchen sie ihn auch nicht. Hier halten keine Linienbusse. Morgens kommt der Schulbus, mittwochs der Bus, der die Senioren zur Kaffeefahrt abholt. Mehr nicht. Es gibt keinen Bäcker, Metzger, keine Telefonzelle. Trotzdem will niemand weg, auch die Jungen nicht. Überall im Dorf spielen Kinder, auf den Parkplätzen stehen Familienautos mit Kindersitzen. Was ist das Geheimnis von Niclasreuth?

„Grundlos wird hier nicht weggezogen“, sagt Kaiser. Neben ihm auf der Holzbank im Wirtshaus sitzt Josef Straßer, 76, der 1959 auch schon dabei war, zwei Plätze weiter Franz Koller, 42, der bei einer Käsefirma arbeitet und so etwas wie der Maibaum-Manager von Niclasreuth ist. Er hat im Gemeinderat den Bauantrag für den Baum gestellt. „Wer hier geboren wird, bleibt hier“, sagt er. Im drei Kilometer entfernten Aßling könnten die Männer nicht leben, da sind sie sich einig. Viel zu groß, viel zu anonym. „Da kennen sich die Leute nicht“, sagt Kaiser. Aßling ist ein Dorf mit rund 4000 Einwohnern.

Es ist nicht so, dass die Zeit in Niclasreuth stehen geblieben wäre – die Uhren gehen nur etwas anders. Noch heute erzählt man sich von dem Fest, ist 30 Jahre her, bei dem sie eine ganze Sau am Spieß gegrillt haben. Oder von damals, ist zwölf Jahre her, als es noch keine Straßennamen gab. Vorher hatte man sich an den Hofnamen orientiert. Als sie dann eine Gartenstraße und einen Osterwalderweg bekamen, haben sich die Leute manchmal verirrt. Auch Tauschwirtschaft gibt es hier noch. Gurke gegen Eier, Bulldog gegen Sau, Salat gegen Zucchini. Was zu viel ist, bekommt der Nachbar. „Außerdem sind wir inzwischen voll kanalisiert“, sagt Koller.

Jetzt kommt auch die Wirtin an den Tisch, Erna Lechner, die frühere Bezirksbäuerin von Oberbayern. Sie ist das Herz von Niclasreuth, sie macht es einem leicht, sie zu mögen. Öffnungszeiten hat ihr Wirtshaus keine. Wenn Gäste da sind, wenn das Dorf durstig ist, wird Bier gezapft, und wenn Erna Lechner mal nicht da ist, dürfen sich die Gäste selbst Getränke holen. Derzeit ist das Dorf sehr durstig, doch kommen die Leute kaum zur Wirtin. „Gerade ist das Maibaumstüberl unsere Konkurrenz“, sagt Lechner, Jahrgang 1940, und lacht.  Die Männer, mit denen sie am Tisch sitzt, lachen mit. Alle 50 Jahre Konkurrenz – es gibt Schlimmeres für Wirte.

Wenn Lechner durch Niclasreuth geht, grüßt sie jeder. Alle kennen die Wirtin. Alle kennen alle. In- und auswendig. „Andere wissen manchmal mehr von einem, als man selbst“, sagt sie. Manche haben’s aber auch schwer im Dorf. „Die passen eigentlich nicht hierher, die sind zugereist“, sagt Lechner über eine Familie, „die san recht ekelhaft zu den Nachbarn“.

Die Niclasreuther haben nichts gegen Zugereiste, im Gegenteil, aber unzugänglich oder eigenbrötlerisch sollen sie, bittschön, nicht sein. Ein Dorf hat auch Erwartungen – und ein Dorf ratscht. Man sollte sich am Maibaumstüberl blicken lassen, beim Wirt, bei Versammlungen. Gemähter Rasen ist empfehlenswert, sonst gibt’s Gerede. Das ist der Tausch: Gemeinschaft gegen Geheimnis. Einen Ehestreit in Niclasreuth geheim zu halten, dürfte so schwierig sein, wie einen Maibaum alleine aufzustellen. Oder darauf zu bestehen, gesiezt zu werden. Hier duzt sich jeder.

Auf dem Friedhof an der Dorfkirche sind alle Gräber frisch bepflanzt. Lila Primeln, gelbe Tulpen. Als ob gerade ein schwerer Schicksalsschlag das Dorf heimgesucht hätte. Ein Unglück hat es nicht gegeben. „Aber hier achtet jeder die Toten“, sagt Lechner. Die Vorfahren der Leute, die gerade im Wirtshaus sitzen, liegen alle hier begraben. Es sind immer die gleichen Namen auf den Grabsteinen der Familien. Die Straßers, die Kollers, die Kaisers. Die Niclasreuther bleiben zusammen. Auch nach dem Tod.

Vom Friedhof sind es nur ein paar Schritte zum Maibaumstüberl, nebenan liegt der 32 Meter lange Maibaum

im Schuppen. Maibaum-Manager Koller begutachtet ihn, fährt mit der Hand über den blau-weißen Stamm. Ganz zärtlich. „Er ist nicht längste im Landkreis, aber der schönste, so schlank gewachsen.“ Der Maibaum ist der Stolz des Dorfes. Ein Schatz. Mit im Schuppen steht Manfred Robeis, 28, der inoffizielle Wirt des Stüberls, er will nicht am 50-Jahre-Takt rütteln. „Weil ich irgendwann am Stammtisch sitzen und sagen will: Schön war’s!“ Wie die 1959er es heute machen.

Wenn der Maibaum wirklich ein Test für das Dorf ist, dann hat Niclasreuth ihn schon bestanden. Vor ein paar Tagen gab es Kesselfleisch im Stüberl. 120 Leute waren da. Die Jungen, die Alten, die Enkel, die Großeltern.

Alle. Wenn was passiert, will jeder dabei sein.

Irgendwann hat Kaiser genug vom Wirtshaus. Vielleicht hat seine Frau jetzt ihre Hochzeitsfrisur fertig, mit der sie ihn überraschen will, vielleicht hat seine Enkelin jetzt die Kirche mit den Blumen geschmückt für die Messe. Und vielleicht lassen sie ihn zuhause jetzt rein. Vor 50 Jahren war das komplizierter mit dem Heiraten: Er hat keinen Vertrag im Maibaumstüberl unterschrieben. Beim Trachtenfest wagte er es und forderte die junge Korona aus Biberg zum Tanzen auf. „Hier haben Sie mich gekannt, deswegen musste ich mir eine Ehefrau aus einem anderen Landkreis suchen“, sagt er und lacht scheppernd. Dann steht er auf und trottet zur Türe. Schließlich muss er morgen feiern. Wie alle 50 Jahre.

Münchner Merkur vom 30. April/1. Mai 2009