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Wenn die Neugier Amok läuft

Von Sebastian Wieschowski

Als ein 17-Jähriger am 11. März in Winnenden um sich schießt, wird nicht nur der Tod öffentlich, sondern auch die Trauer. Eltern und Geschwister der erschossenen Schüler haben keine Ruhe und selbst völlig Unbeteiligte geraten in den Taumel um die Todesangst. Gerüchte werden zu Nachrichten, Mythen zu Fakten und Eltern wie Petra und Uwe Schill zu Opfern der kollektiven Neugier.

Sie lässt ihr Lächeln hier. Sie blickt über ein buntes Blumenmeer, rote Grableuchten, gelbe Narzissen. Den Kopf neigt sie leicht nach vorn, ein wenig zurückhaltend, nachdenklich, aber sie lächelt. Der frostige Frühlingswind lässt die letzten Grüße auf den dunkelgrünen Kränzen, die das Grab von Chantal Schill auf dem Friedhof von Leutenbach einrahmen, durch die Luft gleiten. Am 18. März 2009 zwischen 11 und 13 Uhr haben hunderte Menschen das Grab eingerahmt, sie haben gelächelt, geweint und zugehört, wie die schweren Klänge der Folk-Metal-Band „Schandmaul“ über den Friedhof und die weiten Felder schwebten. Inzwischen ist es still geworden. Die Menschen, die innehalten und das gemalte Bildnis des Mädchens auf dem Grabbrett betrachten – auch sie neigen ihre Köpfe leicht nach vorn, aber ihre Gesichter sind ängstlich, fast gelähmt.

Ein paar hundert Meter weiter steht Uwe Schill auf dem Balkon seines Hauses in Weiler zum Stein, drei Kilometer von Winnenden. Die Straßen sind nach den großen Dichtern benannt, nach Uhland, Schiller und Kleist, der Kiosk heißt schlicht „Gut Leben“ und die Kneipe „Zum Romantischen Keller“. Uwe Schill lässt sich den frostigen Frühlingswind ins Gesicht pusten. Er lächelt. „Ich habe ein unheimliches Harmonie- und Friedensbedürfnis“, murmelt der 45-Jährige, „sowas hab ich noch nie gehabt“. Schill will keinen Streit, keinen Kummer wegen Kleinigkeiten, alltägliche Ärgernisse sind unwichtig. Im Wohnzimmer, auf dem Tisch, liegen Fotos seiner Tochter. „Das ist die Chantal“, sagt Vater Uwe wenig später und zeigt auf ein Konfirmationsfoto, „daneben die Jana, die ist auch tot“, sagt er mit gedämpfter Stimme, „und die Freundin, die war an dem Tag nicht in der Schule, die wäre vielleicht auch tot“. Die Fotos wollte seine Tochter Chantal zum Schüleraustausch mitnehmen. Am Dienstagabend hatte Mutter Petra die Koffer gepackt. Am Donnerstag musste sie die Koffer wieder auspacken. Denn am Mittwoch verlor die Familie ihre Tochter beim Amoklauf von Winnenden.

Es ist der 11. März 2009 gegen 9.45 Uhr, als Petra Schill von einem Amoklauf in der Albertville-Realschule hört. Sie ruft die Tochter auf dem Handy an. Einmal – Mailbox. Zwei Mal – Mailbox. Drei Mal – Mailbox. Die Mutter hat kein gutes Gefühl, irrt im Haus umher, ruft ihren Mann an: „Komm besser mal, wir müssen die Chantal aus der Schule abholen.“ Ehemann Uwe sieht vor der Realschule Dutzende Klassenkameraden, Freunde, einen Nachbarsjungen, der in dieselbe Klasse wie Chantal geht. „Ich weiß nichts, ich hab nichts gesehen“, sagt der regungslos. Die Schwester einer Schulkameradin von Chantal bricht in Tränen aus, als Uwe Schill an ihr vorbeiläuft. Die Großmutter eines Schulkameraden ruft bei Petra Schill an und berichtet, ihr Enkel und Chantal seien verletzt. Vater Uwe freut sich, mit seiner Tochter bald aufs Motorrad steigen und heimfahren zu können.

Doch unbewusst wird er zum Hinterbliebenen. Ein Kriminalkommissar nimmt seine Personalien auf, ein Notfallseelsorger weicht nicht mehr von seiner Seite. Doch die Familie gibt nicht auf: Vater, Mutter, Brüder, immer wieder wählen sie die Handynummer von Chantal, schreiben SMS, telefonieren sich in Trance. Plötzlich der Schock. Bei einem Krankenhaus erfahren die Eltern, dass gerade eine Schülerin verstorben ist. Doch die Tote hat keine schwarzen Haare wie Chantal. Ein wenig Hoffnung, dass die Tochter nur schwer verletzt ist. Zehn Tote, viele Mädchen, heißt es im Radio. Auch das Fernsehen läuft Amok: Eine RTL-Reporterin erklärt, in Winnenden herrsche „ein Chaos vom Feinsten“. Der n-tv-Berichterstatter erläutert, in Winnenden lebten „27 000 Einwohner und ein paar Zerquetschte“. Auch die ernsten Meldungen überschlagen sich: Der Amokläufer ist in die Innenstadt gelaufen. Der Amokläufer ist tot. Der Amokläufer ist nach Wendlingen geflüchtet. Um kurz nach 14 Uhr ruft ein Schulkamerad von Sohn Kevin an – und kondoliert. Erst eine halbe Stunde später bestätigen die Rettungskräfte: Die 15-Jährige ist tot.

Eine Aufnahme aus dem Fotostapel für die französischen Gastgeber kennt inzwischen ganz Deutschland: Chantal mit knallroten Lippen, die schwarzen Haare lasziv über die Schulter geworfen, der Blick rätselhaft. „Fotosessions“, sagt Petra Schill, „wie junge Mädle halt sind. Sie hat sich hübsch in Pose geworfen.“ Doch am Tage ihres Todes gesellen sich zu ihren virtuellen Freunden auf dem Internetportal „Kwick“ Dutzende Reporter und plündern ihr digitales Fotoalbum. Auch im echten Leben wühlen die Bildbeschaffer. Zwei Stunden, nachdem die Familie vom Tod ihrer Tochter erfahren hat, klingelt es an der Tür. Es ist ein Reporter, der ungeduldig die Klingel drückt und das Mitgefühl lieber ganz weglässt: Ob die Familie Fotos ihrer toten Tochter hat? Ob die Tochter einen Freund hat? Ob sie den Täter gekannt hat? Es folgen drei weitere Reporterteams an der Tür, zwei Mal bitten Fernsehredakteure am Telefon um Bildmaterial.

Nicht nur die tote Tochter wird zu einer öffentlichen Person, auch die Familie steht fortan unter Beobachtung. Die Leser der „Berliner Morgenpost“ erfahren, dass der ältere Bruder mit „rot unterlaufenen Augen“ gesehen wird. Die „SuperIllu“ berichtet, wie sie an der Tür der Schills klingelt und auf einen Jungen trifft, der mit „verweinten Augen“ sagt: „Wir können, wir wollen nichts sagen.“ In Weiler zum Stein sind die Journalisten den offiziellen Ermittlern zahlenmäßig längst überlegen. Wichtig aussehende Herren schleichen tagelang von Tür zu Tür. Sie finden die Telefonnummer eines Nachbarjungen heraus, der mit Amokläufer Tim K. früher Tischtennis gespielt hat, und terrorisieren das verstörte Kind mit Interview-Anfragen. Am Abend nach der Katastrophe ist die Kirche St. Karl Borromäus bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Wände sind weiß ohne Verzierungen, ein nackter Rahmen für die nackte Trauer. Doch auf der Empore klicken die Fotoapparate im Akkord. Der Bischof bittet Gott um Schutz vor Sensationslust. Doch das Blitzlichtgewitter, gefolgt von einem Fragengewitter, es verstummt nicht. Trauergäste werden zu Experten, weil sie den 17-jährigen Tim K. irgendwann mal auf der Straße gesehen haben. Oder meinen, ihn gekannt zu haben.

Für die wenigen nachprüfbaren Fakten reicht die journalistische Sorgfaltspflicht in diesen Tagen offenbar nicht aus: Eine Zeitung macht die 15-jährige Chantal 14 Jahre alt, mehrfach ist sie 16, einmal sogar 17. In der Frankfurter Rundschau heißt die Familie „Schille“, in der „Berliner Morgenpost“ wird ihr Nachname „Ch.“ abgekürzt. Zeitungen und Fernsehsender lassen Deutschland unterdessen ganz nah an die tote Schülerin heran. Die Nation kennt ihre blaugrünen Augen, ihr langes, schwarzes Haar. Das Mädchen sei „attraktiv“, berichtet „Bild“. Ihre Welt sei „das Geheimnis der Dunkelheit, der Nacht, Regen, Winter“, formuliert die Münchner „tz“. Die „Hamburger Morgenpost“ vermutet, dass Chantal einen „Verlierer“ wie Tim K. sicher abgewiesen hätte. Das Bild des Mädchens wird fremdbestimmt: „Die bauen eine Person auf, die nicht unserer Tochter entspricht“, sagt Vater Uwe.

An die Stelle der Tochter Chantal ist das Amok-Opfer Chantal getreten, eine drehbuchmäßig durchdachte Kunstfigur, die sich im Vergleich zu den anderen Opfern offenbar besser in Szene setzen lässt: „Sie hat sich schwarz gekleidet, andere Musik gehört, war nicht dieses nette Alltagsmädle“, erzählt Petra Schill. „Sie war einfach ein bisschen anders, und wenn jemand nicht der Norm entspricht, schielen die Leute gleich drauf“, meint Uwe Schill. „Wenn Leute anders gekleidet sind, soll man nicht mit dem Finger auf die zeigen und lieber mit ihnen reden.“ Die schwarz gekleideten Freunde ihrer Tochter – für Petra und Uwe Schill sind es lauter liebe Menschen, die mal Ballerspiele und mal Schach spielen, Metal-Musik hören und Gedichte schreiben und nach dem Tod ihrer Freundin keine schwarzen Messen auf dem Friedhof abhalten, sondern selbst gebackenen Kuchen mitbringen, wenn sie sich zu Uwe und Petra Schill aufs Sofa setzen. „Wir hatten die Bude jeden Abend voll. Wir haben uns echt gewundert, wie die jungen Leute damit umgegangen sind, wie man mit denen sprechen konnte“, erzählt Uwe Schill und lächelt. „Besser als mit vielen Älteren“, murmelt er.

Während Familie Schill am Wohnzimmertisch trauert, ziehen die Berichterstatter immer mehr Menschen in den Taumel um die Todesangst. Ein zehnjähriger Junge aus Winnenden wird in der Bildzeitung groß als Amokläufer Tim K. beim Schießtraining abgebildet. Einen Tag später „bedauert“ die Zeitung den Fehler. Die „Welt am Sonntag“ illustriert ihren Leitartikel „Die Unsterblichkeit des Amok-Täters“ mit dem Foto eines Jugendlichen. Darunter steht: „Tim K. wusste wohl, dass er schon Stunden nach seiner Tat auf immer in die Hall of Fame des Verbrechens eingehen würde.“ Als feststeht, dass es sich bei dem abgebildeten Jungen nicht um Tim K. handelt, liegt die Zeitung längst in ganz Deutschland aus. Der Junge sei, so findet die Fachzeitschrift „Medium Magazin“ später heraus, während eines Gedenkgottesdienstes vor der Schlosskirche in Winnenden aufgenommen worden.

Andere lassen sich mit Geld auf die große Bühne locken: Ein Nachbarsjunge, so hören die Schills, soll für das Interview in seinem Kinderzimmer bezahlt worden sein. „Schüler wurden gegen ein Entgelt von 20 bis 100 Euro, gebeten, Blumen oder Kerzen abzulegen und sich dann weinend zu umarmen“, berichtet auch Jochen Kalka, Chefredakteur des Branchenmagazins „Werben und Verkaufen“, der in Winnenden wohnt. 20 Euro sollen für den Satz „Tim K. war Einzelgänger“ gezahlt worden sein – der Mythos vom Milchbubi-Monster wird allzu massentauglich zurechtgebogen. Ein Schulfreund der Schill-Brüder, der noch am Nachmittag mit der Familie getrauert hat, ist wenig später auf allen Kanälen zu sehen. Kinder erhalten ein Taschengeld für ihre Trauer: Öffentlich-rechtliche Sender verlangen, so berichtet Chefredakteur Frank Nipkau, beim Waiblinger Zeitungsverlag nach Fotos des Attentäters und bieten dafür an, die „Winnender Zeitung“ in der Hauptnachrichtensendung zu zeigen. Wenn Uwe Schill nachdenkt, wie das Geld für Geschwätz verteilt wurde, erstarren seine Augen. Die Kraft, um deutsche Blätter wie „Bild“, „Focus“, „Stern“ oder britische Zeitungen wie die „Sun“, den „Mirror“ oder die „Daily Mail“ dafür zu verklagen, dass sie das Foto seiner Tochter ohne Erlaubnis veröffentlicht haben, hat er nicht. Der Vater schreit nicht, er stampft nicht: „Ich sehe es einfach als befremdlich an", sagt er bescheiden.

Als die Opfer des Amoklaufs zu Grabe getragen werden, rückt die Gemeinde zusammen. Die Friedhofsanwohner hängen Schilder an ihre Türen – die Medien sollen es gar nicht erst versuchen, hier gibt es keinen Logenplatz auf dem Balkon zu kaufen. Der Totengräber verzichtet auf seinen Lohn, auch der Bestattungsunternehmer will keinen Cent. Ein Freund der Familie stellt seine Disco-Anlage bereit und beschallt fünf Beerdigungen an vier Tagen. Die Schills sind dankbar für den Frieden, die Harmonie, den frischen Frühlingswind auf dem Friedhof. Doch die Trauer ist betäubt, weil in Gedanken immer noch Kameras auf die Katastrophe gerichtet sind: „Ich hatte Angst, dass jemand bei der Beerdigung mit dem Handy in den offenen Sarg fotografiert“, erinnert sich Petra Schill. Dass die Angst nicht unberechtigt ist, stellt sich einen Tag später heraus: Freunde rufen an, berichten aufgeregt: „Wir haben euch im Fernsehen gesehen.“ Ein Privatsender – die Familie weiß bis heute nicht welcher – hat Teile der Trauerfeier übertragen. Erst zehn Tage nach dem Tod und drei Tage nach der Beerdigung ihrer Tochter hat die Familie endlich Ruhe. Sie reden viel über ihre Tochter, hören ihre Musik. Aber sie verzweifeln nicht: „Chantal kommt nicht mehr zurück, ich muss weiterleben, muss gucken dass ich ein neues Leben anfange. Sich eingraben wäre das Allerschlimmste“, sagt Uwe Schill. Noch ist nicht klar, ob die Familie des Amokläufers in ihre weiße Villa mit Kamera über der Klingel und Kois im Karpfenteich zurückkehrt, nur zwei Straßen von den Schills entfernt: „Das wird sich nie beruhigen. Sobald der Vater zurück ist, bricht wieder alles heraus“, schimpft Petra Schill. Sie wusste, dass sich Waffen in der Wohnung von Familie K. befanden, auch im Schlafzimmer: „Sein Vater hat Leistung gefordert, nur Leistung.“ Leistung beim Tischtennis, Leistung beim Armdrücken, Leistung beim Schießen. Dabei hat Tim eine Spitzenleistung gebracht: „Der muss ein Superschütze gewesen sein, alle Achtung, der hat gezielt hingerichtet, gezielte Kopfschüsse“, berichtet ein Polizist der Mutter fassungslos. Dann schweigt sie einen Augenblick und schiebt nach: „Wenn der Tim noch lebte, ich glaube, ich würde die zweite Marianne Bachmeier werden.“ Die Lübeckerin erschoss 1981 im Gerichtsaal den Mörder ihrer Tochter.

Vater Uwe sitzt schweigend neben seiner Frau. Er blickt ins Leere, dann sagt er sanft: „Für mich ist der Amokläufer auch ein Opfer. Der war verzweifelt. Die Täter sind die Eltern.“ Vater Uwe will Ruhe, keine Rache, keine Regeln. Den offenen Brief von fünf Hinterbliebenen-Familien haben die Schills nicht unterzeichnet. Sie sind gegen ein Killerspielverbot: „Ich hab zwei erwachsene Söhne. Wenn die was wollen, laden sie das einfach runter“, weiß Vater Uwe. Sie sind gegen eine „Gewaltquote“ im Fernsehen: „Dann müsste auch der ‚Weltspiegel‘ verboten werden, wo sie aus Kriegsgebieten berichten und draufhalten, wenn Leichen rumliegen“, sagt Vater Uwe. „Der wahre Grund für diese Tat ist die Beziehungslosigkeit in der Familie“, glaubt er. Der nächste Amoklauf, da ist Uwe Schill sicher, wird sich nicht verhindern lassen. Er wird wieder unschuldige Menschen treffen, die dann nicht Schill heißen, sondern vielleicht Müller oder Meier heißen.

Verhindern lässt sich wenigstens das Medientrauma der Müllers oder Meiers, wenn Zeitungskäufer und Fernsehzuschauer die Trauer nicht tagelang in Nahaufnahme sehen wollen. Verhindern lässt sich auch die Verzweiflung so manches unauffälligen Jungen, der sich vor dem Computer in Gewaltphantasien vergräbt: „Keiner darf ohne Freunde durchs Leben gehen, das ist wichtig“, sagt Uwe Schill mit gedämpfter Stimme. Dann schweigt er. Und lächelt.

Flensburger Tageblatt vom 9. April 2009