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Volle Kraft durchs Nadelöhr

Von Stefan Klein

Ende des Enterns? Reeder haben Angst um ihre Schiffe und Angst vor Lösegeldforderungen. Um Piraten zuvorzukommen, lassen sie sich einiges einfallen. Eine Reise durch den Golf von Aden mit der „Beluga Recommendation”. Deren Mannschaft kann sich wehren gegen die neue Gefahr. Mit allen Mitteln.

Aden – Es ist Montag, und er beginnt mit einem ungewöhnlich langen Strich auf dem Radarschirm. Heiner Heise, 63, der Kapitän der Beluga Recommendation, ist ein erfahrener Mann, der Strich sagt ihm, dass da etwas sehr Schnelles unterwegs sein muss. Eigentlich hat Volodymir Kokoshko, 56, der Erste Offizier, Wachdienst auf der Brücke, aber Heise ist früh aufgewacht in seiner Kammer, vielleicht aus Zufall, vielleicht weil dies der Tag ist, dem sie alle auf diesem Schiff mit Unruhe, Sorge und Nervosität entgegengesehen haben. Heise könnte sich noch einmal umdrehen in der Koje, die Nacht ist noch gar nicht ganz gewichen über dem Meer. Stattdessen geht er die schmale Stiege hoch auf die Brücke, unrasiert, ungewaschen, im Schlafanzug. Er setzt sich vor das Radargerät und sieht diesen Strich. Hellblau auf dunkelblau.

Neun Tage davor stach die Beluga Recommendation in Thailand in See. Sie hat Schwergut geladen für ein Kraftwerk in Israel. In Haifa soll gelöscht werden. Es ist ein Routineauftrag und auch nicht. Denn um schnellstmöglich nach Haifa zu gelangen, ist der Golf von Aden zu passieren. Das ist der Spalt zwischen dem Horn von Afrika und der großen arabischen Halbinsel, jeden Monat zwängen sich 1600 Schiffe durch ihn hindurch. Doch dieses wichtige Bindeglied auf dem Seeweg zwischen Europa und Asien ist zu einer einzigen Gefahrenzone geworden, seit sich dort somalische Seeräuber darauf verlegt haben, Schiffe zu kapern und damit Lösegeld zu erpressen. Letztes Jahr war unter den gekaperten Schiffen auch eines, das wie die Beluga Recommendation zur Bremer Reederei Beluga Shipping GmbH gehört. Es ist die BBC Trinidad. Erst nach drei Wochen zäher Verhandlungen und der Zahlung von mehr als einer Million Dollar kam die dreizehnköpfige Besatzung frei.

Eine Reederei, der das passiert, kann ihren Betrieb nicht einstellen, aber sie kann auch nicht einfach so weiterfahren. Piratensicher ist das Wort, das magische Wort, nur: Geht das, ein Schiff piratensicher zu machen? Die Beluga Recommendation passiert Singapur, Colombo, dann zieht sie ihre schaumig weiße Spur in nordwestlicher Richtung durch den Indischen Ozean. Sie hat zwanzig Mann an Bord, zehn Deutsche (darunter fünf Kadetten), fünf Ukrainer, drei Litauer, einen Russen und einen Bulgaren. Es sind die zehn Deutschen, die das Schiff zur begehrten Beute machen, denn Deutsche haben beim Pokern ums Lösegeld einen hohen Verhandlungswert. Anders als zu Klaus Störtebekers Zeiten brauchen Piraten heutzutage nur Zugang zum Internet, um an Informationen über Schiff und Besatzung heranzukommen.

Am Donnerstag vor dem Montag ist keine Wolke am Himmel. Die Sonne brennt. Der Kadett Albert Büttner, 21, ist auf dem oberen Deck dabei, die Enden von Tauen zu verschweißen. Damit sie nicht ausfransen, wenn sie demnächst ins Wasser gelassen werden. Es ist eine Idee von Kapitän Heise. Sein Schiff hat vorne am Bug auf jeder Seite einen acht Meter langen Metallarm, der sich über die Bordwand ausschwenken lässt. Daran will man je drei Taue befestigen, die parallel zum Schiff durchs Wasser gleiten sollen, als Hindernis für die Außenborder der Piratenboote, sollten sie versuchen, sich dem Schiff zu nähern. Taue zum Abwürgen von Schiffsschrauben, das ist kein schlechter Plan, Büttner ist trotzdem beklommen zumute. Das Schiff fährt auf Afrika zu, vielleicht kommt ihm deshalb das Bild von der Zebraherde und den lauernden Löwen in den Sinn. Er sagt: „Ein Zebra trifft es immer.”

Am Freitag ist das Wetter noch besser. Kein Wind, spiegelglatte See. Auf dem unteren Deck beginnen sie damit, die Öffnungen in der Bordwand mit Holzbohlen zuzunageln. Das untere Deck stellt die verwundbarste Stelle der Beluga Recommendation dar. Von da bis zur Wasseroberfläche sind es nur 3,90 Meter. Wenn die Piraten es bis ans Schiff schaffen, haben sie bei der geringen Höhe mit ihren Leitern und Enterhaken leichtes Spiel. Die Bohlen könnten zwar gegen die Panzerfäuste, Granatwerfer und Sturmgewehre der somalischen Piraten nicht standhalten, aber sie stellen doch ein zusätzliches Hindernis dar. Das Deck darüber ist sieben Meter hoch und für sportliche Jungs immer noch erreichbar. Deshalb werden da Rollen von Natodraht auseinandergezogen und außen an der Reling befestigt. Rund ums Schiff. Die Kadettin Marion Münsberg, 18, wirft einen Blick darauf, dann sagt sie: „Ein leichtes Opfer werden wir nicht sein.”

Am späteren Vormittag ruft Kapitän Heise die Mannschaft in der Messe zusammen. Es ist eng, der Geruch von ukrainischem Eintopf, Zigarettenrauch und düstere Ahnungen liegen in der Luft. Am Golf von Aden wird man Montagmorgen sein, aber Heise hat Grund, die Crew jetzt schon einzustimmen auf das, was bevorsteht. Im Golfgebiet hat die internationale Gemeinschaft auf die Bedrohung reagiert und eine Art Korridor für den Schiffsverkehr eingerichtet. Es patrouillieren Kriegsschiffe, die bei Piratenangriffen eingreifen und Kampfhubschrauber schicken könnten. Den Seeräubern erschwert das ihr Geschäft. Sie versuchen es deshalb neuerdings auch weit draußen im Meer, mit wachsendem Erfolg. Für die Beluga Recommendation bedeutet das: Sie könnte jetzt schon auf Piraten stoßen. Es könnte ein harmlos wirkender Fischtrawler sein, aber wenn er plötzlich ein Skiff ins Wasser ließe – so nennt man die kleinen Motorboote der Piraten – bemannt mit drei, vier Schwerbewaffneten, dann wüsste man, dass es eines dieser sogenannten Mutterschiffe ist. Ein netter Ausdruck, aber er steht für die schwimmenden Basen der sehr mobilen Piraten, die im Moment zehn Schiffe in ihrer Gewalt haben.

Heise redet über die Möglichkeit, angegriffen zu werden und unter Beschuss zu geraten. Und welches dann der sicherste Platz sei für die Crew. Er redet nichts schön. Durchkommen oder nicht durchkommen, es sei ein Glücksspiel. Aber um eine Chance zu haben, müsse spätestens morgen, Samstag, alles bereit sein zur Abwehr der Piraten. Sie diskutieren, ob sie nachts verdunkelt fahren sollen, und sind sich schnell einig: Ja, verdunkelt. Auf den Stockwerken unter der Brücke, wo die Kammern sind, werden sie die Türen nicht nur schließen, sondern verriegeln. Oben auf der Brücke werden Leuchtraketen bereitliegen. Aber entscheidend sei, sagt Heise, dass die Piraten nicht bis an die Bordwand kommen. Er kann es dann zwar noch mit ein paar Ausweichmanövern versuchen, Kurven, Zickzack, soweit es ein Schiff erlaubt, das länger ist als ein Fußballplatz – doch wenn der Erste mit einer Schusswaffe an Bord sei, sagt Heise, „haben wir verloren”.

Doch eigentlich glaubt Heise nicht, dass er verlieren könnte. Er fährt seit seinem 15. Lebensjahr zur See und hatte immer Glück. Einmal, bei schwerem Wetter auf dem Atlantik, ist er von einer Welle von Bord gespült und von der nächsten wieder zurückgespült worden. Kein Überfall, kein SOS in all den Jahren, einen „lucky boy” nennt er sich, und tief im Herzen glaubt er, dass es so bleiben wird. Abends auf der Brücke ist nichts als Schwärze rundherum, nur die schmale Mondsichel wirft, auf dem Rücken liegend, einen dünnen Streifen Licht auf das Wasser. Heise geht auf und ab und erzählt. Aus seinem Seemannsleben. Und wie man Stracciatella herstellt. Heise hat jahrelang eine Eisdiele betrieben. Im Winter Kapitän. Im Sommer Eisverkäufer. Von so was träumen Kinder. Irgendwann hält er inne und sagt, ihm sei nicht bange vor dem Piratengebiet: „Ich glaube, da knattern wir so durch.” Bevor er hinuntergeht in die Kammer, ruft er im Internet die Wettervorhersage für den kommenden Montag auf. Windstärke vier bis fünf. Das ist nicht viel, aber auch nicht ideal für kleine Skiffs. Für die Beluga Recommendation ist es ein Vorteil. Vielleicht.

Am Samstag beziehen Soldaten ihre Stellungen an Bord. Sie tragen Kampfanzüge und schwarze Masken und sind mit Maschinenpistolen und Ferngläsern ausgerüstet. Deren Füße schrauben der Kadett Christian Tiedemann, 19, und der Ausbildungsoffizier Hartmut Jacobs, 31, auf Holzbretter auf, die Beine werden an der Reling festgebunden. Die Kerle sind aus Pappmaché. Der Dritte Offizier, Nadja Köppen, 23, rollt unterdessen Feuerwehrschläuche aus. Es sind Spezialschläuche, mit denen normalerweise Waldbrände bekämpft werden. Sie haben viele kleine Düsen, mit denen feiner Sprühnebel erzeugt werden kann. Sprühnebel aus Salzwasser. Ob der die Piraten irritieren wird? Oder die Pappkameraden? „Hat ’n bisschen was Verzweifeltes”, sagt Kadett Büttner, „mit Feuerwehrschläuchen gegen Kalaschnikows.”

Es gibt schärfere Sachen. In den Reedereien experimentieren sie mit Rauch, mit Gas, mit Dampf, mit chemischen Sprays, mit Ochsenblut, mit Urinzusätzen, mit Schallkanonen. Sogar Schweineköpfe wurden als Abschreckungsmittel schon erwogen. Bei Beluga in Bremen wollen sie demnächst etwas einsetzen, das sich Druckluftramme nennt, und für die Schläuche hat man ein Mittel erfolgreich getestet, das mit Wasser vermischt die Bordwand so glitschig machen soll, dass da auch der geschickteste Kletterer nicht mehr hochkommt. Auf der Beluga Recommendation haben sie das Glitschzeug noch nicht, und selbst wenn sie es hätten, wäre vermutlich nicht jeder beeindruckt. Volodymir Kokoshko zum Beispiel, der Erste Offizier.

Der Ukrainer hat Filme dabei von Raketentests aus den Zeiten der großen, alten Sowjetunion und führt sie auch gerne vor. Eine Rakete, sagt er, und zeigt auf so eine gewaltige Wurst, wie sie gerade zischend in den Himmel prescht, eine Rakete, und das Problem Somalia wäre gelöst. Alternativ sei mit den Piraten kurzer Prozess zu machen: „catch, kill, finish”. Fangen, töten, und das war‘s dann. Dazu patscht er die Hände aufeinander, so einfach. Jedenfalls hielte er es für besser, sagt Kokoshko, für die Passage durch das Piratengebiet zwei, drei bewaffnete Soldaten an Bord zu nehmen. Echte. Es gibt viele Reedereien, die das inzwischen machen, doch Beluga-Chef Niels Stolberg lehnt es ab. Er fürchtet, dass dadurch heikle Situationen nur noch heikler werden könnten.

Dann ist Samstagabend, und eigentlich müsste Mikhail Bezpyatyy, 33, der Koch, jetzt den Grill anwerfen für ein Essen draußen an Deck. So ist es Brauch. Aber wegen „Piratenzirkus”, wie Heise sagt, fällt die Party aus. Später am Abend meldet sich Heise über das Bordmikrophon: Von dieser Nacht an werde man verdunkelt fahren, vor allen Fenstern seien die Vorhänge zuzuziehen. Als Schatten soll die Beluga Recommendation durch die Nacht gleiten. Selbst die Positionslichter werden gelöscht. Der Ausguck auf der Brücke wird verdoppelt.

Sonntag. Backbords und steuerbords schwimmen seit dem frühen Morgen je drei lange Taue im Wasser, am Heck drei weitere. Kapitän Heises Piratenfalle. Und noch eine Idee des Kapitäns: An fünf Stellen an der Reling, über dem Natodraht, hängen jetzt Warnschilder, von den Kadetten ausgesägt. Sperrholzbretter, weiß angemalt und mit Schablone rot beschriftet. „Danger” steht darauf, Gefahr, „440 V”, dazu ein Blitz. Wenn das schrecken soll, dann müssen somalische Piraten lesen und Abkürzungen und Symbole richtig deuten können.

Den Vormittagsdienst auf der Brücke hat, wie jeden Tag, Nadja Köppen. Ein paar Monate ist es erst her, da saß sie noch in der Fachhochschule Elsfleth, Fachbereich Seefahrt, jetzt muss sie als Dritter Offizier ein Millionenobjekt durch Feindgebiet steuern. Sie hätte sich nach der Ausbildung für Schiffe melden können, die nur die piratenfreie Nord- und Ostsee befahren. Sie wollte aber die ganze Welt, und sie wollte sie auch noch nach der Entführung des deutschen Frachters Hansa Stavanger. Der befand sich dieses Jahr von April bis August in der Hand somalischer Piraten, und als das Martyrium vorbei war, hatte der Zweite Offizier 16 Kilogramm und auch Zähne verloren. Wegen Mangelernährung. Nadja Koeppen kannte ihn aus der Zeit ihrer Ausbildung, und spätestens da kannte sie auch das Risiko.

Die fünf Auszubildenden an Bord, vier junge Männer, eine junge Frau, müssten das Risiko nicht eingehen. Als Kadetten hätten sie die Möglichkeit gehabt, zu einem früheren Stadium der Reise auszusteigen und später, nach Durchquerung des Piratengebiets, wieder einzusteigen. Auf einem anderen Beluga-Schiff, im September, hatten Kadetten von diesem Angebot Gebrauch gemacht. Bei der regulären Mannschaft stand daraufhin das Urteil fest: Weicheier. Diesmal, sagt Kadett Büttner, hätten sie sich frühzeitig zusammengesetzt, hätten die Frage diskutiert und seien sich bald einig gewesen, dass sie keine Sonderrechte in Anspruch nehmen würden. Sie seien Teil der Mannschaft und wollten es auch bleiben.

Nun müssen sie es, aussteigen geht nicht mehr.

Der Tag ohne Zwischenfall. Die Nacht ohne Zwischenfall. Am nächsten Morgen, Montag, der Strich auf dem Radargerät. Hellblau auf dunkelblau. Heise überlegt.

Schiffe fahren langsam, sie erscheinen auf dem Radarschirm als Punkte. Wenn sich Punkt an Punkt reiht, und sie so einen Strich bilden, dann muss sehr viel mehr Tempo im Spiel sein, als ein Schiff zu leisten vermag. Seltsam. Aber die Sache klärt sich schnell auf. Es ist ein Hubschrauber, bald kann Heise ihn mit bloßem Auge erkennen. An diesem Morgen hat die Beluga Recommendation den Golf von Aden erreicht. Der Jemen auf der einen Seite, Somalia auf der anderen. Hier sind Kriegsschiffe unterwegs, und eines von denen muss den Hubschrauber losgeschickt haben. Wurde etwas Verdächtiges entdeckt? Hat es mit dem kleinen Punkt zu tun, der jetzt auf dem Radarschirm erscheint?

Den Punkt identifiziert Heise mit dem Fernglas als kleines Schiff. Ein kleines Schiff ist verdächtig, jedenfalls scheint es die Aufmerksamkeit des Hubschraubers auf sich gezogen zu haben. Der Hubschrauber hat inzwischen abgedreht, aber das Schiff kommt näher. Volodymir Kokoshko, der Erste Offizier, vermutet Piraten, er schlägt vor, nach Steuerbord auszuweichen. Heise studiert das Schiff durchs Fernglas. Er sieht eine Dau, ein für die Gegend typisches motorisiertes Holzschiff. Er sieht kein Skiff im Schlepptau, kein Skiff an Deck. Heise entscheidet sich, Kurs zu halten. Zu Kokoshko sagt er: „Wir können immer noch abhauen, wenn die auf uns zukommen.” Sie kommen nicht.

Auf einmal ist alles anders. Gestern zog die Beluga Recommendation noch einsam ihre Bahn, jetzt ist sie mitten im Stoßverkehr. Sie überholt und wird überholt, in der Gegenrichtung kommt ein Schiff nach dem anderen. Manchmal ist eine Fregatte dabei. Es ist fast wie auf der Autobahn, und das ist ja auch der Sinn der Sache. Dichter beieinander und beobachtet von Kriegsschiffen und Helikoptern ist man nicht ganz so verwundbar, jedenfalls sagen das die Zahlen. Zwar hat es im Golf von Aden seit Februar, als der Transitkorridor eingerichtet wurde, ähnlich viele Piratenangriffe gegeben wie im letzten Jahr, doch die Zahl der Kaperungen ist von 37 auf 13 zurückgegangen. Die Piraten wissen, dass sie nur eine Chance haben, wenn sie es in Minutenschnelle aufs Schiff schaffen. Dauert es länger, droht der Kampfhubschrauber.

Das kann man für tröstlich halten oder erst recht für gefährlich, dem Zweiten Offizier Moritz Möckl ist nicht anzusehen, was er denkt, als er um 12 Uhr Nadja Köppen auf der Brücke ablöst. Er wirkt konzentriert wie immer. So wie alle anderen an Bord hat er keine Erfahrung mit somalischen Piraten, aber im Juni war er nahe dran, war ebenfalls im Korridor unterwegs, nachts. Ein unbeleuchtetes Boot kam da auf sein Schiff zu, Möckl begann ein Ausweichmanöver und holte den Kapitän aus dem Bett. Da drehte das Boot ab und verschwand in der Dunkelheit. Fischer fahren mit den gleichen Booten wie Piraten. Die auf den großen Schiffen wissen oft nicht, mit wem sie es zu tun haben. Bis sie die Schüsse hören.

Knapp dreißig Stunden dauert die Fahrt durch den Korridor. Irgendwann in der Nacht müssen wir auf der Höhe von Bosaso sein, dem somalischen Piratennest. Manchmal tauchen Hubschrauber auf, manchmal räuspert sich auf der Brücke die Funkanlage, dann meldet sich eine Stimme von einem der Kriegsschiffe: „Nato warship, Nato warship.” Zum Zeichen, dass jemand in der Nähe ist, den man rufen könnte, wenn es nötig werden sollte. Die Beluga Recommendation muss niemanden zu Hilfe rufen. Sie knattert so durch. Am Dienstag um 13 Uhr 22 ist das Ende des Korridors erreicht, am Abend die Meerenge vor Dschibuti, dann das Rote Meer. Die Gefahr ist vorbei. In der Messe, wo es beim Essen sehr leise war in den letzten Tagen, wird wieder laut geredet und gelacht. Viele erleichtert klingende E-Mails verlassen das Schiff.

Trainingsoffizier Jacobs aber ist fast ein bisschen enttäuscht, dass die Piratenfalle nicht zum Einsatz kam. Er sagt, er hätte zu gerne gesehen, ob das funktioniert hätte mit den Tauen im Wasser.

Am Mittwoch beim Frühstück sagt Heise, er frage sich, ob das viele Geld für den Einsatz der Kriegsschiffe nicht besser angelegt wäre, würde man es in den Wiederaufbau Somalias stecken, um dort Verhältnisse herzustellen, die das Piratentum überflüssig machen. Dann wird aufgeräumt. Die Taue werden eingeholt, die Schläuche aufgerollt, die Schilder abgehängt, die Pappkameraden eingepackt, der Natodraht auch. Wie im Theater, wenn die Requisiten weggeschlossen werden. Hatten sie die gewünschte abschreckende Wirkung? Oder hatte das Schiff einfach nur Glück? Es wird den Golf von Aden noch oft befahren. Irgendwann wird man die Antwort wissen.

Süddeutsche Zeitung, 14. Dezember 2009