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Der Mann mit den drei Leben

Von Jörg Schindler

Der Kugelstoßer Gerd Jacobs ist ein Wrack. In der DDR wurde er von seinen Trainern mit Pillen vollgestopft. Die haben sein Herz zerstört. Er spitzelte aber auch für die Stasi. Das kostete ihn seinen guten Ruf. Ein Coach von damals aber betreut heute wieder junge Athleten.

Im Brustkorb des Kugelstoßers Gerd Jacobs schlägt ein gebrauchtes Herz. Er hat sich halbwegs eingelebt damit. Es erfüllt seine Aufgabe so gut es geht. Es begleitet ihn seit geraumer Zeit durch sein drittes Leben. Im ersten war Gerd Jacobs ein Opfer. Im zweiten ein Täter. Fragt man ihn nach seinen drei Leben, sagt er: "Ich bereue nichts."

Er hat als Treffpunkt eine jener Shopping Malls ausgewählt, die als Belagerungsring Berlin umzingeln. Er parkt seinen Transporter gleich vorn auf dem Behindertenparkplatz, dann wuchtet er seinen Körper in die neonbeleuchtete "Grillpfanne". Er war schon oft hier. Es gibt große Portionen. Und billige. Er muss mit jedem Euro rechnen. Einen Teil seines Lebens hat er als Kopien mitgebracht. In Klarsichthüllen liegen sie vor ihm.

Gerd Jacobs ist jetzt 49 Jahre alt. Ein wuchtiger Mann mit einem viel zu schmalen Mund im fleischigen Gesicht. Sein Resthaar wächst kerzengerade nach oben, als stünde es unter Strom. Er hält fast immer noch sein Wettkampfgewicht von damals. Es sind jetzt 130 Kilo. Aber würde man ihm heute eine Kugel in die Hand drücken, er würde sie vermutlich nicht mal zehn Meter weit stoßen können. Gerd Jacobs ist ein Wrack. Er hat lange überlegt, ob er erzählen soll, wie es dazu gekommen ist. Er ist misstrauisch geworden mit den Jahren. Er denkt, dass Menschen wie er im Grunde nur noch stören. "Man will meine Geschichte nicht hören."

Die Geschichte des Gerd Jacobs beginnt Ende der 60er Jahre in Berlin, Hauptstadt der DDR. Jacobs, neun Jahre alt, ist gerade mit seinen Eltern aus Belgrad zurückgekehrt. Sie sind Diplomaten, sie achten darauf, dass ihre beiden Kinder linientreu erzogen werden. Der kleine Gerd ist für sein Alter schon recht groß. Er ist kräftig. Er ist schnell. Ein geborener Leichtathlet, denken die Talentspäher des Regimes, die einmal im Jahr in seiner Schule vorbeischauen. 1971, mit elf Jahren, wechselt er auf die Sportschule TSC Berlin in Prenzlauer Berg. Man legt ihm "Wurfstoß" nahe - Diskus und Kugel. Er soll einmal zur Speerspitze im Kampf gegen den Klassenfeind gehören. Dann stoppt ihn eine Tafel Schokolade. 

Er klaut sie in einem SB-Markt und wird erwischt. "Da war´n se knallhart", sagt Jacobs. Er fliegt raus, muss wieder auf seine alte Schule in Friedrichshain, trainiert nur noch spärlich, begibt sich ohne große Hoffnung zur Spartakiade 1974. Dort fliegt sein Diskus auf 50,04 Meter, Platz

eins. Gerd Jacobs hat sich mit einer Scheibe zurück in die Speerspitze katapultiert. Man nimmt ihn, ungewöhnlich genug, wieder in der Sportschule auf. Man traut ihm was zu. Er kommt in den Kaderkreis III, zwei Stufen unter der Weltspitze. Sein Trainer wird Peter Börner. Ihn wird man viele Jahre später zu zwei Jahren Haft verurteilen.

Im Winter 1976 stattet Börner der Familie Jacobs einen Besuch ab. Man habe sich entschieden, erklärt er in kleiner Runde, dem 16-jährigen Gerd eine Reihe von "Vergünstigungen" zu gewähren, darunter auch "unterstützende Mittel". Unterstützende Mittel? Keiner fragt nach. "Das musste man halt so hinnehmen", sagt Jacobs. Der Trainer, das sei ja eine Person "fast so stark wie die eigenen Eltern" gewesen. 12, 13 Trainingseinheiten die Woche, da kennt man sich, da vertraut man sich. "Ich habe gedacht, das werden Vitamine sein."

Und die Pillen, die Jacobs fortan schluckt, werden ihm ja auch in bulgarischen Vitamin-C-Röhrchen serviert. Dunkelbraune Glaskolben sind das, mit Deckelchen und jeweils einer Tablette. Jacobs hat noch heute seine Trainingspläne. Mit schöner Handschrift hat Börner darauf sein Plansoll verzeichnet. "Max. Kraft" steht dort, "40 Stöße (locker)" oder "Drehung mit 20-k-Stange auf Bank". Und ganz klein in jedem Eckfensterchen stehen die Dosierungen für die "Vitamin"-Pillen. 7 x 3, 3 x 4 - und montags fast immer acht auf einmal.

Tolles Zeug, denkt Jacobs, der sich vom Training immer schneller erholt und "physisch belastbarer" wird. Er ahnt, dass ihm womöglich doch mehr als Ascorbinsäure verabreicht wird. Er will es gar nicht so genau wissen. Er gehört zur Speerspitze. Den Diskus schleudert er bald regelmäßig über 55 Meter, die Kugel erst 16, dann 17, dann 18 Meter weit. Im August 1982, er ist 22 Jahre alt, landet sie bei 19,37 Meter. Weiter wird es für ihn nie mehr gehen.

"Gerd, da gibt es auch Risiken." Es ist ein Abend im Winter 1982, als ihn die Mutter seiner Freundin beiseite nimmt und vorsichtig nachhakt. Sie ist Krankenschwester, sie kennt sich aus. Ob er wisse, was er da tue? Der Organismus mache das auf Dauer nicht mit. Die Leber, die Lunge, das Herz, er müsse aufpassen, er sei doch noch so jung. Es ist das erste Mal, dass ihn jemand direkt auf die "unterstützenden Mittel" anspricht. Er weiß inzwischen, dass es sich um Oral-Turinabol handelt, Testosteron in Fünf-Miligramm-Dosen, sein neuer Trainer

Werner Goldmann macht sich gar nicht mehr die Mühe, die Pillen in andere Röhrchen zu verpacken. Er schiebt die Arznei von Jenapharm gleich so über den Tisch. "Goldmann war in der Beziehung ein fauler Mensch." Tausende Pillen hat Jacobs mittlerweile geschluckt. Es hat ihn nie weiter beunruhigt. Aber jetzt?

"Gerd, da gibt es auch Risiken." Zum ersten Mal gerät der Kugelstoßer Gerd Jacobs, 1,93 Meter groß, 120 Kilo schwer, Unterarme wie Torpfosten, ins Wanken. "Ab da hat es in meinem Kopf gearbeitet." Der Sportstudent Jacobs beginnt nachzuforschen. Heimlich, es darf ja keiner wissen. Er besorgt sich über eine Kollegin Fachmagazine aus dem Westen. Er liest. Er informiert sich über die Risiken. Er grübelt. Und dann trifft er seinen Entschluss. Die Pillen sammelt er ab sofort zuhause in einer Schublade.

"Im Prinzip hab´ ich das Zeug ab 1983 nicht mehr genommen", sagt Jacobs. "Dann bin ich ja auch stehen geblieben in der Leistung." 19,37 Meter stehen für ihn zu Buche. Sein Trainingspartner Ulf Timmermann dagegen wirft immer weiter. 22,62 Meter im Jahr 1985, Weltrekord. Und dann, 1988, 23,06 Meter, später der Olympiasieg in Seoul. Alles mit Vitaminpillen? Jacobs lacht bitter. "Kein Mensch auf der Welt schafft 22 Meter ohne das Zeug." Timmermann war mal sein Freund, sie dachten über eine Doppelhochzeit nach. Heute haben sie keinen Kontakt mehr. Timmermann steht in den Geschichtsbüchern, Gerd Jacobs allenfalls in den Fußnoten. Er war mal Speerspitze. Dann stürzte er ab.

Die nächste Gelegenheit, dem System, an das er ja trotz allem glaubt, zu dienen, bietet sich ihm schneller, als er denkt. Im November 1984, kurz vor seiner Einberufung zur Nationalen Volksarmee, meldet sich sein langjähriger Nachbar bei ihm, er hätte da vielleicht etwas, man werde sich bald mal melden. Der Mann ist Stasi-Major, Jacobs weiß das. Er ist interessiert. Drei Monate später findet "das gewisse Gespräch" in einer Hochhauswohnung in Potsdam statt. Er sei doch jetzt beim Armeesportklub Potsdam, ob er nicht hin und wieder "Stimmungen und Meinungen" im Haus wiedergeben könne? Keine große Sache, nur hin und wieder ein Bericht? Jacobs sagt zu. Er ist linientreu erzogen. Und was kann er schon berichten? Im Januar 1986 wird er Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi. Sein zweites Leben beginnt mit dem Decknamen Heinz Krüger.

Ja, sagt Gerd Jacobs, "in gewisser Weise" sei er damals ein Täter gewesen. "Ich war beteiligt, man muss ja ehrlich sein." Er redet nicht gern über diese Zeit, es ist ihm unangenehm, er stochert etwas hilflos in seinem Tomaten-Mozzarella-Salat. Er sei "hochgradig involviert" gewesen, hat die Bild-Zeitung über ihn geschrieben. Er schüttelt den Kopf. Was wissen die schon? Gerade mal eineinhalb Jahre habe er für die Firma gearbeitet, ohne einen Pfennig Geld, alle sechs Wochen ein Bericht. Mit Nichtigkeiten. "Wer bekommt Seife und Zahnpasta aus dem Westen? Wer äußert sich vielleicht mal negativ? So simple Sachen", sagt Jacobs. Er ist sicher, dass er nie jemandem geschadet hat. Einmal habe er über eine 10000-Meter-Läuferin gesagt, er würde nicht die Hand für sie ins Feuer legen. "Aber die hatten die eh" schon auf dem Kieker."

Und es hat dann ja auch nicht lange gedauert, bis aus Heinz Krüger wieder Gerd Jacobs wurde.

Er wollte nicht mehr. "Ich bin nicht so der Typ, der lebenslang Befehlen gehorcht." Und die Stasi wollte irgendwann auch nicht mehr. Zum Abschied haben sie ihm noch ein Buch überreicht. "Irgendwas über die Partei." Er hat es nie gelesen.

Von da an, Sommer 1988, sucht Gerd Jacobs nach einem neuen Leben. Er findet es nirgends. Er, 120 Kilo schwer, wird Rettungsschwimmer, dann Hausmeister auf einer Eisbahn, "Schlittschuhe rein, Schlittschuhe raus", für 1300 DDR-Mark im Monat. Kurz darauf verdient er dann schon D-Mark, erst bei einer Versicherung, dann bei einer Fliesenbude, Mittagstisch öfter mal in der "Grillpfanne", vor den Toren Berlins. Er passt sich an, er verdient ganz gut - bis ihm ab Mitte der 90er Jahre allmählich der Brustkorb eng wird. Atemnot, Beklemmungen, Schlafstörungen. Er muss immer häufiger Pausen machen. Irgendetwas stimmt nicht. 1998 lässt sich Gerd Jacobs durchchecken. Die Diagnose: dilatative Kardiomyopathie. Anders gesagt: "Das Herz ist

kaputt." Die Pumpleistung gefährlich verringert. "Tja", sagt der Arzt. "Vielleicht machste noch ein Jährchen", denkt Gerd Jacobs.

Es wird dann noch ein Jährchen und noch eins. Aber es ist kein Leben mehr. Irgendwann kann er keine Treppen mehr steigen, nicht mehr flach liegen. Die Angst wächst. Er ist Anfang 40, und seine Tage sind gezählt. 2002 trifft er in Berlin, Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland, eine frühere Diskus-Kollegin vom TSC. "Du, Gerd, ich bin auch kaputt", sagt sie und gibt ihm die Adresse vom Bundesverwaltungsamt. Dort zögert man nicht lange und macht ihn zum staatlich anerkannten Dopingopfer. Er bekommt dafür 10500 Euro. Und kurz darauf bekommt er ein neues Herz.

Auf die Beine aber kommt Gerd Jacobs nicht mehr. Er muss noch mal operiert werden und noch mal. Das Herz will anfangs nicht so, wie er gerne möchte, die Lunge macht Probleme, dann auch die Nieren. Er steht jetzt kurz vor der Dialyse. Mit 44 Jahren ist Gerd Jacobs schwerbehindert und Frührentner, er bekommt 1200 Euro Rente, 504 davon gehen monatlich für die private Krankenversicherung drauf. Keine gesetzliche will ihn mehr nehmen. Er hat geklagt auf eine Opfer-Entschädigungsrente. Er wurde abgelehnt. Einmal, vor drei Jahren, hat er von Jenapharm, der Firma, die ihn mit den angeblichen Vitamin-Pillen versorgte, und vom Olympischen Sportbund eine Entschädigung in Höhe von 9150 Euro bekommen. Jacobs hatte eine halbe Million gefordert. " Mein Leben ist im Arsch." Seine Frau ist auch weg, seit er sein altes Herz verlor.

In seiner kleinen Dachboden-Butze in Berlin-Lichtenrade sitzt er heute fast täglich und beäugt via Internet eine Welt, die nicht mehr seine ist und die er längst nicht mehr versteht. Dass etliche DDR-Doper weitermachen durften, als sei nichts gewesen, dass sein langjähriger Trainer Werner Goldmann bis heute auf junge Top-Athleten losgelassen wird, geht nicht in seinen Kopf. "Das wird geduldet bis hoch zu Herrn Schäuble, da haben wir keine Macht." Im vergangenen Sommer, als ein ZDF-Team bei ihm anklopfte, outete der Ex-Kugelstoßer seinen Ex-Trainer als skrupellosen Pillendoktor. Goldmann dementierte. Aber weil Jacobs stichhaltige Beweise hatte, wurde Goldmann vom Deutschen Leichtathletik-Verband vor die Tür gesetzt. Für einen kurzen Moment dachte Gerd Jacobs, dass es in seinem dritten Leben vielleicht doch gerecht zugehen

könnte.

Inzwischen ist Goldmann wieder in die Leichtathletik-Familie zurückgekehrt. Der DLV hat ihm einen neuen Vertrag angeboten. Goldmann habe sich entschuldigt, heißt es. Und "selbstverständlich" arbeite der Trainer schon lange nicht mehr mit verbotenen Substanzen. Bei der Leichtathletik-WM wird er wohl wieder seinen Schützling Robert Harting betreuen. Der ist Vize-Weltmeister im Diskus-Werfern und hat gerade öffentlich darüber sinniert, ob man Doping nicht offiziell erlauben sollte.

Gerd Jacobs dagegen ist jetzt ein Stasi-Schwein. Gleich nach seinem Interview mit dem ZDF hat ihn die 10 000-Meter-Kollegin von damals angeschwärzt. Er hat versucht, sie anzurufen, aber am Telefon hat er sie nur atmen gehört, dann hat sie wortlos aufgelegt. Er hat zur Kenntnis genommen, dass es 20 Jahre danach gar nicht so einfach ist, Täter und Opfer sauber auseinander zu halten. Er will sich nicht beklagen. "Es ist gut, dass jetzt alles auf dem Tisch ist."

Zur Eröffnung der Leichtathletik-WM am kommenden Samstag in Berlin sind er und weitere Dopingopfer vom DLV eingeladen worden. "Ich geh nicht hin", sagt Jacobs. "Es siegt doch nur derjenige, der den besten Arzt hat." Er will das nicht mehr sehen. Er hat genug gesehen. Er wird zuhause bleiben, und weiter dafür sorgen, dass sein gebrauchtes Herz funktioniert. Er muss dafür täglich Pillen schlucken. Es sind genau acht Stück. Jeden Montag.

Und an jedem anderen Tag auch.