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Osloer Mythologie

Von Joachim Frank

Nie war der Friedensnobelpreis so bleischwer, so wuchtig und letztlich so inhuman wie 2009. Denn wie könnte Obama all die Verheißungen, Hoffnungen und Sehnsüchte erfüllen, die sich jetzt im Nobelpreis gleichsam materialisieren?

Doch, wir finden Barack Obama auch unglaublich sympathisch. Er lächelt so ungemein gewinnend, er redet seine Zuhörer wahlweise in Trance oder Ekstase. Er hat all diese tollen Ideen zur Abrüstung, zum Klimaschutz, zur Völkerverständigung – und er gibt uns obendrein das wohlige Gefühl, dass "wir es können". Yes, we can – was auch immer das ist.

Während in den USA die Entzauberung des neuen Präsidenten innenpolitisch längst begonnen hat und Obama den schmerzlichen, aber unausweichlichen Prozess der eigenen Entmystifizierung vom messianischen Heilsbringer zu einem mehr oder weniger mächtigen Politiker durchlaufen muss, lädt das Nobelpreis-Komitee in Oslo noch einmal die ganze Last der globalen Glücksprojektionen auf ihm ab.

Nie war der Friedensnobelpreis so bleischwer, so wuchtig und letztlich so inhuman wie 2009. Denn wie könnte Obama all die Verheißungen, Hoffnungen und Sehnsüchte erfüllen, die sich jetzt im Nobelpreis gleichsam materialisieren?

Die Grundidee des Preises ist es, herausragende Leistungen Einzelner oder von Organisationen zu würdigen und damit nicht zuletzt das Urbedürfnis nach Vorbildern zu befriedigen. 2009 wird dieses Ansinnen grotesk überdehnt. Die gleichsam metaphysische "Vision", auf die das Komitee in seiner Begründung Bezug nimmt, entzieht der Ehrung jegliche Anschlussfähigkeit "nach menschlichem Maß". Selbst die Halbgötter der griechischen Mythologie waren den Irdischen mit ihren menschlich, allzu menschlichen Eigenschaften näher als dieses Osloer Fantasma namens Obama.

Das Komitee erklärt weiter, es wolle sich hinter Obamas Appell stellen, wonach jetzt die Zeit "für uns alle" gekommen sei, unseren Teil der Verantwortung für eine globale Antwort auf globale Herausforderungen zu übernehmen. Das stimmt leider nur zu genau: Das Komitee steht tatsächlich "hinter" Obama, es schiebt ihn unendlich weit nach vorn und reduziert das einschließende "wir alle" faktisch auf ein "allein er". Mit (demokratischer) Teilhabe, mit Mitwirkung hat das alles so viel zu tun wie Göttervater Zeus auf dem Olymp mit der Vollversammlung der Vereinten Nationen.

Ärgerlich ist die Ehrung Obamas auch, weil sie unverkennbar als nachgereichte Verdammnis seines Vorgängers gedacht ist. Das Nobelpreis-Komitee steigert damit noch einmal seine - ohnehin problematische - Vergabepraxis früherer Jahre. Das Prinzip "Tadeln durch Loben anderer" wandte es mit Blick auf George W. Bush auch 2007 an, als es Al Gore, US-Vizepräsident unter Bill Clinton und gescheiterter Präsidentschaftskandidat 2001, für seinen klimapolitischen Anti-Bush-Kurs ehrte.

Diese so durchsichtige wie merkwürdige Dialektik der Verleihung ist doppelt schädlich: Sie vermittelt dem Geehrten, seine Leistung zähle vor allem als "relative" - nämlich im Sinne einer Antithese. Und sie degradiert eine der symbolträchtigsten Auszeichnungen weltweit zu einem Statement, schlimmstenfalls zu einer Fußnote in laufenden politischen Debatten.

Zweifellos gewinnt jedes Bemühen um den Frieden historische Größe auch dadurch, dass es Widerstände überwindet und neue Wege einschlägt; und natürlich ist der Nobelpreis auch sehr konkret als Rückendeckung der Preisträger zu verstehen. Das gilt für Willy Brandts Ostpolitik ebenso wie für den zwischen Jassir Arafat, Schimon Peres und Jitzhak Rabin ausgehandelten Osloer Friedensvertrag. Aber sie alle hatten schon etwas vollbracht, was das Nobelpreis-Komitee rückschauend für preiswürdig hielt und dann nach vorne blickend auch als zukunftsträchtig erachtete.

Obama dagegen erhält den Preis rein "auf Kredit" - oder eben dafür, dass er eine andere Politik machen will als Bush. Dabei ist längst nicht ausgemacht, ob er am Ende erfolgreicher sein wird. Mit viel Wohlwollen ließe sich unterstellen, das Komitee wolle andere politische Player wie Russland animieren, auf die Linie des neuen Friedensnobelpreisträgers einzuschwenken, und so den Preis zur "self fulfilling prophecy" machen.

Aber schon am Beispiel Afghanistans, das von Frieden derzeit weit entfernt ist, lässt sich erahnen, wie schwächlich diese Strategie ist. Die Taliban werden jedenfalls kaum friedfertiger werden, nur weil einige Damen und Herren in Oslo den Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte zum Mr. Peace ausrufen.

Der Preisträger 2009 mag Friedensstifter, Abrüster, Klimaschützer werden. Noch ist er es nicht. Ein Nobelpreis in spe - das, mit Verlaub, ist eine Luftnummer.

Frankfurter Rundschau v. 10./11. Oktober 2009