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Keine Angst, ich rette euch

Von Andreas Theyssen

Wirtschaftskrise ist wunderbar – für Politiker. Endlich können sie so tun, als könnten sie helfen. Ein Leitfaden

Herzlichen Glückwunsch, Sie können stolz auf sich sein. Sie gehören einem Stand an, der Gutes tut, auf den die Welt hofft, der – ja, seien Sie nicht zu bescheiden – vielleicht sogar die Welt rettet. Sie sind Politiker, also Vertreter einer hoch angesehenen Branche. Und deshalb sollten Sie in einem Winkel Ihres Minister-/Bürgermeister-/Abgeordnetenbüros einen kleinen Votivaltar zum Gedenken an die Gebrüder Lehman einrichten.

Das erscheint Ihnen übertrieben? Dann leiden Sie am in der Branche weitverbreiteten Syndrom des kurzen Gedächtnisses. Wie war das vor 9/15, jenem Tag, an dem Lehman Brothers in den Orkus wanderte? Politiker rangierten im öffentlichen Ansehen ganz unten, hatten ein fast so schlechtes Image wie Journalisten. Sie seien nur auf Karriere aus, nur auf der Jagd nach dem schnellen Geld, so klang es häufiger an irgendwelchen Tresen. Wer sich einmal in ein Raucherreservat, also eine Eckkneipe, verirrte, der hörte garantiert den Spruch: Politiker, das sind alles Verbrecher. Und wer in ein besseres Etablissement kam, einst Spesentempel genannt, bekam zu hören: Die Politiker sollen die Finger von der Wirtschaft lassen. Die verstehen nichts davon. Haben Sie das alles schon vergessen?

Ein Altar für Lehman Brothers

Dann kollabierte Lehman Brothers. Und was passierte? Als die anderen Banken taumelten, dieser ganze Sumpf aus dreifach verpackten, mit Kuvertüre aufgehübschten Kreditderivaten hochkam, wer wurde da zum Retter in der Not? Der Staat. Und wer repräsentiert den Staat? Richtig, Sie, der Politiker. Haben Sie jetzt verstanden, warum ein Lehman-Altar adäquat ist? Nun sollten Sie nicht den Fehler machen, untätig auf der Wir-haben-unsere-Politiker-wieder-lieb-Welle mitzuschwimmen. Das macht schließlich schon die Kanzlerin. Nein, Sie müssen die gute Konjunktur in klingende Münze, (gleich Wählergunst) umwandeln. Und das funktioniert so:

Schritt eins. Analysieren Sie die Industrie in Ihrem Wahlkreis. Wenn Sie nicht das Glück haben, dort ein veritables Opel-Werk vorzufinden, suchen Sie sich zumindest eine Schraubenfabrik, die einem Autobauer zuliefert. Ihr geht es garantiert schlecht. Und das ist auch gut so – für Sie. Denn nun können Sie helfen. Oder zumindest so tun, als würden Sie helfen.

Schritt zwei. Informieren Sie die Medien. Erklären Sie, weshalb die Schraubenfabrik – nennen wir sie Klemm & Mutter – systemrelevant ist, zumindest für die Region, und keinesfalls pleitegehen darf. Machen Sie klar, dass hier der Staat nicht einfach weggucken darf und die Schraubenfabrik Bürgschaften, Kredite braucht. Und sagen Sie, dass man in diesen Krisenzeiten auch bereit sein muss, das Undenkbare zu denken: Verstaatlichung.

Schritt drei. Besorgen Sie sich die Handynummern von Kanzleramtsmann Jens Weidmann und Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen. Das sind die beiden Männer, die in Krisendeutschland gerade das Sagen haben, weil sie in quasi jedem Gremium sitzen, das Staatsknete für taumelnde Banken und Unternehmen rausrückt. Mit Angela Merkels Handynummer kann man derzeit nicht punkten. Rufen Sie die beiden auf keinen Fall an, Sie würden sich nur lächerlich machen. Denn die interessieren sich partout nicht für popelige Schraubenbuden in Hückeswagen-Nord. Zeigen Sie aber jedem, der Handydisplays noch lesen kann, mindestens eine der Nummern. Sagen Sie, Sie hätten „den Jens“ und/oder „den Jörg“ schon angerufen und in den Hintern getreten, weil Klemm & Mutter auf keinen Fall untergehen darf.

Schritt vier. Überwinden Sie sich und verbrüdern Sie sich mit den Gewerkschaften. Wenn man Sie fragt, warum ausgerechnet Sie, ein, sagen wir, FDP-Politiker, sich mit dem DGB verbünde, antworten Sie: „In Zeiten der Krise muss man pragmatisch sein und über alle ideologischen Schranken hinwegsehen. Die Lage ist zu ernst.“ Kaufen Sie sich einen roten Schal Modell Momper, und reihen Sie sich ein in die Demonstration panischer Schraubenfabrikmitarbeiter. Erste Reihe, natürlich.

Gründen Sie eine Arbeitsgruppe

Schritt fünf. Recherchieren Sie die Eigentumsverhältnisse von Klemm & Mutter. Wenn Sie Glück haben, besitzt irgendeine Private-Equity-Butze aus Übersee einen Anteil. Kündigen Sie öffentlich an, vor Ort mit den Eigentümern reden zu wollen. Nehmen Sie auf keinen Fall Journalisten mit, denn die könnten beobachten, dass Sie drüben nur bis zum Pförtner vorgelassen werden. Verschwinden Sie für zwei Tage von der Bildfläche, nach Nizza oder Malle oder wo es sonst noch warm ist. Rufen Sie von dort aus einen Reporter Ihres Vertrauens an. (Hierbei gilt der Grundsatz: Große Auflage gleich großes Vertrauen.) Teilen Sie ihm mit, Sie hätten den Eigentümern ins Gewissen geredet, es bestehe noch Hoffnung. Gründen Sie mit den Eigentümern eine Arbeitsgruppe, um ein Rettungskonzept zu entwickeln. Erzählen Sie davon.

Schritt sechs. Nach Ihrer Rückkehr aus Nizza oder Malle stellen Sie sich vor das Werkstor der Schraubenfabrik und sagen noch einmal das Gleiche. Das Fernsehen braucht Bilder. Schritt sieben. Knien Sie sich vor den Lehman-Votivaltar in Ihrem Büro (den sollten Sie spätestens jetzt eingerichtet haben). Beten Sie. Und zwar dafür, dass sich Klemm & Mutter zumindest noch bis kurz nach dem Wahltag hält. Wenn die Bude vorher über die Wupper geht, müssen Sie sich ernsthaft Gedanken über ein anderes Wahlkampfthema machen. Und das ist gar nicht so einfach.

Variante zu Schritt sieben. Knien Sie sich vor den Lehman-Votivaltar in Ihrem Büro. Beten Sie. Und zwar dafür, dass die Fabrikleitung oder Politikerkollegen, die in puncto Selbstlosigkeit und stiller Effizienz etwas anders gepolt sind als Sie, es tatsächlich schaffen, Klemm & Mutter zu retten. Wird die Rettung bekannt gegeben, stellen Sie sich unbedingt in die erste Reihe.

Sie haben Zweifel, ob das alles so funktioniert? Altkanzler Gerhard Schröder gilt bis heute als der Politiker, der den Baukonzern Holzmann gerettet hat. Dass Holzmann drei Jahre nach der „Rettung“ endgültig pleiteging, weiß hingegen kaum noch jemand.

Financial Times Deutschland, 2. März 2009