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Berliner Setzkasten

Von Daniel Müller und Britta Stuff

Direkt an der Mauer hat die DDR in den 70er-Jahren einen Häuserkomplex errichten lassen. Als Bollwerk gegen die Zentrale von Axel Springer. Ein Besuch bei unseren Nachbarn

Haus 41, 1. Stock

Unten spielen die Kinder. Es müssen ungefähr 60 sein. Früher waren es doppelt so viele, aber das war, als die Mauer noch stand. Ziemlich groß ist es hier, selbst für 120 Kinder. 960 Quadratmeter drinnen, 2500 Quadratmeter draußen.

Leonore Wüstenberg leitet den Kindergarten und hat schon viele Interviews gegeben, sagt sie, aber mit dem Osten habe das nie was zu tun gehabt. Eher mit Musik. Die Kinder gehören zum Musikkindergarten des Dirigenten Daniel Barenboim, kommen aus 24 Nationen, legen ihre Füße auf Celli, spielen Ukulele oder Orchester, aber ohne Instrumente. Leonore Wüstenberg stammt aus Westdeutschland, und sie sagt, seit sie "Das Leben der Anderen" gesehen hat, fragt sie sich, wo in den Wänden hier wohl Wanzen versteckt sind. Hier sei ja mal die Vorzeigekita des Ostens gewesen. Das habe auch sein Gutes, die Super-Ausstattung zum Beispiel: Kinderwaschbecken, Kinderklos, alles da, alles noch tipptopp.

Haus 46, 19. Stock

Die Madeleine war auch da, also damals in der Kita. Das ist fast 30 Jahre her. Die Madeleine wohnt ja schon lange in München. Ursula Jaedike sagt, die Kinder müssen ja auch aus dem Haus. Damals war das eine ganz andere Gegend hier. Weniger Verkehr, mehr Leute morgens im Aufzug, da hat man sich gegrüßt. Unten eine Kaufhalle, zwei Restaurants, "Sofia" und "Prag". Jetzt: Lidl, da geht sie manchmal hin, ein China-Restaurant, da war sie nie, und dieses Möbelgeschäft, was soll man da? Ist eh kein Platz mehr in der Wohnung. Ursula Jaedike ist 71 Jahre alt und hat ihr gesamtes Leben um sich versammelt. "Nun isses da, das Zeug", sagt sie und meint damit: südamerikanische Göttermasken, Kuscheltiere mit der Aufschrift "Du machst mich verrückt", Nackte aus Gips, Kupferteller, chinesische Vasen. Teppich liegt über Teppich. Ursula Jaedike wohnt hier seit 33 Jahren. Erstbezug.

"Nicht, dass Sie was Falsches denken", sagt sie, "in der Partei war ich nie", und man merkt, dass sie oft danach gefragt wurde.

Die Hochhäuser in der Leipziger Straße wurden in den 70er-Jahren gebaut, direkt an der Mauer, mit Blick auf den Westen. Wer hier eine Wohnung bekam, hatte das Vertrauen der Partei oder war selbst Mitglied. Vier Doppelhäuser, acht Hausnummern, bis zu 25 Stockwerke, fast 2000 Wohnungen, acht auf jeder Etage, jede mit Balkon. Auf eine Neubauwohnung musste man in der DDR lange warten. Auf eine mit Ausblick ewig.

Ursula Jaedike hat ein ganzes Haus in Bernau gegen diese Wohnung getauscht. So lief das damals. Sie war Leiterin des Ein- und Verkaufs beim Altstoffhandel. Wer hier wohnte, war ihr damals egal, aber es gibt viele Gerüchte. Der ehemalige Chauffeur von Honecker, so ein General, ein hohes Tier bei der Stasi, die Schauspielerin Gisela May, die sollen ja heute noch alle hier wohnen. "Viele sind aber auch schon tot", sagt sie.

Ursula Jaedike hat die Vergangenheit in ihrem Gesicht mit grellen Farben überschminkt. Ihr Leben beschreibt sie so: drei Ehemänner, zwei Kinder, jetzt einen Bekannten. Der Bekannte kommt mittags zum Essen und bringt manchmal einen Zehn-Kilo-Sack Kartoffeln mit. Ob nun DDR oder nicht, das Leben sei halt, wie es ist. Damals habe sie sich zwar eingesperrt gefühlt, aber reisen könne sie jetzt auch nicht. Zu teuer. 400 Euro kosten die 72 Quadratmeter, 794 Euro Rente bekommt sie. Beim Essen: das Gleiche. Früher brauchte man Beziehungen, um Bananen oder Gurken kaufen zu können. Heute braucht man Geld. Früher wie heute kann sie nicht alles haben, was sie will. Was ist Freiheit ohne Geld?

Haus 48, Im Fahrstuhl

Die Bonzen haben oben gewohnt, hatte Frau Jaedike gesagt. Also die Parteisoldaten. Wegen des Ausblicks. Manche von ihnen wohnen immer noch dort, sagt man. 26 Sekunden braucht der Fahrstuhl von ganz unten bis nach ganz oben.

Haus 48, 22. Stock

Karsten Knolle würde nie sagen, er sei ein Ossi. Geboren wurde er zwar in Quedlinburg, Sachsen-Anhalt. Doch sein Vater hat ihn, da war er gerade 16, in den Zug gesetzt, "Das Kapital" zur Tarnung in der Tasche, und gesagt: "Junge, sieh zu, dass du rüberkommst." Knolle hat ein Buch über sein Leben geschrieben, mit dem Titel "Ein deutsch-deutsches Enfant terrible?" Er war Journalist, nach der Wende Landtagsabgeordneter im Kreis Quedlinburg, dann Europaabgeordneter und lange bei der Bundeswehr. Am Revers trägt er das Ehrenkreuz der Bundeswehr in Gold.

Knolles Stil könnte man hanseatisch nennen. Er sieht aus, als wolle er gleich segeln gehen oder eine Rede zur Lage der Nation halten oder einen Apfelbaum pflanzen. Er ist 70 Jahre alt.

Karsten Knolle, CDU-Mitglied, sagt Sätze wie: "Die Angela Merkel ist in der CDU immer noch die Neue. Die ist doch da nicht groß geworden." Oder: "In der DDR gab es doch nichts, was irgendwie reizvoll war." Als die Mauer fiel, war er im Bundestag, als Journalist. Jemand unterbrach die Sitzung und sagte: "Die stürmen gerade in Berlin die Mauer." Die Abgeordneten standen auf, sangen die Nationalhymne. Auch Knolle stand auf.

Vor acht Jahren kaufte er sich eine Wohnung in der Leipziger Straße, drei Zimmer, 90 Quadratmeter. Hier sei die Mitte Berlins und deshalb auch die Deutschlands, sagt er.

Er sitzt auf dem Ledersofa, in den Regalen dicke Bücher, an den Wänden Kunst, hinter Glas: Berlin. Der Blick aus dem Fenster ist unwirklich, und so weit oben man auch ist, die Stadt reicht dennoch bis zum Horizont.

Im Flur grüßt er manchmal dieses und jene hohe Tier von damals. Er kommt mit ihnen gut aus. Doch Knolle glaubt, das Land werde erst wirklich wiedervereinigt sein, wenn die Kinder der heutigen Kinder was zu sagen haben. Er sagt, das Trennende sei leider Teil der menschlichen Natur. Wenn ihm jemand sage, er komme aus Bonn, würde er auch als Erstes fragen: Welche Rhein-Seite? Sonnen- oder Schattenseite?

Haus 48, 22. Stock

Frank Berlin wohnt direkt neben Karsten Knolle. Fotografiert werden will er nicht. Das sei ja eine Sache, mit jemandem von Springer zu sprechen, eine andere, sich fotografieren zu lassen. Er sieht rüber, auf das Springer-Gebäude, das die Häuser in der Leipziger Straße einst verdecken sollten. Springer baute sein Nachrichtenhaus direkt an die Mauer. Und die DDR baute einen Sichtschutz. Frank Berlins Leben hat zwei Phasen, die man nicht vermischen kann, wie Öl und Wasser.

Vor der Wende: Bauleiter, ganz am Schluss Stellvertretender Hauptdirektor im Wohnungsbaukombinat. 1970 Parteieintritt. Er sagt, er habe immer an den Sozialismus geglaubt, außerdem habe er nicht den Helden spielen wollen.

Nach der Wende: Da kamen die Westdeutschen, so als sei man ein Negerstamm, dem man mit ein paar Glasperlen die Frauen abkaufen kann. Da kamen dann Leute im geborgten Mercedes und mit Funktelefon. Und immer diese nervende Arroganz: Marktwirtschaft kennen die doch gar nicht.

Irgendein Haus, irgendein Stockwerk

Klingeln. Bitte reinkommen. Mann. Ende 70. Hager. Dirigentenfrisur. Erstbezug. Parteisekretär. Eine Ehre, in diesem Haus wohnen zu dürfen. "Wie fühlen Sie sich jetzt im wiedervereinigten Deutschland?"

"Der Sozialismus war richtig. Die BRD der Unrechtsstaat, nicht die DDR."

"Nun ja. Stasi. Mauer-Tote. Keine freien Reisen. Ist das nicht eher ein Unrechtsstaat?"

"Ich lasse mir doch nicht von einem Wessi-Schnösel meine DDR madig machen."

Raus.

Draußen

In der Leipziger Straße ist man eigentlich nur, wenn man hier wohnt oder arbeitet. Früher war die Gegend mal belebt, heute ist sie ein bisschen ein Niemandsland, eingeklemmt zwischen der Friedrichstraße mit ihren Luxusläden und dem Gendarmenmarkt mit seinen Touristen. Niemand lässt sich vor den Häusern der Leipziger Straße fotografieren, dann lieber ein paar Meter weiter am Checkpoint Charlie oder am Alexanderplatz. Die Häuser ragen in den Himmel, aneinandergereiht wie riesige Dominosteine.

Haus 41, 15. Stock

Die alten Leute lernt er eigentlich nicht kennen. Manchmal sieht man sich im Trocknerraum. Oder man hört: Da wohnt der-und-der, wusstest du das schon? Uli Uphaus (39) ist Landschaftsarchitekt und stammt aus Osnabrück. Er wohnt seit neun Jahren in der Leipziger Straße, weil die Altbauwohnungen im Prenzlauer Berg so cool sind, dass es wieder unangenehm wurde. Seither musste er zwei, drei Mal Interviews geben und erklären, warum zum Teufel junge Menschen in Plattenbauwohnungen ziehen. Er mag es hier. Ein paar Etagen höher wäre nicht schlecht, aber da wird selten etwas frei.

Irgendein Haus, irgendein Stockwerk

Wolfgang Schwanitz, ehemaliger stellvertretender Minister für Staatssicherheit, soll hier leben. Auf den Klingelschildern steht er nicht. Wo er wohnt, weiß kaum jemand. Und wer es weiß, mag es nicht sagen.

Haus 41, 18. Stock

Manchmal fühlt er sich noch überwacht. Er durfte Dienstreisen in den Westen machen und hat dabei manchmal seine Tante in Tempelhof besucht. Aber bitte schreiben Sie das nicht. Das durfte man ja nicht.

Jochen Fischer ist 74, mit 16 trat er der SED bei, hat mehr als 20 Jahre für das "Neue Deutschland" gearbeitet. Als Agrarjournalist. Er mag das neue Deutschland, aber er vermisst die Flurfeste und den Zusammenhalt auf der Etage.

Haus 46, 14. Stock

110 000 Euro hat Vessela Posner für 72 Quadratmeter bezahlt. Viel Platz, wenig Geld. Sie wohnt gegenüber, aber hier hat sie ihr Atelier. Sie liebt den Ausblick. Aus drei Räumen hat sie zwei gemacht. Sie malt große Ölbilder, viele Schichten übereinander. Von der Kunst kann sie gut leben. Sie trägt einen Blaumann und einen roten Afro. Sie hat sich ein Bild von ihrem Haus gemacht: Unten wohnen noch viele Alte oder Migranten, in der Mitte wohnen die jungen Leute, direkt neben ihr zum Beispiel ein schwules Paar, und oben, da seien die Anzugträger, die mit Geld und eben die Bosse von damals.

Vessela Posner ist keine dieser Künstlerinnen, die glaubt, Tierblut verspritzen zu müssen. Kunst sei Arbeit. Sie stammt aus Bulgarien, und als sie das erste Mal in Berlin war, noch vor der Wende, dachte sie: In diese grässliche Stadt willst du nie wieder. Kommunismus hattest du schon genug. Sie lebte in Brüssel, in Paris.

Heute liebt sie Berlin. Hier passiere so viel. Viele Künstler. Jeder kann einfach sein, wie er ist.

Zwischen den Häusern

Es ist bereits kalt, aber sie sitzen dennoch auf der Parkbank. Namen tun nichts zur Sache. Sie fühlen sich von den jungen Leuten im Fahrstuhl manchmal schief angeguckt. Aber die waren damals ja auch nicht dabei. In der DDR war zwar nicht alles okay. Aber man hatte nichts anderes damals.

Irgendein Haus, irgendein Stockwerk

Oben wohnt der Reiche, und seine Wohnung soll unglaublich sein. Mehrere hat er zusammengelegt, Wände einreißen lassen, Innenarchitekten waren am Werk. Ein Loft soll das sein wie aus "Schöner Wohnen". Zeigen will er es nicht. Er will keinen Neid.

Haus 48, 22. Stock

Frank Berlin sagt, es sei einfach ungerecht: "Jeder Gewaltverbrecher bekommt heute eine Chance, aber wenn einer Pförtner bei der Stasi war, dann ist das unverzeihlich. Ich will die Leute nicht in Schutz nehmen. Aber man kann nicht alle über einen Kamm scheren."

Er sagt, es war verrückt hier zu leben, man konnte die Uhrzeit am Roten Rathaus und am Schöneberger Rathaus gleichzeitig ablesen.

Er wollte Deutschland immer geeint sehen. Aber er hatte gehofft, es wird sozialistisch.

Haus 41, 1. Stock

Unten spielen die Kinder. Sie sind zwischen zwei und fünf Jahren alt. Eine Mauer sehen sie nicht. Das ist nun wirklich auch 20 Jahre her.

Berliner Morgenpost, 15. November 2009