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Der Sohn des Stasioffiziers

Von Anja Reich

Alexander Schieberle ist in einer Welt aufgewachsen, in der nicht viel geredet wurde. Nun ist er in seine eigene geflüchtet

An einem Februartag vor zwei Jahren, in einem Krankenzimmer der Charité in Berlin-Mitte, begreift Alexander Schieberle plötzlich, wer er ist, oder besser, wer er nicht ist. Er liegt in einem Krankenhausbett, sein Körper, den er noch nicht richtig fühlt, weil die Narkose erst allmählich ihre Wirkung verliert, ist in frische Bettwäsche gehüllt. Lange hat er sich nicht mehr so ruhig gefühlt, so sicher, so aufgehoben.

Sein Leben war schon lange aus den Fugen. Er trank, er kiffte, er hing mit den falschen Leuten rum. Gestern hat ihn jemand auf dem Boxhagener Platz zusammengeschlagen, er weiß nicht mehr, wer, er weiß nur noch, dass heute Morgen seine linke Gesichtshälfte blutete und zugeschwollen war und ihn eine Kommilitonin in die Notaufnahme brachte. Nun liegt er hier im Krankenhaus. Das ist schlecht, aber gut ist, dass seine Welt nun wieder eine Ordnung zu bekommen scheint.

Wenn er die Augen schließt, sieht er eine junge Frau. Sie erinnert ihn an die Schauspielerin Sophie Marceau, deren Poster in seinem Kinderzimmer in Frankfurt (Oder) hing. Sie ist sehr schön, und sie spricht französisch, das kann er genau hören, denn sie redet mit einem kleinen Jungen, der Junge ist etwa fünf Jahre alt, hat dunkelblonde Haare und dunkle Augen. Der Junge ist er.

Alexander Schieberle entspannt sich in seinem frischen Krankenhausbett und findet immer mehr von dem, was er später als Erinnerungsstücke bezeichnen wird. Sie verbinden sich zu einer Geschichte. Die geht etwa so: Ein Junge aus einer französischen Familie wird von Agenten der Staatssicherheit in eine ostdeutsche Stadt entführt. Der Junge heißt Alex, hat zwei Schwestern, wohnt in einem Vierfamilienhaus, kommt in den Kindergarten, wird eingeschult und Jungpionier, im Sommer fährt er ins Ferienlager nach Neubrück, wo er andere Kinder trifft, die auch entführt wurden. Er erkennt sie an ihrem traurigen Blick. Die Familie, die ihn aufnimmt, bemüht sich, nett zu ihm zu sein, aber irgendetwas stimmt nicht, das spürt er. Ihm wird etwas vorenthalten, und alle scheinen zu wissen, was, alle spielen mit, die Lehrer, die Ferienlagerbetreuer, die Tanten, Onkels, sogar seine Schwestern.

Es ist genauso wie in seinem Leben. Das kann kein Zufall sein, denkt Alexander Schieberle. Als er aus dem Krankenhaus entlassen wird, geht er gleich zum nächsten Polizeirevier, um zu erzählen, was er gerade herausgefunden hat. Er fährt zu seiner Mutter nach Prenzlau, trampt nach Paris, geht zu Botschaften, Opferverbänden, Behörden, Fernsehsendern. Und irgendwann, auf dieser langen Suche nach sich selbst, als er sein Medizinstudium abgebrochen hat und wie ein Obdachloser auf einem Dachboden in Berlin-Friedrichshain campiert, steht er auch hier, im Büro dieser Zeitung, das Gesicht blass, mit Ringen unter den Augen und Schweiß auf der Stirn. Er zieht seine Jacke nicht aus, legt seine Tasche nicht ab und erzählt atemlos seine Geschichte, die ihm endlich alles erklärt, sein ganzes kaputtes Leben.

Alexander Schieberle gehört zu der Generation, die in der DDR geboren und in der Bundesrepublik erwachsen wurde. Er ist sieben, als um ihn herum alles auseinanderbricht - erst sein Land, dann seine Familie. Aber was heißt schon Familie. Sein Vater ist oft nicht da. Er arbeitet an der Grenze, manchmal geht er mit Uniform aus dem Haus, manchmal ohne, manchmal wird er von einem Fahrer in einem Dienstwagen abgeholt, manchmal verlässt er zu Fuß das Haus. Mehr wissen Alexander und seine beiden Schwestern nicht, und auch ihre Mutter ahnt wohl nur, was ihr Mann beruflich macht.In seiner Verpflichtungserklärung als Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit hat Alexanders Vater, Detlef Schieberle, unterschrieben, dass er mit niemandem über seine Tätigkeit reden darf. Das ist 1974, acht Jahre, bevor Alexander geboren wird. Detlef Schieberle lernt die 19-jährige Evelyne, eine Erzieherin aus Prenzlau, über eine Kontaktanzeige in der DDR-Jugendzeitschrift "Neues Leben" kennen. Er erzählt ihr, dass er bei der Bereitschaftspolizei in Eisenhüttenstadt arbeitet, aber nicht, dass er für den DDR-Geheimdienst tätig ist. Dort arbeiten auch seine beiden Brüder. Die Staatssicherheit ist die Familie. Schieberles Vertrauter ist sein Führungsoffizier. Er sagt ihm, dass er Evelyne heiraten will. Der Führungsoffizier hat nichts dagegen. Er schenkt ihm eine Uhr. Schieberle bedankt sich bewegt und verspricht, "auch in Zukunft seine ganze Kraft zur Erfüllung der vom MfS gestellten Aufgaben einzusetzen".

Am 13. August 1976, dem 15. Jahrestag des Mauerbaus, heiraten Detlef und Evelyne Schieberle. 1977 kommt die erste Tochter zur Welt, drei Jahre später die zweite. Als Alexander geboren wird, macht sein Vater bereits als hauptamtlicher Mitarbeiter des MfS Karriere. In zehn Jahren steigt er vom Passkontrolleur zum stellvertretenden Chef der Abteilung auf, die für den Eisenbahn- und Transitverkehr zuständig ist. Das Jahresgehalt des Stasioffiziers beträgt 32 000 Mark, fast dreimal soviel wie das DDR-Durchschnittseinkommen.

Man kann das alles in der Stasi-Akte von Detlef Schieberle nachlesen, sein Sohn Alexander kennt sie nicht. Vor ein paar Monaten war er mal bei der Birthler-Behörde, aber er hatte nicht das Geburtsdatum des Vaters im Kopf, da ist er wieder gegangen. So ist es immer. Er geht irgendwohin, erzählt seine Geschichte, die Leute halten ihn für verrückt und schicken ihn wieder weg. Oder er hat irgendwas vergessen oder verloren und will später noch einmal wiederkommen. Dann geht er zum nächsten Amt, zur nächsten Behörde, trampt mal wieder nach Frankreich oder sieht sich sein Kinderalbum an, um festzustellen, dass der kleine Junge auf den Fotos keine Ähnlichkeit mit ihm hat, was für ihn ein Beweis ist. Neulich, als er bei seiner Mutter war, hat er ein paar Haare aus ihrem Kamm genommen und in eine Plastiktüte gesteckt, für einen DNA-Test. Jetzt weiß er nicht mehr, wo die Haarprobe ist.

Seine Suche hat etwas Gehetztes, Zielloses. An einem Märztag dieses Jahres kommt er über die Karl-Marx-Allee gelaufen, mit großen, ausholenden Schritten. Er trägt Halbschuhe, Jeans und dieselbe braune Kordjacke wie am Tag unserer ersten Begegnung, aber er wirkt dünner und seine Haut noch fahler.

"Wo gehen wir hin?", fragt er, bereit, gleich wieder loszurennen. Wohin, ist ihm egal, wie ihm so vieles, was ihm einst wichtig war, egal geworden ist. Nach vier Semestern hat er sein Medizinstudium geschmissen, kurze Zeit später ist er aus seiner Wohnung geflogen, er hatte Mietschulden, und die Nachbarn haben sich beschwert, weil er manchmal mitten in der Nacht schrie und Sachen aus dem Fenster warf, Bücher, CDs, Klamotten, Dinge, die er nicht mehr wollte, weil sie aus seinem alten Leben waren, dem falschen.

Alexander wächst am Stadtrand von Frankfurt (Oder) auf, im Schatten der Plattenbausiedlung Hansa-Nord, dort, wo es kleine Straßen und Ein- und Mehrfamilienhäuser gibt. Die Wohnung der Familie ist nicht groß, drei Zimmer, Küche, Bad, aber die Zentralheizung und der kleine Garten sind etwas Besonderes, wie auch der Farbfernseher im Wohnzimmer, der Winterurlaub in Oberwiesenthal, die Feiern in der Frankfurter Stasi-Zentrale. Seine Mutter ist bei diesen Veranstaltungen oft die Einzige am Tisch, die nichts sagt. Sie hasst das Mitklatschen zu Schlagern, die künstliche Aufgeräumtheit der Kollegen ihres Mannes, die ihn alle besser zu kennen scheinen als sie. Alexander sagt, dass sich seine Eltern zum Schluss oft gestritten hätten, über Kleinigkeiten wie den Abwasch. Er ist acht, als sein Vater seiner Mutter mitteilt, dass er eine andere liebt, dass er sich scheiden lassen will. Es ist der 8. März 1990, Frauentag.

Die Neue ist eine Kollegin, auch sie hat drei Kinder aus ihrer ersten Ehe. Während sein Land in eine neue Zeit aufbricht, wagt auch Detlef Schieberle einen Neuanfang, sozusagen. Im Februar 1990 erhält er vom MfS 5 000 Mark Abfindung, im August 1990, wird der ehemalige Stasihauptmann vom Bundesgrenzschutz übernommen. Ein Jahr später, im Dezember 1991, wird er aufgrund seiner Stasi-Tätigkeit gekündigt. Detlef Schieberle geht vor Gericht und klagt sich im März 1993 beim Arbeitsgericht Frankfurt (Oder) wieder ein, mit Rückzahlung sämtlicher Bezüge. Die Begründung lautet, der Bundesgrenzschutz habe ja gewusst, wen er da übernehme.

Seine Kinder bleiben nach der Scheidung bei der Mutter. Sie will das so. Der Mann, der sie so verletzt hat, hat nichts mehr in dem Leben ihrer Kinder zu suchen, glaubt sie. Und die Kinder, gewohnt keine Fragen zu stellen, nehmen es hin. Alexander erinnert sich, dass die Familie noch einmal zusammen in West-Berlin war und dass seine Mutter an der Grenze zurückgeschickt wurde, weil sie ihren Ausweis vergessen hatte. Später hat ihm sein Vater eine Concorde aus Legosteinen zu Weihnachten geschenkt. Und einmal ist er mit dem Auto an ihm und seinen Schwestern vorbeigefahren, ganz langsam, als beobachte er sie. Da hätten sie gelacht und seien weggerannt. Seitdem hat er seinen Vater nur noch zwei- oder dreimal gesehen.

Er nennt ihn den "Mann, der mich aufgezogen hat". Zu seiner Mutter sagt er Evelyne. Manchmal verspricht er sich, sagt Mutter und Vater, rutscht in sein altes Leben zurück, ohne es zu merken. Sein Blick, sonst meist in eine unbestimmte Ferne gerichtet, wird dann klar, und man kann sich den Jungen vorstellen, der er mal war, den Klassenbesten, das Sprachtalent.

Es ist schwer, den Zeitpunkt festzulegen, wann Alexander Schieberle den Halt verlor. Nach der Wende sei sein Leben unstrukturierter gewesen, sagt er. "Vorher waren wir viel unterwegs, im Winterurlaub, Sommerurlaub, Essen gehen, Ferienlager. Das war dann nicht mehr." Seine Mutter sei immer gestresst gewesen. "Wenn wir zusammen am Tisch gegessen haben, wurde nie diskutiert. Ich habe gesagt, Mensch diskutiert doch mal, deswegen sitzt man doch zusammen, das ist doch Kommunikation. Und sie hat gesagt, ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr. Und das ist dann in einen Streit ausgeartet, und sie hat gesagt, ich mach mal drei Kreuze, wenn ich euch los bin. Und irgendwann haben wir dann nicht mehr zusammengegessen, sondern jeder für sich, vorm Fernseher oder so."

"Zum Anfang war Alex 'n Streber mit Toppschnitt", sagt ein Mitschüler, mit dem er Abitur gemacht hat, "und zum Schluss war er so ein Linker mit langen Haaren, der Gitarre gespielt und Peace-Sticker getragen hat." "Er war anders als die anderen, ein Einzelgänger", sagt seine damalige Klassenlehrerin Inge Walther, "die ganze Familie war anders." Den Vater hat sie nie in der Schule gesehen, die Mutter selten. Inge Walther erinnert sich, dass Alexander noch in der Schulzeit von zu Hause ausgezogen ist, dass er dann abrutschte, in Biologie von zwölf auf sechs Punkte. Im Unterricht wirkte er oft abwesend, und die Deutschprüfung musste er nachschreiben, weil er am Prüfungstag nicht zur Schule kam. "Ich hatte mich morgens betrunken, ich hatte Angst", sagt Alexander, während wir durch Friedrichshain laufen. Bei schönem Wetter sitzt er mit alten Frauen, brasilianischen Jongleuren, jungen Punkpärchen und obdachlosen Trinkern auf dem Boxhagener Platz. Aber jetzt ist es zu kalt. Alexander geht in ein Café in der Simon-Dach-Straße, zieht seine Jacke aus, fragt den Kellner, was stärker ist, Milchkaffee oder Cappuccino. Cappuccino, sagt der Kellner. Alexander nimmt Cappuccino, mit viel Zucker, damit es schön knallt.

Seine Schule war die ehemalige Kinder- und Jugendsportschule in Frankfurt (Oder), eine Sportlerkaderschmiede, aus der DDR-Olympiasieger wie Henri Maske hervorgegangen sind. Heute nennt sie sich wieder Eliteschule des Sports, aber zu Alexanders Zeit, Mitte der Neunziger, war es eine Gesamtschule, die versucht hat, in der neuen Zeit anzukommen. Der alte Direktor musste gehen, ein neuer kam, die meisten Lehrer blieben. Im Geschichtsunterricht wurde die Nazi-Zeit behandelt, aber nicht, was danach kam. Das war noch zu dicht dran.

Seine Mutter habe viel geschimpft, auf die Stasi, auf die Bonzen, auf Gysi, Stolpe, auf seinen Vater. Alexander fand ihre Entrüstung scheinheilig, weil ihre Schwester ja auch bei der Staatssicherheit war und deren Mann ebenfalls.

Wie hat seine Mutter reagiert, als er seine Entführungsgeschichte erzählt hat? "Sie hat rumgestammelt und immer gesagt, nun glaub mir doch." Und sein Vater? Hat er mit dem darüber gesprochen? "Nee, dem ist es doch sowieso scheißegal."

Evelyne Schieberles Stimme am Telefon klingt manchmal hysterisch, manchmal sentimental. "Mein Alex, ich bin doch immer gut mit meinem Alex ausgekommen." Im Hintergrund ist Stöhnen zu hören. Alexanders Mutter betreut alte Leute, ein Neuzugang, sagt sie. Treffen will sie sich nicht, dann doch, dann wieder nicht. Für sie sei das ja auch alles nicht leicht. Ja, ja, sie kenne seine Geschichten. Sie habe das ja auch alles nicht gewusst, das mit ihrem Mann. Die Töchter hätten sie gefragt, mit denen habe sie darüber geredet, über den Vater, der "dabei" war, ein hohes Tier, aber nicht mit ihrem Sohn. Sie habe sich geschämt und das Verhältnis zu seinem Vater sei ja nicht besonders tief gewesen. "Deshalb habe ich auch gedacht, dass er die Trennung gut verkraftet. Dass es jetzt so hinterher kommt, hätte ich nicht gedacht."

Er habe Abitur gemacht, Zivildienst geleistet, sei dann zum Studium nach Berlin gegangen und dort in die Drogenszene reingerutscht. Die Drogen, sagt Evelyne Schieberle, sind schuld. Seitdem er Drogen nehme, bilde er sich diese Dinge ein. Wie sah er denn aus?, fragt sie. Wie geht es ihm?

Sie sieht ihre Kinder kaum noch. Die ältere hat Psychologie studiert und lebt jetzt in einem buddhistischen Kloster in Frankreich. Die jüngere hat eine Ausbildung zur Heilpraktikerin gemacht, war gerade in Laos unterwegs und ist jetzt auch irgendwo in Frankreich. Alle rennen weg, alle sind auf der Suche nach sich selbst, alle kümmern sich um andere, die Heilpraktikerin, die Psychologin, die Altenpflegerin, aber Alexander gegenüber sind sie hilflos. Das letzte Mal hat Evelyne Schieberle ihren Sohn vor vier Jahren in Berlin besucht, als er gerade in seine Wohnung in Friedrichshain gezogen war und mit dem Studium begonnen hatte. Jetzt wartet sie darauf, dass er anruft, weil er wieder Geld braucht. Das wird schon wieder, sagt sie. Er werde sich jetzt eine Wohnung suchen. Er müsse da alleine durch.

Vor zwei Jahren, als das anfing mit Alexander, hat sie sich einen Ruck gegeben und ihren Ex-Mann angerufen, das erste Mal seit vielen Jahren. "Alexander geht es schlecht", hat sie gesagt, "ich schaff das nicht alleine." Es war ein letzter Versuch, die Familie noch einmal zusammenzubringen. Er ist gescheitert.

Detlef Schieberle ist ein hochgewachsener, schmaler Mann mit der gleichen etwas schiefen Haltung und der hohen Stirn wie sein Sohn. Man findet ihn leicht, denn Detlef Schieberle ist ein sehr aktiver Mensch: Landschaftsfotograf, stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde Reitwein im Oderbruch, und auch als Oberkommissar bei der Bundespolizei sucht er gerne die Öffentlichkeit. Er gibt aufgeräumte Interviews, wenn in seinem Dorf der jährliche Heiratsmarkt stattfindet, wirbt für Veranstaltungen unter dem Motto "Sport gegen Gewalt", und hin und wieder lässt er einen Bundeswehrhubschrauber in seinem Dorf landen oder vorführen, wie Hunde bei der Bundespolizei abgerichtet werden. Detlef Schieberle ist Chef der Präventionsabteilung bei der Bundespolizei, ein harmloser Job, eigentlich.

Es war Ende der Neunziger, ein paar Jahre, bevor die Grenze zwischen Polen und Deutschland aufgemacht wurde. Der Bundesgrenzschutz richtete damals ein sogenanntes Bürgertelefon ein. Anwohner konnten dort anrufen, um verdächtige Beobachtungen mitzuteilen, Kurden oder Afrikaner, die über die EU-Ost-Grenze nach Deutschland flüchten wollten etwa. Der Bürgertelefon-Beauftragte war Detlef Schieberle. Mosaikartig trügen die Hinweise zum Lagebild bei, so dass wir "das Loch für die Schleuser dichtmachen können", sagte Schieberle 1997 dem Magazin Focus, das in der Überschrift fragte: "Sicherheitspartnerschaft oder Stasi-Stil?", ahnungslos, wie dicht sie damit der Wahrheit kamen.

Als Detlef Schieberle noch IM "Uwe Kujahn" war, berichtete er, wenn seine Kameraden Westradio hörten, Aktfotos in ihren Schränken und Alkohol im Heizungskeller versteckten, zu Westverwandten Kontakt hatten, ihre Republikflucht planten, nicht zur Wahl gehen wollten, zu spät vom Ausgang kamen, Munition klauten oder am Mittagstisch rülpsten und sagten: "Das halte ich vom Weltsozialismus." Seine Akte ist so dick wie das Telefonbuch von Frankfurt (Oder). Dabei fehlen die letzten 12 Jahre, die vermutlich in Frankfurt und nicht in Berlin aufbewahrt wurden. Wahrscheinlich wurde dieser Teil von den eigenen Leuten vernichtet, wie in vielen Stasi-Zentralen. Auch die Gerichtsunterlagen am Arbeitsgericht Frankfurt (Oder) gibt es nicht mehr. Nach zehn Jahren wird bis auf die Urteile alles vernichtet, teilt eine Sprecherin mit. Von der Bundespolizei ist nicht viel mehr zu erfahren. Ihr Sprecher, Jörg Kunzendorf, sagt, Detlef Schieberle sei entlassen worden und habe sich dann wieder eingeklagt. Wie viele Stasi-Mitarbeiter außer ihm heute noch bei der Bundespolizei sind, kann er nicht sagen. "Darüber wird bei uns keine Statistik geführt."

Er habe sich durchaus mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt, sagt Detlef Schieberle, schließlich sei er vom BGS gekündigt worden, habe sich dann wieder einklagen und in der Zwischenzeit auf dem Bau arbeiten müssen. Er sei mehrfach überprüft worden, unter anderem vom Verfassungsschutz. Mehr sagt er nicht. Zweimal sind wir zu einem Gespräch verabredet, beim ersten Mal sagt er kurz vorher ab, beim zweiten Mal ist er nicht da. Später ruft er an, er habe weggemusst. "Sie wissen doch, ich habe viel zu tun."

In solchen Momenten glaubt man zu verstehen, wie sein Sohn sich als Kind gefühlt haben muss, wie es ist, in einer Welt aufzuwachsen, in der nicht geredet wird.

Nun ist Alexander Schieberle in seine eigene Welt geflüchtet. Wenn man ihn fragt, was die schönste Zeit in seinem Leben war, sagt er, der Moment, als er herausgefunden hat, dass er ein anderer ist. Kinder von Tätern seien eine besondere Form von Opfern, sagt der Psychotherapeut Karl-Heinz Bomberg, der sich mit den Folgen des SED-Unrechtsstaats beschäftigt. Sie würden oft die verdrängte Schuld und die unausgesprochene Scham ihrer Eltern übernehmen und sie nicht wieder loswerden. Psychosen hätten immer etwas mit der eigenen Vergangenheit zu tun, sagt Walter de Millas. Der Arzt an der Berliner Charité diagnostiziert Psychosen und bipolare Störungen. Es sei auch nicht selten, dass sich Menschen entführt fühlten, vor allem, wenn sie das Gefühl hätten, nicht in ihre Familie zu gehören. Über den konkreten Fall will der Arzt nicht reden, aber er sagt, diese Art von Realitätsverlust sei ganz typisch, und typisch sei auch, dass Cannabis eine Rolle spiele. Cannabis erhöhe das Risiko, an einer Psychose zu erkranken bis zu fünfmal.

Alexander war einmal in Dr. De Millas' Sprechstunde. Er war auch mal auf der psychiatrischen Station vom Urban-Krankenhaus. Eine Polizistin, der er seine Geschichte erzählt hat, hat ihn dorthin gebracht. Er ist wieder abgehauen. Er wollte lieber noch ein bisschen in der anderen Welt bleiben, mit all ihren Verheißungen. Vielleicht sucht die schöne Französin ja schon lange nach ihm. Vielleicht sollte er nochmal nach Paris fahren, überlegt er.

Es ist ein warmer Sommertag, Alexander Schieberle hätte ihn fast verpasst. Den ganzen Tag hat er auf seinem Dachboden gelegen, einem lichtlosen Raum, in dem er hinter einer alten Tür, die an einem Pfeiler lehnt, seine Habseligkeiten versteckt hat. Seinen Schlafsack, seine Tasche, ein paar Klamotten. Jetzt ist er eigentlich nur kurz rausgekommen, um Streichhölzer zu kaufen, eine zu rauchen und sich wieder hinzulegen. Er blinzelt in die Abendsonne, bricht die Hälfte des Filters von der Zigarette ab, setzt sich auf eine Parkbank und raucht. Seine Hände sind schwarz, bei seinen Schuhen reißen die Nähte auf, er ist so dünn geworden, dass er seine Hose mit einem Stück Stoff zusammenhalten muss. Er isst wenig, weil ihm der Magen wehtut. Die Drogen, die Zigaretten, der Kaffee - man fragt sich, wie lange er noch so leben kann.

Sein Vater hat damals, nach dem Telefonat mit seiner Ex-Frau, seinen Sohn angerufen, sagt er. Alexander ist nicht ans Telefon gegangen. Danach hat er es nicht mehr versucht. Detlef Schieberle steht in der Tür seines Hauses, es ist das neueste im ganzen Dorf. Im Garten flattert Wäsche im Wind, auf der Terrasse blühen Geranien. Vor oder nach der Arbeit zieht er gerne mit seiner Kamera los, fotografiert Sonnenuntergänge, Morgentau auf Blütenblättern, Quellwolken über einer Blumenwiese, den Deich im Nebel. Die gelungensten Aufnahmen stellt er auf eine Fotocommunity-Website. Jeder kann sie dort bewundern, Detlef Schieberles Bilder einer schönen heilen Welt.

Berliner Zeitung vom 18. Juli 2009