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Der Kassierer

Von Martina Keller

Christoph Broelsch, der berühmte Chirurg aus Essen, steht von der kommenden Woche an vor Gericht. Er soll von Todkranken Geld gefordert haben, bevor er bereit war, sie zu operieren. Wer seinen Fall betrachtet, lernt die kriminelle Energie in Kliniken kennen.

Im Mai vor sieben Jahren wird bei Wilhelm Kaufhold ein Leberkarzinom von der Größe eines Tennisballs festgestellt. Heilung? Aussichtslos, meinen die Ärzte des Kreiskrankenhauses, die den Rentner untersucht haben. Wenn überhaupt noch einer helfen könne, dann er, Professor Doktor Christoph Broelsch, Chefarzt am Universitätsklinikum Essen. Er, der von sieben europäischen Universitäten die Ehrendoktorwürde erhielt. Er, ein Weltstar der Leberchirurgie.

Wilhelm Kaufhold und seine Frau Johanna, die in Wirklichkeit anders heißen, vereinbaren einen Termin bei Broelsch in Essen, und der Arzt bestätigt den Befund: Krebs in fortgeschrittenem Stadium. Nein, erklärt Broelsch, heilen könne auch er den Rentner nicht, aber womöglich dessen Leben verlängern, das schon. Um ein Jahr. Doch das gelinge nur, wenn sich der Patient von ihm persönlich operieren lasse. Über die Alternative, von einem anderen Arzt operiert zu werden, sei nicht gesprochen worden, erinnert sich Johanna Kaufhold später.

Ihr Mann habe sich dann erkundigt, wie viel die Behandlung kosten würde, und der Professor habe sinngemäß geantwortet: Mit Rechnung 14.000 Euro, ohne Rechnung 7000. Für die Kaufholds ein gewaltiger Betrag, sie müssen ein paar Tage lang darüber nachdenken. Am Ende, sagt Johanna Kaufhold, hätten sie sich dafür entschieden, bar zu zahlen, ohne Rechnung. Gewundert hätten sie sich über diese merkwürdige Zahlungsmethode schon. Die Sorge um Wilhelm Kaufholds Leben beherrschte jedoch die Gedanken des Paares, das seit 41 Jahren miteinander verheiratet war.

Am Tag, als ihr Mann zur Operation ins Krankenhaus musste, erinnert sich die 72-jährige Johanna Kaufhold, habe er der Sekretärin des Professors den Umschlag mit den 7000 Euro ausgehändigt. Das Geld sei in der Schublade eines Schreibtisches verschwunden. Broelsch habe ihrem Mann später eingeschärft, dass er auf keinen Fall gegenüber Ärzten, Krankenschwestern oder Patienten erwähnen dürfe, dass er Privatpatient des Professors sei.

Unmittelbar nach der Operation fällt Wilhelm Kaufhold ins Koma, er liegt da und regt sich nicht. 14 Tage später stirbt er auf der Intensivstation des Krankenhauses, Johanna Kaufmann sitzt an seinem Bett.

Kein Außenstehender hätte davon je erfahren, wenn sich nicht im Frühjahr 2007 ein ähnlicher Fall ereignet hätte, den der Sohn der Patientin über den WDR öffentlich macht. Daraufhin melden sich Dutzende Patienten und deren Angehörige bei der Essener Staatsanwaltschaft, auch Kaufholds Sohn zeigt Broelsch an. Die Polizei richtet die neunköpfige Ermittlungskommission Klinik ein, das private Haus, die Büros des Chefarztes und weitere Räume werden durchsucht. Polizisten stellen 50 große Pappkartons mit Aktenordnern und elektronischen Datenträgern sicher. Von diesem Moment an ist Christoph Broelsch ein Kriminalfall.

Im Oktober 2007 wird er von seinen Aufgaben in der Klinik suspendiert, seine leitende Oberärztin wird beurlaubt. Im November 2008 legen die Staatsanwälte eine 99-seitige Anklageschrift vor, im März 2009 eine zweite, noch einmal 80 Seiten. Von Montag der kommenden Woche an steht der Chirurg in Essen vor Gericht.

Sohn eines Pfarrers und praktizierender Christ

Die Ankläger werfen ihm Bestechlichkeit in 36 Fällen vor, in drei Fällen auch schweren Betrug von Patienten. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft habe Broelsch wiederholt krebskranken Kassenpatienten zugesichert, sie persönlich zu operieren – wenn sie eine Spende auf ein Konto der Klinik überweisen würden.

Auf diesem Konto, auf das Broelsch persönlich Zugriff gehabt habe, seien Gelder für Forschung und Lehre verbucht worden. Mal war es eine 1000-Euro-Spende, mal 15.000. Alles in allem 185.000 Euro. In acht Fällen sollen todkranke Menschen wie Wilhelm Kaufhold zum Spenden aufgefordert worden sein. Die Patienten hofften verzweifelt, dass eine schnelle Behandlung ihnen Aufschub verschaffen könnte, dass sie noch ein wenig länger leben dürften, dass sie vielleicht sogar geheilt werden könnten.

Es geht außerdem um schweren Betrug an Privatpatienten, schweren Betrug an der Universitätsklinik Essen und um Steuerhinterziehung. Christoph Broelsch, der für die ZEIT nicht zu sprechen war, wird vor Gericht durch Rainer Hamm vertreten, einen der renommiertesten Strafverteidiger Deutschlands. Der Anwalt sagt, die Vorwürfe gegen Broelsch entbehrten »jeglicher Grundlage«.

Die von ihm eingeworbenen Spendengelder seien der Forschung zugutegekommen und damit letztlich den Patienten. Broelsch habe sich nicht persönlich bereichert, und in keinem Fall sei eine medizinisch notwendige Behandlung von einer Zahlung abhängig gemacht worden. Der Staatsanwalt sieht das anders. Er hat fast zwei Jahre lang Material gesammelt.

Ausgerechnet Christoph Broelsch. Sohn eines Pfarrers und praktizierender Christ, der die Bibel stets griffbereit auf seinem Schreibtisch im Essener Klinikum liegen hatte. Skatbruder und Operateur des verstorbenen Bundespräsidenten Johannes Rau. Jahrelang befreundet mit Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, der sich nach der Suspendierung Broelschs persönlich beim nordrhein-westfälischen Forschungsminister für ihn eingesetzt hatte.

Im Jahr 2004 bekam Broelsch das Bundesverdienstkreuz. Er habe, hieß es, den Ruf der deutschen Medizin im Ausland gestärkt. Schon im Alter von 40 Jahren arbeitete Broelsch als Abteilungsleiter an der renommierten Medical School der Universität von Chicago, ein solcher Aufstieg war nur wenigen deutschen Ärzten gelungen.

Er war Gastprofessor an der Universität in San Diego, dem Militärkrankenhaus in Riad, Saudi-Arabien, dem Universitätshospital in Mailand und der Chirurgischen Universität Pisa. Er operierte am israelischen Beilinson Medical Center nahe Tel Aviv und an der ägyptischen Ain-Shams-Universität in Kairo. Er half mit, Transplantationszentren in osteuropäischen Ländern aufzubauen, und setzte sich für einen Austausch von Doktoranden mit der als exzellent geltenden Wuhan-Universität im Osten Chinas ein.

Patienten, die im Flur vor Broelschs Zimmer in der Klinik warteten, blickten auf eine Wand voller Urkunden und Auszeichnungen. Auf einem Foto sieht man ihn im Jahr 1989 in Chicago. Broelsch im Chirurgenkittel neben einer Frau, die ihre kleine Tochter auf dem Schoß wiegt. Er hatte Alicia ein Stück Leber der Mutter eingesetzt. Die erste erfolgreiche Lebendspende einer Leber in der westlichen Welt, eine Sensation. Damals war es ein Experiment, heute ist es ein Standardverfahren. Dank Broelsch.

Verdacht auf aktive Sterbehilfe

Der Mediziner hat viele Verehrer. Als der nordrhein-westfälische Forschungsminister Andreas Pinkwart die Praktiken des Arztes im Mai 2007 einen »unerhörten Vorgang« nannte, protestierten 29 ehemalige Patienten und Kollegen in einem Brief. Der Minister habe das Verhalten des Chirurgen »in unanständiger Art und Weise« kommentiert, stand da.

Unterschrieben hatte auch der Finanzrichter Michael Balke. Ihm war ein Stück der Leber seines Bruders eingepflanzt worden. Broelsch war sein Lebensretter. Als Balke ihm von einem weiteren Problem an seinem Darm berichtete, habe Broelsch bloß gesagt: »Im Zweifel rupfen wir den Darm auch noch raus.«

Von seinen Leuten in der Essener Klinik wurde Broelsch dagegen gefürchtet. Ein Arzt, der ihn gut kennt, sagt, keiner der Mitarbeiter habe es gewagt, Broelsch zu widersprechen. Schon Anfang der neunziger Jahre, während seiner Zeit am Hamburger Universitäts-Klinikum Eppendorf, deutet sich an, dass Broelsch sich an Regeln nur hält, wenn er sie selber aufgestellt hat.

1991 ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen des Verdachts der aktiven Sterbehilfe. Einem 17-jährigen Mädchen, das mit einer lebensgefährlichen Leberentzündung ins Krankenhaus gebracht worden war, durchschnitt er auf dem OP-Tisch die Pfortader, sodass die junge Frau verblutete. Die Ermittlungen wurden eingestellt – weil sich nicht beweisen ließ, dass die 17-Jährige infolge des Schnitts früher sterben musste. Im Jahr 2002 beging Broelsch den nächsten Tabubruch, er forderte finanzielle Anreize für die Organspende. In einem Interview sagte er: »Die Nächstenliebe allein und den Dank des Vaterlandes können Sie vergessen.«

Was unter Christoph Broelsch in Essen geschah, ist ein Lehrstück über die Verhältnisse an deutschen Kliniken. Das starre System der Zweiklassenbehandlung, die Machtfülle von Chefärzten, das Versagen von Aufsichtsgremien, die Protektion durch Männerbünde, gegründet auf Hierarchien, die einst in preußischen Militärakademien entstanden.

Was in Broelschs Ära passierte, ist mehr als bloß die selbstherrliche Tat eines Extremisten. Zwar ist es in Deutschland verpönt, Patienten vor einer Operation um eine Spende zu bitten. »Da verschlägt es mir den Atem«, sagt Wolf-Dieter Ludwig, Chefarzt am Klinikum Berlin-Buch.

Allerdings können renommierte Chefärzte ganz legal viel Geld verlangen, wenn sie einen Kassenpatienten behandeln. Sie haben nämlich oft als einzige Ärzte in ihrer Abteilung das Recht auf Privatliquidation, die mehr als das Doppelte des Honorars einbringt, das Krankenkassen für gesetzlich Versicherte zahlen.

Dass Chefärzte von diesem Privileg reichlich Gebrauch machen, kann man ihnen nicht einmal vorwerfen. Sie wollen auf die Einnahmen aus der Privatliquidation nicht verzichten, um auf ein Gehalt zu kommen, das viele von ihnen für standesgemäß halten. Außerdem sind die Kliniken auf die Gelder, die Chefärzte an sie weitergeben, stark angewiesen: Die Mediziner reichen mitunter mehr als die Hälfte der Einnahmen weiter.

Broelsch fühlt sich moralisch im Recht

Viele Spitzenmediziner behandeln vor allem Privatpatienten. Obwohl diese nur zwölf Prozent aller Patienten ausmachen und zudem nur einen Bruchteil der komplizierten Erkrankungen mitbringen, die nach der Erfahrung eines Chefarztes verlangen. »Es ist nicht richtig, dass der erfahrenste Operateur eine Operation nur aufgrund von Abrechnungszwängen durchführt, aber unser System lädt dazu ein«, sagt Peter Sawicki, Chef des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen.

Christoph Broelsch hatte das starre Zweiklassensystem offenbar überlistet. In einem Zeitungsinterview schilderte er die Sache einmal so: »Kumpel Anton kommt mit seiner Mutter zu mir und möchte, dass sie die beste Behandlung erfährt. Kumpel Anton hat aber keine Privatversicherung, sodass der Professor die OP nur machen müsste, wenn eine Wahlleistungsvereinbarung unterschrieben wird, die bei großen Operationen schnell 50000 Euro an Gesamtkosten mit sich bringen kann. Kumpel Anton kann das aber nicht bezahlen. Was machen Sie dann? Ihn samt der kranken Mutter nach Hause schicken?« Broelsch will sich demnach erlaubt haben, »persönliche Hilfe anzubieten, wo ich nicht dazu verpflichtet gewesen wäre.«

Ein herausragender Arzt in einer deutschen Universitätsklinik, der Broelsch kennt und ungenannt bleiben will, sieht es so: »Moralisch wäre das, was Christoph Broelsch gemacht haben soll, nicht die schlechteste Lösung, sondern nur die zweitschlechteste. Die schlechteste wäre gewesen, zu sagen: Ich behandle nur Kassenpatienten, die den vollen Betrag für die Chefarztbehandlung auf mein Konto überweisen.« Nach dieser Logik wäre die schlechteste Lösung legal, während die zweitschlechteste Lösung womöglich kriminell wäre – eine groteske Vorstellung.

Experten schätzen, dass ein Professor für Radiologie noch heute mehr als fünf Millionen Euro im Jahr einnehmen kann, wenn er seine Privatpatienten direkt abrechnen darf. Christoph Broelsch, für Kritik und Zweifel wenig empfänglich, fühlt sich bei seinem Vorgehen auch moralisch im Recht: »Für mich war es eine Geste der Menschlichkeit, mehr zu tun, um auch Kumpel Anton helfen zu können.«

Dass darin jedoch Broelschs moralische Lüge liegt, zeigt jener Fall des Stojan Markovic (Name geändert), der die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Gang setzte. In einer Aktennotiz der BKK Gesundheit in Bocholt steht, dass Stojan Markovic Ende 2006 Hilfe für seine an Leberkrebs erkrankte Mutter suchte. Die 67-jährige Rentnerin muss dringend operiert werden, und ihre Ärztin überweist sie nach Essen, zu Broelsch.

Dort bekommt die Rentnerin auch einen Operationstermin, der dann jedoch ohne Begründung verschoben wird. Nachdem das noch ein paar Mal passiert, ruft Markovic im Sekretariat des Essener Chefarztes an und fragt, was er tun könne, damit der Operationstermin seiner Mutter nicht noch ein weiteres Mal verschoben werde. Die Mutter sei mittlerweile doch sehr in Sorge.

Arzt für die verzweifelten Fälle

Broelschs Sekretärin erklärt, dass alle Betten belegt seien, nur auf der Privatstation gebe es noch eine Möglichkeit. Markovic antwortet, seine Mutter besitze zwar keine private Zusatzversicherung, aber er könne die höheren Kosten möglicherweise übernehmen. Was müsse er zahlen? Wenn er bereit sei, 5000 Euro zu überweisen, werde seine Mutter einen festen Termin bekommen, lautet die Auskunft. Eine Quittung könne er jedoch nicht bekommen.

Markovic bespricht sich mit seinem Steuerberater. Woher kann er die 5000 Euro nehmen? Der Steuerberater rät ihm, bei der Krankenkasse der Mutter nachzufragen, ob die Sache in Ordnung sei. Die BKK Gesundheit Bocholt rät davon ab, zu zahlen. Eine Mitarbeiterin der Krankenkasse bietet an, sich selbst nach einem OP-Termin in der Klinik zu erkundigen, und notiert: »Ich habe mit dem Sekretariat Prof. Broelsch telefoniert. Meine Frage war, ob es gängige Praxis sei, Termine gegen Zahlung von Geldbeträgen zu vergeben. Frau M. – die Sekretärin – war sehr verunsichert und stotterte, sie könne ja auch nichts dafür, sie würde halt das tun, was man ihr sage.«

Die BKK Gesundheit hilft Markovic und organisiert für seine Mutter einen Operationstermin an einer anderen Universitätsklinik. Der Essener Klinik zahlt Markovic nichts. Später schildert er, wie verzweifelt er gewesen sei. Er hätte alles getan, um seiner Mutter zu helfen. Erst heute, mit etwas Abstand, sei er der Meinung, »dass es eine Unverschämtheit ist, verzweifelten Patienten oder ihren Angehörigen Geld aus der Tasche zu ziehen«. Auch Johanna Kaufhold, die Witwe des leberkranken Wilhelm Kaufhold, hat »eine Wut im Bauch«, wenn sie an die Geldspende und an Broelsch denkt. »Aber ich würde wieder genauso entscheiden, obwohl ich von dem Unrecht weiß«, sagt sie.

Christoph Broelsch war der Arzt für die verzweifelten Fälle. Wo andere Mediziner keine Möglichkeit mehr sehen, hat Broelsch wenig Hemmungen, es noch einmal mit einer Operation zu probieren. Man kann das mutig nennen oder skrupellos. Ein Krankenhausarzt, der Broelsch aus dessen Hamburger Klinikzeit kennt, berichtet von einem Manager mit einem weit fortgeschrittenen Magenkarzinom. Er schildert einen verzweifelten Patienten, der um sein Leben kämpfte. Broelsch operierte den Todgeweihten fast 24 Stunden am Stück. Mehrere Organe der Bauchhöhle wurden freigelegt, um sie von Krebszellen zu befreien. Der Patient starb wenige Monate später unter großen Qualen.

»Einige Chirurgen neigen dazu, ihre Möglichkeiten zu überschätzen«, sagt Chefarzt Wolf-Dieter Ludwig aus Berlin-Buch, der auch Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft ist. Das verhängnisvolle Ergebnis sehe er gelegentlich in seiner Abteilung, der internistischen Onkologie, wo die operierten Patienten weiterbehandelt werden. Er sagt: »Es ist ein schlimmer Fehler, wenn ein Mediziner glaubt, dass er in jedem Fall noch etwas tun kann. Für mich wäre derjenige ein guter Arzt, der den Patienten bei einer intensiv behandelten, fortgeschrittenen Krebserkrankung im Gespräch dazu bringt, auf aggressive und toxische Verfahren zu verzichten.« Der Patient habe dann zum Beispiel noch die Chance, letzte Dinge zu regeln. Ein Mediziner, der sich nicht eingestehen könne, dass er den Kampf verloren habe, verhalte sich unethisch, sagt Ludwig. »Man darf nicht dafür berühmt sein, dass man auch weit fortgeschrittene Fälle operiert.«

»Bis ich dich kennenlernte, glaubte ich, es gäbe keine Giganten mehr«

Christoph Broelsch aber ist der scheinbar wundermächtige Retter, die letzte Hoffnung der Verzweifelten. Er sieht sich selber so. Und seine Macht scheint weiterhin zu wirken, noch heute, als Beschuldigter. Ruft man seine früheren Kollegen an, die ihn gut kennen, und fragt sie nach ihm, dann handelt man sich viele Absagen ein. Über Broelsch Auskunft geben, über den berühmten Broelsch? Was, wenn er vor Gericht freigesprochen werden sollte? Über Broelsch offen zu sprechen könnte bedeuten, die eigene Karriere zu riskieren. Wer sich nach Broelsch unter Ärzten erkundigt, der lernt auch etwas über die Kultur der Mitläufer.

Vor seinem Zimmer in der Essener Klinik hing früher ein Foto mit einer Widmung. »Bis ich dich kennenlernte, glaubte ich, es gäbe keine Giganten in der Chirurgie mehr«, hatte ihm eine junge amerikanische Ärztin geschrieben. Spitzenmediziner wie er sind noch heute Herrscher in ihren kleinen Imperien. 

Nur wenige Betroffene haben die Nerven, sich mit einem Mann von Weltrang anzulegen. Hans-Peter Mandl aus Bochum ist so einer. Seine mittlerweile verstorbene Ehefrau war bei Broelsch wegen eines chronischen Leberleidens in Behandlung. Seit Langem war dem Ehepaar klar, dass irgendwann der Punkt kommen wird, an dem nur noch eine Transplantation hilft.

Im Juli des Jahres 2001 erhalten sie die Nachricht, ein Leberteil für die Patientin sei da. Die Frau wird schon für die Operation vorbereitet, als eine Mitarbeiterin des Chefarztes Broelsch dem Ehemann Hans-Peter Mandl einen Vertrag ins Krankenzimmer bringt. Mandl soll einer Rechnung zustimmen, die das Doppelte von dem betragen soll, was seine Versicherung übernommen hätte. Er weigert sich zu unterschreiben.

Daraufhin sei Broelsch aufgebracht im Krankenzimmer erschienen. »Na gut, Frau Mandl, Ihr Mann will nicht unterschreiben, dann operiere ich Sie nicht. Aber meine Oberärzte sind auch gut«, soll er der Patientin gesagt haben. Dem Operationsbericht vom 2. Juli 2001 zufolge operiert Broelsch sie dann doch zusammen mit seinen Oberärzten. Die Frau stirbt einen Monat später nach vielen Komplikationen und einer erneuten Transplantation.

Der Streit um die endgültige Rechnung wird später vor dem Oberlandesgericht Hamm ausgefochten. Im Mai 2003 einigt man sich auf eine Kürzung der von Broelsch angesetzten Kosten um mehrere Tausend Euro. Aber es ist nicht der Konflikt ums Honorar, der Mandl dazu bringt, der Staatsanwaltschaft Jahre später einen siebenseitigen Brief zu schreiben. Mandl geht es um moralische Fragen.

Während eines Termins mit Broelsch sei das Gespräch auf die Lebendspende gekommen. Man habe den Eingriff in der Klinik schon oft praktiziert, habe Broelsch erklärt. Eine Leber wachse nach, die Spender würden sich schnell erholen, und den Empfängern sei geholfen. Ob die Eheleute Kinder oder Geschwister hätten? Die Mandls haben einen Sohn, und Broelsch habe vorgeschlagen, er solle vorbeikommen und sich untersuchen lassen – vorausgesetzt, der Sohn habe die passende Blutgruppe.

»Das lassen Sie meine Sorge sein. Die Ethikkommission bin ich«

Den anschließenden Dialog gibt Mandl in seinem Brief an die Staatsanwaltschaft aus dem Gedächtnis wieder: »Und wenn die Blutgruppe nicht passt?«, habe Mandl gefragt. Worauf Broelsch geantwortet habe: »Dann bringen Sie mir einen anderen Lebendspender!« Wo er diesen Spender hernehmen solle? »Das ist mir gleich. Hauptsache, die Daten passen.« Daraufhin Mandl: »Was ist mit der Ethikkommission?« Broelsch: »Das lassen Sie meine Sorge sein. Bringen Sie den Spender, den Rest regele ich.« Mandl sagt, er habe erwidert, dass die Ethikkommission doch unumstößliche Regeln habe. Daraufhin habe Broelsch gesagt: »Was wollen Sie? Eine neue Leber für Ihre Frau? Dann suchen Sie einen Lebendspender! Ohne Lebendspende keine Transplantation! Und klären Sie das mit der Blutgruppe Ihres Sohnes. Und noch eins: Die Ethikkommission bin ich.«

Auf der Internetseite eines ehemaligen Patienten, der seinen Operateur durch Öffentlichkeitsarbeit unterstützt, schreibt Broelsch: »Bevorzugungen jedweder Art oder Organhandel widersprechen meinem Selbstverständnis zutiefst und werden von mir aus rechtlichen, humanitären und christlichen Überlegungen abgelehnt.« Als Mandl das liest, entschließt er sich, den Brief an die Staatsanwaltschaft zu schreiben.

Im Herbst 2001 melden sich ein israelischer Patient und sein angeblicher Neffe aus Moldawien in der Essener Klinik zur Operation an, es geht um die Lebendspende einer Niere. Wie immer prüft eine Ethikkommission des Krankenhauses die verwandtschaftliche Beziehung der beiden. Denn nach dem Transplantationsgesetz darf ein Mensch einem Kranken nur aufgrund persönlicher Verbundenheit ein Körperteil spenden. Organhandel soll dadurch ausgeschlossen werden.

Im Fall des israelisch-moldawischen Paars haben die Gutachter des Klinikums Essen große Zweifel, sodass sich die übergeordnete Lebendspendekommission in Düsseldorf erst gar nicht damit befasst. Doch Broelsch gibt offenbar nichts auf das Urteil der hauseigenen Prüfer und schickt die Patienten nach Jena, zu einem befreundeten Kollegen. Dort winkt eine provisorische Lebendspendekommission den Fall durch. Am Ende operiert Broelsch die Patienten in Jena persönlich, gemeinsam mit einem seiner Kollegen.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt auch im Zusammenhang mit Organhandel gegen Broelsch. Seit langem gibt es in Essen Gerüchte, dass Organe transplantiert worden seien, ohne die Warteliste von Eurotransplant, der Vermittlungsstelle für Organspenden in Europa, zu berücksichtigen.

Viele ausländische Patienten vertrauten auf Broelsch, solange er im Universitätsklinikum Chefarzt war. Wenn es der Gesundheitszustand der Patienten zuließ, sollen sie sich im eleganten Sheraton-Hotel in Essen einquartiert haben. Allerdings ist die Zahl der Organe, die an Patienten aus einem Land außerhalb des Verbundes von Eurotransplant vergeben werden dürfen, wegen des akuten Organmangels sehr klein.

Ein Insider, der anonym bleiben möchte, beschreibt das Prozedere so: Mehrmals sei in Essen die Transplantation von Patienten, die auf der Warteliste von Eurotransplant standen und eine Leber zugewiesen bekamen, abgesagt worden. Dies sei damit begründet worden, dass den Chirurgen das Organ als nicht geeignet erschien und es nicht zu dem vorgesehenen Patienten passte. Das muss der Organisation Eurotransplant gemeldet werden, damit das Organ unter Umständen dem nächsten Patienten auf der Warteliste angeboten werden kann.

Zerstörer oder doch ein Retter?

In Essen soll es jedoch vorgekommen sein, dass solche Organe ohne Rücksprache mit Eurotransplant an Patienten der eigenen Klinik vergeben wurden, auch an solche aus dem Ausland. Eurotransplant-Chef Axel Rahmel sagt dazu, Auffälligkeiten hätten die Ermittlungsbehörden aufzuklären, mit denen sein Haus zusammenarbeite. Wegen des Strafverfahrens gegen Broelsch werde er keine Aussagen zu den bisherigen Erkenntnissen machen. Die Essener Klinikleitung, befragt nach möglichen Verstößen gegen die Regeln von Eurotransplant, sagt, sie könne wegen fehlender Akteneinsicht keine Erklärung abgeben.

Was unter Broelsch geschah, kann seinem Umfeld nicht verborgen geblieben sein. Doch offenbar war seine Autorität so groß, dass Mitarbeiter sich bis heute nicht trauen, ihren ehemaligen Chef öffentlich zu kritisieren.

Hans-Peter Mandl berichtet, dass er und seine Frau nach ihrem verstörenden Termin mit Broelsch auf dem Flur von einer seiner Mitarbeiterinnen angesprochen worden seien. »Sie erklärte uns mit leiser Stimme, dass sie das mit der Lebendspende und unserem Sohn mitgehört habe. Wir sollten das auf gar keinen Fall machen. Die Lebendspende sei absolut gefährlich für den Spender. Man habe erst kürzlich den Fall gehabt, dass ein Sohn seiner Mutter eine Teilleber gespendet habe und danach verstorben sei. Auch die Mutter sei nach dem Empfang der Leber ihres eigenen Sohnes verstorben. Die Familie sei zerstört. Wir sollten aber nichts sagen, sonst sei sie ihren Job los.« Dann sei die Frau hinter einer Tür verschwunden.

Die Leitung der Essener Universitätsklinik hat sich ein Jahrzehnt lang mit dem Ruhm ihres Starmediziners geschmückt und ihm den Weg freigeräumt. Erst seit Broelschs Suspendierung geht der neue ärztliche Direktor, Gerald Holtmann, auf Distanz zu dessen Praktiken. Gegenüber der ZEIT legte er Daten offen, die erschreckend klingen.

Von den elf Patienten, die im Jahr 2007, dem letzten unter Broelschs Verantwortung, eine Lebendleberspende erhielten, starben sechs innerhalb eines Jahres. Sechs von elf – tot. Mehr als die Hälfte der Patienten. Eine Quote von zehn Prozent gilt international als akzeptabel. Der geschäftsführende Oberarzt in Essen, Wolfgang Niebel, vermutet, dass Broelschs hohe Quote daher kommt, dass sein Team auch Patienten operierte, deren Zustand sehr kritisch war.

Was ist nun dieser Broelsch, ein Zerstörer oder doch ein Retter? Ist es nicht denkbar, dass er verzweifelten Patienten das Quäntchen Hoffnung gab, nach dem sie sich so sehr sehnten?

Die Karriere ist noch nicht zu Ende

Im Sommer 2005 wurden einer 59-jährigen Frau zwei Drittel der Leber ihres 31-jährigen Sohnes eingesetzt. Die Patientin war als Folge einer langjährigen Hepatitis-C-Infektion an Leberkrebs erkrankt. Ihre Tochter Angela V. hatte sie nach Essen vermittelt. Dort waren sich die Ärzte erst nicht einig, ob man noch transplantieren solle. Dann aber operierten sie doch. Die Mutter lebte nach der Transplantation noch zwei Jahre, aber Angela V. sagt, ihre Mutter habe nur gelitten.

Vier Monate habe sie gebraucht, um sich von der Operation zu erholen, danach seien schmerzhafte Knochenmetastasen aufgetreten. Aber hatten Mutter und Sohn nicht in die Transplantation eingewilligt? Angela V. ist sich da nicht mehr so sicher. Wenn die Mutter an Weihnachten noch leben solle, habe Broelsch damals gemeint, brauche sie eine Lebendspende. »Für mich ist das keine freie Entscheidung. Man kriegt die

Seitdem Broelsch suspendiert wurde, ist er unter den Medizinern seines Fachs nicht in Ungnade gefallen. Er besucht Kongresse zur Leberchirurgie, er ist Visiting Professor in Bahrain, veröffentlichte vor Kurzem einen Beitrag für die von der Universität Essen-Duisburg herausgegebene Zeitschrift Unikate, auch beim Workshop für experimentelle und klinische Leberchirurgie in Wilsede in der Lüneburger Heide trat er wieder auf.

Vor wenigen Tagen, am 14. September, ist Broelsch 65 Jahre alt geworden. Damit scheidet er aus dem Dienst aus, aber es ist nicht gesagt, dass seine Karriere zu Ende ist. »Er wird als Koryphäe in die Annalen eingehen und im Ausland weiterarbeiten«, sagt ein Hamburger Krankenhausarzt. »Solche wie Broelsch kriegt man nicht.« Dass auch dieser Mediziner sich davor ängstigt, mit seinem Namen in der Zeitung zu stehen, muss man nicht mehr unbedingt erwähnen.

Die Zeit vom 17. September 2009